Liebe Schwestern und Brüder,
es liegt schon eine große Weisheit darin, einem Prediger die Wahl des Predigttextes nicht selbst zu überlassen, sondern ihm ein Wort der Bibel vorzugeben. Das haben Sie getan, indem Sie mich baten, zur Eröffnung Ihrer Diakonischen Konferenz über die Bibellese zum 12. Oktober aus dem 6. Kapitel des Galaterbriefes zu predigen. Um diesen Textabschnitt verstehen zu können, muss ich den vorangehenden Vers hinzunehmen, der nichts anderes ist als die Überschrift über das dann von Paulus Ausgeführte. Diese Überschrift lautet: „Wenn wir im Geist leben, dann lasst uns auch im Geist wandeln.“ Das klingt zunächst so ganz theologisch und herrlich harmlos. Aber Achtung!
Wenn Sie bedenken, in welcher Situation diese Konferenz stattfindet wenige Wochen nach dem Rücktritt von Präsident Klaus-Dieter Kottnik,
wenn Sie die enormen Herausforderungen in den Blick nehmen, die mit der geplanten Fusion des Diakonischen Werkes mit dem Evangelischen Entwicklungsdienst gegeben sind,
wenn Sie daran denken, dass Sie nach dem Platzen großer Immobilienträume vor neuen Planungen hinsichtlich des Umzugs des Diakonischen Werks nach Berlin stehen,
und wenn Sie sich vergegenwärtigen, dass das Erscheinungsbild unserer Evangelischen Kirche und ihrer Diakonie sicherlich schon strahlender war als heute,
dann werden Sie sich doch fragen: Wes Geistes Kinder sind wir eigentlich? Erleben wir wirklich eine Situation voll des Geistes Christi oder eher eine Situation des Ungeistes?
"Wie kann im Geist Christi solches Aufdecken von Verfehlungen einhergehen mit mildem Zurechtbringen dessen, dem Verfehlungen vorgeworfen werden oder nachzuweisen sind? Und vor allem muss es gelingen, bei einem solchen Zurechtbringen eines Gestrauchelten immer zugleich an die eigene Versuchlichkeit zu denken und diese in Rechnung zu stellen."
Diese Frage spitzt sich noch zu, wenn Sie nun auf die Worte der Bibellese für den heutigen Tag hören. In vier Schritten konkretisiert Paulus hier, was es bedeutet, im Geist zu wandeln. Paulus beginnt: „Liebe Geschwister, wenn ein Mensch von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihr, die ihr geistlich seid, ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest.“ Das also ist die erste Frucht des Geistes: Sanftmut bzw. Milde im Zurechtbringen jener, die von einer Verfehlung ereilt wurden. Was dies bedeutet auf dem Hintergrund der Ereignisse der vergangenen Wochen, werden Sie selbst am besten ermessen können. Von Verfehlungen war viel zu lesen in diesen Tagen. Und es darf gar keinen Zweifel geben, dass etwaige Verfehlungen messerscharf aufgeklärt werden müssen. Aber wir müssen zugleich fragen: Wie kann im Geist Christi solches Aufdecken von Verfehlungen einhergehen mit mildem Zurechtbringen dessen, dem Verfehlungen vorgeworfen werden oder nachzuweisen sind? Und vor allem muss es gelingen, bei einem solchen Zurechtbringen eines Gestrauchelten immer zugleich an die eigene Versuchlichkeit zu denken und diese in Rechnung zu stellen. Paulus jedenfalls nimmt hier warnend Jesu Wort auf „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Sage niemand, dass eine solche Mahnung überflüssig sei. Unsere Diakonie erlebe ich nicht selten als einen Bereich kirchlichen Lebens, in dem mit besonders harten Bandagen gekämpft wird. Und das ist ja auch nur zu verständlich, steht doch die Diakonie heute unter einem ungeheuren Kosten- und Konkurrenzdruck. Ist wirklich der Eindruck so verkehrt, dass dieser enorme Druck von außen auch weitergegeben wird in einem Umgang miteinander, in dem die Regeln des milden Zurechtbringens anderer kaum noch Chancen haben, zur Geltung zu kommen?
