Liebe Ordinierte, liebe Gemeinde,
am ersten Sonntag der Passions- oder Fastenzeit feiern wir Ordination. Am vergangenen Mittwoch, dem Aschermittwoch, begann die diesjährige Fastenaktion „Sieben Wochen ohne“. Sieben Wochen lang werden viele in unserer Kirche wieder auf etwas verzichten, um sich auf Wesentliches in ihrem Leben zu konzentrieren. Die einen verzichten auf Süßigkeiten, andere auf Fleisch, manche auf Alkohol, andere auf das Autofahren. In diesem Jahr lautet das Motto der Fastenaktion „Ich war’s. 7 Wochen ohne Ausreden“. Sieben Wochen Verzicht auf falsche Entschuldigungen und faule Ausreden. Sieben Wochen Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung, auch wenn es schwer fällt. Aktueller könnte das Motto der Fastaktion gar nicht sein, wenn wir nur an die Vorgänge der letzten Wochen denken, wo wir alle miterlebten, wie schwer es einem Bundesminister fiel, Verantwortung für ein schweres Fehlverhalten zu übernehmen. Am Anfang standen Ausreden, es folgte ein spätes Eingestehen von schuldhaftem Verhalten, ehe schließlich mühsam Verantwortungsübernahme geschah.
Ausreden
„Ich war’s. 7 Wochen ohne Ausreden“. Dies Motto hört sich nicht nur wie ein Kommentar zu aktuellen Vorgängen an, es steht auch in unmittelbarem Bezug zum Wort der Bibel, das uns für den heutigen Sonntag gegeben ist. Es ist die Erzählung von der Vertreibung des Menschen aus dem Paradies. Sie liest sich wie ein Lehrstück von der Schwierigkeit des Menschen, angesichts schuldhaften Verhaltens zu sagen: „Ich war’s“. Hören wir:
„Die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott gemacht hatte, und sprach zum Weib: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach das Weib zur Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; nur von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, damit ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zum Weib: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: An dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott - wissend, was gut und böse ist. Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß. Da wurden beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und sie hörten Gott, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seinem Weib vor dem Angesicht Gottes unter den Bäumen im Garten. Und Gott rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du etwa gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß. Da sprach Gott zum Weib: Warum hast du das getan? Das Weib sprach: Die Schlange betrog mich, so dass ich aß.“
Wir alle wissen, wie die Geschichte weitergeht: Adam und Eva müssen das Paradies verlassen und ein Leben mit Störungen führen: Harte Arbeit mit Stress und Frust sowie Auseinandersetzungen zwischen Mensch und Tier prägen dies Leben ebenso wie Beschwerden bei Schwangerschaft und Geburt sowie Beziehungskonflikte zwischen Mann und Frau. Ja, menschliches Leben ist mühsam. Das alltägliche Chaos des von jeher gestörten Lebens will diese alte Geschichte erklären. Und darum ist es auch nicht eine Geschichte von den ersten Menschen. Nein, es ist die Geschichte von allen Menschen. Es ist unsere Geschichte.
Frei sein!?
