Für diesen Ordinationsgottesdienst ist uns als Wort der Bibel ein Abschnitt aus dem 8. Kapitel des Römerbriefes gegeben. Paulus schreibt dort:
„Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden."
Liebe begeisterte Kinder Gottes!
So rede ich Sie heute an. Ich habe das Recht zu dieser Anrede, weil Sie getaufte Menschen sind. Und getaufte Menschen sind begeisterte Kinder Gottes. Denn in der Taufe haben Sie alle den Geist Gottes empfangen, den „Geist der Kindschaft“. Seit der Taufe sind Sie alle vom heiligen Geist getrieben. Getragen von einer göttlichen Kraft lassen sich getaufte Menschen hinreißen. Deshalb sind auch getaufte Menschen hinreißende Menschen, oder sollten es zumindest sein. Und deshalb ist das alles Entscheidende für ein Christenleben die Taufe, in der Gottes Geist verliehen wird. Die Taufe ist so etwas wie die Grundordination aller Christenmenschen. Alles, was im weiteren Leben geschieht, auch die Ordination ins geistliche Amt, gründet auf der Taufe und darauf, dass Gott Menschen seinen Geist verliehen und sie zu seinen Kindern gemacht hat.
Getrieben von was?
Nun werden manche von Ihnen sogleich einwenden: Ich fühle mich aber gar nicht als vom Geist Gottes getrieben. Manchmal fühle ich mich auf ganz andere Art getrieben. Dann treibt mich mein Ehrgeiz oder mein Terminkalender. Dann treiben mich Ansprüche anderer an mich, Erwartungen, die ich zu erfüllen habe. Manchmal kann ich gar nicht entscheiden, ob es Gottes guter Geist ist, der mich gerade treibt, oder eher der Zeitgeist mit seinem verführerischen Lächeln und seinen bösen Fratzen. Ja, welcher Geist treibt mich – in meinem Leben als getaufter Mensch, in meinem Dienst als Amtsträgerin oder Amtsträger der Kirche? Gerade weil sich ein Gefühl des Getriebenseins durch anderes immer wieder einstellt, weil es so schwer zu entscheiden ist, wann wirklich Gottes Geist mich treibt, deshalb ist es so wichtig, mich regelmäßig der eigenen Taufe zu erinnern. Jeder Gottesdienst, den wir im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes beginnen, ist ein Akt der Tauferinnerung. Machen wir uns dies klar.
"Will ich mich überhaupt von irgendetwas treiben lassen? Oder will ich lieber ein vollständig selbst bestimmtes Leben führen, ein Leben, in dem ich meinen eigenen Willen durchsetze? Aber mit diesem Traum von der völligen Selbstbestimmung erliege ich einer furchtbaren Illusion."
Dann der andere Einwand: Will ich eigentlich ein von Gottes Geist Getriebener sein? Oder will ich eher und vor allem die Freiheit meines eigenen Willens unter Beweis stellen? Will ich mich überhaupt von irgendetwas treiben lassen? Oder will ich lieber ein vollständig selbst bestimmtes Leben führen, ein Leben, in dem ich meinen eigenen Willen durchsetze? Aber mit diesem Traum von der völligen Selbstbestimmung erliege ich einer furchtbaren Illusion. Denn nicht ich habe mich selbst geschaffen und ins Leben gerufen. Durch Gottes Atem, durch Gottes Lebenskraft wurde ich ein lebendiges Wesen. In der Taufe wurde ich der Kraft dieses göttlichen Geistes ausgesetzt. Dieser Geist, der Leben erschaffen hat und der mir in der Taufe verliehen wurde, er treibt mich. Mit ihm werde ich immer wieder neu beatmet. Dies zu wissen, muss meine Freiheit ja gar nicht einschränken. Im Gegenteil: Es kann so tröstlich sein zu wissen: Bei allem, was ich tue und rede, bin ich nicht auf mich selbst, auf meine Kreativität, auf meine Tatkraft allein angewiesen. Ich werde von Gottes Geist inspiriert. Mir fließen von außen Kräfte zu. Mir wird etwas geschenkt, das ich annehmen, das ich aufnehmen, auf das ich hören, von dem ich mich leiten lassen kann.
Urvertrauen als Kinder Gottes
Deshalb spreche ich Sie heute Morgen so an als „begeisterte Kinder Gottes“ und schließe mich dabei mit ein: Auch wenn wir uns nicht immer als sonderlich geisterfüllt erleben mögen, so ist dies doch die Bestimmung unseres Lebens. In der Taufe hat uns der heilige Geist an Gottes Brust gelegt. Er hat uns seit unserer Taufe kindliches Selbstbewusstsein saugen lassen. „Ich bin von Gott angenommen. Ich darf ich sein - Gottes geliebtes Kind“. Diese Gewissheit haben wir seit unserer Taufe durch Gottes heiligen Geist vermittelt bekommen. Und so haben wir uns als Kinder Gottes glauben gelernt, als Brüder und Schwestern Jesu. Als zugehörig zu Gott, unserem Vater, als zugehörig zu Jesus, unserem Bruder. Und weil dies so ist, können wir Vertrauen, unendliches Vertrauen zu Gott schöpfen. Ein Säugling ruft nicht zaghaft; er schreit. Er schreit nach seinem Vater, nach seiner Mutter. Dieser Schrei des Säuglings ist der Schrei des Vertrauens. Genau diesen Schrei des Neugeborenen stellt uns Paulus als Ausdruck unbedingten, geisterfüllten Vertrauens beispielhaft vor Augen. Durch Gottes Geist haben wir mit unserer Taufe ein herrliches Selbstbewusstsein erlangt, das Selbstbewusstsein der Kinder Gottes, die in unbedingtem Vertrauen, sozusagen mit Urvertrauen Gott als „Vater“, als „Abba“, sicher auch als „Mama“ ansprechen können.