"Das ist die zweite Frucht des Geistes: Das Mittragen anderer Menschen, die lästig sein könnten, die wir aber dennoch nicht als Last betrachten. Das Mittragen dieser Menschen ist Erfüllung des Liebesgebotes Jesu. Dieses Mittragen ist das Kernstück der Diakonie, sozusagen ihr Markenkern."
Paulus fährt fort: „Einer trage des Andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Wie oft haben wir dies Wort schon gehört, wie oft schon predigend ausgelegt. Aber haben wir auch immer bedacht, dass dieses Wort in engstem Zusammenhang zur vorangehenden Mahnung steht. Die Lasten, um die es hier geht und deren gegenseitiges Tragen Paulus einfordert, sind vor allem die Lasten, die aus der Schwachheit anderer resultieren. Menschen mit Schwächen oder Verfehlungen sind darauf angewiesen, dass andere sie mittragen. „Ein jeder und eine jede trage das Belastende, das andere verursachen, trage jene, die lästig werden können.“ Das ist der Sinn dieser Mahnung. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an ein Poster der Aktion Brot für die Welt aus den 80er Jahren. Dargestellt war ein Mädchen auf der Hochebene Perus. Sie trug in einem Tuch ein kleines Menschenkind. Angesprochen mit der Frage „was für eine Last trägst du da?“, antwortete sie: „Ich trage keine Last, ich trage meinen Bruder.“ Das ist die zweite Frucht des Geistes: Das Mittragen anderer Menschen, die lästig sein könnten, die wir aber dennoch nicht als Last betrachten. Das Mittragen dieser Menschen ist Erfüllung des Liebesgebotes Jesu. Dieses Mittragen ist das Kernstück der Diakonie, sozusagen ihr Markenkern. Was ist nicht alles an Segensreichem aus diesem Grundsatz „Einer trage des Andern Last“ erwachsen: Hilfe für Menschen, die aufgegeben wurden, Hilfe für Behinderte, die auf Beistand angewiesen sind, Hilfe für alle jene, die mit dem Leben nicht zurecht kommen. Vom Mittragen der Schwachheit und Bedürftigkeit anderer lebt die Diakonie. Viele Beispiele dieses segensreichen Wirkens der Diakone werden Sie auch auf dieser Diakonischen Konferenz hören. Und es ist einfach wunderbar, dass durch die geplante Fusion der Diakonie und des Evangelischen Entwicklungsdienstes nun auch das Mittragen der Bedürftigen in der fernen Welt, also die ökumenische Diakonie, als Konkretion eines Lebens aus dem Geist Christi verstärkt in den Blick gerät.
"Das also ist die dritte Frucht des Geistes: Demütige Sachlichkeit und Selbstbescheidung."
Die dritte Frucht des Geistes entfaltet Paulus in der Form einer scharfen Ermahnung: „Die sich aber einbilden, sie seien etwas, und sind doch nichts, betrügen sich selbst. Alle aber sollen das eigene Werk prüfen; und dann werden sie allein auf sich selbst ihren Ruhm gewinnen und nicht gegenüber andern. Denn alle werden ihre eigene Last tragen.“ Das also ist die dritte Frucht des Geistes: Demütige Sachlichkeit und Selbstbescheidung. An starken Persönlichkeiten mit großem Selbstbewusstsein hat die Diakonie wahrlich keinen Mangel und auch nicht an starken Interessenvertreterinnen und -vertretern. Darin werden Sie mir gewiss zustimmen. Soll das Wandeln im Geist Christi gelingen, müssen sich alle Beteiligten immer wieder die Kontrollfrage stellen: Bin ich selbstkritisch? Stehe ich in der Gefahr, mich zum Richter oder auch zur Richterin über andere zu erheben? Setze ich mich durch auf Kosten anderer? Geht es mir wirklich vorrangig um die Sache oder doch um die Durchsetzung eigener Interessen? Stelle ich meine eigene Person, meine Stellung und auch meine Macht zu sehr in den Mittelpunkt meines Denkens? Wenn Sie an die Auseinandersetzungen der letzten Monate um die künftige Satzung der Diakonie denken, dann werden Sie sich diese Fragen mit Recht schon gestellt haben. Und Sie mögen sich auch die Frage gefallen lassen, um wessen Ruhm es eigentlich in manchen Auseinandersetzungen geht, um den für sich selbst gewonnenen und damit verborgenen oder auf jenen gegenüber anderen. Paulus fügt seine scharfe Mahnung zur Selbstbescheidung nicht umsonst an sein Wort vom „Gesetz Christi“ an, denn letztlich geht es darum, dass das Wandeln im Geist nur möglich ist auf der Spur der Selbstbescheidung Jesu. Hat Jesus Christus sich denn erniedrigt, damit ich möglichst hoch herauskomme?
