Seelsorge für die Bundeswehrsoldaten

Grußwort von Landesbischof Dr. U. Fischer zur 56. Gesamtkonferenz evangelischer Militärgeistlicher in Karlsruhe beim Empfang des Militärbischofs am 15

Lieber Bruder Dutzmann,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Schwestern und Brüder,
dass die Gesamtkonferenz Evangelischer Militärgeistlicher der Evangelischen Kirche in Deutschland nun schon zum zweiten Mal während meiner Bischofszeit in Karlsruhe stattfindet, gibt mir Anlass zu Freude und Dank. Ich begrüße Sie im Herzen Badens und im Herzen der Evangelischen Landeskirche in Baden. Anlass zum Dank habe ich für den wichtigen Dienst, den Sie als Militärgeistliche in der Heimat und in Einsatzgebieten der Bundeswehr tun. Ich spreche Ihnen diesen Dank stellvertretend für viele Menschen in unserer Kirche und unserem Land aus.



Seelsorge, die Menschen in ihren Fragen begleitet, endet nicht bei der Frage nach Schuld und nach der eigenen Verwicklung in die Schuld. Seelsorge heißt da zu sein, auszuhalten, zu begleiten und dadurch Menschen zu stärken.

Anfang Februar besuchte der Ratsvorsitzende Präses Schneider mit dem Militärbischof und dem Friedensbeauftragten der EKD die Einsatztruppen der Bundeswehr in Afghanistan. Er berichtete uns im Rat der EKD von vielen Begegnungen und Gesprächen - mit Soldatinnen und Soldaten, mit Polizisten, mit Vertretern ziviler Entwicklungsorganisationen, mit Einheimischen und mit Militärgeistlichen. In all diesen Gesprächen wurde deutlich: Seelsorge, die Menschen in ihren Fragen begleitet, endet nicht bei der Frage nach Schuld und nach der eigenen Verwicklung in die Schuld. Seelsorge heißt da zu sein, auszuhalten, zu begleiten und dadurch Menschen zu stärken. „Du gibst meiner Seele große Kraft“ - dieser Vers aus Psalm 138 steht als Thema über Ihrer Konferenz. Er beschreibt eine wichtige Perspektive der Seelsorge an den Ihnen Anbefohlenen und der Gottesdienste, die Sie in Ihrem Dienst feiern.



Eine persönliche Anmerkung: Ich stünde heute nicht vor Ihnen, wenn es in den 60er Jahren bei der Bundeswehr nicht die Militärseelsorge gegeben hätte: Ein Militärseelsorger war es, der mich während meines Grundwehrdienstes in Lüneburg sehr beeindruckt hat.

Sie tun Ihren Dienst auf der Grundlage des Militärseelsorgevertrags. Dieser im Jahr 1957 unterzeichnete Militärseelsorgevertrag regelt die organisatorischen Rahmenbedingungen der Militärseelsorge. Sowohl in der Heimat als auch im Einsatzgebiet ist Ihr kirchlicher Dienst in der Bundeswehr staatlichem Einfluss entzogen. Als Militärseelsorgende tun Sie Ihren kirchlichen Dienst in Freiheit und Verantwortung. Besonders durch die im Jahr 2004 verabschiedete Neufassung des Militärseelsorgevertrages wurde die kirchliche Verortung Ihres Dienstes nochmals akzentuiert. Besonders die Seelsorge mit einem offenen Ohr für die Anliegen der Soldatinnen und Soldaten und deren Angehörige ist es, die von Ihnen erwartet wird.
Eine persönliche Anmerkung: Ich stünde heute nicht vor Ihnen, wenn es in den 60er Jahren bei der Bundeswehr nicht die Militärseelsorge gegeben hätte: Ein Militärseelsorger war es, der mich während meines Grundwehrdienstes in Lüneburg sehr beeindruckt hat. Während einer Rüstzeit der Militärseelsorge entschied ich mich zum Theologiestudium - eine Entscheidung, die ich keinen Augenblick meines Lebens bereut habe.



Und genau an dieser Stelle setzt Ihr Dienst in der Militärseelsorge an - in seiner Freiheit und Verantwortung: Sie ermutigen unsere Soldatinnen und Soldaten in Unterricht, Seelsorge und Gottesdienst, sich für gerechten Frieden bei uns und in der Welt einzusetzen.

Wesentliches aber hat sich seitdem in der Militärseelsorge verändert, wie auch in der geopolitischen Landschaft. Anders als in Zeiten des Kalten Krieges ist heute unstreitig, dass sich Ihr Dienst auf dem Leitbild des „gerechten Friedens“ gründet. Die Einheit von Frieden und Gerechtigkeit ist der aus dem biblischen Zeugnis gewonnene Gegenentwurf zur Rechtfertigung des Krieges unter bestimmten Bedingungen. Der „gerechte Friede“ beinhaltet ein Leben in Würde für jeden Menschen, wie es uns in der Gottebenbildlichkeit des Menschen als Geschenk und Anspruch begegnet. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hat diesem Thema 2007 die Denkschrift „Aus Gottes Frieden leben - für gerechten Frieden sorgen“ gewidmet. Diese Gedanken fanden auch grundlegenden Eingang in das Handbuch der Evangelischen Seelsorge in der Bundeswehr mit dem Titel „Friedensethik im Einsatz“. Dieses Handbuch ist für Sie wichtiges Hilfsmittel für den berufsethischen Unterricht, den Sie erteilen. Die Rolle des berufsethischen Unterrichts ist in den letzten Jahren aufgrund gestiegener Belastungen bei den Einsätzen der Bundeswehr immer wichtiger geworden. Der berufsethische Unterricht fordert von Ihnen didaktisches Können und friedensethisch fundierte Vorbereitung. Grundtenor ist dabei, dass Frieden kein Zustand ist, sondern ein gesellschaftlicher Prozess weg von Gewalt hin zu Gerechtigkeit. „Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten. Wer aus dem Frieden Gottes lebt, tritt für den Frieden in der Welt ein“ heißt es in der Denkschrift (EKD-Denkschrift 194 und 195). Und genau an dieser Stelle setzt Ihr Dienst in der Militärseelsorge an - in seiner Freiheit und Verantwortung: Sie ermutigen unsere Soldatinnen und Soldaten in Unterricht, Seelsorge und Gottesdienst, sich für gerechten Frieden bei uns und in der Welt einzusetzen.



„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ (Röm 12, 21)

Als ich hörte, worüber der Ratsvorsitzende bei seinem Gottesdienst in Afghanistan gepredigt hat, sagte ich: „Unser Ratsvorsitzender hat es wirklich nicht leicht!“ Präses Schneider predigte über die Jahreslosung 2011 aus dem Römerbrief: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ (Röm 12, 21). Beim zweiten Hinhören dachte ich: Ein passenderes Wort in diese Situation hinein kann es kaum geben. Dass Sie diese Worte unserer Jahreslosung auch bei Ihrer Konferenz auf dem Boden der Evangelischen Landeskirche in Baden leiten mögen, wünsche ich Ihnen von Herzen.