Taufe und Lehre

Gottesdienst in Karlsruhe-Oberreut zur Eröffnung des Jahres der Taufe am 16.1.2011. Von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu Mt 28,18-20

Liebe Schwestern und Brüder,
wir sind getauft. An die eigene Taufe können sich nur die wenigsten von uns erinnern. Aber unzählige Male schon haben wir Taufen miterlebt und haben dabei Tauferinnerung gefeiert. Vieles mag bei Tauffeiern unterschiedlich gestaltet werden, aber seit den Anfängen der christlichen Kirche wird immer wieder ein Wort Christi gelesen: das letzte Wort des Matthäusevangeliums, sozusagen Matthäi am Letzten. Es ist das einzige Wort, das nach dem Zeugnis dieses Evangeliums Jesus Christus nach seiner Auferstehung seinen Jüngern gesagt hat. Diese hatten Jesus verraten und waren geflohen. Als Frauen ihnen mitteilten, dass sie das Grab leer gefunden hatten und dass Jesus ihnen in seiner Heimat Galiläa erscheinen würde, brachen die elf Jünger nach Galiläa auf und gingen dort auf einen Berg. Als sie den Auferstandenen sahen, fielen sie vor ihm nieder, einige aber zweifelten. Da sprach der Auferstandene jene Worte, die uns als sein „Missionsbefehl“ bekannt sind:
„Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum geht hin und macht zu Jüngern alle Völker: Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geiste und lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Taucht ein in das neue Leben!

Im Taufgottesdienst werden diese Worte Christi unkommentiert gesprochen. Das ist auch angemessen, denn liturgische Texte sollen selber wirken und nicht im Gottesdienst pädagogisierend erklärt werden. Dennoch macht es Sinn, gerade an einem solchen Tag wie heute, da wir das „Jahr der Taufe“ und die Aktion „Erwachsen glauben“ für unsere badische Landeskirche eröffnen, einmal eigens über diese Worte Christi nachzudenken. Bei diesem Nachdenken setze ich ein mit einer Beobachtung am griechischen Urtext, der durch Martin Luthers geläufige Übersetzung leider nicht ganz zum Strahlen kommt. Eigentlich müsste der Missionsbefehl Christi folgendermaßen übersetzt werden: „Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker, indem ihr sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes tauft und indem ihr sie lehrt, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ Wichtigstes Wort im Missionsbefehl ist der Imperativ „Macht alle Menschen zu meinen Jüngern“. Das soll geschehen durch Taufe und Lehre. Taufe und Lehre erscheinen als die beiden Seiten derselben Medaille, die den Prägestempel „Jüngerschaft Christi“ trägt. Das Taufen und das Lehren sind nichts anderes als die Art und Weise, wie Menschen das neue Leben in der Jüngerschaft Jesu angeeignet wird. Deshalb könnte ich den Missionsbefehl Christi auch übersetzen: „Taucht ein in das neue Leben. Taucht ein in die Kraft des Auferstandenen. Lasst euch anstecken mit seiner Kraft des Lebens.“

"Mit einem solchen Eintauchen beginnt eine Lebens- und Lerngemeinschaft des Glaubens. Eine Lebens- und Lerngemeinschaft, bei der wir im Gegenüber zu Christus ein Leben in seiner Nachfolge einüben und in der wir lernen, was es heißt, an Jesus Christus zu glauben."

