„Großer Gott, wir loben dich“ singen wir und danken damit Gott für die Ernte dieses Jahres. Vielen wird dieser Dank leicht über die Lippen kommen, wenn sie an all das denken, was sie im vergangenen Jahr haben ernten können - an Früchten des Feldes, an Früchten der Arbeit, an Früchten der Erziehung ihrer Kinder und Enkel, an Früchten des Zusammenlebens in unserem Land. Einen ganz besonderen Akzent erhält das heutige Erntedankfest dadurch, dass es zusammenfällt mit dem „Tag der Deutschen Einheit“. Manchmal vergessen wir schon fast, dass es jetzt 21 Jahre her ist, seit sich in Ungarn der erste Schlagbaum öffnete, ehe dann im November 1989 die Mauer fiel, die Deutschland teilte. In einer beispiellosen friedlichen Revolution wurde dem deutschen Volk die Einheit geschenkt. Heute vor 20 Jahren wurde sie besiegelt. Welch ein Grund zur Dankbarkeit gerade an diesem Tag!
Nachdenkliche Dankbarkeit
Und doch: Wenn wir Erntedankfest feiern, dann kann unser Danken kein unbeschwertes Danken alleine sein. In dieses Danken mischt sich zugleich ein hohes Maß an Nachdenklichkeit. Wenn ich wieder einmal von neuen gentechnischen Entdeckungen und Erprobungen in der Landwirtschaft höre, dann denke ich darüber nach, welch unabsehbare Nebenwirkungen Eingriffe in das Erbgut von Pflanzen haben können. Gentechnische Eingriffe, die Segensreiches zur Bewältigung des Hungers in der Welt zu versprechen scheinen, schränken zugleich die Souveränität der Landwirte in gewaltigem Maße ein, wenn sie in ihrer landwirtschaftlichen Produktion abhängig werden von Gen-Patenten, die sich große Konzerne sichern.
"Aber in unseren Dank mischt sich zugleich ein Nachdenken über die Bedrohung der Schöpfung durch menschliches Tun."
Am Erntedankfest staunen wir über die Fülle des Lebens, die sich vor uns ausbreitet. Dann empfinden wir Dankbarkeit für die Vielfalt und Schönheit der Schöpfung. Aber in unseren Dank mischt sich zugleich ein Nachdenken über die Bedrohung der Schöpfung durch menschliches Tun. Wer könnte sich an den Blumen freuen, ohne zugleich an die furchtbaren Bilder der Zerstörung zu denken, die uns nach der Flutkatastrophe in Pakistan erreicht haben?
Fällt unser Blick auf den üppig geschmückten Erntedank-Altar, dann empfinden wir Dankbarkeit für all die Früchte des Feldes, die wir ernten können, empfinden wir Dank für alle Früchte unserer Arbeit. Aber in unseren Dank mischt sich zugleich ein Nachdenken über die wenig hoffnungsvolle Lage unserer Landwirte angesichts des fortschreitenden Preisverfalls in der Landwirtschaft. Wer könnte sich an diesen Früchten freuen, ohne zugleich daran zu denken, dass vor einigen Jahren den Obstbauern in dieser Region fast die gesamte Ernte verhagelt wurde? Wer könnte sich an den Früchten der Arbeit freuen, ohne zugleich an die über 3 Millionen Menschen in unserem Land zu denken, die keine Arbeit haben?
Fällt unser Blick auf die Kinder, die unseren Gottesdienst mit feiern, dann empfinden wir Dankbarkeit für jedes neu geschenkte Leben. Aber in unseren Dank mischt sich zugleich ein Nachdenken über Leben, das nicht gewollt ist. Wer könnte sich an den Kindern freuen, ohne zugleich an jene zahllosen Kinder in unserem Land zu denken, die auf Hartz IV angewiesen sind und die als „Armutsrisiko“ bezeichnet werden?
Und fällt unser Blick auf das Datum dieses Tages, den „Tag der Deutschen Einheit“, dann empfinden wir Dankbarkeit für die wiedererlangte Einheit unseres Volkes. Aber in unseren Dank mischt sich zugleich ein Nachdenken über die Bürgerinnen und Bürger in den neuen Bundesländern, die sich heute zum großen Teil als Verlierer der deutschen Einheit fühlen. Wer könnte sich an der deutschen Einheit freuen, ohne zugleich an jene jungen Menschen zu denken, die keine Lebensperspektive mehr in Mitteldeutschland sehen?
So erfüllt uns an diesem Erntedankfest eine nachdenkliche Dankbarkeit. Zu ihr passt sehr genau jene Erzählung vom reichen Kornbauern aus dem 12. Kapitel des Lukas-Evangeliums. Diese Geschichte kann in guter Weise unsere nachdenkliche Dankbarkeit vertiefen. Dieser Kornbauer – er plant Erweiterungsbauten für seine reichen Ernteerträge. Er trifft Vorsorge für die nächsten Jahre. Er investiert. Er schafft Arbeitsplätze. Was er tut, ist vernünftig, unternehmerisch vorbildlich. Es ist im Grunde das, was alle tun müssen, die verantwortlich wirtschaften wollen. Das Handeln des reichen Kornbauern ist in gewisser Weise beispielhaft für die Arbeitswelt, beispielhaft auch für uns. Und dennoch spricht Gott diesen Kornbauern als „Narr“ an. Was hat er falsch gemacht? Worin besteht die Torheit dieses vernünftig wirtschaftenden Kornbauern? Worin besteht unsere Torheit, wenn wir wie der Kornbauer planen, arbeiten und wirtschaften?
