Begegnungen in den Wüsten des Lebens

Gottesdienst in der Stadtkirche Karlsruhe am 13. Februar 2011. Predigt von Landesbischof Ulrich Fischer zu 2 Mose 3,1-14

Liebe Gemeinde,
mit dem letzten Sonntag nach Epiphanias geht der Weihnachtsfestkreis endgültig zu Ende. Noch einmal strahlt das Licht auf, das an Weihnachten in diese Welt gekommen ist. Noch einmal leuchtet die Herrlichkeit Gottes auf. Noch einmal steht - wie vor vier Wochen schon, manche mögen sich erinnern - Mose im Mittelpunkt. Und wie bei jener Erzählung, die wir vor vier Wochen hörten und in der Mose das herrliche Angesicht Gottes sehen wollte, werden wir wieder in die Wüste Sinai entführt, an den Gottesberg Horeb.
Mose hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: „Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.“ Als aber Gott sah, dass er hinging um zu sehen, rief er ihn aus dem Busch und sprach: „Mose! Mose!“ Er antwortete: „Hier bin ich.“ Gott sprach: „Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!“ Und er sprach weiter: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. Und Gott sprach: „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin hernieder gefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Land in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt... Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.“ Mose sprach zu Gott: „Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?“ Er sprach: „Ich will mit dir sein…“ Mose sprach zu Gott: „Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt! Und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name? - was soll ich ihnen sagen?“ Gott sprach zu Mose: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Und sprach: „So sollst du zu den Israeliten sagen: ‚Ich werde sein’ - der hat mich zu euch gesandt.“

Liebe Gemeinde! Wir sehen vor uns einen Menschen in der Wüste, in der Wüste Sinai, in der Wüste seines Lebens. Er schleppt Erinnerungen mit sich herum, die er loswerden möchte. Erinnerungen an böse Zeiten; an die Sklaverei seines Volkes in Ägypten, an seinen Mord an einem Ägypter, an seine Flucht. Böse Erinnerungen. Ballast aus der Vergangenheit, der die Seele bedrückt. Erinnerungen an Vergangenes, welche die Seele wüst und leer machen.

In der Wüste seines Lebens

Mose - ein Mensch in der Wüste seines Lebens. Zwar lebt er seit einiger Zeit in gesicherten Verhältnissen. Er hat eine Frau, die er liebt, und einen Beruf, der ihn ernährt. Aber er zieht heraus aus den gesicherten Verhältnissen, überschreitet Grenzen seines Lebensraumes. Macht sich auf in die Einsamkeit. Wüste um ihn her. Wüste in ihm. Und die Wüste ist tot. In der Einsamkeit der Wüste will dieser Mensch vergessen. Will er die Erinnerung an böse Zeiten totschlagen. Will er den Auftrag Gottes für sein Leben vergessen. Unterwegs, in der Einsamkeit der Wüste, will er der Vergangenheit entkommen, will er sich selbst vergessen - und Gott.

"Mitten im Staub der Wüste erstrahlt der Glanz Gottes, unheimlich und missverständlich. In einem dürftigen Dornbusch erscheint die Herrlichkeit Gottes, verwechselbar und uneindeutig."

Aber dort, in der Wüste des Lebens geschieht es: Die Wüste lebt. Dort, wo er abbiegt vom normalen Weg, wo er eine Grenze überschreitet, dort: hinter einer Ecke, an einem harmlosen Busch lauert Gott ihm auf. Dort, wo er aufmerksam auf das achtet, was abseits des Weges liegt, dort lässt Gott sich sehen. Dornbüsche gibt es viele in der Wüste. Auch brennende sind gar nicht so selten, denn ätherische Öle können einen Dornbusch leicht zum Brennen bringen, ohne dass er verbrennt. Aber diesen Dornbusch abseits des gewohnten Weges, diesen Busch wählt sich Gott zum Ort seiner Erscheinung. Mitten im Staub der Wüste erstrahlt der Glanz Gottes, unheimlich und missverständlich. In einem dürftigen Dornbusch erscheint die Herrlichkeit Gottes, verwechselbar und uneindeutig. Mitten in der Wüste des Lebens trifft der Mensch auf Alltägliches, das ihn neugierig macht. Und er spürt: Hier erscheint mir Gott, der Sonne und Licht ist. Ja, mit der Neugier und mit der Aufmerksamkeit in der Wüste des Lebens beginnt die Gottesbegegnung, hier setzt Gott Zeichen seiner Gegenwart.

