„Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“ - Kantatengottesdienst zum Reformationsfest 2010 in der Stiftskirche Mosbach; J.S.Bach Kantate BWV 31.10.2010

Predigt über die Kantate BWV 126 von Landesbischof Dr. U. Fischer

Liebe Gemeinde,
mit der Kantate „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“ von Johann Sebastian Bach werden wir an diesem Reformationsfest mitten hineingeführt in die dramatische Entstehungsgeschichte des Protestantismus. Am 31. Oktober 1517 hatte Martin Luther mit dem Anschlag seiner 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg ein Zeichen gesetzt. Schnell verbreiteten sich Luthers Thesen und seine reformatorischen Erkenntnisse im ganzen Reich. Im Jahr 1520 verfasste Martin Luther seine bedeutendsten theologischen Schriften wie die „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, im Jahr 1521 entwickelte Philipp Melanchthon den ersten evangelischen Katechismus, im selben Jahr verteidigte Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms seine Lehre mutig vor Kaiser, Königen und Fürsten. Anschließend übersetzte er während seines Zwangsaufenthalts auf der Wartburg das Neue Testament in die deutsche Sprache. Die ersten Reichsstädte und Fürstentümer schlossen sich in den kommenden Jahren der evangelischen Lehre an.

… unsere menschlichen Möglichkeiten des Friedensstiftens bedürfen immer des Beistandes Gottes. „Es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine.“

Die Sache der Evangelischen fand immer mehr Anhänger. Da drohte der neuen Lehre eine doppelte Gefahr: Kaiser Karl V. hatte Frankreich besiegt und konnte sich nun dem Kampf gegen die Evangelischen widmen. Auf dem Reichstag zu Speyer erreichte im Jahr 1529 die Bedrohung der Evangelischen ihren Höhepunkt. Jedem, der sich zur neuen Lehre hielt, wurde die Reichsacht angedroht. Das bedeutete Lebensgefahr für alle, die sich Luthers Lehre anschlossen. Die evangelischen Fürsten verließen den Speyerer Reichstag unter Protest. Daraufhin erhielten die Evangelischen den Ehrennamen „Protestanten“. Zugleich mit der zunehmenden Bedrohung durch den papsttreuen Kaiser wuchs eine andere Gefahr. Im Jahr 1528 starteten die Türken eine Großoffensive gegen das christliche Abendland. Im Jahr 1529 lagen sie vor Wien. In dieser Situation rief Martin Luther in seiner Schrift „Vom Krieg wider die Türken“ zu bewaffnetem Widerstand auf. Und er übersetzte die altkirchliche Litanei „da pacem domine“ ins Deutsche. So entstand das Lied „Verleih uns Frieden gnädiglich“, das seit den Zeiten der Reformation von der evangelischen Christenheit gesungen wird. Dieses Lied hat im Laufe der Jahrhunderte eine grundlegende Wandlung durchgemacht. Längst ist es kein antitürkisches Kampflied mehr. In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde es zu einem der wichtigsten Lieder der Friedensbewegung, und heute wird es oft gesungen, wenn Glocken zu Friedensgebeten rufen oder wenn Kriegsgefahr unsere Welt bedroht. Es erinnert uns immer wieder daran, dass wir Menschen es nicht selbst in der Hand haben, Frieden auf Erden zu stiften. Dass unsere menschlichen Möglichkeiten des Friedensstiftens immer des Beistandes Gottes bedürfen. „Es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine.“

Mit den zwei Strophen dieses Liedes endet die Kantate, die heute in diesem Gottesdienst erklingt. Um den übrigen Teil der Kantate verstehen zu können, müssen wir aber nochmals eintauchen in die Zeit der Reformation. Die Türkengefahr war keineswegs gebannt. Nach der Niederlage König Ferdinands, des Bruders, von Kaiser Karl V., erstarkten die Türken im Jahr 1541 wieder. Als im Jahr 1542 das Gerücht von neuen türkischen Angriffsplänen die Runde machte, verfasste Martin Luther eine „Vermahnung zum Gebet wider den Türken“ und er dichtete das Lied, das zum berühmtesten und zugleich berüchtigsten Lied der Reformationszeit wurde „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“. Die Eingangsstrophe dieses Liedes lautete damals:
Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort
und steu’r des Papsts und Türken Mord,
die Jesum Christum, deinen Sohn,
stürzen wollen von seinem Thron.


