Mache dich auf und werde Licht - Mitwirken an den Verheißungen Gottes

Familien-Gottesdienst zum 2. Advent in Neckarmühlbach am 5.12.2010 - Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu Jes 35

Liebe große und kleine Schwestern und Brüder,
Advent zu feiern ohne Kerzen, ohne Licht, das können wir uns gar nicht vorstellen. Wunderbar ist es, wenn in einem Raum Lichter entzündet werden! Das Entzünden von Lichtern erinnert uns an unsere Sehnsucht nach Licht in unserem Leben. Erinnert uns daran, dass wir alle auf der Suche sind nach einem Licht, das unser Leben hell macht. Das war immer schon so. Menschen, die im Dunkel leben mussten, sehnen sich danach, dass es hell werden kann in ihrem Leben. Und an Weihnachten, da verkündigen wir: Gott hat diese Welt hell gemacht, indem er in Jesus in diese Welt gekommen ist.

Licht am Ende des Tunnels

Viele Jahrhunderte vor der Geburt Jesu lebte das Volk Israel in großer Dunkelheit – weit verstreut im persischen Reich. Vergeblich wartete es auf seine Rückkehr in die Heimat. Das Volk war verzagt. Es stellte sich darauf ein, dass nichts Großes mehr geschehen würde. Da war die Müdigkeit an jeder Straßenecke zu spüren, in jedem Gottesdienst. Da machte sich große Traurigkeit breit. Und hinein in dieses Dunkel der Gemüter ruft ein Prophet diesem mutlosen Volk zu:
„Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie. Sagt den Verzagten: ‚Habt Mut! Fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott!' Er selbst wird kommen und euch erretten. Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet. Dann springt der Lahme wie ein Hirsch, die Zunge des Stummen jauchzt auf. In der Wüste brechen Quellen hervor, und Bäche fließen in der Steppe. Der glühende Sand wird zum Teich und das durstige Land zu sprudelnden Quellen.“

Was der Prophet damit meinte, will ich an einer Pflanze veranschaulichen. Wie aus ganz Unscheinbarem Schönes erwachsen, wie Licht das Dunkel hell machen, wie mit kleinen Kräften eine Wüste zu blühen beginnen kann, das können wir an dieser Wüstenpflanze sehen. Sie heißt „Rose von Jericho“. Jericho ist ein Ort in der Wüstenlandschaft Palästinas. Diese Pflanze ist hässlich, vertrocknet und braun.Wenn man nun etwas heißes Wasser über diese vertrocknete Pflanze gießt, kann man in wenigen Minuten sehen, wie sie sich entfaltet.

Wo alles tot zu sein scheint, da gedeiht neues Leben. Wo alles dunkel zu sein scheint, da wird es hell. Das Wunder dieser Pflanze veranschaulicht, was der Prophet verkündet. In bunten Farben schildert der Prophet das Kommen Gottes. Gott kommt zur Rettung - anschaulich und konkret: Menschen werden geheilt, die schlimmsten körperlichen Gebrechen verschwinden. Wüsten fangen an zu blühen, wüstes Land wandelt sich zum Garten Eden, zum Paradies. Welch eindrucksvolle Bilder des Kommens Gottes! Welch wunderbare Bilder des Advents. Endlich Licht am Ende des Tunnels.

Verheißungsvoll

Aber Achtung! Noch gibt es körperliche Gebrechen, die Menschen quälen. Noch gibt es Leiden, das nicht geheilt werden kann. Noch gibt es das Sterben von Menschen, das wir nicht begreifen können. Noch gibt es unvorstellbare Schuld, die Menschen auf sich laden. Noch leben wir nicht im Paradies. Noch sind wir dabei, die Welt immer mehr zu verwüsten. Noch leben Menschen auf der Flucht ohne Aussicht auf Heimkehr. Noch gibt es die grausame Wirklichkeit des Krieges in Afghanistan und der Ströme von Armutsflüchtlingen, die auch an unsere Tür klopfen.

"Denn diese Bilder sind mehr als nur schöne Träume. So wie sich die Weissagungen der alten Propheten immer wieder in der Geschichte des Volkes Gottes in Teilen erfüllt haben, und wie sie dann doch wieder über jedes geschichtliche Ereignis hinauswiesen, so hat auch die Verheißung unseres Propheten in Teilen Erfüllung gefunden."

