Die vierte Hilfe der Seelsorge

Gottesdienst zum 150jährigen Jubiläum des Evangelischen Stifts Freiburg am 10. Oktober 2010; Predigt über Jak 5, 13-16 von Landesbischof Dr. U. Fische

Liebe Festgemeinde,
Sie feiern das 150jährige Jubiläum des Evangelischen Stifts. Sie halten Rückschau auf die segensreiche Geschichte dieser Stiftung und erinnern sich mit Schrecken an finanzielle Turbulenzen, die vor nicht allzu langer Zeit Ihr Werk erschüttert haben. Sie denken an Carl Mez, diesen Wohltäter, dem Sie dieses große Werk der Liebestätigkeit zu verdanken haben, und schauen nicht ohne Stolz auf das, was heute durch Sie an Hilfen für kranke und alte Menschen geleistet wird - in ambulanten Pflegediensten ebenso wie in stationären Einrichtungen. Und sicherlich fragen Sie sich: Was macht eigentlich das spezifisch Christliche aus bei all den Hilfen zum Leben, die wir anbieten? Oder ganz in der Sprache modernen Diakoniemanagements gefragt: Was ist der evangelische Markenkern unseres Stifts?

Um auf diese Frage eine Antwort zu geben, habe ich nicht den für diesen Sonntag vorgeschlagenen Predigttext aus dem Epheserbrief gewählt. Mit seinen Mahnungen zur Abkehr von den Wegen der Sünde hätten Sie ihn gewiss als wenig schmeichelhaft und unpassend empfunden. Stattdessen habe ich für meine Predigt zu Ihrem Jubiläum ein Bibelwort aus dem 5. Kapitel des Jakobusbriefes gewählt, das ebenfalls dem heutigen 19. Sonntag nach Trinitatis zugeordnet ist. Dort lesen wir: „Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl im Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden. Bekennet also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Das kraftvolle Gebet des Gerechten vermag viel.“


"Sie ist es im Besonderen, die das christliche Profil einer Einrichtung ausmacht, nämlich jene seelsorgerische Hilfe, die der Jakobusbrief konkretisiert als Hilfe des Betens und des Zusprechens von Vergebung, durch die Stärkung des Lebens geschieht."

Mit diesem Bibelwort bin ich ganz nahe dran an der Frage, was eigentlich die Arbeit des Evangelischen Stifts auszeichnet. Führen wir uns einmal vor Augen, wie Menschen in Situationen plötzlicher Hilfsbedürftigkeit geholfen werden kann.
Da ist zunächst die erste Hilfe bei akuter Lebensgefährdung. Sie wird meist an jenem Ort geleistet, wo die Gefährdung des Lebens auftritt.
Ihr folgt dann die zweite Hilfe, nämlich die ärztliche und pflegerische Hilfe wie sie in Krankenhäusern geleistet wird. In dieser zweiten Hilfe ist ärztliche Kunst ebenso gefragt wie großer Einsatz von Pflegekräften. Ein hoher Standard solcher zweiten Hilfe zeichnet das Evangelische Stift aus, unterscheidet es aber noch in keiner Weise von anderen Einrichtungen in nichtkirchlicher Trägerschaft.
Unverzichtbar für das Wohlergehen von Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, ist die dritte Hilfe. Sie ereignet sich im Beistand von Freundinnen und Nachbarn, im Besuch von Gemeindegliedern und auch Ältesten, die das Wohlergehen Hilfsbedürftiger zu ihrer eigenen Sache machen; die helfen, das Leben außerhalb des Krankenbetts, außerhalb des Krankenhauses, außerhalb der Pflegeeinrichtung zu ordnen. Kranke, Schwache und Einsame zu besuchen, gehört zu den diakonischen Grundaufgaben einer jeden christlichen Gemeinde.
Und schließlich gibt es dann noch die vierte Hilfe. Sie ist es im Besonderen, die das christliche Profil einer Einrichtung ausmacht, nämlich jene seelsorgerische Hilfe, die der Jakobusbrief konkretisiert als Hilfe des Betens und des Zusprechens von Vergebung, durch die Stärkung des Lebens geschieht.