"Die vierte Frucht des Geistes ist die Freigebigkeit, ist der Dank, der jenen zu zollen ist, denen wir durch ihre Arbeit etwas verdanken."
Als letzte Konkretion eines Wandelns im Geist fügt Paulus eine vierte Mahnung an: „Wer unterrichtet wird im Wort, gebe dem, der ihn unterrichtet, Anteil an allem Guten.“ Natürlich meint er damit zunächst die ordentliche Bezahlung jener Lehrer, die andere im Verständnis des Evangeliums unterrichten, so wie er es im 1. Korintherbrief ausführlich erörtert. Aber gewiss ist es richtig, verallgemeinernd zu sagen. Die vierte Frucht des Geistes ist die Freigebigkeit, ist der Dank, der jenen zu zollen ist, denen wir durch ihre Arbeit etwas verdanken. Nun würde es sich lohnen durchzudeklinieren, was dies für Vergütungstarife im Bereich der Diakonie bedeuten könnte. Aber angesichts der Unübersichtlichkeit in diesem Bereich und angesichts der Komplexität der damit verbundenen Fragen widerstehe ich dieser Versuchung, sage aber im Anschluss an Paulus: An der Art, wie wir denen, die in der Diakonie arbeiten, gerechte Vergütung gewähren, ist abzulesen, ob wir im Geiste wandeln. Materielle Vergütung ist nichts Geistloses; zum Gesetz Christi gehört auch der Grundsatz: „Alle, die arbeiten, sind ihres Lohnes wert.“
An vier Beispielen konkretisiert Paulus, was es heißt, im Geist zu wandeln. Wie ein roter Faden zieht sich durch diese vier Beispiele ein Gedanke: Das Wandeln im Geist kann nicht gelingen, wenn ständig das Spiel des Sichvergleichens gespielt wird. Wenn der eigene Wert aus der Differenz zu anderen abgeleitet wird. Wir verspielen unsere Freiheit, wenn wir um uns selbst kreisen. Wenn wir vergessen, dass sich unser Selbstbewusstsein nicht auf eigenes Können gründet, sondern auf die befreiende Tat Christi. Nicht „Adel verpflichtet“, wohl aber „Freiheit verpflichtet“ in der Gemeinschaft jener, die im Geist Christi leben und in diesem Geist auch wandeln wollen.
Solch ein Wandeln im Geist hat Folgen. Hören wir die Schlussverse der Bibellese: „Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, wird von dem Geist ewiges Leben ernten. Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen. Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an allen Menschen, allermeist aber an den Glaubensgenossen.“
Wer fragt sich nicht manchmal, ob es sich wirklich lohnt, sich immer wieder an dem zu orientieren, was für das Wandeln im Geist Christi aufgetragen ist. Und dann ist es gut erinnert zu werden an diese Verheißung: Die Zweideutigkeit menschlichen Handelns wird aufgelöst im Gericht Gottes. Dem, was im Geist gesät ist, ist ewiges Leben verheißen. Bis dahin bleibt Zeit. Viel Zeit, Gutes zu tun. Das Tun des Guten fängt an in der Nähe, bei den Glaubensgenossen, wie Paulus die Christenmenschen nennt. Und dann zieht das Tun des Guten weite Kreise - bis hin zum fernen Nächsten. So entfaltet der Geist Christi seine Kraft, indem er das Tun des Guten befördert, solange noch Zeit ist.
Ihr, liebe Schwestern und Brüder, habt nun Zeit, in eurer Diakonischen Konferenz Gutes zu tun. Und auch das hier Gesäte wird ein Samenkorn für das ewige Leben sein. Nutzt die Tage dieser Konferenz, um Gutes zu tun, denn „wenn ihr im Geist lebt, dann sollt ihr auch im Geist wandeln“. Amen.
