Liebe Bezirksgemeinde,
heute hören wir Worte der Bibel aus dem 1. Johannesbrief, in dem gleich 15mal das Wort „Liebe“ verwendet wird:
„Ihr Lieben, lasst uns einander lieben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, dass wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden. Ihr Lieben, hat uns Gott geliebt, sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen, Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.“
„Liebe, Liebe, Liebe...“ Schon wieder dieses Thema, was soll der Pfarrer darüber noch Neues sagen, selbst wenn er ein Bischof ist? Wenn Sie sich dies fragen, kann es Ihnen leicht so gehen wie jenem, der nach einem Gottesdienst gefragt wurde: Worüber hat denn der Pfarrer gepredigt?
Über die Liebe.
Und was hat er gesagt?
Er war dafür.
Wer nicht liebt, kennt Gott nicht
Ja, kein Thema ist kirchlich so ausgepredigt und zugleich durch seine mediale Vermarktung so banalisiert wie das Thema „Liebe“. Und obwohl es schwer ist, sich auf dieses Thema neu so einzulassen, dass dabei Gewinn Bringendes entdeckt wird, will ich es tun. Ich will es tun, indem ich das Bibelwort aus dem 1. Johannesbrief in seiner Eigenart ernst nehme. Geschrieben wurde es vor allem im Blick auf Christenmenschen, die meinten, schon am Ziel des Glaubens angekommen zu sein. Als Vollendete im Glauben meinten sie die Alltäglichkeiten des Lebens gering achten zu können. Weil sie Gott erkannt hatten, maßen sie dem alltäglichen Tun keine Bedeutung mehr bei. Vor lauter Perfektion im Glauben wurden sie Verächter eines ethisch verantworteten Tuns. Sie lebten einen lieblosen, einen verantwortungslosen Glauben. Mit ihrem Tun lästerten sie dem, was sie im Glauben erkannt hatten.
"Erkenntnis des Glaubens muss sich immer auf den Prüfstand der Liebe stellen lassen. Sie ist nie zu lösen von der Praxis des Lebens."
Gegen solche Irrlehrer entwickelt der Verfasser des 1. Johannesbriefes seine These: „Wer nicht liebt, kennt Gott nicht.“ Damit macht er ein bestimmtes ethisches Verhalten zum Kriterium richtiger Gotteserkenntnis. Wir sind ja meist gewohnt, umgekehrt zu denken. Zuerst entwickeln wir dogmatisch richtige Sätze des Glaubens, und dann fragen wir danach, wie wir solchen Glauben in entsprechendes Tun umsetzen können. Der Verfasser des 1. Johannesbriefes geht einen anderen Weg. An der Liebe der Menschen zueinander sei abzulesen, ob Gott wirklich erkannt ist. Erkenntnis des Glaubens muss sich immer auf den Prüfstand der Liebe stellen lassen. Sie ist nie zu lösen von der Praxis des Lebens. Mehr noch: Die Praxis der Liebe zu anderen Menschen ist immer ein Hinweis auf die solcher Praxis zugrunde liegende Gotteserkenntnis.
Glaube und Liebe, Erkenntnis und Tat
„Liebe, Liebe, Liebe...“, so einfach ist das also doch nicht. Vielmehr geht es um die Beziehung von Glaube und Liebe, von Erkenntnis und Tat. Und bei dieser Themenstellung wird es gleich sehr spannend und konkret. Denn wie sieht die Wirklichkeit in unseren Kirchen aus? Klaffen nicht allzu häufig Glaube und Liebe, Erkennen und Tun auseinander? Wir leben in einer Kirche, in der viel von der Liebe Gottes gepredigt wird, in der Mitarbeitende aber nicht selten recht lieblos miteinander umgehen. Da erfahren wir in christlichen Gemeinden, in Kirchenbezirken und in unserer Landeskirche Gruppenegoismen und Ellbogenmentalität statt Liebe zueinander. Da kennen wir Christenmenschen, die - genau wie der Schriftgelehrte im Evangelium zum heutigen Sonntag - ihren Katechismus, ihr Gesangbuch und ihre Bibel wohl gelesen und vieles auswendig gelernt haben, die aber in ihrem Glauben eine erschreckende Lieblosigkeit an den Tat legen. Zu häufig bleibt in unserer Kirche das Erkennen der Liebe Gottes ohne Konsequenzen für die Praxis des Lebens.- Aber auch auf andere Weise klaffen Glaube und Liebe, Erkennen und Tun oft auseinander. Da begegnen wir Schwestern und Brüdern, die Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit als einzigen Inhalt ihrer christlichen Existenz ansehen, die aber meinen, auf den Glauben verzichten zu können. Sie wollen Nächstenliebe praktizieren, aber von Gott nichts wissen. Sie wollen anderen Liebe schenken, Gott aber nicht kennen. Sie meinen, mitmenschlich handeln zu können, ohne an Gottes Liebe zu glauben.
Liebloser Glaube und glaubenslose Liebe
Woran liegt es, dass Erkennen und Tun, dass Glaube und Liebe so oft auseinander klaffen? Woran liegt es, dass es in unserer Kirche lieblosen Glauben und glaubenslose Liebe gibt?