"Wer sich in der Taufe ganz an Gott hat binden lassen, verliert die Furcht gegenüber der Welt. So führt der kindliche „Abba“-Schrei nicht in eine kindliche Abhängigkeit, sondern zur herrlichen Freiheit der begeisterten Kinder Gottes."
Gegen alle Tauf- und Geistvergessenheit will ich uns also heute erinnern an unsere Taufe, an das Geschenk des Geistes und an unsere Gotteskindschaft. Wenn wir uns daran erinnern lassen, dann finden wir uns wieder an der Seite Jesu, unseres Bruders. Dann finden wir uns wieder als Erben des Gottesreiches und als Miterben Jesu Christi. Dann gewinnen wir mit Jesus Kraft zum Durchstehen des Leidens, das uns in unserem Leben abverlangt wird. An der Seite Jesu, als Kinder Gottes, als Erben des Gottesreiches können wir der Freiheit trauen und uns im Vertrauen auf die versprochene Gottesherrschaft allen Anpassungszwängen widersetzen. Können wir leben in unbedingter Bindung an Gott, die zugleich herrliche Freiheit gegenüber der Welt und allen Menschen bedeutet. Können wir uns befreien von so genannten Sachzwängen. Können wir Konflikte aushalten. Können wir uns unbefangen einmischen in die Angelegenheiten dieser Welt - in der Gewissheit, dass Erben der Freiheit einen langen Atem haben, den Atem Gottes. Wer sich in der Taufe ganz an Gott hat binden lassen, verliert die Furcht gegenüber der Welt. So führt der kindliche „Abba“-Schrei nicht in eine kindliche Abhängigkeit, sondern zur herrlichen Freiheit der begeisterten Kinder Gottes. Gottes heiliger Geist bläst getauften Menschen die Furcht aus der Seele. Weil dies so ist, kann Paulus seine Ausführungen über die begeisterten Kinder Gottes im 8. Kapitel seines Römerbriefes dann mit den wunderbar tröstlichen und Mut machenden Worten schließen, die vielen von uns vertraut sind: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ Ja, so kann jemand reden, der weiß: Gottes heiliger Geist bläst mir die Furcht aus der Seele.
Furchtlos
Furchtloses Vertrauen ist es, das uns geschenkt wird, wenn wir uns treiben lassen vom Geist Gottes. Furchtloses Vertrauen, das uns fähig macht, als Erben des Gottesreiches zu leben in der Geschwisterschaft mit dem gekreuzigten und auferstandenen Christus. Der uns in der Taufe als seine Kinder angenommen hat, der uns als Erben seines Reiches eingesetzt hat, der bindet uns an sich. Der stellt uns an die Seite Jesu, unseres Bruders. So können sich jene, die vom Geist Christi getrieben werden, der Nachfolge des Gekreuzigten nicht entziehen. Deshalb sind begeisterte Kinder Gottes als Erben der Freiheit und als Miterben Christi fähig zum Mitleiden. In der Nachfolge Christi werden sie hineingezogen in sein Leiden. Und dieses muss ihnen nicht Furcht machen. Die gemeinsame Erbschaft des Gottesreiches schafft eine Schicksalsgemeinschaft mit Christus. Als vertrauende Miterben Christi lernen wir die Solidarität mit den Leidenden. Und durch unsere Solidarität mit den Leidenden blitzt immer wieder die Herrlichkeit des kommenden Gottesreiches auf in dieser Welt.
Dabei wissen wir, dass die Verwirklichung der von Gott verheißenen Herrlichkeit nicht abhängt von Ihrer Einsatzbereitschaft und Ihren Erfolgen. Das bedeutet eine große Entlastung: Nicht Sie sind es, die Gottes Reich heraufführen, sondern Gott, unser Vater, wird sein Reich vollenden. Zugleich aber sind Sie als Erben des Gottesreiches auch gefordert. (...) Natürlich gibt es auch Grenzen des Mitleidens. Nicht jedes Leiden werden Sie, liebe Schwestern, lieber Bruder, mitgehen können, aber in jedem Leiden sind Sie gefordert, als Erben des Gottesreiches an der Seite der Leidenden zu stehen. Anteil an der künftigen Herrlichkeit gibt es für Christenmenschen nicht am Kreuz vorbei.
Das klingt sehr ernst. Das ist es auch, aber nicht traurig. Denn für das Leben in der Schicksalsgemeinschaft mit Christus sind Sie alle, liebe Schwestern und Brüder, bestens ausgerüstet als begeisterte Kinder Gottes, die mit den Worten Paul Gerhardts singen können:
Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich;
so oft ich ruf und bete, weicht alles hinter sich.
Hab ich das Haupt zum Freunde und bin geliebt bei Gott,
was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott?
Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein,,
ist voller Freud und Singen, sieht lauter Sonnenschein.
Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ,
das, was mich singen machet, ist was im Himmel ist.
Amen.
