Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen

Gottesdienst zur Einführung von Dekanin Hiltrud Schneider-Cimbal am 19. September 2010 in Konstanz; Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer

Liebe Gemeinde,
beim Dienstantritt einer neuen Dekanin sind die Erwartungen groß, noch dazu wenn es eine im Dekansamt so erfahrene Person ist wie die heute in ihren Dienst Einzuführende. Eine lange Zeit der Vakanz im Dekansamt Ihres Kirchenbezirks geht heute zu Ende. (...) Mit bestem Wissen und mit vereinten Kräften haben Sie hier im Kirchenbezirk die Vakanz bewältigt, haben zugleich die Voraussetzungen für die Verlegung des Dekanssitzes und damit gute Startbedingungen für Ihre neue Dekanin geschaffen. Danke Ihnen allen dafür, danke im Besonderen an Herrn Pfarrer Henke, der bereit war, in dieser Vakanzzeit die Aufgaben eines Dekanstellvertreters zu übernehmen.

Und nun sind die Erwartungen groß an die Neue. Am besten sollte gleich alles gleichzeitig und sofort erledigt werden. Und so wie ich Ihre neue Dekanin kenne, wird sie in der Tat vieles gleich mit großem Elan angehen. Angesichts dieser Situation bin ich bei der Suche nach einem für diese Einführung angemessenen Bibelwort auf die Losung des morgigen Tages gestoßen. In einem Klage- und Vertrauenspsalm schildert der Beter eindrucksvoll, welchen Nöten er ausgesetzt war. Von Todesbanden ist da die Rede und von Fluten des Verderbens, von angsterfülltem Schreien und von drohendem Versinken, aber auch von Rettung durch Gottes Hand und von befreienden Wegen ins Weite. Und dann folgt jenes Wort, das beim ersten Hören geradezu übermütig klingt und das doch ein Wort grenzenlosen Gottvertrauens ist: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“ (Ps 18,30).

Liebe Hiltrud, du hast Erfahrungen wie die vom Beter Geschilderten in deinem Leben machen müssen. Was Todesbande sind, weißt du sehr genau aus eigener Erfahrung, aber eben auch, was Rettung durch Gottes Hand und Weg ins Weite bedeutet. Tiefe Täler hast du durchschritten und Höhen mit großem Weitblick erklommen. Du wirst dieses Psalmwort nicht missverstehen als Ausdruck eines übermütigen Selbstvertrauens. Du hast in deinem Leben auf schmerzhafte Weise erfahren, nicht aus eigener Kraft, aber mit Gottes großer Hilfe aus drohendem Versinken zu tatkräftiger Lebensbewältigung befreit zu werden. Du hast über viele Jahre in deinem Dienst als Dekanin im Kirchenbezirk Eberbach-Neckargemünd bewiesen, was du zu leisten in der Lage bist. Aber du weißt genau um deine Grenzen. Du weißt darum, dass es in deinem nicht leichten Amt nicht allein und vorrangig darauf ankommt, sich auf die eigenen Kräfte zu verlassen, sondern dass Kräfte, mit denen sogar Mauern überwunden werden können, ein Geschenk, eine Gnadengabe Gottes sind. „Mit deinem Gott kannst du über Mauern springen.“ Ja, mit deinem Gott, nicht allein. Mit deinem Gott aber ganz gewiss. Im Vertrauen auf ihn gibt es nichts, was nicht überwindbar wäre. Ängste und Misstrauen ebenso wie Anfeindungen oder komplizierte Konfliktlagen. Natürlich wirst du gefordert sein, all dein Geschick, all dein Wissen einzusetzen. All das, was du dir in langen Zeiten der Verantwortungswahrnehmung und in zahlreichen Fortbildungen an Leitungskompetenz erworben hast. Aber Vollbringen kannst du vieles nur mit „deinem Gott“. Im Gebet zu ihm immer neue Kraft zu erbitten, aus dem Vertrauen auf ihn eigenes Selbstvertrauen zu tanken, darauf wird es ankommen in deinem Dienst. Dann wirst du ganz gewiss mit „deinem Gott“ über viele Mauern springen können, auch wenn diese unüberwindlich erscheinen.

Damit solches Springen gelingt, bedarf es der Sprunghilfe vieler. Gottes Hand, die dir, Hiltrud, helfen kann, Mauern zu überwinden, muss in vielen Händen handgreiflich spürbar werden, die dir gereicht werden. Ohne handgreifliche Hilfestellung wirst du nicht über Mauern springen können. Deshalb bitte ich Sie, liebe Schwestern und Brüder, um handgreifliche Hilfestellung für Ihre neue Dekanin. Helfen Sie mit, dass Sie mit ihrem Gott über Mauern springen kann. Helfen Sie mit durch guten Rat und liebevolle Unterstützung, durch wohl meinende Kritik und handfeste Mitarbeit. Sie alle wissen am besten, welche Mauern in Ihrem Kirchenbezirk darauf warten, übersprungen zu werden. Wie viele Mauern trennen doch immer wieder Gruppen in den Gemeinden voneinander, lassen Gemeinden nicht zueinander finden und verhindern ein Miteinander in Regionen und im Kirchenbezirk! Ich denke aber auch an Mauern, die unsere Kirche von anderen Kirchen trennen, und an jene, die zwischen uns und anderen Religionen aufgerichtet sind. Aber auch zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Milieus gibt es Mauern, die überwunden werden müssen, wenn Kirche sich nicht im eigenen Ghetto einmauern will. Viele Mauern warten darauf, übersprungen zu werden. Schenke Gott Ihnen viel Vertrauen in seine rettende Kraft, damit Sie alle mit Ihrem Gott über Mauern springen können. Nur Mut! Denn „mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Amen.