Zunächst einmal nenne ich zwei Gründe: Zum einen ist es grundsätzlich nicht leicht, im Glauben Erkanntes in die Tat umzusetzen. Meist ist das Motiv für Lieblosigkeit ja einfach ein Mangel an Kraft. Vielleicht habe ich in der Kindheit zu wenig an Liebe erfahren. Vielleicht hat es in meinem Leben einen Bruch gegeben, der es mir schwer macht, Liebe zu verschenken. Vielleicht fühle ich mich durch Probleme, die mich umtreiben, überfordert, anderen Menschen liebevoll zu begegnen. Vielleicht erlaubt mir meine berufliche Situation keine Gefühle für andere. Vieles also gibt es, das mir die Kraft zum Tun der Liebe rauben kann, selbst wenn ich vom Glauben und von der Erkenntnis der Liebe Gottes erfüllt bin.
"Glaube ist nichts anderes als Erfahrung, Erfahrung der Liebe Gottes. Gott ist ein Liebhaber des Lebens. Seine Liebe ist der Grund unseres menschlichen Lebens."
So gibt es fürwahr gute Gründe für das Auseinanderklaffen von Glaube und Liebe. Es gibt gute Gründe dafür, dass Glaube so oft lieblos und Liebe oft so wenig vom Glauben begründet ist. Und bei diesen Gründen ist eines festzustellen: Glaube und Liebe fallen dann auseinander, wenn Glaube als etwas nur Theoretisches, Liebe dagegen nur als etwas Praktisches verstanden wird. Aber Glaube ist keine Sache nur des Kopfes und Liebe keine Sache nur der Hände. Glaube und Liebe haben - recht verstanden - eines gemeinsam: Sie sind Erfahrungen, die den Menschen als ganzen betreffen. Glaube ist nicht etwas auswendig Gelerntes, sondern etwas im Leben Erfahrenes. Glaube ist nichts anderes als Erfahrung, Erfahrung der Liebe Gottes. Gott ist ein Liebhaber des Lebens. Seine Liebe ist der Grund unseres menschlichen Lebens. Gott drängt uns Menschen durch seine Liebe zu seiner Erkenntnis. Und er drängt uns durch seine Liebe zur Liebe zum Mitmenschen. Unsere Antwort auf Gottes Liebe ist es, dass wir ihn kennen als einen „glühenden Backofen voller Liebe“, wie Martin Luther dies einmal sehr schön ausgedrückt hat. Seinen unüberbietbaren Ausdruck hat die Liebe Gottes darin gefunden, dass „er seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden.“ In der Sendung Jesu Christi erweist sich Gott als Liebhaber des Lebens,
"Ich sehe dich"
Christliche Kirche, christliche Gemeinde ist dann nichts anderes als ein Raum, in dem wir teil geben und teilhaben an unseren Glaubenserfahrungen. Hier entdecken wir einen Raum, in dem wir miteinander Erfahrungen des Glaubens, Erfahrungen der Liebe Gottes machen. Christliche Gemeinde - auf Orts- wie Bezirksebene - ist ein Raum, in dem wir dann auch anderen die Angst nehmen können, die sie unfähig macht zu lieben, etwa indem wir ihnen die Möglichkeit geben, das auszusprechen, was sie belastet, oder indem wir in der Seelsorge einander Vergebung zusprechen.
"Liebe ist - wie der Glaube - eine Erfahrung, die den ganzen Menschen betrifft, nämlich die Erfahrung eines völligen Angenommenseins. Eine solche Erfahrung kann unsere Erkenntnisse über die Lieblosigkeit der Welt durchbrechen."
Liebe ist - wie der Glaube - eine Erfahrung, die den ganzen Menschen betrifft, nämlich die Erfahrung eines völligen Angenommenseins. Eine solche Erfahrung kann unsere Erkenntnisse über die Lieblosigkeit der Welt durchbrechen. Wo ich persönlich Liebe erfahre, da öffnet sich mein Erkennen. Da kann ich hinter allem Leid und Krieg, hinter Krankheit und Tod, hinter Unterdrückung und Gewalt Spuren der Liebe Gottes erkennen. Wo ich Liebe persönlich erfahre, zerbrechen meine negativen Erkenntnisse über die Lieblosigkeit der Welt. Sie werden transparent für die Erkenntnis Gottes, der die Liebe ist. Wo persönliche Erfahrungen einer annehmenden Liebe gemacht werden, da bleibt Liebe nicht glaubenslos. Da öffnet sich ein Raum für immer neue Erfahrungen des Glaubens, für immer neue Erkenntnis Gottes. Wer angewärmt ist von der Erfahrung der Liebe Gottes, bekommt einen Sinn für Gott, den glühenden Backofen voller Liebe. Wer liebt, kennt Gott.
Was damit gemeint ist, möchte ich abschließend zum Ausdruck bringen durch das, was ich von einem Sprachendialekt Afrikas gehört habe. Dort gibt es kein Wort für „Liebe“. Ein Übersetzer erzählte, dass er die Liebeserklärung eines jungen Mannes an ein Mädchen so übersetzen muss: „Ich sehe dich.“ Ja, darin finden Erkennen und Tun, Glaube und Liebe zusammen: Wir sehen unsere Mitmenschen, indem wir uns ihnen liebend zuwenden. Und genau darin erkennen wir Gott, den Liebhaber des Lebens. Wer Menschen mit Augen der Liebe ansieht, kann Gott nicht übersehen. Und wer Gottes Liebe im Glauben erfahren hat, sagt zu anderen Menschen: „Ich sehe dich!“ Amen.