Wer von uns wollte denn nicht selbständig sein! Wer wollte denn nicht selbst entscheiden, was für ihn oder sie gut oder schlecht ist! Steckt nicht in uns allen der heimliche Trieb, sein zu wollen wie Gott! Nicht in Abhängigkeit von Gott leben. Frei sein. Autonom. Uns nicht von Gott vorschreiben lassen, was für uns heilsam oder schädlich, gut oder böse sei. Selbst entscheiden über unser Leben, auch über die Grenzen, die einzuhalten sind. Und wie verlockend ist die Frucht am Baum der Erkenntnis! Wie köstlich! Wie begehrenswert! Eine Lust, sie anzusehen und dann auch zu ergreifen. Unsere Freiheit, unsere Autonomie, das ist unsere Bürde und unsere Würde zugleich. Ohne diese menschliche Würde der Freiheit gäbe es keine freien Entscheidungen, für die wir selbst Verantwortung übernehmen könnten; gäbe es keine Urteilsfähigkeit über das, was sittlich geboten ist. Ohne diese Freiheit gäbe es keine Fortschritte der Medizin; gäbe es keine Hirnforschung, keine Präimplantationsdiagnostik. Ohne diese Freiheit gäbe es keine Erforschung des menschlichen Genoms; gäbe es aber auch nicht die scharfen Konflikte, vor die uns die immer weiter gehende Entschlüsselung der Geheimnisse des Lebens stellt. Gäbe es nicht unsere Überheblichkeit, uns selbst zu Herren über das Leben aufzuspielen. Gäbe es nicht all die Übergriffigkeiten, die das Zusammenleben oft so schwer machen, in Ehen genauso wie am Arbeitsplatz oder auch in unseren Gemeinden. Wir sind frei, Grenzen zu überschreiten, das macht unsere Würde aus; das ist aber auch unsere Bürde.
"Unsere Augen werden geöffnet. Unser Erkennen nimmt zu, aber eben auch unser Schmerz. Viele Lichtblicke des Erkennens haben auch Schattenseiten."
Jede Grenzüberschreitung kann Verletzung bedeuten, kann aber auch verlockend Neues eröffnen. Und wie oft müssen wir dann erkennen: Was wir da entdecken, das ist gar nicht göttlich. Unsere Augen werden geöffnet. Unser Erkennen nimmt zu, aber eben auch unser Schmerz. Viele Lichtblicke des Erkennens haben auch Schattenseiten: Bittere Selbsterkenntnis, furchtbare Scham und helles Entsetzen, wenn wir unerlaubt Grenzen überschritten haben. Und dann entdecken wir plötzlich, wie nackt wir dastehen mit allem, was wir neu entdeckt haben in grenzenloser Selbstüberschätzung. All dies kennen wir.
Verdrängung oder Verantwortung
Und wir kennen auch die bohrenden Fragen, die Gott uns stellt: Wo bist du, Mensch? Wer hat dir das gesagt? Warum hast du das getan? Geradezu investigativ klingt es, wenn Gott uns befragt. Aber zugleich auch Anteil nehmend. Gott bricht das Gespräch mit uns nicht ab, wenn wir wieder einmal Grenzen überschreiten. Er spricht mit uns, streng und richtend - nicht selten auch durch unser Gewissen. Und dann diese Schuldverdrängung, die in der alten Geschichte von Adam, Eva und der Schlange geradezu grotesk erzählt wird: Auch diese menschliche Grundversuchung ist uns nur zu bekannt, die das Miteinander im persönlichen Umfeld ebenso belastet wie im gesellschaftlichen Zusammenleben. Diese Versuchung zu sagen: „Ich war’s nicht“. Wie schwer ist es, persönlich Verantwortung zu übernehmen für Grenzüberschreitungen; wie viel leichter, nach Sündenböcken zu suchen.
"Das ist der Segen, der über der Seelsorge und im Besonderen über der Beichte liegt. Hier können Menschen in einem geschützten Raum den Mut fassen zu sagen „Ich war’s.“ Sie müssen nicht befürchten, dafür bestraft zu werden."
