Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen...
Liebe Gospelkirchentagsgemeinde,
wer in den vergangenen Tagen durch Karlsruhe ging, konnte eine eigenartige Erfahrung machen. Überall traf er, traf sie auf begeisterte Menschen. Auf Plätzen und in den Straßen, in Hallen und Kirchen begeisterte Menschen. Begeisterte Zuhörerinnen und Zuhörer bei Konzerten auf Open-Air-Bühnen. Begeisterte Musiker bei der Gospelnacht. Begeisterte Sängerinnen beim Galakonzert am gestrigen Abend. Und ganz toll ging es zu beim Konzert im Tollhaus. Manche mögen - wie damals beim ersten Pfingstfest der christlichen Gemeinde in Jerusalem - gedacht haben: „Diese Menschen sind voll von süßem Wein.“ Aber nein: Alle diese begeisterten Menschen waren nicht betrunken, sondern sie waren voll von mitreißendem Gospel. Sie waren inspiriert von einer Musik, durch die das Evangelium verkündigt wurde. Ich kann es auch anders sagen: Die Begeisterung von Karlsruhe war und ist auch jetzt noch eine Wirkung des Geistes des Evangeliums. Eine Wirkung des Heiligen Geistes.
Joyfuls noise - Ausnahmezustand des Heiligen Geistes
Wenn die Bibel die Wirkungen des Heiligen Geistes beschreibt, dann ist davon die Rede, dass Menschen in Zungen reden, also in Sprachen, die andere nicht verstehen und die dennoch von Geheimnissen Gottes künden. So sehr viel anders ist das ja nicht bei der Gospelmusik, denn oft verstehe ich kein Wort. Und doch spüre ich in dem „joyful noise“ der Gospelmusik den wunderbaren Geist, in dem hier miteinander gesungen wird. Als Wirkung des Heiligen Geistes wird in der Bibel auch genannt, dass Menschen verzückt sind, außer sich. Ja, Karlsruhe hat in diesen Tagen in der Tat einen Ausnahmezustand des Heiligen Geistes erlebt - mit vielen geradezu verzückten Menschen. Und dass zu den Wirkungen des Heiligen Geistes dann auch das ekstatische Singen gehört, ist ja nur allzu bekannt. Schließlich nennt die Bibel als Wirkung des Heiligen Geistes die prophetische Rede: Menschen werden so von Gottes Geist erfüllt, dass sie plötzlich in der Lage sind, im Namen Gottes Wegweisendes und Zurechtweisendes für die Gestaltung dieser Welt zu sagen. Sie können - erfüllt mit Gottes Geist - Zeitansagen für die Welt machen, Gottes Willen für diese Welt ansagen.
"Good News für die Armen,
O Freedom - für Gefangene und Zerschlagene..."
Genau das tat jener Prophet, dessen Worte wir in Jes 61 lesen. Dieser Prophet war sich dessen bewusst, dass er von Gottes Geist erfüllt war: „Der Geist des Herrn ruht auf mir!“ so beginnt er seine Rede. Und dann kommt seine wegweisende Botschaft für eine gerechte Welt:
Gute Nachricht den Armen,
Entlassung den Gefangenen,
Augenlicht den Blinden,
Freiheit den Zerschlagenen,
ein Gnaden- und Erlassjahr den Verschuldeten.
Viele hundert Jahre später trat Jesus von Nazaret auf. Erfüllt vom Heiligen Geist kehrte er in sein Heimatdorf zurück, ging in die dortige Synagoge, ließ sich eine Schriftrolle geben und las diese begeisterten Worte jenes Propheten. Und dann geschah etwas, was wir Pfarrer uns vor allem merken müssen. Jesus war so begeistert, dass er im Anschluss an die Lesung dieser Prophetenworte eine Predigt hielt, und zwar die kürzeste Predigt der Weltgeschichte. Sie bestand angeblich aus einem einzigen Satz. „Heute hat sich dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren!“ Ein einziger Satz und in ihm steckt das ganze Programm des Heiligen Geistes für Jesu Wirken in dieser Welt:
Good News für die Armen,
O Freedom - für Gefangene und Zerschlagene,
Light of the world - für die von Blindheit Geschlagenen,
Mercy - Schuldenerlass für die Verarmten.
Der Heilige Geist braucht nicht viele Worte, um wirken zu können. Übrigens: Auch manche Gospelgesänge bestehen aus ganz einfachen, klaren, kurzen Botschaften. Nun meine ich allerdings, dass Jesus in seiner Predigt in Nazareth noch mehr gesagt hat und dass dies lediglich nicht im Evangelium berichtet ist. Aber ganz gewiss hat er kurz und knackig das Prophetenwort für eine gerechte Welt ausgelegt. Und ich würde mich nicht wundern, wenn er dabei auch noch gesungen hätte. Gospel für eine gerechtere Welt.
