Die Stimme der Hoffnung

Gottesdienst zum 1. Advent in der Christuskirche Mannheim am 28. November 2010; Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischerüber Jer 23,5-8

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der klug regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird ‚Gott ist unsere Gerechtigkeit’. Darum, siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass man nicht mehr sagen wird: ‚So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!’, sondern: ‚So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Land des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.’ Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.“

Liebe Gemeinde,
„siehe es, kommt die Zeit!“, so spricht die Stimme der Hoffnung. So hat sie immer schon gesprochen, seit es Menschen gibt, die ein Wissen um ihr Woher und ihr Wohin haben. „Siehe es, kommt die Zeit!“, so spricht die Stimme der Hoffnung. So sprach sie auch damals zur Zeit des Propheten Jeremia, als das Volk Israel eines der dunkelsten Kapitel seiner Geschichte durchlebte. Der Nordstaat Israel war bereits ausgelöscht. Nun wurde auch der Südstaat Juda durch die Feinde bedroht. Die Zerstörung Jerusalems war nicht mehr abzuwenden. Die Wegführung der Bevölkerung in das babylonische Exil stand unmittelbar bevor oder hatte bereits begonnen. Dunkelste Zeiten brachen an. Aber „siehe, es kommt die Zeit!“ sprach die Stimme der Hoffnung durch den Propheten Jeremia.

Bilder der Hoffnung

Dabei war es eine durchaus begrenzte Hoffnung, von der Jeremia ergriffen war. Ganz gewiss war seine Hoffnung nicht auf einen künftigen Messias gerichtet. Er dachte eher an einen König, der schon bald sein Volk befreien und die Rückkehr aus dem babylonischen Exil veranlassen würde. Und wie wir wissen, war es dann kein König aus seinem Volk, dem Israel seine Heimkehr verdankte, sondern der Perserkönig Kyros. Und wie wir auch wissen, war die Rückkehr aus dem babylonischen Exil kein Triumphmarsch, der in seiner Pracht und Bedeutung die Herausführung aus Ägypten überbot. Nein: Eher kümmerlich war jene Rückkehr, die etwa 150 Jahre später eingeleitet werden sollte.

Woher nahm Jeremia die Kraft zu seiner Hoffnung? Woher die Bilder der Hoffnung, die er malte? Jeremia konnte anknüpfen an die Vergangenheit: Wie herrlich hatte einst Gott sein Volk befreit, als er es aus der Knechtschaft in Ägypten führte! Wie herrlich hatte Gott einst seinem Volk beigestanden, als er ihm in David einen König schenkte, der Recht und Gerechtigkeit im Lande übte! Und wie sicher hatten Israel und Juda unter diesem König im Lande wohnen können! Ja, gute Erfahrungen mit Gott waren es, die Jeremia Mut zur Hoffnung gaben und die seine Bilder der Hoffnung speisten. Aus der gemachten Erfahrung mit dem befreienden und gerechten Handeln Gottes erwuchsen die Verheißungen einer Zukunft in Recht und Gerechtigkeit.

"Unsere Hoffnungen und unsere Träume, unsere Wünsche und Gottes Verheißungen brauchen Bilder der Vergangenheit. Sie knüpfen an das an, was wir von Gott an Rettendem erfahren haben. Sie beziehen ihre Kraft aus dem, was Gott bereits an uns getan hat."

Ja, so ist es wohl immer, wenn die Stimme der Hoffnung spricht: „Siehe es, kommt die Zeit!“ Unsere Hoffnungen und unsere Träume, unsere Wünsche und Gottes Verheißungen brauchen Bilder der Vergangenheit. Sie knüpfen an das an, was wir von Gott an Rettendem erfahren haben. Sie beziehen ihre Kraft aus dem, was Gott bereits an uns getan hat. „Siehe, es kommt die Zeit!“ Wenn so die Stimme der Hoffnung heute spricht, dann speist auch sie sich wieder aus Bildern der Vergangenheit. Was haben wir mit Gott erfahren in unserem persönlichen Leben? Was haben wir erfahren an Bewahrung und Rettung, wenn wir es gar nicht mehr geglaubt hatten? Was haben wir von Gott erfahren an Begleitung in schweren Zeiten und an glücklich Machendem, das unser Herz lachen ließ? Was haben wir von Gott erfahren in der Geschichte unseres Volkes? Überwindung einer mörderischen Diktatur und der Folgen eines furchtbaren Krieges? Und dann vor 21 Jahren das Geschenk der Vereinigung unseres Landes. So bekommt Gott heute in unserer Erinnerung einen neuen Namen: Wir sagen nicht mehr: „So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!“ Wir sagen auch nicht mehr wie Jeremia: „So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Land des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.“ Wir sagen heute: „So wahr der Herr lebt, der in unserem Leben immer wieder Gnade vor Recht ergehen ließ“. Aus solcher Erinnerung speisen sich unsere Bilder der Hoffnung.