Nicht die Angst vor einer militärischen Niederlage führte seine Feder, sondern die Sorge, dass in dieser kritischen Situation der Weltgeschichte Gottes Wort zu Fall kommen und Christus von seinem Thron gestoßen werden könnte.

Diese scheinbar blutrünstig klingenden Zeilen sind einerseits Ausdruck der großen Verzweiflung, die Martin Luther zu jener Zeit durchlitt. Andrerseits würden wir sie völlig missverstehen, wenn Luther hier seine Hoffnung auf eine militärische Niederlage der Türken hätte ausdrücken wollen. Nicht die Angst vor einer militärischen Niederlage führte seine Feder, sondern die Sorge, dass in dieser kritischen Situation der Weltgeschichte Gottes Wort zu Fall kommen und Christus von seinem Thron gestoßen werden könnte. Luther stellte sich die Frage: Wer ist der wahre Gott? Wer ist der Herr der Welt - Christus oder Mohammed? Die Ehre Gottes stand für Luther auf dem Spiel. Sie darf nicht untergehen auf Erden. Sie darf nicht zerstört werden - weder durch Feinde von außen noch durch eine in sich zerrissene Christenheit. Darum die Bitte, die wir eben in der Kantate hörten: „Gib dein’m Volk einerlei Sinn auf Erd!“ Luther sah die Christenheit seiner Zeit in Unglauben und Gleichgültigkeit versunken. Das einzige, was helfen konnte, war für ihn das einfältige Gebet zu Gott. In einem seiner Tischgespräche sagte Luther im Jahr 1542: „Betet! Denn es besteht keine Hoffnung mehr auf die Waffen, sondern nur noch auf Gott. Wenn den Türken jemand soll Widerstand tun, so werden’s die armen Kinderlein tun, die beten das Vaterunser.“ So ist das Lied „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“ letztlich ein einziger Gebetsschrei angesichts tödlicher Bedrohung.


Umso wichtiger ist es, dass der Kampf gegen die Feinde dann einmündet in die an Gott gerichtete Bitte, seinem Volk Frieden zu schaffen in einem geruhsamen und stillen Leben unter dem Schutz der Obrigkeit.

Dieses Lied wurde schon bald nach Luthers Zeit mit jenem anderen „Verleih uns Frieden gnädiglich“ zu einem siebenstrophigen Lied verbunden. Dieses Lied bildete dann auch die Vorlage für Johann Sebastian Bachs Kantate, die fast genau 200 Jahre nach Luthers Lieddichtung entstand. Die Strophen 1, 3, 6 und 7 dieses Liedes übernahm Bach unverändert in seine Kantate, die Strophen 2, 4 und 5 in einer umgedichteten Fassung. Das Kämpferische der beiden alten Luther-Lieder hat Bach musikalisch eindrucksvoll umgesetzt. So klingt die Arie des Tenors, die wir eben gehört haben, wie ein eindringliches Gebet, das in seiner virtuosen Gestaltung etwas von der Aufregung widerspiegelt, welche die Bedrohung durch Feinde bei den Gläubigen erzeugt. Und gleich nach meiner Predigt werden wir in der Bass-Arie hören, wie in abwärts rasenden Tonleiterpassagen des Cellos der Absturz der Feinde geradezu herbeigefleht wird. Umso wichtiger ist es, dass der Kampf gegen die Feinde dann einmündet in die an Gott gerichtete Bitte, seinem Volk Frieden zu schaffen in einem geruhsamen und stillen Leben unter dem Schutz der Obrigkeit.
Wenn wir nun am Reformationsfest des Jahres 2010 die Kantate von Johannes Sebastian Bach mit der Vertonung der beiden „Türkenlieder“ Martin Luthers hören, dann ist unsere Situation doch eine völlig andere und doch ist sie in manchem gleich: Wir sind nicht bedroht durch feindliche Mächte, die mit militärischer Gewalt evangelischen Glauben ersticken wollen. Auch droht uns keine Türkengefahr, selbst wenn Herr Sarrazin dies behauptet. Die Frage, ob Christus oder Mohammed Herr der Welt ist, dürfen und können wir nicht anders entscheiden, als dass wir in einen Dialog mit dem Islam eintreten, bei dem wir dann allerdings das Bekenntnis zu Jesus Christus als unserem Herrn nicht verschweigen dürfen. Und der Papst? Er ist nicht der uns bedrohende Antichrist, den wir als Feind betrachten müssten, auch wenn wir schon ökumenisch besser gesonnene Päpste als den jetzigen hatten. Also die Situation des Jahres 2010 ist unvergleichlich zu jener Bedrohungssituation, die Martin Luther erlebte und in seinen Liedern reflektierte.


