Dem Bösen den Boden entziehen

Gottesdienst zur Einführung von Dekan Ekkehard Leytz am 6. Februar 2011 in Eberbach. Predigt Von Landesbischof Ulrich Fischer.

Lieber Herr Leytz,
Sie hatten mich gebeten, meine Einführungsansprache zur Losung für dieses Jahr 2011 zu halten. Das erscheint als recht stimmig, ist aber riskant. Hören wir auf die Worte des Apostels Paulus: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Ein gefährliches Wort zur Einführung eines Dekans. Das könnte fast so ausgelegt werden, als dass Sie sich von der Pfarrerschaft Ihres Kirchenbezirks, von haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden jede Bosheit gefallen lassen müssten und stets auf alles Böse mit Gutem zu reagieren hätten. Sollen Sie wirklich allem Bösen, das es auch in diesem herrlichen Kirchenbezirk gibt, einfach freien Lauf lassen? Sollen Sie wirklich immer nachgeben und durch Ihr Nachgeben dem Bösen unendliche Entfaltungsmöglichkeiten einräumen? Eine solche Auslegung wäre eine Einladung zum boshaften Umgang mit dem neuen Dekan. Das aber kann es doch nicht sein.

Die Spirale des Bösen zerbrechen

Also heißt es noch einmal genauer hinzuhören auf das Wort des Paulus. Ein Blick auf den Kontext im 12. Kapitel des Römerbriefe lässt erkennen, dass es Paulus nicht darum geht, einen kategorischen Imperativ zu formulieren, der auf die Wirklichkeit des Lebens keine Rücksicht nimmt. Vielmehr benennt Paulus - ganz realistisch denkend - zwei Einschränkungen für den Verzicht auf Vergeltung: „Ist’s möglich. Soviel an euch liegt.“ Damit trägt er dem Rechnung, dass es Grenzen menschlicher Friedfertigkeit gibt. Die von Paulus formulierten Einschränkungen entbinden freilich niemanden von der Pflicht sorgfältiger Selbstprüfung, ob in der Auseinandersetzung mit dem Bösen nicht doch andere Wege als die der Vergeltung gegangen werden können. Nichts Unmenschliches also fordert Paulus von Ihnen, lieber Herr Leytz, aber er will Ihnen Mut machen, nicht einfach hinzunehmen, dass automatisch eine böse Tat immer die nächste nach sich zieht. So wird kein Frieden zwischen zerstrittenen Menschen. Sie sind als Dekan - wie wir alle auch - dazu berufen, die Spirale des Bösen zu zerbrechen und der Güte Platz zu machen. Denn dies entzieht dem Bösen den Boden.

"Aber wenn der Teufelskreis des Bösen unterbrochen werden soll, dann müssen wir uns von solchem Vergeltungsdenken trennen."

Um an diese Berufung zu erinnern, schreibt Paulus seine Worte, als Leitfaden für gelingendes Zusammenleben. Und sagt uns nicht unsere alltägliche Erfahrung: Wollten wir uns für alles rächen, was wir als Böses erfahren, dann würde uns der Blick auf das Böse ganz gefangen nehmen. Würden wir uns selbst mit dem Bösen infizieren. Würde uns das Böse das Gesetz des Handelns aufnötigen. Frei vom Bösen werden wir nur, wenn wir unsere Vergeltung begrenzen. Natürlich steckt das Prinzip „Vergeltung“ tief in uns allen. Wir meinen, es hänge unsere Ehre daran, dass wir den anderen heimzahlen, was sie uns angetan haben. Aber wenn der Teufelskreis des Bösen unterbrochen werden soll, dann müssen wir uns von solchem Vergeltungsdenken trennen. Das verlangt Paulus von uns allen.

"Wo Menschen sich gegen Gott wenden, wendet er sich ihnen trotzdem zu."

