Christenverfolgung - den Automatismus der Vergeltung durchbrechen

Gottesdienst in der Stadtkirche Karlsruhe zum Sonntag Reminiszere mit Gedenken an verfolgte und bedrängte Christen am 20. März 2011 Predigt von Lan

Liebe Gemeinde,
wenn wir in diesen Tagen das Fernsehen einschalten, dann gibt es scheinbar nur ein Thema: Die Natur- und Atomkatastrophe von Japan. Und in der Tat ist das, was in den vergangenen 10 Tagen geschehen ist, eine persönliche, nationale und globale Katastrophe größten Ausmaßes. Die Ereignisse in Japan scheinen uns ganz gefangen zu nehmen… und doch ist in diesen Tagen auch anderes geschehen - und es geschieht weiterhin anderes. Das alltägliche Leben geht weiter und muss gestaltet werden. Und auch wichtige Ereignisse des politischen Lebens gibt es, die aber untergehen unter dem schockierenden Eindruck der Ereignisse in Japan. So wurde kaum beachtet, dass in dieser Woche die Leiterin der Stasiuntersuchungsbehörde, Marianne Birthler in den Ruhestand getreten ist. Im Zusammenhang dieses Ereignisses wurde sie gefragt, ob es diese Behörde zur Aufarbeitung des DDR-Unrechts noch lange geben müsse. Marianne Birthler gab eine Antwort von grundsätzlicher Bedeutung: „Wie sollen wir denn Versöhnung herstellen, wenn wir nicht wirklich der Wahrheit ins Gesicht schauen!“ Der Wahrheit menschlicher Schuld ins Gesicht schauen, das ist der Weg zur Versöhnung. Dies gilt für persönliche Schuld, die einzugestehen so schwer ist. Dies gilt im Blick auf die große Schuld, die die Menschheit auf sich lädt, wenn sie die ihr gesetzten Grenzen hochmütig überschreitet - wie dies im Umgang mit der Atomenergie geschehen ist. Dies gilt aber auch für anderes schuldhaftes Verhalten. Erst wenn wir der Wahrheit menschlicher Schuld ins Gesicht schauen, wird es Versöhnung und damit Wege in die Zukunft geben. Auch in dieser Beziehung gilt das Wort Christi: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“


Eine solche unbequeme Wahrheit, der wir lange nicht ins Gesicht geschaut haben, ist die zunehmende Christenverfolgung in aller Welt. Unbestreitbar, aber selten ausgesprochen: Die christliche Religion ist die weltweit am meisten verfolgte. Etwa 2 Milliarden Christen gibt es auf der Welt, jeder zehnte von ihnen ist Opfer von Bedrohung und Gewalt.

Es gibt Wahrheiten, die wir lieber verschweigen. Sie passen nicht hinein in das Bild, das wir uns von uns selbst machen. Sie passen nicht hinein in eine bestimmte politische Landschaft. Wie oft weichen wir einer unbequemen Wahrheit aus, weil das Wahre auszusprechen möglicherweise Konflikte verursachen würde. Eine solche unbequeme Wahrheit, der wir lange nicht ins Gesicht geschaut haben, ist die zunehmende Christenverfolgung in aller Welt. Unbestreitbar, aber selten ausgesprochen: Die christliche Religion ist die weltweit am meisten verfolgte. Etwa 2 Milliarden Christen gibt es auf der Welt, jeder zehnte von ihnen ist Opfer von Bedrohung und Gewalt. Nicht immer muss diese Bedrohung und Gewalt so brutal geschehen, wie wir es in der Schriftlesung von der Steinigung des Stephanus gehört haben. Die weltweit zunehmende Christenverfolgung kann ganz Verschiedenes umfassen: systematische Einschränkung von Grundrechten, rechtliche Diskriminierung und Rechtsunsicherheit, konkrete Bedrohung von Hab und Gut, aber eben auch Gefährdung von Leib und Leben. So werden wir etwa nicht von Leben gefährdender Christenverfolgung in der Türkei reden dürfen, wohl aber von Diskriminierung, denn den Christen wird nicht erlaubt, Kirchen zu bauen oder bestehende kirchliche Einrichtungen zu betreiben. Religionsfreiheit jedenfalls sieht anders aus, weshalb die Türkei auch noch etliche Hausaufgaben zu erledigen hat, ehe sie in die europäische Gemeinschaft aufgenommen werden kann. Wesentlich grausamer ist dann schon jenes, was den koptischen Christen in Ägypten angetan wurde, als zu ihrem Weihnachtsfest eine Kirche angezündet wurde und viele Menschen den Tod fanden. Und wiederum anders verhält es sich mit der Ermordung des pakistanischen Ministers für religiöse Minderheiten Shahbaz Bhatti Anfang März. Der 42jährige Katholik war der einzige Christ in der pakistanischen Regierung. Er war mutig für die Menschenrechte in Pakistan eingetreten und hatte sich gegen das sog. Blasphemie-Gesetz eingesetzt. Mit diesem Gesetz können für Menschen, die den Islam kritisieren oder aus dem Islam konvertieren, schwere Strafen bis zur Todesstrafe verhängt werden. Christenverfolgung kann - wie wir sehen - ganz Verschiedenes meinen.



