Liebe Schwestern und Brüder,
im Melanchthonjahr 2010 eine Melanchthonkirche nach umfangreicher Renovierung wieder einweihen zu können, ist schon etwas Besonderes. Mit der Wiedereinweihung der hiesigen Melanchthonkirche setzen wir 450 Jahre nach dem Tod des großen Reformators und Humanisten nochmals einen Akzent in diesem Jahr des Gedenkens. Und wir tun es einen Tag vor dem Reformationsfest, an dem wir in besonderer Weise an das Werk der Reformation erinnern. In den Worten Philipp Melanchthons lautet die reformatorische Botschaft kurz und markant: „Das heißt Christus erkennen: seine Wohltaten erkennen.“ Zu den Wohltaten Christi gehört vor allem all das, was in unseren Kirchen von ihm gepredigt und verkündigt, erfahren und gespürt wird. Darum im Letzten bauen und renovieren wir Kirchen, um sie zu Orten zu machen, an denen wir die Wohltaten Christi erkennen können. Als Ort der Wohltaten Christi weihen wir Ihre Kirche in Helmsheim heute ein. Als einen Ort, an dem wir in besonderer Weise hören und erfahren können, wie gut Gott es mit uns meint.
„Wir haben nachempfinden können, wie der Beter im Hause Gottes gestärkt wird, um von einer Kraft zur anderen zu wandern.“
Als einen Ort der Wohltaten Gottes hat schon das Volk Israel seinen Tempel von Jerusalem verstanden. Vorhin haben wir den 84. Psalm miteinander gebetet, dieses Liebeslied des Gottesvolkes für den Tempel, diesen Ort der Wohltaten Gottes. Wir haben der Sehnsucht des Beters nachgespürt, seiner Sehnsucht nach der Gegenwart Gottes, in der er sich geborgen fühlt wie ein Vogel im Nest. Wir haben die wunderbaren Bilder vor Augen gemalt bekommen vom Segen Gottes, der gut tut wie Frühregen. Wir haben nachempfinden können, wie der Beter im Hause Gottes gestärkt wird, um von einer Kraft zur anderen zu wandern. Wir haben gehört, wie er im Tempel Gott selbst schauen möchte und wie er ihn lobt: „Gott der Herr ist Sonne und Schild.“
„Und allmählich setzt sich auch unter uns Evangelischen die Erkenntnis durch, dass wir Menschen Orte brauchen, an denen wir uns der Nähe Gottes in besonderer Weise vergewissern können.“
Welch eine Liebe zum gottesdienstlichen Raum spricht aus diesen Worten des Psalmisten! Welch eine Sehnsucht - Sehnsucht nach der wohl tuenden Gegenwart Gottes, in der sich der Beter geborgen fühlt wie ein Vogel im Nest. Katholische Ohren haben solche Worte immer schon gern gehört, denn die Achtung des gottesdienstlichen Raumes war stets ein wichtiges Kennzeichen katholischer Frömmigkeit. Wir Protestantinnen und Protestanten dagegen haben ja so unsere Mühe mit dem Gedanken, dass es heilige Orte gibt. Aber das hatten die Psalmisten nicht, wenn sie den Tempel von Jerusalem in ihren Liedern besangen. Und allmählich setzt sich auch unter uns Evangelischen die Erkenntnis durch, dass wir Menschen Orte brauchen, an denen wir uns der Nähe Gottes in besonderer Weise vergewissern können. Auch im evangelischen Bereich wurden der gottesdienstliche Raum und seine Bedeutung für uns Menschen inzwischen wieder entdeckt. Und so klingt auch protestantischen Ohren gar nicht mehr so fremd, was der Psalmbeter hier ausspricht.
