Zuspruch und Anspruch der Gnade Gottes - Predigt zur Dekanswahl in Bruchsal am 12. November 2010

Predigt über 2 Kor 6,2 (Wochenspruch) von Landesbischof Dr. U. Fischer

Heute ist ein besonderer Tag für Sie, liebe Bezirksgemeinde, denn Sie wählen heute einen Dekan. Genauer: Für nochmals 3 Jahre werden Sie - hoffentlich - den derzeit dienstältesten Dekan unserer Landeskirche in seinem Dienst bestätigen. Damit treten Sie in die letzte Phase der Bezirksstrukturreform im Landkreis Karlsruhe ein, denn zum 1. Januar 2014 werden aus den drei Kirchenbezirken in diesem Landkreis zwei gebildet. Mit der heutigen Dekanswahl gehen Sie einen Schritt hin auf die Vollendung dieser Strukturreform, und deshalb ist heute ein besonderer Tag. Als Wort der Heiligen Schrift für meine Predigt an diesem Tag habe ich den Wochenspruch für diese Woche gewählt, nicht etwa, weil ich ihn kurzschlüssig zur Deutung des heutigen Ereignisses heranziehen möchte, sondern weil er uns einfach durch den Liturgischen Kalender vorgegeben ist. Also keine vorschnellen Rückschlüsse, wenn ich nun ein Wort des Apostels Paulus aus dem 6. Kapitel seines zweiten Briefes nach Korinth lese: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“


Grundlage Eures Dienstes ist die Gnade Gottes, die Ihr nicht vergeblich empfangen habt. Grundlage Eures Dienstes ist das Heil, zu dem Jesus Christus erschienen ist.

„Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils!“ Mit diesem Ausruf der Freude ist das Vorzeichen benannt, unter dem aller Dienst in der Kirche steht, nicht nur der Dienst eines Dekans. Liebe Schwestern und Brüder, ob Ihr nun ehrenamtlich in unserer Kirche tätig seid oder beruflich, Ihr seid berufen zu einem Gnadendienst. Ihr seid berufen zu einem Dienst, in dessen Zentrum das Heil für alle Welt steht. Jeden Tag Eures Dienstes sollt und dürft Ihr euch daran erinnern: Grundlage Eures Dienstes ist die Gnade Gottes, die Ihr nicht vergeblich empfangen habt. Grundlage Eures Dienstes ist das Heil, zu dem Jesus Christus erschienen ist. Ihr seid nicht berufen zu Bedenkenträgerinnen und Sorgenmachern, sondern Ihr seid berufen als Botinnen der Gnade, als Boten des Heils. Unter diesem Zuspruch steht Euer Dienst in der „GmbH Kirche“, in der Gemeinschaft mit begründeter Hoffnung.


Der Standort unter dem Kreuz ist der Ort, der ein kirchliches Amt als wirklichen Dienst qualifiziert.

Für diesen Gnadendienst können die Worte des Apostels, die wir als Schriftlesung gehört haben und die unseren Wochenspruch weiterführen, wichtige Hilfestellungen geben. „Wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Dienst nicht verlästert wird; sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld“, schreibt Paulus. Damit erinnert er daran, dass jedes Amt in der Kirche, das Ehrenamt wie das Hauptamt wirklich ein Dienst ist. Und solch ein Dienst will wahrgenommen werden in „großer Geduld“, genauer heißt es im Griechischen: „in völligem Darunterbleiben“. Wer ein Amt in der Kirche übernimmt, muss bereit sein, darunter zu bleiben. Muss bereit sein, unter dem Kreuz Christi den eigenen Standort zu suchen. Das muss nicht nur Pfarrerinnen und Dekanen, nicht nur Bischöfinnen und Oberkirchenräten gesagt werden, sondern auch manchen Mitgliedern von Kirchengemeinderäten, die sich bisweilen eher als Aufsichtsräte denn als Menschen im Dienst der Kirche verstehen. Der Standort unter dem Kreuz ist der Ort, der ein kirchliches Amt als wirklichen Dienst qualifiziert. Das ist ein demütiger Standort. Aber auch einer, der schützt - vor eigenen Allmachtsphantasien, vor überzogenen Ansprüchen anderer und vor dem übermenschlichen Druck, sich selbst zu überfordern.