Die Zeit kommt

„Siehe, es kommt die Zeit!“, so sprach die Stimme der Hoffnung durch die Person des Jeremia. Was haben Menschen mit Gott erfahren seit jener Zeit? Einige Jahrhunderte nach Jeremia sind sie Jesus von Nazareth begegnet. Sie sind einem begegnet, der wie kein anderer für Recht und Gerechtigkeit eingetreten ist, nicht als mächtiger König der Ehren, sondern als der auf einem Esel in Jerusalem einreitende König, dessen Zepter die Barmherzigkeit war. Sie haben in ihm die Erfüllung der alten Verheißung Jeremias gesehen und Jesus als den gerechten Spross aus Davids Stamm erkannt. Und wenn wir Jeremias Worte heute hören, dann hören wir all dies mit, was christlicher Glaube in Jesus Christus erkannt hat. Dann begrüßen wir ihn mit Hosianna-Rufen als den Sohn Davids. Dann besingen wir ihn mit dem schönen Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ als den verheißenen gerechten Spross aus dem Stamme Davids. Dann bekennen wir ihn als unseren König: „Er ist gerecht ein Helfer wert..., der Heil und Leben mit sich bringt“. So bekommt in unserer adventlichen Erinnerung Gott einen neuen Namen: „So wahr der Herr, lebt, der in Jesus Christus Recht als Barmherzigkeit ausgelegt hat und der seinen gewaltlosen Einsatz für Recht und Gerechtigkeit mit dem elenden Tod am Kreuz bezahlte. Dieser Gott in Jesus Christus ist unsere Gerechtigkeit.“

„Siehe, es kommt die Zeit!“, so spricht die Stimme der Hoffnung heute am 1. Advent des Jahres 2010. Damit weist sie in eine noch weitere Zukunft: Die Verheißung des Sehers Johannes vom neuen Himmel und der neuen Erde am Ende der Zeiten ist letztlich die Zeit, auf die sich die Stimme der Hoffnung richtet; die Zeit am Ende der Zeiten, die Zeit des letzten Advents Gottes. In der Tat ist unbestreitbar, dass seit dem Kommen Jesu Recht und Gerechtigkeit nicht gerade zu den Markenzeichen der Weltordnung gehören. Und es ist auch nicht bestreitbar, dass heute viele Millionen Menschen eben nicht sicher wohnen können, wie Jeremia verheißt. Denken wir nur an die Flüchtlinge im Kongo und in Pakistan oder an die Flüchtlingsströme aus Afrika, die über das Mittelmeer täglich zu uns nach Europa dringen. Wohin wir in unserer Welt schauen: Unerfüllte Messiashoffnungen. Nein, die biblische Messiashoffnung führte das alte Volk Israel wie auch das Christenvolk durch Situationen von Unrecht und Ungerechtigkeit, durch Dunkel und Gericht. Die Juden haben zwar vor 61 Jahren im Staat Israel eine neue Heimstatt gefunden, eine Teilerfüllung jener alten Verheißung, aber von sicherem Leben in diesem Land kann doch wohl nicht die Rede sein, noch weniger nach Errichtung der grausamen, das Land teilenden Sperrmauer. Was sich im Kommen Jesu erfüllt hat, das kann nicht die ganze Erfüllung jener alten Verheißung sein. Solange es in dieser Welt Unrecht und Ungerechtigkeit gibt, solange in dieser Welt Menschen nicht sicher wohnen können, steht die vollständige Erfüllung dieser Verheißung noch aus.

Kein Anlass zum Zweifel

Dies aber ist nun gerade nicht Anlass zum Zweifel. Ganz im Gegenteil. Das ist Anlass, die Stimme der Hoffnung immer neu zu erheben und unsere Zeit unter dem Horizont der weiten Verheißung Gottes zu füllen. Wir verleihen der Stimme der Hoffnung Gewicht, wenn wir als christliche Gemeinde auf der Spur Jesu für Recht und Gerechtigkeit eintreten und mitarbeiten an politischen Verhältnissen, die Menschen sicher wohnen lassen. Deshalb ist es wichtig, dass wir unter dem Horizont des letzten Advents Gottes diese Welt etwas erfahren lassen von dem Recht und der Gerechtigkeit, die Gott selbst auf Erden anrichten will. Genau das ist ja auch die Aufgabe der Aktion „Brot für die Welt“, die heute eröffnet wird. Sie ist Arbeit für Recht und Gerechtigkeit, sie ist Adventsarbeit: Arbeit, die hinweist auf den Advent Gottes in Jesus Christus und auf den noch ausstehenden Advent Gottes am Ende der Zeiten. Die von unserer badischen Landeskirche unterstützten Projekte verdeutlichen dies: Das Wasserprojekt in Ägypten, mit dem die Ernährung von 100.000 Menschen gesichert werden soll, weist hin auf die Ankunft Gottes in dieser Welt. Das ländliche Entwicklungsprogramm in Indien, in dessen Mittelpunkt Bildungsarbeit für Kinder und Erwachsene steht, weist hin auf die Ankunft Gottes in dieser Welt. Die Arbeit von „Brot für die Welt“ ist Adventsarbeit, die Hoffnung stiftet.

"Erfüllt von dieser Stimme der Hoffnung sind wir unterwegs und hoffen auf die letzte Erfüllung der großen Verheißung Gottes, auf den letzten Advent Gottes."

„Siehe, es kommt die Zeit!“, so spricht die Stimme der Hoffnung, damals zur Zeit Jeremias ebenso wie heute. Erfüllt von dieser Stimme der Hoffnung sind wir unterwegs und hoffen auf die letzte Erfüllung der großen Verheißung Gottes, auf den letzten Advent Gottes. Dann werden Recht und Gerechtigkeit auf der ganzen Welt durchgesetzt und alle Völker werden sicher wohnen auf der neuen Erde, die Gott erschaffen wird. So weitet der große Horizont der Verheißung Gottes unseren engen Horizont des Adventsfeierns. Und unter dem großen Horizont der Verheißung Gottes wird auch unsere Hoffnung groß. Amen.