Begegnung und Bewegung

Aber ein Zeichen ist eben nur ein Zeichen. Nur ein Zeichen? So wenig der brennende Dornbusch als Zeichen der Gegenwart Gottes eindeutig ist, so wenig sind es die zahllosen Gottesbegegnungen in den Wüsten des Lebens, gewiss. Wo Gott erscheint, dort verbirgt er sich zugleich. Wo sein Licht aufleuchtet, dort entschwindet es auch wieder. Gottes Erscheinung ist nicht festzuhalten wie ein Besitz so wenig wie der Lichtstrahl eines Feuers. Gottes Herrlichkeit blitzt auf und verlöscht. Und doch hat dieses verglimmende Zeichen der Gegenwart Gottes ungeheure Kraft. Der Ort der Begegnung mit Gott wird zum Ort des Aufbruchs - für Mose ebenso wie für die Jünger. Wo ein Mensch spürt, dass ihm Gott begegnet, wo das Licht seiner Gegenwart aufleuchtet, da kommt Bewegung ins Leben. Da wird ein Weg aus der Wüste gewiesen: „Ich habe das Elend meines Volkes gesehen. Ich habe ihre Leiden erkannt. Ihr Geschrei ist vor mich gekommen. So geh nun hin und rette mein Volk!“

"Wer bin ich denn - die Probleme dieser Welt sind zu groß? Was kann ich schon machen?“ Der Mensch in der Wüste seines Lebens kennt viele gute Gründe, warum Gott besser auf ihn verzichten sollte. Und dennoch: Gott will ihn, gerade diesen Menschen in der Wüste als sein Werkzeug, als Mithelfer bei der Durchführung seines großen Rettungswerkes."

Aus der Begegnung wird Bewegung. Aus der Wüste des Lebens macht sich Mose auf in das Land, in dem Milch und Honig fließt. Wenn dies so einfach wäre! Nein: Die Wüsten des Lebens nehmen gefangen. Sie lähmen. Sie machen die Füße schwer. „Wer bin ich denn, dass ich hingehen soll?“ wendet Mose ein. Die Begegnung mit dem großen Gott zeigt ihm, wie unbedeutend er ist. „Wer bin ich denn, dass Gott mich brauchen will, um etwas zu bewegen in dieser Welt? Wer bin ich denn, dass ich als einzelner, als einzelne mitwirken soll an der Weltgeschichte? Wer bin ich denn - regiert wird doch woanders? Wer bin ich denn - das islamfeindliche Geschrei um mich herum ist zu laut? Wer bin ich denn - Geld regiert die Welt, gerade in Zeiten des Wahlkampfs? Wer bin ich denn - die Probleme dieser Welt sind zu groß? Was kann ich schon machen?“ Der Mensch in der Wüste seines Lebens kennt viele gute Gründe, warum Gott besser auf ihn verzichten sollte. Und dennoch: Gott will ihn, gerade diesen Menschen in der Wüste als sein Werkzeug, als Mithelfer bei der Durchführung seines großen Rettungswerkes. Gott will, dass sich der Mensch in der Wüste hinein nehmen lässt in das grenzenlose, befreiende Handeln Gottes. Aus der Begegnung in der Wüste soll Bewegung hervorgehen, Auszug aus der Gefangenschaft, politische Befreiung.