Ein Lied kann ein Leben verändern
Wer sich von Jesu Worten anstecken lässt,
wer sich von seinem Geist inspirieren lässt,
wer Jesus als seinen Herrn lieb gewinnt,
wer sich in seinem persönlichen Glaubensleben auf Jesus einlässt,
kann nicht stumm bleiben. Trägt Jesu Botschaft weiter. Singt von dem, was Jesus für ihn bedeutet. Sagt anderen davon, wie Jesu Wirken für eine gerechte Welt im eigenen Leben Kreise gezogen hat.
Wer das Evangelium, den Gospel, die good news als hilfreich für das eigene Leben erfahren hat, sagt dies weiter.
Wer Befreiung durch Gottes Kraft erfahren hat, singt von dieser Befreiung aller Welt.
Wer erlebt hat, wie Jesus Licht ins eigene Leben gebracht und Verblendungen geheilt hat, singt und sagt anderen davon.
Wem Schulden erlassen wurden, so dass unbelastetes Leben möglich wurde, kann nicht anders als Lieder von Gottes Liebe anzustimmen.
Genau so ist die Gospelmusik entstanden. Gründend auf Erfahrungen von Befreiung und Heilung.
"Wenn ich singe „O happy day“, dann will ich auch Sorge dafür tragen, dass Menschen, die im Elend leben, glückliche Tage erleben dürfen."
Und wir wissen: Ein Lied kann ein Leben verändern. „Hab mir ein Liedlein gesungen, und alles ward wieder gut“ heißt es in einem alten Volkslied. Auch wenn dies nicht immer so ist, so stimmt es doch sehr oft. Wenn ich singe, hellt sich meine Stimmung auf. Bekomme ich neue Kraft. Und das, was ich singe, geht in mein Leben ein und verändert es. Es macht mich frei von mir selbst, frei zum Einsatz für andere. Was ich selbst erfahren habe mit Jesus, das sollen andere auch erfahren können. So mündet mein Singen und Sagen ein in den Einsatz für andere. So mündet mein Gospelsingen ein in engagierten Einsatz für eine gerechtere Welt. Mein Singen bleibt nicht tatenlos. Mein Beten nicht wirkungslos. Singen und das Tun des Gerechten gehören untrennbar zusammen. Der große Theologe Dietrich Bonhoeffer hat in den Zeiten nationalsozialistischer Judenverfolgung den wichtigen Satz gesagt: „Nur wer für die Juden schreit, hat das Recht, gregorianisch zu singen.“ Heute können wir dies so übersetzen: „Nur wer für eine gerechtere Welt eintritt, hat das Recht, Gospel zu singen.“
Wenn ich singe „O happy day“, dann will ich auch Sorge dafür tragen, dass Menschen, die im Elend leben, glückliche Tage erleben dürfen.
Wenn ich singe „When Israel was in Egypts Land“, dann will ich mich auch für die Befreiung Unterdrückter einsetzen.
Wenn ich singe „Open your hearts to the land“, dann will ich mein Herz nicht verschlossen halten gegenüber jenen, die in unserem Land Not leiden.
Wenn ich singe „Let us stand hand in hand, let us change the world“, dann soll dies kein Lippenbekenntnis bleiben, dann folgen meinem Singen auch Taten.
"Damit unsere Musik diese Kraft entfalten kann, müssen wir uns aber in unserem Singen dem Geist öffnen, von dem einst der Prophet des Jesajabuches erfüllt war, der auf Jesus ruhte und der seitdem unzählige Menschen erfasst hat."
Was ich im Singen beglückend erfahre, das will in meinem Tun Wirkung entfalten. Darin liegt die eigentliche, die umstürzende Kraft der Musik, gerade der Gospelmusik. Damit unsere Musik diese Kraft entfalten kann, müssen wir uns aber in unserem Singen dem Geist öffnen, von dem einst der Prophet des Jesajabuches erfüllt war, der auf Jesus ruhte und der seitdem unzählige Menschen erfasst hat. Auch in diesen Tagen hier in Karlsruhe.
Darum: “Let the Spirit open your hearts! Lasst den Geist eure Herzen öffnen.“ Dann öffnet sich euer Herz auch dem Land und der Welt, dann kommt der Gospel an sein Ziel. Open your hearts. Amen.