Wenn wir in unserem Dienst etwas spüren lassen von der Gnade Gottes, die wir von Gott selbst empfangen haben, dann wird unser Zeugnis nicht unglaubwürdig.

Für diesen Gnadendienst unter dem Kreuz formuliert Paulus einen Grundsatz, der bis heute an Aktualität nichts verloren hat: „Gebt in nichts irgendeinen Anstoß, damit Euer Dienst nicht verlästert wird!“ Es gibt gewiss genug Gelegenheiten, Anstoß zu nehmen am Dienst von Pfarrerinnen wie von Dekanen, von Bischöfen wie von Ehrenamtlichen. Viele dieser Gelegenheiten werden von anderen Menschen geradezu gesucht. Manche ergeben sich, weil Amtsträgerinnen und Amtsträger bestimmten bürgerlichen Vorstellungen nicht entsprechen. All die sind hier nicht gemeint. Zuerst sind wir alle, die in der Kirche ein Amt bekleiden, Botinnen der Gnade, Boten des Heils. Wenn wir in unserem Dienst etwas spüren lassen von der Gnade Gottes, die wir von Gott selbst empfangen haben, dann wird unser Zeugnis nicht unglaubwürdig. Den Zuspruch, der uns selbst gilt, den sollen wir weitergeben. Das ist der Anspruch, unter dem jedes Amt in der Kirche steht.


Doch auch heute kann es im Dienst der Kirche Nöte geben, die uns von anderen Menschen zugefügt werden - selten wohl sind es Schläge, Gefängnisse oder Verfolgungen wie zur Zeit des Paulus.

Wie Menschen im Gnadendienst der Verkündigung diesem Anspruch genügen können, verdeutlicht Paulus, indem er zunächst Leidenssituationen benennt, die er in seinem apostolischen Amt durchlitten hat. „Wir geben keinen Anstoß - in Trübsalen, in Nöten, in Bedrängnissen, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, in Hunger.“ Dieser „Leidenskatalog“ mag nicht gerade ermutigend klingen. Er beschreibt auch nicht den Alltag unserer Gemeinden. Doch auch heute kann es im Dienst der Kirche Nöte geben, die uns von anderen Menschen zugefügt werden - selten wohl sind es Schläge, Gefängnisse oder Verfolgungen wie zur Zeit des Paulus. Aber wer wüsste nicht zu berichten von Verunglimpfungen, denen Mitarbeitende der Kirche ausgesetzt sein können und die zu großen Belastungen führen? Und wer wüsste nicht um die Nöte, die Mitarbeitende plagen können, wenn sie um des Evangeliums willen der öffentlichen Meinung widersprechen müssen und dafür auf wenig Verständnis stoßen? Oder wenn Konflikte eskalieren und sich auswirken bis in die Familien hinein, wenn psychische Belastungen so stark werden, dass sie krank machen?

Ja, jene, die zu einem Dienst in seiner Kirche berufen werden, lässt Gott nicht alleine. Er rüstet sie zu, indem er ihnen Kräfte des heiligen Geistes schenkt.

Was gibt Kraft, diese aus dem kirchlichen Amt resultierenden Mühen auszuhalten? Genau darauf gibt Paulus eine Antwort, wenn er beschreibt, wie Menschen für den Gnadendienst von Gott selbst zugerüstet werden. „Wir geben keinen Anstoß - in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, im Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken.“ Ja, jene, die zu einem Dienst in seiner Kirche berufen werden, lässt Gott nicht alleine. Er rüstet sie zu, indem er ihnen Kräfte des heiligen Geistes schenkt. Charismen nennen wir sie. Und diese Geistesgaben können ganz verschiedene sein. Lauterkeit, Erkenntnis, Langmut, Freundlichkeit und ungefärbte Liebe nennt Paulus - und bis heute sind dies gewiss nicht die schlechtesten Gaben, mit denen Menschen in ihrem kirchlichen Amt ausgestattet sein sollten. Andere Gnadengaben wären zu ergänzen: Menschenfreundlichkeit, Organisationstalent, Begabung zur lebendigen Verkündigung, auch das Charisma der Sitzungsleitung ist nicht zu verachten. Menschen, die in den Dienst der Kirche berufen werden, werden von Gott selbst mit vielfältigen Begabungen für diesen Dienst ausgerüstet, so dass sie diesen Dienst kraftvoll ausüben können. Dabei sollen wir aber nie vergessen: Nicht unsere eigene Überzeugungskraft ist es, die unserem Dienst Kraft schenkt. Unsere Überzeugungskraft ist eine uns von Gott geschenkte Kraft.