Gottesglanz im Alltagsstaub

So eigenartig, so wunderbar ist die Geschichte Gottes mit dem Menschen: In der Wüste des Lebens, wo ein Mensch sich selbst und Gott vergessen will, da holt Gott ihn ein und ruft ihn zu seinem Auftrag, den er für ihn vorgesehen hat. Im Staub der Wüste des Lebens lässt Gott seinen Glanz aufleuchten, um einen neuen Weg zu weisen. Gottesglanz im Alltagsstaub. Im Staub der Wüste erstrahlt Gottes Glanz, wird ein Mensch von Gott gerufen, um andere herauszuführen aus Knechtschaft und Unfreiheit. Die Stille der Wüste ist eine trügerische Stille, denn sie kann Ungeheures in Bewegung setzen. Die Begegnung mit Gott ist kein harmloses Geschehen, denn sie kann einen Menschen völlig umdrehen, seinem Tun eine ganz neue Richtung geben.

„Wer bin ich denn?“ Noch wehrt sich der Mensch in der Wüste. Aber Gott weiß um seinen Widerstand und antwortet: „Ich will mit dir sein.“ So hat er schon zu Abraham gesprochen, zu Isaak und zu Jakob. So hat er schon zu zahlreichen Menschen gesprochen, denen der Mut fehlte, große Aufgaben in Angriff zu nehmen. „Ich will mit dir sein“, so spricht Gott zu dem Menschen in der Wüste des Lebens. Und diese Worte bleiben nicht leere Versprechungen, sie werden begleitet und beglaubigt durch Zeichen des Beistands. Der Mensch, der sich aufmacht, um mitzuwirken an Gottes Gestaltung der Weltgeschichte, der wird erfahren, dass Gott ihm unversehens große Kräfte schenkt. Der wird erfahren, dass andere mit ihm gehen, ihn begleiten und stärken mit Tat und Gebet, mit Rat und Hilfe. Der wird erfahren, dass Gott für ihn da ist, helfend, rettend, begleitend und tröstend.

"Denn der Gott, der diesen Namen trägt, ist immer offen für Neues, für Überraschendes, für Unerwartetes. Er ist immer offen für neue Begegnungen in den Wüsten des Lebens, immer offen für neue Taten der Befreiung in der Geschichte dieser Welt."

Und so hört der Mensch in der Wüste den Namen Gottes: „Ich werde sein, der ich sein werde. Ich bin der, der immer wieder für dich da ist. Ich bin da, weil ich da bin. Ich bin der, der mit dir ist. Ich bin der, der für dich in die Geschichte eingreift.“ Ein rätselhafter Name. Ein im Grund unübersetzbarer Name. Ein Name, der hineinbuchstabiert werden muss in die Lebensgeschichte eines jeden Menschen. Ein Name, der mehr zu verbergen als zu offenbaren scheint - wie der brennende Dornbusch. Ein geheimnisvoller Name. Ein Name, der es verbietet, über das Wesen Gottes letztgültige Aussagen zu treffen. Denn der Gott, der diesen Namen trägt, ist immer offen für Neues, für Überraschendes, für Unerwartetes. Er ist immer offen für neue Begegnungen in den Wüsten des Lebens, immer offen für neue Taten der Befreiung in der Geschichte dieser Welt. Diesem geheimnisvollen Gott begegnet der Mensch in der Wüste. Die Herrlichkeit dieses Gottes erstrahlt im Feuer eines Dornbuschs und bewegt ihn zum Aufbruch. Von diesem „Gott mit euch“, von diesem „Immanuel“ wird der Mensch beauftragt, teilzunehmen an der Befreiungsgeschichte seines Volkes. Welch ein geheimnisvoller Gott! Welch ein Gott, der mit seinem Glanz so hineinstrahlt in den Alltagsstaub menschlicher Wüsten!

Liebe Gemeinde, das war die Wüstengeschichte des Menschen Mose. Oder ist es unsere eigene Wüstengeschichte? Amen