Das „Magnificat“ - ein Revolutionslied Gottes

Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer über Lk 1,46-55 und EG 308

Liebe Gemeinde,

in jedem Jahr neu rückt zur Weihnachtszeit eine Gestalt der Bibel in den Mittelpunkt, die in unserer evangelischen Tradition sonst wenig Beachtung findet: Maria, die Mutter Jesu. Zu Unrecht gehört Maria in der evangelischen Kirche zu den Vergessenen. Denn es lohnt sich, Maria für uns zu entdecken als eine Frau, von deren Glauben wir vieles lernen können. Als eine Frau, die wir gern auch als Mutter unseres Glaubens begreifen könnten. Kein Text der Bibel spricht so eindrucksvoll vom Glauben der Maria wie jene Erzählung von der Ankündigung der Geburt Jesu durch den Engel, die wir heute als Schriftlesung gehört haben, und wie das Lied Mariens, das wir eingangs miteinander gebetet haben und von dessen Melodie wir uns in unserem Singen heute Morgen anstecken lassen. Dieses Lied ist ein Adventslied, freilich ein merkwürdiges. Dieses Adventslied der Maria ist weithin bekannt als das „Magnificat“. Seinen Namen hat es erhalten durch seinen lateinischen Textanfang „Magnificat anima mea = Meine Seele erhebt den Herrn.“ So wie es uns im im 1. Kapitel des Lukasevangeliums überliefert ist, ist es das Lied, das Maria nach der Ankündigung der Geburt Jesu und nach ihrer Begegnung mit Elisabet, der Mutter Johannes‘ des Täufers, anstimmt. Aber schon ein erster Blick auf dieses Lied zeigt, dass es ganz im Stil alttestamentlicher Psalmen abgefasst ist. Und wenn wir genauer hinschauen, erkennen wir, dass dieses Lied der Maria jenem Lobpsalm nachgebildet ist, den im 1. Buch Samuel Hanna nach der Geburt ihres Sohnes Samuel angestimmt hat.

Durch Gottes Gerechtigkeit kommt es zur Umkehrung der gesellschaftlichen Rangordnung.

In seinem Inhalt ist das „Magnificat“ ein typisches Beispiel der Armenfrömmigkeit der Bibel. Wie oft schreien die von den Reichen und Mächtigen ausgebeuteten Armen in den Psalmen klagend zu Gott! Und wenn diesen Armen das Heil zugerufen wird „Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer“, dann wird ihnen die Königsherrschaft Gottes zugesprochen. Ihr gegenwärtiges Leiden wird durch Glück im Reich Gottes ausgeglichen. Umgekehrt wird gegenwärtigem Glück künftige Entbehrung folgen. Nicht Strafe soll die Reichen treffen, sondern Ausgleich. Das gegenwärtige Leben wird als die eine Hälfte des Geschicks der Menschen angesehen und die Zukunft Gottes als die andere Hälfte. Durch Gottes Gerechtigkeit kommt es zur Umkehrung der gesellschaftlichen Rangordnung. Mit dem „Magnificat“ also drückten Maria und alle, die mit ihr dies Lied sangen, ihre soziale und politische Not aus, aber eben auch ihre Hoffnung auf Gottes gerechte, verändernde Kraft, ihre Hoffnung auf radikale Veränderung ihrer sozialen Lage. Das Magnificat besingt die Hoffnung auf eine gute Zukunft bei Gott. Lasst uns einstimmen in diesen Hoffnungsgesang:
EG 308, 1-3 Mein Seel, o Herr, muss loben dich

In den Kreisen armer Menschen ist das „Magnificat“ als ein Lobpsalm entstanden. In den Gottesdiensten der Armen wurde es gesungen. Auch Maria selbst hatte in diesen Kreisen ihren Platz. Mit den Armen ihrer Zeit zusammen singt sie von dem Gott,
der Barmherzigkeit übt an denen, die Gott fürchten, und der den Armen in Gefahr aufhilft,
der dem Hochmut der Menschen ein Ende bereitet und menschlichen Rat zunichte macht,
der an den Niedrigen und Kleinen seine göttliche Macht erweist, der Reiche arm und Arme reich macht.

All dies geschieht in der Geburt des Retters Jesus, des Messias. Diese Geburt ist die revolutionäre Erbarmungstat Gottes, der Anfang der Herrschaft Gottes, die die Not der Armen beendet.