Und dennoch will ich mich und Euch heute Morgen an die wunderbaren Bilder dieser prophetischen Verheißung erinnern. Will ich Euch und mir die wunderbaren Bilder des Advents Gottes vor Augen malen. Denn diese Bilder sind mehr als nur schöne Träume. So wie sich die Weissagungen der alten Propheten immer wieder in der Geschichte des Volkes Gottes in Teilen erfüllt haben, und wie sie dann doch wieder über jedes geschichtliche Ereignis hinauswiesen, so hat auch die Verheißung unseres Propheten in Teilen Erfüllung gefunden. Erinnern wir uns: Als Jesus gefragt wurde „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“, da antwortete er, indem er Bilder dieser prophetischen Verheißung aufnahm: „Seht, Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt.“ Und was Jesus hier sagte, das hat er mit Taten bestätigt, indem er Menschen heil machte und Licht in ihr Leben brachte. Mit Recht feiern wir Jesu Kommen als wesentlichen Teil des Advents Gottes: „Seht, hier ist euer Gott. Er selbst wird kommen und euch erretten.“

Und auch heute gibt es für uns Teilerfüllungen dieser Verheißungen. Gott hat uns den Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs geschenkt. Gott hat uns bis heute vor der großen atomaren Bedrohung und damit vor der endgültigen Verwüstung der Welt bewahrt. Gott macht immer wieder Menschen bereit, die Gebrechen anderer zu heilen, Leben zu fördern, die Schöpfung zu bewahren. Und manche haben auf wunderbare Weise an sich selbst Heilung von schwerer Krankheit erfahren. All dies sind doch auch Teilerfüllungen der großen prophetischen Verheißungen, die hinweisen auf das endgültige Kommen Gottes.

Anstecken lassen von den wunderbaren Bildern des Advents Gottes

Bis es soweit ist, liegt es an uns, uns anstecken zu lassen von den wunderbaren Bildern des Advents Gottes. Das Hinschauen auf seine wunderbaren Bilder macht unsere Augen frei zum ehrlichen Blick auf die Schmerzen der Menschen, auf die Wunden der Schöpfung, auch auf unsere eigene Mut- und Tatenlosigkeit. Das Hören der prophetischen Verheißungen stärkt uns, kleine und erste Schritte zu tun, Licht in diese Welt zu bringen, damit müde Hände gestärkt und wankende Knie fest gemacht werden.

Und wo dies geschieht, da werden wir befähigt, Licht spendend mitzuwirken an Teilerfüllungen der Verheißungen Gottes. Mag sein, dass uns die Bilder von hungernden Menschen in den Dürregebieten dieser Erde auch in diesen Tagen wieder erschüttern; und unsere Spende für „Brot für die Welt“ wird sicher nicht die Wüsten der Welt zum Blühen bringen. Aber sie kann zum Zeichen der Hoffnung werden für Menschen in den Dürregebieten unserer Erde. Mag sein, dass wir uns hilflos fühlen angesichts des Flüchtlingselends in Afrika. Aber wir können Menschen auf der Flucht vor Hunger, Verfolgung und Not, die auf Herbergssuche zu uns kommen, aufnehmen und mit ihnen teilen. Mag sein, dass wir Menschen, die über den Verlust eines Lieben trauern, nicht wirklich trösten können. Aber wir können sie besuchen, bei ihnen sein, mit ihnen sprechen, vielleicht auch schweigen. Angesteckt von den bunten Bildern des Advents Gottes können wir mit gestärkten Händen und Füßen mitwirken an den Teilerfüllungen der großen Verheißungen Gottes. Können wir selbst Zeichen seines Kommens in dieser Welt aufrichten, können wir Licht in diese Welt bringen.

Vom wunderbaren Kommen Gottes in diese Welt hat der Prophet in bunten Bildern gesprochen. Wie wunderbar dieses Kommen Gottes ist, können wir an der Rose von Jericho sehen. Wie Gott durch sein Kommen diese Welt verändert und Licht in unser Leben bringt, davon wollen wir singen. Schenke uns Gott, dass unser Singen uns öffne für die Wahrheit seiner Verheißung, dass es unsere müden Hände stärke und unsere wankenden Knie fest mache und Licht in diese Welt bringe. Amen.