„In solchen Kirchenräumen berührt uns ein himmlisches Geheimnis, das uns ahnen lässt, dass wir mit unseren Ängsten und Nöten nicht allein gelassen sind vom ewigen Gott.“
Es gibt eben Kirchenräume, die so etwas sind wie wohl tuende, heilige Lebensräume. Ohne Äußerlichkeit, ohne die Entäußerung in Räume und Zeiten, in Formen und Formeln kann auch evangelischer Glaube nicht gedeihen, will er nicht zu einem bloß innerlichen Kuscheleckenglauben verkommen. Auch der evangelische Mensch baut sich eben nicht nur von innen nach außen, er wird auch von außen nach innen gebaut. Und für diese Erbauung von außen nach innen haben Kirchengebäude eine besondere Bedeutung. Kirchenräume bauen durch ihre Aura an der Innerlichkeit unseres Glaubens. In solchen Kirchenräumen berührt uns ein himmlisches Geheimnis, das uns ahnen lässt, dass wir mit unseren Ängsten und Nöten nicht allein gelassen sind vom ewigen Gott. In solchen Kirchenräumen fühlen wir uns geborgen. Sie vermitteln uns etwas von den Wohltaten Christi. Wenn wir dort Gottesdienst feiern, erfahren wir diesen Raum irgendwie als einen Raum, von dem wir - wie Jakob - sagen: „Hier ist nichts anderes als Gottes Haus und hier ist die Pforte des Himmels“.
„Ein Kirchenraum als Lebensraum der vielen Generationen vor mir ist ein durchbeteter und durch das Gebet geheiligter Raum. Ich höre, wie der Kirchenraum mir erzählt von den vielen Generationen der Gläubigen vor mir, mir erzählt von der Geschichte Gottes mit ihnen, erzählt von den vielen Wohltaten Christi, die das Leben Gläubiger reich gemacht haben.“
Wenn ich einen Kirchenraum betrete, betrete ich den Lebens- und Glaubensraum vieler Generationen vor mir. Dann kommen mir Menschen in den Sinn, die diesen Kirchenraum mit ihren Gebeten und Gesängen, mit ihren Tränen und ihrem Dank gefüllt haben. Ich frage mich:
Wie viele Generationen von Menschen haben in dieser Kirche schon einen Ort der Stille gefunden?
Wie viele Menschen haben in dieser Kirche schon geklagt angesichts einer Not, die sie betroffen hat?
Wie viele Menschen haben Geborgenheit gefunden in der Weite des Kirchenraumes?
Wie oft wurde Gottes Wort tröstend Menschen zugesprochen, die an diesem Ort ihrer Verstorbenen gedachten - oder Mut machend und wegweisend jungen Eltern, die ihre Kinder zur Taufe brachten?
Wie oft baten Ehepaare hier um Gottes Segen für ihren gemeinsamen Lebensweg?
Wie oft wurden Menschen hier an ihre Taufe erinnert?
Wie oft haben Menschen in diesem Kirchenraum Gott danken können nach Bewahrung in schwerer Not, zurückschauen dürfen auf lange Wegstrecken des Lebens?
Ein Kirchenraum als Lebensraum der vielen Generationen vor mir ist ein durchbeteter und durch das Gebet geheiligter Raum. Ich höre, wie der Kirchenraum mir erzählt von den vielen Generationen der Gläubigen vor mir, mir erzählt von der Geschichte Gottes mit ihnen, erzählt von den vielen Wohltaten Christi, die das Leben Gläubiger reich gemacht haben.
„Und während ich auf das Kreuz schaue, denke ich daran, dass an diesem Kreuz ein Mensch für mich gestorben ist, dass er für mich auf sein einmaliges, unersetzliches Leben verzichtet hat.“
Und dann fällt mein Blick auf das Kreuz im Altarraum, das diese Kirche als einen christlichen Gottesdienstraum ausweist. Und ich erinnere mich an Christi Wohltaten, die er durch seinen Tod am Kreuz für mich erworben hat. Und während ich auf das Kreuz schaue, denke ich daran, dass an diesem Kreuz ein Mensch für mich gestorben ist, dass er für mich auf sein einmaliges, unersetzliches Leben verzichtet hat. Bilder tauchen in mir auf, wenn ich das Kreuz betrachte: Bilder aus dem Fernsehen, aus der Zeitung. Bilder geschundener Frauen im Kongo, Bilder der verzweifelten Überlebenden von Pakistan, Bilder von blutenden, ausgelieferten, hungernden Menschen - und ich weiß, dass ich Christus nicht von ihnen trennen kann. Und ich weiß auch, dass in diesem Kreuz aller Schmerz und Kummer einen Ausdruck findet, den ich bei anderen Menschen und bei mir selbst erlebe. Und ich finde Trost bei dem Gedanken, dass dieser am Kreuz „für mich“ Gestorbene ein Bruder wurde den Geschundenen und Verzweifelten, und auch den Toten. Ganz nahe ist er mir in den Fragen und Tiefen meines Lebens, ganz nahe allen, deren Lebenspläne durchkreuzt werden. So erfahre ich die Kirche als Ort, an dem mir die Wohltaten Christi förmlich auf den Leib rücken.
