Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, liebe Schwestern und Brüder!
Vor zehn Jahren habe ich mit Ihnen die Gründung des Feuerwehr-Seelsorge-Teams im Rhein-Neckar-Kreis gefeiert - in Neulußheim, wo ich nun seit über 6 Jahren mit meiner Familie wohne. Viel ist seitdem geschehen. Die Notfallseelsorge hat sich längst als ein anerkanntes Arbeitsfeld der Kirche etabliert. Sie ist ein Grundbestandteil des Seelsorgeauftrages der Kirche geworden. An vielen Orten der Landeskirche wird dieser Auftrag in guter Kooperation mit anderen Trägern wahrgenommen, so wie hier im Rhein-Neckar-Kreis. Die Meldung „am Ort des Unglücks waren Notfallsseelsorger im Einsatz“ gehört inzwischen zum Bestandteil trauriger Meldungen in Funk, Fernsehen und Internet über Tragödien und Katastrophen, sei es nun das Busunglück bei Frankfurt/Oder, der Amoklauf von Winnenden, der Flugzeugabsturz bei Überlingen oder vor wenigen Wochen die Tragödie im südbadischen Lörrach. Notfallseelsorge hat sich als eine „Erste Hilfe für die Seele“ in Notfällen und Krisensituationen etabliert. Getötete Menschen, Schwerverletzte, viele schwer arbeitende und überforderte Helferinnen und Helfer, überfordert von dem Schrecklichen, das sie erleben - all dies wirft Fragen auf und löst Schrecken aus.
Es geht darum, mit den Opfern und den Helfenden deren Fragen auszuhalten und in scheinbar hoffnungsloser Situation Zeichen der Hoffnung zu setzen. Es geht darum, Beistand zu leisten in einer Situation erfahrener Sinnlosigkeit.
Noch immer gilt das, was ich in meiner Ansprache vor 10 Jahren zu Ihnen sagte: Notfallseelsorge sieht den Menschen in Not und Bedürftigkeit, in Schwäche und Schuld als ein von Gott getragenes, geliebtes und auf Hoffnung hin versöhntes und erlöstes Geschöpf. Notfallsituationen sind Schnittstellen des Lebens, an denen Sinn- und Wertfragen aufbrechen, der eigene Lebensentwurf und seine schlagartige Veränderung besonders bewusst werden. Dabei brauchen nicht nur die Opfer Hilfe, sondern auch die Helfenden. Es geht darum, ihre Ohnmacht und Erschütterung und die der überlebenden Opfer angesichts unfassbaren Unglücks wahrzunehmen. Es geht darum, mit den Opfern und den Helfenden deren Fragen auszuhalten und in scheinbar hoffnungsloser Situation Zeichen der Hoffnung zu setzen. Es geht darum, Beistand zu leisten in einer Situation erfahrener Sinnlosigkeit. Es geht darum, in Not Geratenen beizustehen, für sie zu sorgen, für sie Verantwortung zu übernehmen, zu verhindern, dass sie seelisch kaputt gehen. Notfallseelsorge will, dass das traumatisch Erlebte so verarbeitet werden kann, dass es nicht mehr lebensbedrohlich wirkt.
Genau darum haben Sie vor 10 Jahren das Feuerwehr-Seelsorge-Team im Rhein-Neckar-Kreis aufgebaut. Es war ein Pilot-Projekt unserer Landeskirche, das nur zustande kam dank der Unterstützung durch den Kreis-Feuerwehr-Verband Rhein-Neckar. Auch heute danke ich nochmals allen, die diesen Anfang gemacht haben. Und ich danke Ihnen für Ihre Bereitschaft, sich zum Dienst in der Notfallseelsorge senden zu lassen. Unserem damals gesteckten Ziel des Aufbaus eines ökumenisch ausgerichteten Netzes von Notfallseelsorge in ganz Baden-Württemberg sind wir inzwischen näher gekommen, aber dennoch ist diesbezüglich noch viel zu tun. Insbesondere sind Chancen der Kooperation anderen Rettungsdiensten noch intensiver zu nutzen. Das Beispiel des Rhein-Neckar-Kreises macht Mut.
