Liebe Gemeinde,
wem von uns fielen nicht Situationen ein, in denen er oder sie des Trostes bedürftig waren. Situationen im eigenen Leben wie auch Situationen des Sterbens, die wir miterleben mussten. Und wer von uns hätte sich nicht schon die Frage gestellt, was ihn oder sie einmal trösten wird, wenn es ans eigene Sterben geht? Wer hätte nicht schon erlebt, dass in solchen Situationen des Lebens und des Sterbens oft Trost versprochen, aber nur billige Vertröstung gewährt wurde. Vertröstung auf ein Später, auf ein Irgendwann, aufs Jenseits. Vertröstung, die das Bedrückende einer Situation klein redete oder verharmloste. Mit der dem Schmerz ausgewichen und Trostlosigkeit nicht ernst genommen wurde. Wer von uns hätte nicht schon erlebt, dass Menschen zwar des Trostes bedürftig, einem Trostwort aber nicht zugänglich waren, weil sie meinten, sich selbst trösten zu können. Weil sie hofften, sich selbst Brücken aus der Trostlosigkeit hin zu neuer Zuversicht bauen zu müssen.
Seit 450 Jahren steht die Frage „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ wie eine zusammenfassende Einleitungsfrage über diesem Katechismus, und nichts hat diese Frage von seiner drängenden Aktualität und Bedeutung eingebüßt.
Was ist mein Trost im Leben und im Sterben? Wie oft habe ich mich dies schon gefragt. Genau mit dieser Frage beginnt der Heidelberger Katechismus, der zu den wichtigen Bekenntnisschriften unserer Evangelischen Landeskirche gehört. Vor fast genau 450 Jahren erhielten die Heidelberger Theologen Ursin und Olevian von ihrem Kurfürsten Friedrich III den Auftrag, einen Katechismus für die evangelischen Gläubigen in der Kurpfalz zu verfassen. Sie gaben diesem Katechismus eine klare Gliederung. Auf jeweils eine Frage erfolgt eine kurze Antwort, die leicht auswendig zu lernen ist. So entstand mit dem Heidelberger Katechismus das heute am weitesten verbreitete, in 40 Sprachen übersetzte Lehr- und Lernbuch des Protestantismus. Ein Trost- und Gebetsbuch, ein Unterrichtsbuch für Schule und Kirche, das bis heute in vielen reformierten Kirchen der Welt Sonntag für Sonntag ausgelegt und memoriert wird. Klar gegliedert ist der Heidelberger Katechismus. In seinen 129 Fragen, von denen etliche in unserem Gesangbuch abgedruckt sind, handelt er zunächst vom Elend des Menschen, dann von seiner Erlösung, schließlich von seiner Dankbarkeit. Seit 450 Jahren steht die Frage „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ wie eine zusammenfassende Einleitungsfrage über diesem Katechismus, und nichts hat diese Frage von seiner drängenden Aktualität und Bedeutung eingebüßt.
Indem mich jemand tröstet, werde ich getrost. Indem jemand mir treu ist, das meint das Wort „Trost“ im Deutschen ursprünglich, indem mir jemand treu ist, gewinne ich jene innere Festigkeit, die mich getrost leben und auch einmal ruhig sterben lässt.
Was ist mein einziger Trost im Leben und im Sterben? Was hilft mir, mich nicht in falscher Weise vertrösten zu lassen? Wie kann ich im Leben und im Sterben jene Zuwendung und Hilfe erfahren, dass ich getrost leben und auch einmal gelassen sterben kann? Wie kann ich in schwierigen Situationen meines Lebens so ermutigt werden, dass sich Lebenszuversicht einstellt? Und wie kann ich im Sterben so getröstet werden, dass ich ein Ja zu meinem Sterben und Hoffnung auf ewiges Leben finde? Was ist mein einziger Trost im Leben und im Sterben? Wenn ich mich so frage, dann wird mir mein eigenes Elend bewusst, nämlich dass ich ein zutiefst trostbedürftiger Mensch bin. Ich kann mich nicht allein - wie Münchhausen - aus den Trostlosigkeiten meines Lebens herausziehen. Ich bin darauf angewiesen, dass sich mir jemand zuwendet mit Worten, mit Gesten, mit Berührungen. Indem mich jemand tröstet, werde ich getrost. Indem jemand mir treu ist, das meint das Wort „Trost“ im Deutschen ursprünglich, indem mir jemand treu ist, gewinne ich jene innere Festigkeit, die mich getrost leben und auch einmal ruhig sterben lässt. Wer kann mir einen solchen Trost zusprechen und mir so zum Trost im Leben und Sterben werden?
Der dreieinige Gott also, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist ist der Erlöser, der mein einziger Trost im Leben und im Sterben ist.
Der Heidelberger Katechismus gibt unter Rückbezug auf die Botschaft der Bibel eine klare Antwort. „Trost“, das ist in der Bibel ein Name Gottes. Der Prophet kann davon reden, dass Gott uns wie eine Mutter tröstet, und Paulus bezeichnet Gott als „Gott allen Trostes“. Jesus hat Menschen immer wieder getröstet, so vor allem seine Jünger in der großen Rede, die er nach dem Zeugnis des Johannesevangeliums im Abschiednehmen an sie richtete. Und den Heiligen Geist verheißt er den Seinen als den Tröster, der eben nicht vertrösten, sondern in alle Wahrheit führen wird. Der dreieinige Gott also, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist ist der Erlöser, der mein einziger Trost im Leben und im Sterben ist.