Alle, die den Gnadendienst in der Kirche übernehmen, haben Anteil an der Zweideutigkeit des Kreuzes Christi. Gnade gibt es eben nicht in ungebrochenem Glanz, wie es auch die Auferstehung nicht ohne das Kreuz gibt.

Die Ausstattung mit Gottes Gnadengaben lässt uns dann auch all jene Zwiespältigkeiten und Zerrissenheiten aushalten, die Paulus im Schlussteil des Briefabschnitts eindrucksvoll beschreibt. „Wir geben keinen Anstoß - in Ehre und Schande, in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer, und doch wahrhaftig; als Unbekannte und doch bekannt; als Sterbende, und siehe, wir leben; als Gezüchtigte, und doch nicht getötet; als Traurige, aber allezeit fröhlich; als Arme, die doch viele reich machen; als solche, die nichts haben, und doch alles haben.“ Widersprüche des Lebens zählt Paulus auf, als wollte er uns einbläuen: Wer eintritt für das Evangelium, kann auf Eindeutigkeit im Dienst nicht hoffen. Alle, die den Gnadendienst in der Kirche übernehmen, haben Anteil an der Zweideutigkeit des Kreuzes Christi. Gnade gibt es eben nicht in ungebrochenem Glanz, wie es auch die Auferstehung nicht ohne das Kreuz gibt. Das Triumphlied der Gnade ist ein Trotzlied des Glaubens. Gnade hat die Form des „Trotzdem“. Der Außenansicht des Lebens, die oft sehr unansehnlich ist, wird mit einem mutigen „Trotzdem“ eine Innenansicht des Glaubens entgegen gestellt, die von der Fülle göttlicher Gnade zu reden weiß. Wir haben an der Herrlichkeit der Auferstehung Christi nur Anteil, wenn wir auch Anteil haben an seinem Kreuz. Wann könnten wir dies deutlicher erleben als in diesen letzten Wochen des Kirchenjahres, in denen wir
angesichts der Erfahrungen von Vergänglichkeit von Gottes ewigem Leben zu reden haben,
angesichts der Notwendigkeit von Buße in unserem Leben von Gottes Gnadenwillen,
angesichts des Unfriedens in der Welt von Gottes Frieden.
Wir sind in einen Dienst berufen, in dem wir im Vertrauen auf Gottes Gnade Spannungen ertragen und in allem Belastenden seine Kraft erfahren können.


Als Christenmenschen aber müssen wir aushalten, dass die Sicht der Welt auf das Leben oftmals eine andere ist als die Sicht des Glaubens.

Zum Schluss nehme ich die Eingangfrage noch einmal etwas verändert auf: Was macht den Gnadendienst in der Kirche glaub-würdig? Wohl nicht der Glanz des Dienstes, auch der äußerliche Erfolg besonders Leistungsstarker. Alle, die im Gnadendienst des Evangeliums stehen, haben teil an der Zweideutigkeit des Kreuzes Christi. Die Sehnsucht nach Eindeutigkeit ist groß in einer Zeit zunehmender Unübersichtlichkeit. Als Christenmenschen aber müssen wir aushalten, dass die Sicht der Welt auf das Leben oftmals eine andere ist als die Sicht des Glaubens. Nicht die Auflösung dieser Widersprüche macht unseren Dienst glaub-würdig. Glaub-würdig ist dieser Dienst, wenn wir alle, die ihn wahrnehmen, den Widersprüchlichkeiten dieses Dienstes ehrlich begegnen, sie kraftvoll aushalten und überwinden. „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ Das ist jubelnd ausgerufen über unserem Dienst. Welch ein Zuspruch! Aber Gottes Gnade ist keine billige Gnade, sie ist in den Schwachen mächtig. Welch ein Anspruch!
Amen.