Als Predigttext für diesen Gottesdienst anlässlich des 10jährigen Bestehens des Feuerwehr-Seelsorge-Teams haben Sie mir ein Bibelwort gegeben, von dem ich gestehen muss, dass ich es bis dato eigentlich nicht kannte. Als ich dieses Bibelwort aus dem 10. Kapitel des Danielbuches las, wurde mir sein Bezug zu Ihrer Tätigkeit in der Notfallseelsorge unmittelbar deutlich, obwohl der Verfasser des Danielbuches im 2. Jahrhundert vor Christus von Notfallseelsorge gewiss noch nichts wusste. Aber er kannte menschliche Situationen der Bedrängnis und Entmutigung, die Sie genau so oder ähnlich bei Ihren Einsätzen in der Notfallseelsorge erleben. Hören wir: „Und als Gott das alles mit mir redete, neigte ich mein Angesicht zur Erde und schwieg still. Und siehe, einer, der einem Menschen gleich war, rührte meine Lippen an. Da tat ich meinen Mund auf und redete und sprach zu dem, der vor mir stand: Mein Herr, meine Glieder bebten, als ich das Gesicht hatte, und es war keine Kraft mehr in mir. Wie kann der Knecht meines Herrn mit meinem Herrn reden, da auch jetzt noch keine Kraft in mir ist und mir der Atem fehlt. Da rührte mich abermals der an, der aussah wie ein Mensch, und stärkte mich und sprach: Fürchte dich nicht, du von Gott Geliebter! Friede sei mit dir! Sei getrost, sei getrost! Und als er mit mir redete, ermannte ich mich und sprach: Mein Herr, rede; denn du hast mich gestärkt.“
Ihm wird Mut zugesprochen. Und er fühlt, wie ihm neue Kräfte zufließen. Und er fühlt sich wieder gut gerüstet für seine weiteren Aufgaben.
Diese Danielerfahrung ist Ihnen nur zu gut vertraut. Daniel begegnet Gott. Er hat eine Vision. Er sieht so Großes, so Schreckliches, so Erschütterndes, dass er nach seiner Vision ganz erschöpft ist. Ganz am Ende. Keine Kraft ist mehr in ihm und ihm fehlt der Atem. Und als er ganz am Ende ist, erfährt er durch die Begegnung mit einem, der aussieht wie ein Mensch, unerwartete Stärkung. Ihm wird Mut zugesprochen. Und er fühlt, wie ihm neue Kräfte zufließen. Und er fühlt sich wieder gut gerüstet für seine weiteren Aufgaben.
Ganz unmittelbar spüren Sie, wie ungemein nahe Ihnen dieser Daniel ist: Der eben noch so Erfolgreiche und Starke, er kann nicht mehr. Er ist am Ende. Sein Akku ist leer. Sein Auftrag hat ihn einsam gemacht. Er bricht zusammen. Er muss erst wieder einmal zu sich kommen. Er kann seinen Pflichten nicht mehr nachkommen. Alles, was er bisher geleistet hat, verliert an Bedeutung. Er zweifelt an seinen Möglichkeiten... und an denen Gottes. Wie in einer Sackgasse, so fühlt sich Daniel - lebensmüde und gottesmüde. Selbst sein starker Glaube, selbst sein ihm von Gott gegebener Auftrag hat ihn nicht bewahrt vor dem Zusammenbruch.
Ja, der müde, dieser gottesmüde Daniel - der ist Ihnen ungemein nah. Manchmal steckt er mitten in Ihnen drin.
Wie ungemein nahe ist Ihnen dieser Daniel. Noch meinten Sie, alles wäre machbar, und dann werden Ihnen am Ort eines Unglücks Ihre Grenzen aufgezeigt. Und wie oft fühlen Sie sich ausgebrannt in Ihrem Dienst. Sie wollen Gutes bewirken - und müssen Ihre Grenzen erkennen. Sie wollen Menschen in Notlagen helfen, aber Sie erfahren Ihre Ohnmacht. Angesichts solcher Tiefschläge fragen Sie sich, warum Gott Sie allein lässt. Nichts ist zu sehen von seiner Hilfe. Ja, der müde, dieser gottesmüde Daniel - der ist Ihnen ungemein nah. Manchmal steckt er mitten in Ihnen drin.
Mit dieser Hinwendung zu Gott öffnet sich der gottesmüde Daniel der Hilfe Gottes. Und dann beginnt mit einer zarten Berührung Gottes für Daniel so etwas wie ein Prozess der Heilung, ein Prozess hin zum Leben.
