Die Evangelische Landeskirche „beugt sich unter die Schuld der Christenheit am Leiden des jüdischen Volkes“, so, liebe Gemeinde, steht es in der Grundordnung unserer Landeskirche. Das ist ein Bekenntnis der Schuld und eine Verpflichtung zugleich. Heute beugen wir uns unter eine konkrete Schuld, derer wir gedenken: Trotz aller Verfolgung hatten die etwa 6.500 badischen und saarpfälzischen Jüdinnen und Juden vor 70 Jahren mit einer Deportation nicht rechnen können. Am frühen Morgen des 22. Oktobers 1940 klingelte es an ihren Türen. Ohne Vorwarnung wurden sie aufgefordert, sich innerhalb weniger Stunden reisefertig zu machen. 20 - 50 kg Gepäck durften sie mitnehmen und 100 Reichsmark. Sie wurden zu Sammelplätzen gebracht und in neun Sonderzüge gesetzt. Am helllichten Tag, vor aller Augen rollten die Züge aus badischen und pfälzischen Bahnhöfen in Richtung Entmenschlichung und Tod. Der teuflische Plan von einem „judenreinen“ Deutschland wurde zur schwersten Schuld und zum dunkelsten Kapitel unserer Geschichte.
"Die Erde von Gurs bleibt getränkt von den Tränen des Leides irdischen Daseins"
Zielort der Deportation war der Ort Gurs in Südwestfrankreich - unweit des Wallfahrtsortes Lourdes am Fuß der Pyrenäen. Dieser Ort war eigentlich ein Lager für Flüchtlinge aus dem spanischen Bürgerkrieg. Das Lager bestand aus 380 Baracken, die weder über sanitäre Anlagen noch Trennwände verfügten. In jeder Baracke waren 50 bis 60 Menschen untergebracht. Über die Zustände in diesem Lager berichtet eine Überlebende von Gurs, Gertrud Hamman, die später in der Leitung der Frauenarbeit unserer Landeskirche tätig war, folgendes: Als die Transporte ankamen, gab es nicht einmal Strohsäcke. „In aller Eile musste Stroh herbei gebracht werden für die erste Nacht. Es gab nicht ausreichend für alle, alles geschah überstürzt! - wir durften nicht zupacken, mussten tatenlos dem Treiben zusehen. Das Gepäck dieser Menschen wurde auf der Straße aufgestapelt. Völlig durchnässt waren einige Koffer und Taschen beschädigt…Schneeregen in der Nacht tat dann noch das Seine….Bestürzt sahen wir die müden, erschöpften Gestalten: Alte und Jüngere, Kinder - ein Bild des Jammers... Da erfuhren wir, woher sie kamen: aus Baden - aus meiner Heimat! Tagelang hatte man sie per Bahn hin- und hergefahren, weil das Aufnahmeland, Frankreich, selber überrascht wurde und nicht wusste, wohin die Tausenden von Deutschland ausgesetzten Menschen hinzubringen sind…Einige der Ankömmlinge mussten sofort in die Sanitätsbaracke gebracht werden. Nachtwachen wurden nötig. Es fehlte an Medikamenten, eigentlich an allem! Wenige Tage danach brach eine Ruhrepidemie aus, die viele der geschwächten Leute dahinraffte. Ein erschütterndes Bild, wenn wieder ein Sarg aus den Baracken weggetragen wurde…Die Beteiligung an einer Beerdigung war nicht genehmigt, teilweise war erst hinterher zu erfahren, wer aus der Baracke getragen wurde…Die Erde von Gurs bleibt getränkt von den Tränen des Leides irdischen Daseins.“
Einen Eindruck von den unglaublichen Zuständen im Lager Gurs vermitteln auch die Bilder von Lou Albert-Lasard, die derzeit in der Krypta der Stadtkirche ausgestellt sind: In einem Kommentar zu den Bildern ist zu lesen: „Was an dem Lagerleben für mich unerträglich war, war weder der Strohsack, noch die unzureichende Ernährung, noch der Schlamm an den Regentagen, noch auch das tatsächlich penible Zusammenleben mit sechzig Frauen, auch nicht der überall sichtbare Stacheldraht - es war die völlige Aussichtslosigkeit.“ Ja, es war ein fürchterliches Leiden und ein großes Sterben in Gurs. Im ersten Winter starben weit über 1000 Menschen. Einem Teil der Deportierten gelang es, bis Sommer 1942 legal auszuwandern oder aus dem Lager zu fliehen. Für die meisten aber begannen im Frühjahr 1942 die Deportationen in die Vernichtungslager des Ostens, wo fast alle den Tod fanden.