„Kirchen als wohltuende Orte sind nicht zu trennen von der Welt.“
Kirchenräume sind Räume der Wohltaten Christi - für uns wie vor uns schon für viele Generationen von Gläubigen. Zugleich sind Kirchen keine von der Welt abgeschlossenen Räume. Kirchen als wohltuende Orte sind nicht zu trennen von der Welt. Kirchen haben Fenster - Fenster hin zur Welt. Und ihre Türen sind Durchgänge hin zur Welt mit ihrem Alltag. Darum gehören die Nöte der Welt auch hinein in den Kirchenraum. Wenn wir in einer Kirche Geborgenheit in der Nähe Gottes erfahren haben, dann können und dürfen wir uns nicht abschirmen vom Alltag der Welt mit seinen Freuden und Nöten. Dann können und dürfen wir uns der Verantwortung für die Not anderer nicht entziehen. Darum gehören das Beten und das Tun des Gerechten (Bonhoeffer) so untrennbar zusammen. Die Verantwortung für Not leidende Menschen gehört in den Kirchenraum, auf den Altar Gottes. Die Verantwortung für Menschen, die sich in unserem Land nach Geborgenheit und Heimat sehnen. Für entwurzelte Menschen in unseren Städten. Für Asyl suchende Menschen, die in ständiger Angst vor Abschiebung leben müssen. Für verarmte Menschen, die nicht mehr mithalten können mit den Anforderungen unserer Gesellschaft und für die soziale Sicherungen nicht mehr greifen. Auch für sie muss Platz sein im Haus Gottes. Auch sie sollen hier die Wohltaten Christi erfahren.
„Und wenn wir unsere Kirchentüren öffnen für die Nöte der Welt, werden von unseren Gottesdiensten Gottes heilende Kräfte hineinwirken in unseren Alltag.“
Wenn wir die Nöte der Welt hinein nehmen in den Kirchenraum, dann erhält der Gottesdienst Bedeutung als Versammlung, Feier und Gebet der von Nöten Bedrohten und aus Nöten Bewahrten. Und wenn wir unsere Kirchentüren öffnen für die Nöte der Welt, werden von unseren Gottesdiensten Gottes heilende Kräfte hineinwirken in unseren Alltag. Darum gehören zum Haus Gottes auch seine offenen Türen. Darum ist es wichtig, die Türen der Kirche hin zur Welt zu öffnen - und dies nicht nur symbolisch sondern ganz real. Warum könnten nicht auch die Türen unserer evangelischen Kirchen unter der Woche offen stehen für Menschen, die wohl Tuendes für ihr Leben suchen? Welch ein Zeugnis für die Welt wäre es, wenn Menschen die Möglichkeit hätten, während der Woche in den Kirchen zu beten, Gott zu loben, fürbittend Kerzen für andere zu entzünden oder ganz einfach diese Kirche als einen Ort der Stille zu erfahren - als einen Ruhepunkt für ihre Seele in der Unrast des Lebens, als einen bergenden Lebensraum zum Aufatmen.
Das also ist der Auftrag und die Verheißung an uns, dass unsere Kirchen Orte der Wohltaten Christi werden für die vielen, die auf der Suche sind. Mögen sie in unseren Kirchen das erfahren, was ich kürzlich so in Worte gefasst fand:
Die Räume, die du uns gegeben,
grenzt deine Liebe für uns ein.
Wir dürfen weit in ihnen gehen
und immer noch geborgen sein.
Amen.