Indem dieses Lied der Maria, dieser Psalm der Armen, nun vom Evangelisten Lukas eingefügt wird in die Kindheitsgeschichte Jesu, wird der Psalm Marias zu einem Adventslied. Wird die Sehnsucht der Armen in Beziehung gesetzt zur Geburt Jesu: Gottes einmalige Erbarmungstat in der Geburt Jesu bringt endgültiges Heil für die Armen aller Zeiten. Gottes Handeln in Jesus bewirkt, dass Hungrige satt und Demütige erhöht werden, während Mächtige, Hochmütige und Reiche ihre Macht und ihren Reichtum verlieren. All dies geschieht in der Geburt des Retters Jesus, des Messias. Diese Geburt ist die revolutionäre Erbarmungstat Gottes, der Anfang der Herrschaft Gottes, die die Not der Armen beendet. „All unsre Not zum End er bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt.“ In der Geburt Jesu beginnt die Zukunft. Jetzt will Gott nicht nur die Niedrigkeit seiner Magd Maria ansehen, sondern er will allen in dieser Welt zu kurz Gekommenen zu ihrem Recht verhelfen. Mit dem Erbarmen über Maria hat die Erfüllung der Verheißungen Gottes begonnen. Genau darin ist das „Magnificat“ das Lehrstück für den Lobgesang der christlichen Gemeinde bis heute, ein Lied, mit dem die christliche Gemeinde jeden Tag neu das Anbrechen der Herrschaft Gottes lobend besingt.

 

Welch eine Kraft entfaltet der Gedanke, dass in Marias Geschick eine gesellschaftliche Umwälzung begonnen hat, die in Gottes Reich einmal umfassend Wirklichkeit werden wird!

Deshalb verwundert es nicht, dass das „Magnificat“ in der Geschichte der Kirche immer wieder große Bedeutung gefunden hat. Im Mittelalter wurde dieses Lied beim Faschingsgottesdienst gesungen: An diesem Tage spielten die Knechte König und Herren. Sie erschienen in der Kirche mit Tiermasken und als Gaukler. Höhepunkt des Festes war der Lobgesang der Maria „Er stürzt die Mächtigen vom Thron.“ Bis heute findet das „Magnificat“ besondere Beachtung überall dort, wo Arme und Unterdrückte ihre Rolle im Lichte des Evangeliums zu deuten beginnen. Welch eine Hoffnung für die Armen liegt in dem Leitmotiv vom gerechten Gott, der die Niedrigen erhöht! Welch eine Kraft entfaltet der Gedanke, dass in Marias Geschick eine gesellschaftliche Umwälzung begonnen hat, die in Gottes Reich einmal umfassend Wirklichkeit werden wird! Und umgekehrt: Wie sehr muss dieses Lied die Mächtigen dieser Erde zittern lassen! Der „revolutionäre Keim“ des „Magnificat“ soll schon den russischen Zaren in Schrecken versetzt haben und spricht heute unmittelbar hinein in die soziale Not vieler Christenmenschen in den armen Ländern der Erde. So ist das „Magnificat“ zum Hoffnungslied für alle geworden, die nach gleichberechtigter Teilhabe am Leben hungern und dürsten.


Auch dort, wo Frauen über die Geschichte ihrer Unterdrückung nachdenken, kommt Marias „Magnificat“ in den Blick und entfacht unter Frauen eine subversive Leidenschaft für Gerechtigkeit. Maria, die an sich selbst die Umkehrung der Werte erfahren hat, wird zum Urbild der Magd, die auf Befreiung wartet. Sie wird zur Frau, die von einer verlässlichen Stärke spricht, die sie erfahren hat. Sie wird zu einer starken, mutigen Frau, die Kraft findet, ihre äußerlich betrachtet jämmerliche Situation mit Gottes Hilfe in etwas Starkes zu verwandeln. Singen wir dieses Lied der Ermutigung:
EG 308, 4-7 Du bist barmherzig

 

Welch eine Kraft entfaltet der Gedanke, dass in Marias Geschick eine gesellschaftliche Umwälzung begonnen hat, die in Gottes Reich einmal umfassend Wirklichkeit werden wird!