Vor dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein machten die Christen 5% der Gesamtbevölkerung aus und einen noch viel höheren Prozentsatz in der gebildeten Mittelschicht. Auch der Außenminister des Irak war Christ. Das friedliche Nebeneinander von Muslimen und Christen endete mit dem Einmarsch der Amerikaner. Seitdem werden alle Christen als „Amerikaner“ verdächtigt und verfolgt. Jede Kirche, die in die Luft gesprengt wird, wird als Angriff auf den Westen verstanden. Die Christen gelten in den Augen ihrer Feinde als „Kollaborateure des Westens“.

Eine Wahrheit, der die Weltöffentlichkeit derzeit gar nicht ins Gesicht schaut, ist die Tragödie der Christenheit im Irak. Irak, das ist biblisches Land, die Heimat Abrahams, der Wirkungsort eines Propheten Jona, die Heimat der allerersten Christengemeinden. Von ehemals 1,5 Millionen Christen sind im Irak höchsten noch 400.000 übrig. Die Wurzeln der christlichen Kultur in diesem Land werden mit brutaler Gewalt gekappt: Im März 2008 wurde der chaldäische Erzbischof von Mossul, Paulos Faraj Rahho, entführt und ermordet. Im Oktober 2010 erfolgte ein Anschlag auf die syrisch-katholische „Maria Erlöserin“-Kirche in Bagdad. Seitdem ergießen sich immer neue Wellen der Gewalt über die Christen im Irak: Schutzgelderpressungen, konfessionelle Säuberungen ganzer Straßenzüge, Zwangskonvertierungen, Entführungen und Morde an Christen sind Alltag im Irak. Vor allem in Mossul, errichtet auf den Ruinen der alttestamentlichen Stadt Ninive, ist die Lage dramatisch: Im Jahr 2000 gab es dort 13.000 Christen, jetzt sind es noch unter hundert. Angst, Flucht und Tod - das ist der Alltag der Christen in Mossul. Die Regierung ist gegenüber islamistischen Terrororganisationen hilflos. Durch den Einfluss des Iran gewinnt der radikale Islam im Irak immer mehr an Bedeutung. Aramäer, Chaldäer, Assyrer und Armenier werden verfolgt, nach Konfessionen wird nicht unterschieden. Viele fliehen in die Kurden-Gebiete, wo sie einen gewissen Schutz erhalten. Andere fliehen nach Syrien, nach Jordanien oder in den Libanon.
Vor dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein machten die Christen 5% der Gesamtbevölkerung aus und einen noch viel höheren Prozentsatz in der gebildeten Mittelschicht. Auch der Außenminister des Irak war Christ. Das friedliche Nebeneinander von Muslimen und Christen endete mit dem Einmarsch der Amerikaner. Seitdem werden alle Christen als „Amerikaner“ verdächtigt und verfolgt. Jede Kirche, die in die Luft gesprengt wird, wird als Angriff auf den Westen verstanden. Die Christen gelten in den Augen ihrer Feinde als „Kollaborateure des Westens“. Die Amerikaner befreiten den Irak vom Diktator Saddam Hussein, aber unter ihren Augen wurde dieses Land zu einer Hochburg islamistischer Terroristen: Bevor die Amerikaner einmarschierten, mussten Christen im Irak nicht um ihr Leben fürchten. Seitdem die Amerikaner abgezogen sind, werden sie verfolgt. „Früher hatten wir im Irak einen Saddam, jetzt haben wir viele,“ so die Worte eines irakischen Pfarrers.

Aber Dialog ohne Wahrheit wird nicht zur Versöhnung führen. Allein die Wahrheit kann uns frei machen.

Eine grausame Wahrheit: In einem seiner Mutterländer - wie übrigens in ähnlicher Weise auch im Heiligen Land - droht das Christentums auszusterben. Eine grausame Wahrheit. Aber sie auszusprechen, ist politisch nicht opportun. Solche Wahrheit stört den islamisch-christlichen Dialog, den wir doch so dringend brauchen. Aber Dialog ohne Wahrheit wird nicht zur Versöhnung führen. Allein die Wahrheit kann uns frei machen.


Die Antwort auf die Verfolgung von Christen in aller Welt kann nicht die Vergeltung, das Heimzahlen mit brutaler Münze sein, sondern die Überwindung des Bösen mit Gutem. So müssen wir deutlich und klar Unrecht gegenüber Christen vor allem in islamischen Ländern, aber auch etwa in Indien oder Indonesien, beim Namen nennen. Allein die Wahrheit wird uns frei machen. Aber wir dürfen nicht Böses mit Bösem vergelten. Vom sterbenden Jesus am Kreuz, vom sterbenden Märtyrer Stephanus, vom großen Apostel Paulus können wir lernen, wie der Automatismus der Vergeltung durchbrochen werden kann.

