Liebe Gemeinde,
mitten in der Epiphaniaszeit feiern wir mit diesem Gottesdienst die Vereinigung Ihrer drei Gemeinden Neckargerach, Binau und Guttenbach. Mitten in der Epiphaniaszeit. Diese Zeit des Kirchenjahres ist eine eigenartige. Weihnachten liegt nun schon vier Wochen zurück! Der Glanz der Weihnacht ist verloschen im Gestrüpp und auch Dunkel unseres Alltags. Und dennoch. Die Epiphaniaszeit ist eine quasi weihnachtliche Zeit. Nach alter kirchlicher Tradition kündet sie immer wieder neu von der weihnachtlichen Herrlichkeit. So wie an Weihnachten Gott als Licht in diese Welt kam, um sie hell zu machen, so blitzt seine Herrlichkeit in den Wochen danach immer wieder auf in den Gottesdiensten der christlichen Gemeinden. (...)
In diese Reihe des ständigen Aufblitzens der Herrlichkeit Gottes fügen Sie sich nun mit dem heutigen Gottesdienst ein. Inmitten der Epiphaniaszeit feiern Sie die Vereinigung Ihrer Gemeinden und die Einführung neuer junger Kirchengemeinderäte, die Verantwortung für diese vereinigte Gemeinde übernehmen wollen. Das passt! Denn es ist in unserer Landeskirche fast schon ein kleines Wunder, wenn Gemeinden sich auf den Weg machen, jahrhundertealte Trennungen zu überwinden. Wenn sie sich auf den Weg machen, zukunftsfähige Strukturen für ihre kirchliche Arbeit zu schaffen. Es ist etwas Herrliches, wenn sich junge Menschen finden, die Verantwortung für die Leitung unserer Kirche vor Ort übernehmen wollen. (...)
"Jesus kam abermals nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser zu Wein gemacht hatte. Und es war ein Mann im Dienst des Königs; dessen Sohn lag krank in Kapernaum. Dieser hörte, dass Jesus aus Judäa nach Galiläa kam, und ging hin zu ihm und bat ihn, herabzukommen und seinem Sohn zu helfen; denn der war todkrank. Und Jesus sprach zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht. Der Mann sprach zu ihm: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt! Jesus spricht zu ihm: Geh hin, dein Sohn lebt! Der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin. Und während er hinab ging, begegneten ihm seine Knechte und sagten: Dein Kind lebt. Da erforschte er von ihnen die Stunde, in der es besser mit ihm geworden war. Und sie antworteten ihm: Gestern um die siebente Stunde verließ ihn das Fieber. Da merkte der Vater, dass es die Stunde war, in der Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er glaubte mit seinem ganzen Hause. Das ist nun das zweite Zeichen, das Jesus tat, als er aus Judäa nach Galiläa kam."
Liebe Gemeinde,
an welchem Gedanken dieser Geschichte sind Sie eben beim Hören hängen geblieben? Bei der wundersamen Heilung eines Todkranken durch Jesus, bei dieser Heilung, die dadurch noch wundersamer wird, dass sie aus der Ferne und präzise, auf die Minute genau zu dem Zeitpunkt geschieht, zu dem Jesus die Worte spricht: „Dein Kind lebt.“
Oder sind Sie hängen geblieben bei der schroffen Antwort Jesu „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht“, mit der er der vertrauenden Frage des Vaters in keiner Weise gerecht wird? Wenig einfühlsam, würden wir sagen, wenn ein Pfarrer oder ein Arzt so auf die angsterfüllte Bitte um Heilung eines Kindes antworten würde.
Oder hat Sie überrascht, dass hier eine Glaubensgeschichte erzählt wird von einem, von dem wir es nicht erwarten würden? Die Glaubensgeschichte eines königlichen Beamten, der gewiss nicht zur Glaubensgemeinschaft der Juden gehörte, eher schon zur verhassten römischen Besatzungsmacht. Und hat Sie das nachdenken lassen darüber, ob nicht öfter als wir denken Glaube auch dort zu finden ist, wo wir ihn nicht vermuten?
Oder hat Sie überrascht, dass am Ende der Geschichte nicht nur der Vater des geheilten Jungen glaubt, sondern mit ihm „sein ganzes Haus“. Haben Sie sich gefragt, ob es das gibt: einen kollektiven Glauben, einen Glauben, in den ich meine Familie, meine Kinder einbeziehen kann, auch wenn sie vielleicht noch gar nicht so weit sind auf dem Weg des Glaubens. Eine nachdenklich machende Frage – gerade zum Auftakt unseres Jahres der Taufe, in der wir viele Kinder taufen werden, für die Eltern und Paten zunächst einmal mit ihrem Glauben einstehen.