Bei der Frage nach dem evangelischen Profil des Stifts antworte ich deshalb im Rückgriff auf die Worte des Jakobusbriefes: Im Evangelischen Stift wird nicht nur erste und zweite Hilfe geleistet, sondern vierfache Hilfe, durch die Menschen Heilung an Leib und Seele erfahren. Oder schärfer formuliert: Einrichtungen, in denen es Menschen nicht als ihre Aufgabe ansehen,
im geduldigen Zuhören Belastungen mit zu tragen,
im vollmächtigen Zusprechen von Vergebung Lasten abzunehmen,
in heilender Zuwendung Lebenskräfte zu stärken
und in kraftvoller Gottzugewandtheit für das Heil der ihnen Anvertrauen zu beten,
solche Einrichtungen dürfen sich nicht mit Recht „evangelisch“ nennen.
Wir wissen doch längst, wie sehr in Zeiten der Krankheit und des Leidens Seelisches und Körperliches, Psychisches und Physisches zusammengehören. Wer krank ist, hat Zeit, über sein Leben nachzudenken. Für viele Menschen ist eine Krankheit ein Anlass, sich selbst zu befragen, ist eine Krankheit eine Zeit zur Lebensinventur. Und dabei kommt so manches an die Oberfläche, was das Leben belastet hat, aber lange verdrängt war. Es kommt zutage, was im Leben in Unordnung geraten war. Und nicht wenige drängt es, dieses auszusprechen. Reinen Tisch zu machen - vor sich und vor Gott. Die Beichte am Krankenbett hat eine zutiefst therapeutische, heilende, stärkende Wirkung. Dabei geht es nicht um die Frage, ob eine Sünde Ursache eines bestimmten Leidens sei. Wohl aber geht es um oft versteckte Zusammenhänge zwischen körperlichen Leiden und dem Unheilsein der eigenen Seele oder im menschlichen Zusammenleben. Wie das Öl in der Antike bei Krankheiten reinigend und heilend für den Leib wirkte - der Jakobusbrief spricht nämlich nicht von einer letzten Ölung, sondern von einer Salbung zur Gesundung - wie also das Öl reinigend und heilend für den menschlichen Körper wirkt, so wirkt das Bekenntnis von Sünden und die Vergebung derselben reinigend und heilend für die Seele. Deshalb muss jenen oben genannten drei Hilfen die vierte Hilfe der Seelsorge zur Seite treten, wenn es wirklich um ein Heilwerden an Leib und Seele geht.

Das „Gebet des Gerechten“ das ist nicht das Gebet des moralisch Vollkommenen, sondern es ist das Gebet dessen, der vollkommen auf den gerechten Gott vertraut, auf sein Wirken hofft. Und diesem Gebet ist verheißen, dass es von Gott erhört wird. Nicht alle unsere Gebete gehen in Erfüllung, aber alle werden gehört.

Und zu dieser seelsorgerlichen Hilfe gehört das, was im Mittelpunkt unseres Abschnitts aus dem Jakobusbrief steht: das kraftvolle Gebet für die Kranken und Schwachen. Was trauen wir eigentlich einer solchen Fürbitte zu? Halten wir sie für eine fromme Pflichtübung? Oder kennen wir nicht in großer Zahl Menschen, die - nachdem für sie gebetet wurde - entweder gesund wurden oder zumindest sich von Lasten befreit fühlten und eine neue Einstellung zu ihrer Lebenssituation erhielten? „Wenn wir über einem Kranken beten, wird Gott ihn aufrichten, ihm neuen Lebensmut geben“, so sagt es der Jakobusbrief. Ein frommer Wunsch? Oder Grund und Anlass für uns, dem Gebet mehr zuzutrauen? Betreiben wir wirklich die Fürbitte für Kranke energisch, wie es wörtlich in unserem Bibelwort heißt? Also in der Gewissheit, dass sie Wirksamkeit entfalten kann?

Natürlich wissen wir alle: Es gibt keinen Gebetsautomatismus. Gott erfüllt nicht alle Wünsche, die wir betend formulieren. Aber vertrauen wir darauf, dass er all seine Verheißungen für uns erfüllt? „Das kraftvolle Gebet des Gerechten vermag viel.“ Es kann Krankheiten heilen helfen, Kranken Kraft schenken, Berge versetzen, auch Berge von Sorgen und Leid. Glauben wir das oder trauen wir Gott im Grunde nicht viel zu? Oder meinen wir gar, dass die Erhörung eines Gebets davon abhängt, in welcher Verfassung wir selbst beim Beten sind? Als würde Gott unser Gebet nur erhören, wenn wir moralisch vollkommen wären. Das „Gebet des Gerechten“ das ist nicht das Gebet des moralisch Vollkommenen, sondern es ist das Gebet dessen, der vollkommen auf den gerechten Gott vertraut, auf sein Wirken hofft. Und diesem Gebet ist verheißen, dass es von Gott erhört wird. Nicht alle unsere Gebete gehen in Erfüllung, aber alle werden gehört. Und auch wenn sich nicht erfüllt, was wir gebeten haben, dürfen wir doch darauf vertrauen, dass unsere Gebete gehört und damit auch erhört sind. Mit Energie betriebenes Beten geschieht im unbedingten Vertrauen zu dem Gott, dem wir alle Energie zur Heilung des Lebens zuschreiben.