Der Wahrheit ins Gesicht schauen - das ist der erste Schritt zur Versöhnung. Dann aber müssen weitere Schritte gegangen werden. Vorhin haben wir die Worte des ersten christlichen Märtyrers Stephanus gehört, die letzten Worte, bevor er im Steinhagel seiner Verfolger starb: „Herr, rechne ihnen die Sünde nicht zu!“ Sofort fühlen wir uns erinnert an die Worte des sterbenden Jesus am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Dem verbrecherischen Tun der Verfolger folgt nicht eine Vergeltungstat, sondern die Bitte um Vergebung. Lukas will verdeutlichen, wie sehr sich Stephanus in seinem Märtyrertod als Jünger seines am Kreuz gestorbenen Herrn bewährt. Und genau diesen Faden nimmt der Apostel Paulus auf, wenn er im 12. Kapitel seines Römerbriefes jene Worte formuliert, die uns als Losung für dieses Jahr gegeben sind: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Die Antwort auf die Verfolgung von Christen in aller Welt kann nicht die Vergeltung, das Heimzahlen mit brutaler Münze sein, sondern die Überwindung des Bösen mit Gutem. So müssen wir deutlich und klar Unrecht gegenüber Christen vor allem in islamischen Ländern, aber auch etwa in Indien oder Indonesien, beim Namen nennen. Allein die Wahrheit wird uns frei machen. Aber wir dürfen nicht Böses mit Bösem vergelten. Vom sterbenden Jesus am Kreuz, vom sterbenden Märtyrer Stephanus, vom großen Apostel Paulus können wir lernen, wie der Automatismus der Vergeltung durchbrochen werden kann. Können wir uns stärken lassen in unserem Bemühen, den Teufelskreis des Bösen zu durchbrechen. Wenn wir uns für alles rächen wollten, was wir als Böses erfahren, dann würde uns der Blick auf das Böse ganz gefangen nehmen. Würde uns das Böse das Gesetz des Handelns aufnötigen. Frei vom Bösen werden wir nur, wenn wir unsere Vergeltung begrenzen. Leben gelingt nur, wenn die Spirale des Bösen ein Ende findet.

Der Glaube an diesen Gott ist es, der uns verzichten lehrt auf Vergeltung. Gott vergilt Böses mit Gutem. Darum können wir das Böse mit Gutem überwinden, weil Gottes vergebende Liebe das Böse in uns überwunden hat.

Wir glauben an einen Gott, der Böses nicht mit Bösem vergilt. Gott handelt nicht mit uns so, wie es unserem Handeln zukäme. Anstatt die Bosheit der Menschen zu bestrafen, nimmt er die Schuld auf sich. Gott wendet uns in Jesus Christus sein freundliches Angesicht zu und lässt sich hinrichten. Das Kreuz tragend lässt er die Gewalt über sich ergehen, leidet lieber Unrecht, als Unrecht zu tun. Sterbend bittet er um Vergebung für jene, die ihn töten. Der Glaube an diesen Gott ist es, der uns verzichten lehrt auf Vergeltung. Gott vergilt Böses mit Gutem. Darum können wir das Böse mit Gutem überwinden, weil Gottes vergebende Liebe das Böse in uns überwunden hat.

Wir dürfen dem Vergeltungsdenken nicht solchen Platz einräumen, dass dadurch unser freiheitlicher Rechtsstaat Schaden nimmt. Wir dürfen nicht als Reaktion auf Christenverfolgungen die Religionsfreiheit in unserem Land einschränken. Wir dürfen es nicht zulassen, dass unser Asylrecht, das ein hohes - übrigens biblisch begründetes - Gut ist, in irgendeiner Weise in Frage gestellt wird.

Was das konkret heißt? Wir dürfen dem Vergeltungsdenken nicht solchen Platz einräumen, dass dadurch unser freiheitlicher Rechtsstaat Schaden nimmt. Wir dürfen nicht als Reaktion auf Christenverfolgungen die Religionsfreiheit in unserem Land einschränken. Wir dürfen es nicht zulassen, dass unser Asylrecht, das ein hohes - übrigens biblisch begründetes - Gut ist, in irgendeiner Weise in Frage gestellt wird. Immerhin haben durch ein europäisches Programm zur Neuansiedlung 10.000 Iraker als Kontingentflüchtlinge Aufnahme in Europa gefunden, 2.500 von ihnen - auf Initiative von Innenminister Schäuble - in Deutschland. Die knappe Hälfte von ihnen sind Christen. Andere sind mit Hilfe von Schleusern als Asylbewerber in unser Land gekommen. Etwa 5500 Iraker stellten im Jahr 2010 einen Asylantrag, der Hälfte von ihnen wurde Asyl gewährt, 92 % davon waren Christen. Es ist unsere Pflicht, ihnen Asyl zu gewähren.

Der Wahrheit menschlicher Schuld ins Gesicht sehen. Für die Verfolgten beten - und für ihre Verfolger. Und dann Böses mit Gutem vergelten. So kann die Wahrheit uns frei machen. So können wir den Weg zur Versöhnung gehen.
Amen.