Jesus Christus bleibt mir treu - im Leben und im Sterben. Weil er gelitten hat und gestorben ist, kann er mich trösten in meinem Leiden und mir beistehen in meinem Sterben.
Diese Antwort entfaltet der Heidelberger Katechismus, indem er die Erlösung des Menschen, meine Erlösung beschreibt: Trost im Leben und im Sterben gewinne ich durch das Erlösungshandeln des dreieinigen Gottes: In seinem stellvertretenden Leiden und Sterben hat Jesus Christus am Kreuz von Golgatha für meine Sünden bezahlt und mich dadurch erlöst von der Macht der Sünde, von der Gewalt des Teufels. Ich lebe aus dem, was er für mich getan hat, lebe aus seiner Gnade. Und ich weiß: In meinem Sterben stirbt er meinen Tod mit mir. Er bleibt mir treu - im Leben und im Sterben. Weil er gelitten hat und gestorben ist, kann er mich trösten in meinem Leiden und mir beistehen in meinem Sterben.
Wenn ich mir gewiss bin, dass Gott mir treu ist, dann darf ich darauf vertrauen, dass er als mein Tröster mir wirklich alles in meinem Leben zum Besten dienen lassen will.
Die Erlösung geschieht ferner durch das bewahrende Handeln Gottes, meines Vaters, der dafür sorgt, dass ohne seinen Willen in meinem Leben nichts geschieht, und der mir hilft, alles in meinem Leben so zu verstehen, dass es mir zum Guten dient. Sogleich aber kommt meine Gegenfrage: Dient wirklich alles in meinem Leben zu meiner Seligkeit? Auch eine Krankheit, die ich nicht akzeptieren kann? Auch ein schweres Leid, das mir zugefügt wird? Wo hat das schwer zu Akzeptierende seinen Ort im Erlösungsplan Gottes für mein Leben? Niemand hat das Recht, diese Frage für mich zu beantworten. Das wäre zynisch. Aber ich darf sie für mich so beantworten wie der Heidelberger Katechismus es tut. Wenn ich mir gewiss bin, dass Gott mir treu ist, dann darf ich darauf vertrauen, dass er als mein Tröster mir wirklich alles in meinem Leben zum Besten dienen lassen will.
Der Heilige Geist ist eine tröstende Kraft in meinem Leben, die mich hinausschauen lehrt über meine begrenzten Horizonte.
Und schließlich geschieht meine Erlösung durch den Heiligen Geist, der mich zuversichtlich leben lässt, in der Hoffnung auf das ewige Leben. Er ist eine tröstende Kraft in meinem Leben, die mich hinausschauen lehrt über meine begrenzten Horizonte. Die mich hinein stellt in die Gemeinschaft der mit mir Glaubenden. Die mir hilft, der Wahrheit nicht auszuweichen. Und die mich etwas ahnen lässt vom ewigen Leben bei Gott.
Er deutet an, wie aus dem Erlösungshandeln Gottes als Antwort des Menschen Dankbarkeit resultiert, meine Dankbarkeit.
Nach dieser Darstellung des tröstenden Erlösungshandelns des dreieinigen Gottes schließt der Heidelberger Katechismus seine Antwort auf der Frage nach dem einzigen Trost im Leben und im Sterben mit einem kurzen Ausblick. Er deutet an, wie aus dem Erlösungshandeln Gottes als Antwort des Menschen Dankbarkeit resultiert, meine Dankbarkeit. Um meine Trostbedürftigkeit wissend, auf das Erlösungshandeln Gottes vertrauend und damit göttlichen Trostes gewiss bin ich fortan von Herzen bereit und willig, ihm zu leben, dem Gott, der mein einziger Trost ist im Leben und im Sterben.
Jesus Christus hat mir ein Trostangebot gemacht, indem er mein Leben und mein Sterben mit mir geteilt hat. Zu ihm gehöre ich, sein eigen bin ich.
„Was ist mein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ Dieser Frage kann ich nicht ausweichen, wenn ich nicht trostlos leben und noch trostloser sterben will. Und die Beantwortung dieser Frage hat im Letzten damit zu tun, ob ich weiß, zu wem ich im Leben und im Sterben gehöre. Nicht umsonst beginnt der Heidelberger Katechismus seine Antwort auf diese Frage mit dem Satz „dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus zu eigen bin.“ Jesus Christus hat mir ein Trostangebot gemacht, indem er mein Leben und mein Sterben mit mir geteilt hat. Zu ihm gehöre ich, sein eigen bin ich. Seine Treue tröstet mich. Deshalb können weder Engel noch Gewalten, weder geistliche oder weltliche Herren noch Mächte irgendwelche Ansprüche auf mich erheben. Christus allein, solus Christus - das ist evangelische Trostbotschaft pur. Und diese Botschaft befreit mich von allem sinnlosen Kreisen um mich selbst. Ich muss nicht mir selbst ein Tröster sein, weil ich weiß, dass ich zu dem gehöre, der mir treu ist im Leben und im Sterben: mein getreuer Heiland Jesus Christus. Amen.