Bis heute ist Marias Lied ein Lied der Ermutigung. Ein Lied, das uns lehrt, nach den Wurzeln vieler Übel zu fragen und Armut und Erniedrigung nicht als unveränderliches Schicksal hinzunehmen. Ein Lied, das uns schützt vor hündischer Kriecherei. Der im „Magnificat“ beschriebene Umbruch ist darin aber von allen bisherigen revolutionären Umstürzen der Weltgeschichte unterschieden, dass hier nicht einfach Unterdrücker und Unterdrückte ihre Plätze wechseln. Dass Gott die Erniedrigten erhöht, heißt, dass er sie an seiner Herrschaft beteiligt. Nicht die Schadenfreude über die Entthronung der Machtbesessenen, sondern die Freude darüber, dass die Gedemütigten aufrecht gehen lernen, bestimmt das Lied der Maria. Gott gibt den Machtlosen Anteil an seiner Herrschaft. Und diese Herrschaft geschieht nicht im Zeichen der geballten Fäuste, sondern im Zeichen der durchbohrten Hände des Gekreuzigten. Das macht das Revolutionäre dieses Liedes aus, dass es nicht aufruft zur Gewalt, sondern dass es ermutigt zu einer Widerstandsbewegung gegen die Hoffnungslosigkeit.


Diese Zuspitzung auf die Rettungstat Gottes im Zeichen der Liebe, diese Zuspitzung auf das gewaltlose, rettende Wirken Christi, des Kindes in der Krippe und des Mannes am Kreuz, diese Zuspitzung wird in unserer Nachdichtung des Magnificats in den Strophen 8 - 10 besonders herausgehoben. Darin zeigt sich, wie evangelische Frömmigkeit dieses Lied der Maria weiter gedeutet hat. In der 8. Strophe wird - anders als in der biblischen Vorlage - ausdrücklich auf Jesus Christus hingewiesen: „Israel willst du Hilfe tun durch deinen auserwählten Sohn“. Und in der 9. und 10. Strophe wird das „Ich“ Mariens zum „Wir“ der christlichen Gemeinde geweitet:
Wir haben’s nicht verdient um dich
dass du mit uns fährst gnädiglich.
Auch Abraham hast du geschworn,
dass wir nicht sollten sein verlorn;
uns zugesagt das Himmelreich
und unsern Kindern ewiglich.


In diesem Sinne ist das „Magnificat“ ein Revolutionslied Gottes, das leidenschaftlichste, wildeste, revolutionärste Adventslied, wie Dietrich Bonhoeffer es nannte.

Und auch dies entspricht kirchlicher Tradition, dass Psalmgesänge der Bibel mit dem trinitarischen Lobpreis „Ehre sei Gott Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist“ abgeschlossen werden.
So singen wir heute als christliche Gemeinde das „Magnificat“ der Maria als ein Adventslied, das gegen jede adventliche Gemütlichkeit die anstößigen Fragen unserer Zeit schrill markiert: Wo sind wir schwach? Wo erfahren wir Ohnmacht? Wie können wir Erniedrigte auf ihre Würde und auf ihren Wert aufmerksam machen und sie ehren? Auf welche Weise bin ich in der Lage, meine eigene Hoffnung auf Gerechtigkeit für die Armen zu leben?
Aber wir singen das „Magnificat“ auch als ein wohlklingendes Adventslied, d.h. auf einem Grundton, auf den sich alles bezieht: Gott erhebt die Niedrigen, nicht wir. In Jesus kommt er in diese Welt, um ihr sein revolutionäres Erbarmen zu erweisen. In Jesus kommt er, um sein Reich der Gerechtigkeit aufzurichten. Nicht ein menschliches Reich ist im Kommen, sondern es gilt: „Dein Reich komme!“ In diesem Sinne ist das „Magnificat“ ein Revolutionslied Gottes, das leidenschaftlichste, wildeste, revolutionärste Adventslied, wie Dietrich Bonhoeffer es nannte. In diesem Sinn ist es das Lied der Glaubenden, die Gottes Barmherzigkeit am eigenen Leib erfahren haben. So singen wir das „Magnificat“ heute als unser Adventslied - schrill und zugleich wohlklingend. Machtverhältnisse in dieser Welt in Frage stellend und zugleich auf Gottes Barmherzigkeit vertrauend. So singen wir dieses Adventslied - angestiftet von Maria, dieser Frau, die in ihrer Armut zugleich Mutter unseres Glaubens an das Erbarmen Gottes ist. Amen.