Die Art, wie wir beten, sagt sehr viel aus über unser Verhältnis zu Gott. Im Gebet findet unsere Beziehung zu Gott ihre Sprache. Im Gebet nehmen wir Gott ernst und finden heraus aus der Verstrickung ins eigene Ich. Mit unseren Bittgebeten wollen wir Gott nicht beeinflussen. Vielmehr versuchen wir, tiefer hineinzusehen in Gottes Willen. Indem wir uns in der Bitte oder Fürbitte Gott öffnen, suchen wir nach dem Ziel, das Gott uns oder jenen, für die wir beten, gesteckt hat. In der Bitte verlassen wir den Ort, den wir selbst einnehmen, verlassen unser Leiden, unsere Krankheit, auch die Krankheit jener, für die wir beten, und fragen nach dem Wozu dieses Leides und dieser Not. Fragen nach dem Ziel, das Gott setzen will und das uns noch unerkennbar ist. Im Gebet erhalten wir die Kraft, auf dieses Ziel zuzugehen. Und so lernen wir, Gottes Willen zu unserem eigenen Willen zu machen. Darum muss jedes bittende und fürbittende Gebet einmünden in die Bitte „nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe“.

Dass in dieser Weise kraftvoll gebetet wird für Kranke und Schwache, das ist das Kernstück der vierten Hilfe in einer Einrichtung wie dem Evangelischen Stift. Das macht den Markenkern einer evangelischen Einrichtung aus. Daran ist in besonderer Weise zu erinnern an Ihrem 150jährigen Jubiläum.


Das ist der Sinn einer Einrichtung wie Ihrer, dass in ihr nicht nur erste, zweite und dritte Hilfe geleistet wird, sondern dass in der vierten Hilfe kraftvolles Beten bittend und klagend, dankend und lobend erklingt.

Zum Schluss aber noch ein Letztes. Vielleicht haben Sie vorhin bei der Lesung der Worte aus dem Jakobusbrief überhört, dass der Verfasser neben dem Bittgebet angesichts eigenen Leidens und dem Fürbittgebet für Kranke und Schwache eine dritte Form des Gebets nennt. Und auch von der hoffe ich, dass sie im Evangelischen Stift ihren festen Platz hat: „Ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen.“ Ja, diese Form des Betens vergessen wir allzu leicht, das Dankgebet und den Lobgesang in Zeiten der Lebensfreude. Was machen wir, wenn es uns gut geht? Nehmen wir dies selbstverständlich hin? Behalten wir es für uns? Oder singen wir unsere Lebensfreude hinaus und danken dem Gott, der uns in unserem Leben etwas hat gelingen lassen? Werden solche Dankgebete und Lobgesänge auch angestimmt im Evangelischen Stift,
wenn Alte dankbar zurückschauen auf ein erfülltes Leben,
wenn eine Operation gelungen ist, die so schwierig war,
wenn es einem Patienten wieder besser geht nach Zeiten langer Krankheit?
Haben auch diese Dankgebete und Lobgesänge ihren Ort in den Einrichtungen des Evangelischen Stifts? Sage doch niemand, es gäbe nicht täglich Anlass und Grund zum Danken. „Das ist der Sinn alles Leides, dass es uns lehrt zu beten, und der Sinn alles Glücks, dass es uns lehrt, zu loben und zu danken“, hat einmal ein großer Theologe gesagt. Und ich füge hinzu: Das ist der Sinn einer Einrichtung wie Ihrer, dass in ihr nicht nur erste, zweite und dritte Hilfe geleistet wird, sondern dass in der vierten Hilfe kraftvolles Beten bittend und klagend, dankend und lobend erklingt. Amen.