Dreifache Torheit
Nicht einfach ist diese Frage zu beantworten, denn diese Torheit ist keine einfache sondern eine dreifache:
1. Wenn der Kornbauer zu seiner Seele spricht „habe nun Ruhe“, dann ist damit mehr gemeint als ein wohlverdienter Ruhestand. Dann weist diese Formulierung hin auf eine ewige Ruhe, die allein Gott uns Menschen schenken kann. Der reiche Kornbauer aber meint, dass ewige Ruhe planbar sei. Meinen wir nicht im Grunde auch, mit unserem Arbeiten und Planen unsere Existenz auf unendliche Dauer stellen zu können? Maßen wir uns nicht auch an, ewiges Leben selbst sichern zu können? Meinen wir nicht, durch unseren Besitz Unsterblichkeit garantieren zu können? Und vergessen wir dabei nicht die uns durch unsere Sterblichkeit gesetzten Grenzen unseres Planens und Arbeitens? Das also ist die erste Torheit: Die Torheit der Machbarkeit, die mit Gottes Ewigkeit nicht rechnet.
"Rücken wir nicht das von uns Geplante und Erwirtschaftete leicht an die Stelle Gottes, statt zu bedenken, dass vieles in unserem Leben eben nicht nur Ergebnis unseres Planens und Arbeitens ist, sondern dass es uns zufällt - so wie auch die Ernte?"
2. Wenn der Kornbauer über seiner Lebensplanung Gott aus dem Auge verliert und erst von Gott angeredet werden muss, dann ist dies mehr als nur Ausdruck einer momentanen Vergesslichkeit. Der reiche Kornbauer meint vielmehr, sein Leben selbst in die Hand nehmen zu können. Ist uns denn immer und zu jeder Zeit bewusst, dass uns das Leben geschenkt ist von Gott, unserem Schöpfer? Dass wir es nicht sichern können - auch nicht durch unseren Besitz? Rücken wir nicht das von uns Geplante und Erwirtschaftete leicht an die Stelle Gottes, statt zu bedenken, dass vieles in unserem Leben eben nicht nur Ergebnis unseres Planens und Arbeitens ist, sondern dass es uns zufällt - so wie auch die Ernte? Das ist die zweite Torheit: Die Torheit der Lebenssicherung, die Gott vergisst.
3. Wenn der Kornbauer in seinem Planen und Arbeiten ein Selbstgespräch mit seiner Seele führt, dann zeigt dies, dass er ganz auf sich selbst bezogen ist. Der reiche Kornbauer meint, für sich selbst planen und wirtschaften zu können. Aber wo kommen bei uns die anderen Menschen in den Blick? Die Kleinen, die durch wirtschaftliche Konzentrationsprozesse zur Aufgabe genötigt werden? Die bäuerlichen Familienbetriebe, die nicht in großem Stile investieren können? Die Armen in der so genannten Zweidrittelwelt, die immer ärmer werden, während sich die größer gewordene Europäische Union als Festung nach außen abschottet und jetzt sogar schon Sinti und Roma gewaltsam außer Landes bringt, wie erst jüngst in Frankreich geschehen? Das ist die dritte Torheit: Die Torheit der Selbstbezogenheit, welche die anderen übersieht.
Reich bei Gott
Drei Torheiten sind es, auf die Jesus mit dem Gleichnis vom Kornbauern hinweist. Am Schluss des Gleichnisses zeigt Jesus nun aber auch einen Ausweg aus diesen drei Torheiten auf, wenn er sagt: „So geht es dem, der sich Schätze sammelt und nicht reich ist bei Gott.“ Also gibt es auch für vernünftig wirtschaftende Menschen Möglichkeiten, ein Leben reich bei Gott zu führen. Was damit gemeint ist, sagt Jesus wenige Verse später: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, dann wird euch alles andere zufallen.“ Das ist das Ziel, unter dem das „Reich-sein-bei-Gott“ gelebt werden kann: Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit. Von diesem Ziel her muss sich unser Umgang mit Erarbeitetem und Geerntetem bestimmen, unser Umgang mit irdischem Reichtum. Wo wir unseren Reichtum als einen Reichtum begreifen, der uns zum Bau des Reiches Gottes anvertraut ist, wo wir unser Planen, Arbeiten und Wirtschaften am Maßstab der Gerechtigkeit ausrichten, da leben wir „reich bei Gott“.
"Wo wir uns orientieren am Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, können wir auf Lebenssicherung durch Besitz verzichten. Dort erfahren wir den Reichtum eines Lebens, das im Vertrauen auf Gott gewagt wird."
Wo wir uns orientieren am Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, werden wir über all unserem Planen unsere eigene Sterblichkeit nicht vergessen. Vielmehr werden wir reich sein bei Gott, weil wir um die Ewigkeit seines Reiches wissen.
Wo wir uns orientieren am Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, können wir auf Lebenssicherung durch Besitz verzichten. Dort erfahren wir den Reichtum eines Lebens, das im Vertrauen auf Gott gewagt wird.
Wo wir uns orientieren am Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, können wir heraustreten aus gott- und menschenvergessener Selbstbezogenheit. Dort erfahren wir ein „Reich-sein-bei-Gott“, in dem wir Reichtum mit anderen teilen und uns für gerechte Lebensverhältnisse einsetzen.
Wo wir uns orientieren am Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, werden wir das „Reich-sein-bei-Gott“ erfahren in nachdenklicher Dankbarkeit:
in Dankbarkeit für das Geschenk unseres Lebens und für alles, was uns in diesem Leben zufällt,
in nachdenklichem Gewahrwerden der Grenzen unseres Lebens und Planens,
in nachdenklichem Einsatz für Gottes Reich und seine Gerechtigkeit.
Wie reich sind wir doch, wenn wir in solch nachdenklicher Dankbarkeit Erntedankfest feiern können! Amen.