Eintauchen in ein neues Leben mit Jesus Christus. Darum geht es in der Taufe und darum geht es, wenn Menschen gelehrt werden im Glauben. Mit einem solchen Eintauchen beginnt eine Lebens- und Lerngemeinschaft des Glaubens. Eine Lebens- und Lerngemeinschaft, bei der wir im Gegenüber zu Christus ein Leben in seiner Nachfolge einüben und in der wir lernen, was es heißt, an Jesus Christus zu glauben. Mit dem Eintauchen in die Jüngerschaft Jesu beginnt zugleich eine Lebens- und Lerngemeinschaft mit all denen, die zu dieser weltweiten Jüngerschaft Jesu gehören. Mit ihnen sind wir gemeinsam auf dem Weg im steten Bemühen, uns gemeinsam der Wahrheit anzunähern, die Jesus Christus selbst ist. Niemand von uns ist im Besitz der vollen Wahrheit des Glaubens. Jesus Christus ist uns als Wahrheit immer voraus. Im gemeinsamen Hören auf ihn und im gemeinsamen Austausch in der Jüngerschaft Jesu erschließt sich uns die Wahrheit - Stück für Stück. Bedenken wir: Die Jünger, denen Jesus seinen Missionsbefehl gegeben hat, waren keine Glaubenshelden. Sie hatten ihn verraten und verlassen. Und als sie auf dem Berg in Galiläa vor ihm niederfielen, zweifelten einige von ihnen. Am Anfang der Mission stehen Flucht, Verrat und Zweifel. Das heißt doch wohl: Jesus braucht zur Ausbreitung des Evangeliums Menschen mit Fragen und Zweifeln. Die Kirche war von Anfang an eine Kirche voller Zweifler. Wir dürfen in der Kirche auch über unsere Zweifel sprechen. Gerade das Gespräch über eigene Zweifel ist oft die beste Schule des Glaubens.

Das Gespräch über den Glauben führen

Weil es um ein Eintauchen in die Jüngerschaft Jesu durch Taufe und Lehre geht, deshalb ist es so wichtig, dass wir als Kirche nicht nur munter und mutig taufen, sondern dass wir auch immer wieder das Gespräch über den Glauben führen, um Glauben zu lehren. Der Glaube führt uns dabei immer wieder und immer mehr hinein in das Geheimnis und in das Geschenk unserer Taufe. Umgekehrt fordert, fördert und provoziert unsere Taufe immer neu den Glauben. Taufen und Lehren - beides muss eine Kirche tun, die sich auf den Missionsbefehl ihres Herrn beruft. Und darum ist es mehr als ein schöner Zufall, dass wir zu Beginn dieses „Jahres der Taufe“ zugleich die Aktion „Erwachsen glauben“ eröffnen - jene Aktion, bei der das Lehren über den Glauben im Mittelpunkt steht und damit zugleich die Vertiefung des Verständnisses unserer Taufe. Darauf wird es ankommen in diesem „Jahr der Taufe“ und bei dieser Aktion „Erwachsen glauben“, dass wir Begegnungsräume schaffen, in denen Menschen in den Glauben eingeführt und zu seinem Verstehen angeleitet werden und in denen sie sich neu des Schatzes ihrer Taufe vergewissern oder neugierig werden auf das Geschenk der Taufe.

Wie wichtig es ist für das Eintauchen in die Jüngerschaft Jesu, dass unser Taufen auch immer wieder neu begleitet wird vom Lehren des Glaubens, will ich abschließend verdeutlichen durch ein eindrückliches Lebenszeugnis eines Menschen, der über seinen Weg des Glaubens kürzlich Folgendes schrieb: „In meiner Kindheit habe ich gelernt zu glauben, so wie man auch ein Instrument lernt. Als Erwachsener habe ich verlernt, dieses Instrument zu spielen. Jetzt ahne ich, dass es ein Reichtum ist, den ich nicht einfach abgeben sollte. Wenigstens nicht ganz. Früher in der Osternacht gab es das Spiel unter uns Kindern, das Osterlicht, die brennende Kerze, aus der Kirche mit nach Hause zu tragen. Also hatten wir diese Kerze und schützten sie gegen den Wind, auf dass sie nicht erlösche. So ähnlich muss ich meinen Glauben jetzt auch schützen.“

Schenke Gott in diesem „Jahr der Taufe“ vielen Menschen, dass sie neu den Glauben lernen und dass sie neu entdecken, wie ihr Glaube geschützt wird durch ihre Taufe und durch die Zusage Christi: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Enden.“ Amen.