All dies, liebe Ordinierte, wird Ihnen in Ihrer seelsorgerlichen Praxis immer wieder begegnen: Menschen kommen zu ihnen, die mit ihrer Freiheit nicht verantwortungsvoll umgehen können. Sie haben Grenzen überschritten, indem sie ihre Ehe gebrochen haben. Sie haben sich vergriffen am Eigentum anderer - wie sehr auch geistiges Eigentum schützenwert ist, erfahren wir in diesen Wochen. Sie haben moralische Grenzen verletzt, etwa indem sie die Pflege eines Angehörigen vernachlässigt oder werdendes Leben getötet haben. Sie kommen zu Ihnen, weil sie mit einem begangenen Rechtsbruch nicht fertig werden. Und sie haben größte Mühe zu sagen „Ich war’s“. Das ist der Segen, der über der Seelsorge und im Besonderen über der Beichte liegt. Hier können Menschen in einem geschützten Raum den Mut fassen zu sagen „Ich war’s.“ Sie müssen nicht befürchten, dafür bestraft zu werden. Sie müssen nicht Sorge tragen, mit ihrer Schuld nackt da zu stehen. So wie Gott im Paradies das Todesurteil an Adam und Eva nicht vollzieht, wo wie er schließlich ihre Nacktheit verhüllt, indem er ihnen Röcke aus Fell anlegt, so können Menschen, die das „Ich war’s“ im seelsorgerlichen Gespräch wagen, auf das Wort der Vergebung hoffen, das sie umkleidet und wärmt. Sie dürfen darauf hoffen, dass ihr gebrochenes Leben mit allen Mühen und Qualen ein gesegnetes und behütetes Leben bleibt. Seelsorge und Beichte leben von der gelingenden Kommunikation des „Ich war’s“ und dem Wort der Vergebung, das besser wärmt als jedes Fell. Seelsorge und Beichte leben davon, dass Menschen nicht nackt stehen gelassen werden mit Unheil anrichtenden Grenzüberschreitungen. Dass Menschen nicht nackt stehen gelassen werden mit ihrer Unfähigkeit, ihre Freiheit verantwortlich zu gestalten.
Aber liebe Ordinierte, die Geschichte von Adam und Eva ist auch ein Lehrstück für Ihre eigene pastorale Existenz. Sie haben in Ihrem Dienst als Pfarrerinnen und Pfarrer auch Grenzen zu achten. Groß ist in diesem Beruf die Versuchung der Macht. Die Versuchung, in das Innere von Menschen einzudringen. Die Versuchung, Menschen von der eigenen Position abhängig zu machen. Auch im Pfarrdienst gibt es immer wieder ein unverantwortliches Überschreiten gesetzter Grenzen - oft unter dem Vorwand, besser zu wissen, was für andere heilsam oder schädlich ist. Wo Sie dieser Versuchung erliegen - und das wird immer wieder einmal passieren -, müssen auch Sie das befreiende „Ich war’s“ wagen. Nicht gleich die Schuld auf andere schieben - auf den Dekan oder den Oberkirchenrat, auf die Strukturen der Kirche oder auf Kollegen, auf Mitarbeitende, die angeblich versagt haben. „Verhalte dich so, dass dein Zeugnis nicht unglaubwürdig wird“ - diese Mahnung ist keine Mahnung zu moralischer Perfektion, nein: Es ist die Aufforderung, den Mut zu haben „Ich war’s“ zu sagen, wenn Sie Grenzen überschritten haben. Nicht das untadelige Leben in der Freiheit eines Christenmenschen ist das, was Ihren Dienst glaubwürdig macht, sondern die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, wenn Sie Ihre Freiheit missbraucht haben.
Schützende Vergebung
Wenn Sie mutig das „Ich war’s“ wagen, dann werden die Ihnen anvertrauten Menschen spüren: Hier kann jemand zur eigenen Schuld stehen, weil er um einen Gott weiß, der ihn fürsorgend und behütend begleitet,
der nicht nur Schuld schonungslos aufdeckt, sondern der auch mit seiner schützenden Vergebung wärmend Ihre Blöße verhüllt.
So betrachtet ist die Erzählung von Adam und Eva die Geschichte von der anhaltenden Fürsorge Gottes. Ihre Geschichte. Unsere Geschichte.
„Ich war’s“ - ein Motto nicht nur für „Sieben Wochen ohne“. „Ich war’s“ – eine Ermutigung für ein Leben in der Fürsorge Gottes. Amen.