"Hier wurden Menschen nicht nur ihrer Heimat beraubt, sie wurden in teuflischer Absicht herausgerissen aus ihrer Glaubensgeborgenheit."
Die Deportation nach Gurs fand statt inmitten der jüdischen Laubhüttenfestwoche - ein Datum mit besonders grausamer symbolischer Bedeutung. Hier wurden Menschen nicht nur ihrer Heimat beraubt, sie wurden in teuflischer Absicht herausgerissen aus ihrer Glaubensgeborgenheit. Das Laubhüttenfest ruft dem Gottesvolk sein Unterwegssein in Erinnerung. Es erinnert an den Freiheitsweg des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten ins verheißene Land. In diese Verheißungswelt hinein setzte das nationalsozialistische Regime seinen Vernichtungswillen. So sollte der jüdischen Glaubensexistenz der Todesstoß versetzt werden.
Wir beugen uns unter die Schuld
Wir beugen uns unter die Schuld der Christenheit am Leiden des jüdischen Volkes, denn vor 70 Jahren versuchten nur wenige zu helfen, so Hermann Maas, der Heidelberger Pfarrer und „stadtbekannte Judenfreund“. Aber auch er bekannte später: Wir konnten nicht mehr helfen, „der Wagen rollte schon, von einem satanischen System…in Gang gehalten. In einer Apotheke verschafften wir uns stark abführend wirkende Medikamente, die wirkten und halfen da und dort in einigen Fällen. ‚Nicht transportabel’ war dann das rettende Urteil.“ Im Rückblick schreibt Hermann Maas: „Wir hätten aufschreien und immer wieder unser Leben und unsere Freiheit wagen müssen. Wir können uns nicht entschuldigen, wir müssen uns anklagen, wir klagen uns an.“
Wir beugen uns unter die Schuld der Christenheit am Leiden des jüdischen Volkes und hören Worte aus dem 6. Kapitel des Epheserbriefes: „Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag Widerstrand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt. So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit, und an den Beinen gestiefelt, bereit einzutreten für das Evangelium des Friedens. Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen, und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.“
Realistisch beschreibt der Verfasser des Epheserbriefes die Waffenrüstung eines römischen Legionärs seiner Zeit mit fünf Defensivwaffen - Gürtel und Panzer, Stiefel, Schild und Helm - sowie einer Angriffswaffe, dem Schwert. Diesen Waffen ordnet er Geistliches zu:
Die Wahrheit, an der Gott seinem Volk Anteil gibt,
die Gerechtigkeit, die jedem Menschen widerfahren soll,
das Evangelium des Friedens, das Christen und Juden unter der Verheißung eines Friedensfürstes zusammenschließt,
der Glaube an Gott, der sein Volk durch alle Zeiten geleitet,
das Heil, das Juden wie Christen verheißen ist,
und das Wort Gottes, das schärfer ist als jedes zweischneidige Schwert.
So macht der Verfasser des Epheserbriefes aus der Furcht erregenden Waffenrüstung des römischen Soldaten die geistliche Waffenrüstung eines Christenmenschen.
"Die Kirche war vor 70 Jahren nicht eingestellt auf einen Kampf gegen ein satanisches System. Sie konnte dem teuflischen Plan von einem „judenreinen“ Deutschland nicht wirksam widerstehen, weil ihr eine geistliche Waffenrüstung fehlte."