Aber schauen wir einmal genauer hin, wie es diesem gottesmüden Daniel ergeht. In seiner Gottesmüdigkeit wendet er sich an Gott und klagt ihm sein Leid: „Mein Herr, meine Glieder bebten, als ich das Gesicht hatte, und es war keine Kraft mehr in mir. Wie kann ich mit dir reden, da auch jetzt noch keine Kraft in mir ist und mir der Atem fehlt.“ Mit dieser Hinwendung zu Gott öffnet sich der gottesmüde Daniel der Hilfe Gottes. Und dann beginnt mit einer zarten Berührung Gottes für Daniel so etwas wie ein Prozess der Heilung, ein Prozess hin zum Leben. Berührung durch die Hand eines, der einem Menschen gleicht und der doch mehr ist: ein Bote Gottes, ein Engel. Behutsam leitet Gott den Daniel aus der Sackgasse hin zu neuem Leben. Und er mutet ihm nicht zu viel zu. „Fürchte dich nicht, du von Gott Geliebter! Friede sei mit dir! Sei getrost, sei getrost!“ Mit diesem Wort des Trostes kann sich Daniel aufmachen. Kann durchatmen. Kann neu ans Werk gehen. So sorgsam geht Gott mit Daniel um, so sanft begleitet er Sie, liebe Schwestern und Brüder, in den Sackgassen Ihres schweren Dienstes.
Das ist die Wahrheit jener alten Daniel-Geschichte, die Wahrheit, die Sie in Ihrem Dienst in der Notfallseelsorge ständig erfahren: Gottes Stärke liegt nicht in der Gewalt, die zerstört, sondern in der Kraft, die durch den Tod hindurch trägt.
Wir brauchen in unserer Kirche Menschen, die leidenschaftlich wie Daniel ihren Dienst ausüben. Wir brauchen in unserer Kirche Mitarbeitende, die bereit sind, dort zu wirken, wo alle lieber ausweichen wollen. Wir brauchen in unserer Kirche Menschen, die bereit sind, mit ihren Worten oder wortlos Wunden zu heilen und Seelen zu trösten. Ihnen allen, die Sie Ihren Dienst in der Notfallseelsorge leidenschaftlich ausüben, werden solche Daniel-Erschütterungen nicht erspart bleiben. Aber ihnen allen gilt auch die Verheißung des Heils und der Heilung, die in dieser Daniel-Geschichte enthalten ist. Das ist die Wahrheit jener alten Daniel-Geschichte, die Wahrheit, die Sie in Ihrem Dienst in der Notfallseelsorge ständig erfahren: Gottes Stärke liegt nicht in der Gewalt, die zerstört, sondern in der Kraft, die durch den Tod hindurch trägt. Gottes Wege mit uns sind oft Wege einer solchen Daniel-Krise. Aber wie tröstlich ist es doch, dass Gottes Wege mit uns eben nicht als Sackgassen in den Krisen unseres Lebens enden. Dass sie vielmehr auf ganz geheimnisvolle Weise herausführen aus Müdigkeit und Leiden. Gottes Augen wachen über uns, auch wenn wir müde sind. Gottes Engel warten auf uns in den Krisen unseres Lebens. Ein Lächeln, das Mut macht - eine Hand, die sich dem Verzweifelten auf die Schulter legt - eine Geste, die aufmuntert, - ein Besuch, der die Einsamkeit lindert, - ein ermutigendes Wort, das neue Lebenskräfte verleiht, - das sind Spuren Gottes, Engel, die weiterhelfen, das Leben zu bestehen.
Welcher Engel wird uns sagen, dass das Leben weitergeht?
Welcher Engel wird wohl kommen, der den Stein vom Grabe hebt?
Wirst du für mich, werd ich für dich der Engel sein?
Welcher Engel wird uns zeigen, wie das Leben zu bestehn?
Welcher Engel schenkt uns Augen, die im Keim die Frucht schon sehn?
Wirst du für mich, werd ich für dich der Engel sein?
Welcher Engel öffnet Ohren, die Geheimnisse verstehn?
Welcher Engel leiht uns Flügel, unsern Himmel einzusehn?
Wirst du für mich, werd ich für dich der Engel sein? Amen.