Auf sein Wort hin
Beim Nachdenken über diese wundersame Geschichte und bei der Vorbereitung meiner Predigt bin ich an einer anderen Stelle der Geschichte hängen geblieben, nämlich am Verhalten des Vaters. Was tut er? Von Kapernaum macht er sich auf den Weg ins 30 Kilometer entfernte Kana. Nicht weit, mögen Sie sagen. Damals immerhin eine Tagesreise. Er macht sich auf den Weg und lässt seinen todkranken Sohn allein zu Hause. Riskant. Wenn er nun stirbt, während der Vater weg ist. Unverzeihlich. Welche Schuldvorwürfe würde sich der Vater machen. Der Vater riskiert also viel, indem er den Sohn verlässt und sich auf einen weiten Weg macht. Er kommt zu Jesus mit einer uns nur zu verständlichen Bitte: „Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt!“ Er muss sich gefallen lassen, dass Jesus ihn zunächst schroff und recht unfreundlich abserviert, ehe er unerwartet reagiert. Statt mit dem Vater nach Kapernaum zu gehen, sagt er nur: „Geh hin, dein Sohn lebt!“ Und der Vater? Er verlässt sich ganz und gar auf dieses Wort Jesu. Auf sein Wort hin, allein auf Jesu Wort hin geht er zurück. Er vertraut allein dem Wort Jesu. Ganz unbeirrt. Schon erstaunlich. Den Beweis dafür, dass Jesu Wort ihn nicht getrogen hat, bekommt er erst viel später, bei der Rückkehr nach Kapernaum.
Das ist schon eine starke Glaubensgeschichte. Eine Geschichte, die davon erzählt, dass Glaube bisweilen ganz anders entsteht als wir denken. Nicht durch Beweise der Herrlichkeit Gottes, sondern in Situationen der Unsicherheit, der Ungewissheit. Der Same des Glaubens wird oft gerade im Dunkel des Lebens gelegt. Der Glaube wächst geradezu an der Enttäuschung, denn alles hätte der Vater erwartet, aber nicht eine zunächst so schroffe Antwort Jesu und nicht diese große Zumutung, sich auf eine Heilung aus der Ferne zu verlassen. Glaube wächst nicht nach einem Schema, das wir Menschen entwickeln, etwa durch Beweise der Kraft Gottes. Durch Erfahrungen seiner Herrlichkeit, die nicht zu übersehen sind. Beim Entstehen des Glaubens gibt es keinen Automatismus. Am Beispiel des Vaters sehen wir, wie Glaube beginnt mit dem Losgehen. Beginnt mit einem großen Risiko. Wie er sich nicht erschüttern lässt durch unverständliche Einreden. Wie er sich bewährt im unbeirrten Vertrauen auf das Wort Jesu, auf die Zusage Gottes. Und wie er dann ansteckend wirken kann für eine ganze Gemeinschaft, für das ganze Haus, für eine Familie, auch eine Gemeinde.
"Zentral geht es um die Beschreibung eines herrlichen Glaubens. Ein solchermaßen von Vertrauen geprägter Glaube ist etwas Herrliches."
Das ist für mich der Kern dieser Geschichte: Zentral geht es nicht um einen herrlichen Beweis der Macht Jesu als eines großen Wunderheilers. Zentral geht es um die Beschreibung eines herrlichen Glaubens. Ein solchermaßen von Vertrauen geprägter Glaube ist etwas Herrliches.
Und diese Herrlichkeit des Glaubens ist es auch, die Sie in den zurückliegenden Jahren bei der Vereinigung Ihrer Kirchengemeinden erfahren und bewährt haben. Sie haben sich auf den Weg gemacht. Sie haben viel riskiert, Ärger in den Gemeinden und Ärger mit der kirchlichen Verwaltung. Sie wussten am Anfang nicht, wohin Sie Ihr Weg führen würde. Und dennoch haben Sie sich aufgemacht. Durchaus riskant. Sie haben ganz gewiss auf Ihrem Weg zur Vereinigung oft schroffe, enttäuschende Antworten erhalten - von Gemeindegliedern, vielleicht auch von Kirchenältesten, manchmal, nehme ich an, auch vom Evangelischen Oberkirchenrat, der Ihnen nicht jeden Wunsch erfüllen konnte. Sie wurden genötigt, Traditionen aufzugeben und über einen neuen Namen für Ihre Gemeinde nachzudenken. Aber Sie sind voller Vertrauen immer weiter gegangen. Sie haben dabei gemeinsam Klarheit gefunden über den Weg, den Sie zu gehen haben. Dabei haben Sie nicht die Heilung einer todkranken Gemeinde erlebt, aber ganz gewiss neue Aufbrüche des Lebens. Und am Ende des Weges dürfen Sie dankbar staunen: Unser Vertrauen hat sich gelohnt. Auf „sein Wort hin“ haben wir uns aufgemacht und wurden in unserem Glauben gestärkt, „mit unserem ganzen Haus“, mit unserer ganzen Gemeinde. Wie herrlich! Amen.