Wir beugen uns unter die Schuld der Christenheit am Leiden des jüdischen Volkes und bekennen: Die Kirche war vor 70 Jahren nicht eingestellt auf einen Kampf gegen ein satanisches System. Sie konnte dem teuflischen Plan von einem „judenreinen“ Deutschland nicht wirksam widerstehen, weil ihr eine geistliche Waffenrüstung fehlte. Sie war nicht vorbereitet auf listige Anschläge des Teufels. Sie war nicht gewappnet für jenen bösen Tag in unserer Geschichte. Wo war im Herbst des Jahres 1940 der Glaubensschild, der schützend über die Verfolgten gehalten worden wäre? Wo war das scharfe Wort Gottes, das Unrecht Unrecht nannte und Gerechtigkeit und Frieden einforderte?
Wachsamkeit, aber kein populistisches Sündenbockdenken
Wenn wir uns beugen unter die Schuld der Christenheit am Leiden des jüdischen Volkes, dann müssen wir uns aber hüten, in falscher Weise zu richten. Wir haben gut zu reden: Kämpfe mit Teuflischem und Bösem sind uns nicht abverlangt. Wie schwer ist es, heute das Böse zu identifizieren, dem es mit geistlichen Waffen zu widerstehen gilt. Widerstand gegen Stuttgart 21, gegen ein Atomendlager in Gorleben oder gegen üble Machenschaften auf dem Kapitalmarkt - wie weit ist doch all dies entfernt von jener Herausforderung, vor der unsere Kirche in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur stand. Und mit Recht reagieren wir allergisch, wenn bestimmte Staaten als „Achse des Bösen“ bezeichnet oder Diktatoren der Welt als Inkarnation des Bösen verteufelt werden. Wer den Teufel an die Wand malt, ist noch lange nicht in der Lage, das Böse zu erkennen, mit dem der Kampf aufzunehmen ist. Wie leicht ist es, unheimliche Mächte zu dämonisieren. Und wie schwer ist es, wirklich wach zu sein gegenüber dem Bösen, das der Wahrheit und Gerechtigkeit widerspricht und Unheil anrichtet. Heute ist ein solches Wachsein vor allem überall dort verlangt, wo Menschen pauschal diffamiert werden oder wo populistisches Sündenbockdenken unser Zusammenleben gefährdet.
"Wenn die Kirche den Kampf gegen teuflische Mächte aufnimmt, dann darf sie nicht zu jenen Waffen greifen, die Mächtige und Gewaltige, finstere Herren der Welt oder böse Geister unter dem Himmel anwenden. Dann kämpft sie mit der Waffenrüstung des Gekreuzigten."
Wir beugen uns unter die Schuld der Christenheit am Leiden des jüdischen Volkes und werden wach gegenüber allem, was ein Zusammenleben in Gerechtigkeit erschwert. Wir beugen uns unter die Schuld der Christenheit am Leiden des jüdischen Volkes und widerstehen allem, was sich als teuflisch entlarvt. Das können wir, weil Jesus Christus als der Gekreuzigte uns selbst immer wieder stärkt mit seinen Waffen. Die Waffen eines Christenmenschen können nicht andere sein als die Waffen Christi. Und der hat seinen Sieg am Kreuz eben nicht mit geballten Fäusten errungen, sondern mit durchbohrten Händen. Wenn die Kirche den Kampf gegen teuflische Mächte aufnimmt, dann darf sie nicht zu jenen Waffen greifen, die Mächtige und Gewaltige, finstere Herren der Welt oder böse Geister unter dem Himmel anwenden. Dann kämpft sie mit der Waffenrüstung des Gekreuzigten. Jesus Christus stellt seiner Kirche im Kampf gegen das Böse seine Waffen zur Verfügung: die Waffen der Wahrheit und Gerechtigkeit, des Evangeliums und des Glaubens, des Heils und des Wortes Gottes. Jesus Christus verleiht seiner Kirche die Widerstandskraft - mit jenen Waffen, mit denen er selbst am Kreuz das Böse überwand.
Um gestärkt zu werden im Kampf, der uns aufgetragen ist, lassen wir uns einladen an seinen Tisch. Das Brot und der Saft der Trauben sind die Speise aller, die sich gürten mit Wahrheit und die sich umgeben mit Gerechtigkeit, die gestiefelt sind für das Evangelium des Friedens und sich schützen mit dem Schild des Glaubens, die den Helm des Heils tragen und das Schwert des Wortes Gottes führen. Das sollt ihr, Jesu Jünger nicht vergessen. Amen.