Das darf auch von einem Dekan in seinem Amt verlangt werden, das so oft mit der Klärung von Konflikten zu tun hat, in denen nicht selten eine Furcht erregende Eskalation des Bösen Platz greift. Das darf von Ihnen, lieber Herr Leytz, verlangt werden, dass Sie in Ihrem Handeln immer wieder die Spirale der Vergeltung durchbrechen. Und das können Sie, weil Sie an einen Gott glauben, der Ihnen eben nicht Böses mit Bösem vergilt. Anstatt dass Gott die Bosheit der Menschen bestraft, nimmt er die Schuld auf sich. Wo Menschen sich gegen Gott wenden, wendet er sich ihnen trotzdem zu. Von diesem Glauben leben Sie, lieber Herr Leytz. Gott wendet Ihnen in Jesus sein freundliches Angesicht zu. Er nimmt nicht das Schwert der Rache, sondern - auf die linke Wange geschlagen - hält er die rechte auch hin und lässt sich hinrichten. Sanftmütig trägt er die Last der Welt. Das Kreuz tragend lässt er die Gewalt über sich ergehen, leidet lieber Unrecht, als Unrecht zu tun. Gott unterzieht sich dem Bösen, erleidet es am eigenen Leib. Aus der Vergebung dieses menschenfreundlichen Gottes leben Sie, leben wir alle. Der Glaube an diesen Gott ist es, der uns verzichten lehrt auf Vergeltung um jeden Preis. Gott vergilt Böses mit Gutem. Deshalb können wir das Böse mit Gutem überwinden, weil Gottes vergebende Liebe das Böse in uns überwunden hat.

 

Verzicht auf Vergeltung und überraschende Wendungen

Was das dann in konkreten Konfliktsituationen für einen Dekan bedeuten kann, ist nicht im Voraus zusagen. Der Verzicht auf Vergeltung kann das Gewand der überwindenden Freundlichkeit tragen, manchmal aber auch den Mantel der gütigen Strenge. Und manchmal mag es gerade das ganz unerwartete Tun sein, das hilft, das Böse mit Gutem zu überwinden. So wie es Johann Peter Hebel in einer seiner wunderbaren Kalendergeschichten erzählt: „Ein Jude aus dem Sundgau ging jede Woche einmal in seinen Geschäften durch ein gewisses Dorf. Jede Woche einmal riefen ihm die böswilligen Buben durch das ganze Dorf nach: ’Jud! Jud! Judenmauschel!’ Der Hebräer dachte: Was soll ich tun? Schimpf ich zurück, schimpfen sie noch ärger. Werfe ich einen, werfen mich zwanzig? Aber eines Tages brachte er viele neu geprägte Baselrappen mit, wovon fünf so viel sind als zwei Kreutzer, und schenkte jedem Buben, das ihm zurief ‚Judenmauschel!’ einen Rappen. Als er wiederkam, standen alle Kinder auf der Gasse: ‚Jud! Jud!’Judenmauschel!’ Jedes bekam einen Rappen, und so noch etliche Male, und die Kinder freuten sich von einer Woche auf die andre und fingen fast an den gutherzigen Juden lieb zu gewinnen. Auf einmal aber sagte er: ‚Kinder, jetzt kann ich euch nichts mehr geben so gern ich möchte, denn es kommt mir zu teuer und euer sind zu viel.’ Da wurden sie ganz betrübt und sagten: ‚Wenn ihr uns nichts mehr gebt, so sagen wir auch nicht mehr Judenmauschel.’ Der Hebräer sagte: ‚Ich muss es mir gefallen lassen. Zwingen kann ich euch nicht.’ Also gab er ihnen von der Stund an keine Rappen mehr und von der Stund an ließen sie ihn ruhig durch das Dorf gehen.“

Liebe Herr Leytz, ich wünsche Ihnen viele überraschende Ideen, wenn es gilt, Böse mit Gutem zu überwinden, auf dass sie durch alle Dörfer und Städte Ihres Kirchenbezirks ruhig gehen können. Amen.