„Insofern droht eine Gefahr für unsere Kirche von Innen. Auch ist es nicht leicht, heute die äußeren Feinde des Christentums klar zu identifizieren: Sie kommen oft daher im Gewand der Gleichgültigkeit, seltener - aber zunehmend - auch im Kleid eines immer aggressiver werdenden Atheismus.“

Und dennoch ist nicht zu bestreiten, dass evangelischer Glaube, besser sollte ich heute in ökumenischer Verbundenheit sagen: christlicher Glaube, gefährdet ist. Besondere Glaubenskraft zeichnet unsere Kirchen ganz gewiss nicht aus. Auch gibt die Christenheit kein eindrucksvolles Bild besonderer Geschlossenheit ab. Insofern droht eine Gefahr für unsere Kirche von Innen. Auch ist es nicht leicht, heute die äußeren Feinde des Christentums klar zu identifizieren: Sie kommen oft daher im Gewand der Gleichgültigkeit, seltener - aber zunehmend - auch im Kleid eines immer aggressiver werdenden Atheismus. Mancher Feind christlichen Glaubens hüllt sich auch gern in das moderne Gewand einer puren Weltlichkeit, die meint, auf Gott gänzlich verzichten zu können. In einer solchen Situation hat die Bitte „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“ eine besondere Aktualität.
Wir dürfen als Kirchen der Reformation nicht meinen, die Sicherung gegen Feinde des Glaubens könnten wir in irgendeiner Weise mit Gewalt erreichen, wie überhaupt Friedensstiftung nicht vorrangig eine Sache militärischer Macht sein kann.
Wir dürfen als Kirche nicht meinen, Rettung angesichts des Bedeutungsschwunds christlichen Glaubens bestünde in jenem falschen Frieden mit der Welt, der durch hemmungslose Anpassung an jeweilige Moden des Zeitgeistes gelänge.


Woher soll denn begründete Hoffnung erwachsen, wenn nicht aus dem Wort Gottes: „Siehe, ich mache alles neu“?

Nein: „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort!“ Das gilt auch heute. Aus nichts anderem kann christlicher Glaube seine Kraft schöpfen als aus dem Hören auf das Wort, das wir uns eben nicht selbst sagen können. Nichts braucht unsere Welt mehr, als dass sie herausgerissen wird aus ihrem ewigen Selbstgespräch, aus ihrem ständigen Kreisen um sich selbst.
Woraus soll denn Lebenszuversicht erwachsen, wenn nicht aus dem befreienden Wort Gottes: „Ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“?
Woher soll denn Orientierung erwachsen, wenn nicht aus dem Wort Gottes, das er in Jesus Christus zu uns spricht: „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen“?
Woher soll denn begründete Hoffnung erwachsen, wenn nicht aus dem Wort Gottes: „Siehe, ich mache alles neu“?
Neu daran zu erinnern, in welcher Weise das Wort Gottes unserem Leben Halt, Orientierung und Zukunft gibt, dazu war die Reformation der Kirche notwendig. Uns erneut daran zu erinnern, feiern wir das Reformationsfest. Uns erneut daran zu erinnern, hören wir Bachs wunderbare Musik nach Worten Martin Luthers: „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort.“
Amen.