Liebe Gemeinde,
wir alle haben Lieblingstexte in der Bibel, also Texte, die wir besonders gern hören und die uns besonders viel bedeuten. Auch Bischöfe haben solche Lieblingstexte. Wenn dann ein solcher Lieblingstext zugleich der nach der Ordnung unserer Kirche vorgeschlagene Predigttext für einen Sonntag ist, dann freut das nicht nur den Prediger, sondern dann darf auch die Gemeinde erwarten, dass es bei einer solchen Predigt wirklich zur Sache geht. Dies umso mehr, als das Wort der Schrift, das uns zum heutigen 7. Sonntag nach Trinitatis gegeben ist, ungeheuer provozierend ist. Ich lese aus dem 2. Kapitel der Apostelgeschichte, was Lukas dort über das Leben der urchristlichen Gemeinde schreibt:
„Sie blieben beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. Es kam aber Furcht über alle Seelen, und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.“
Provokation
In diesem Text steckt eine ungeheure Provokation, eine ungeheure Anfrage an unser Kirchesein heute. Man kann sich dieser Provokation leicht entziehen, etwa mit den Worten: „Was da über die christliche Gemeinde vor 2000 Jahren gesagt ist, kann doch für uns heute keine Bedeutung mehr haben. Was hat sich nicht alles in diesen 2000 Jahren gewandelt! Aus der kleinen Gemeinde der Apostel und Jünger ist die riesige Weltkirche geworden, aus einer kleinen, bedrängten Minderheit eine Volkskirche, zu der noch heute über 80% der Bevölkerung unseres Bundeslandes zählt. Und was hat sich auch im Leben der christlichen Gemeinde geändert! Die erste Gemeinde verstand Gemeinschaft als eine Glaubens- und Lebensgemeinschaft, in der alles miteinander geteilt wurde, in unseren Gemeinden wird Glaube als etwas Geistliches häufig getrennt von wirtschaftlichen Vorgängen. Die erste Gemeinde traf sich täglich zu Gebet und Gottesdienst im Tempel, in unseren Gemeinden ist der sonntägliche Gottesdienst nur noch für eine Minderheit von Bedeutung, und das Gebet ist zur Privatsache jedes Christenmenschen geworden. Die erste Gemeinde feierte das Abendmahl, die Eucharistie, täglich voller Freude in den Häusern, d.h. im Alltag des Lebens, in unseren Gemeinden ist das Abendmahl ein aus dem Leben völlig herausgehobener religiöser Akt geworden, den viele Gläubige möglichst selten vollziehen, um ihm seinen Ernst nicht zu rauben.“
"Und so ist es leicht, dem Text aus der Apostelgeschichte jede Bedeutung für uns heute abzusprechen und sich auf diese Weise seiner Provokation zu entziehen."
Ja, zwischen der Lebenswirklichkeit der ersten Gemeinde und der Lebenswirklichkeit unserer Kirche heute liegen Welten. Und so ist es leicht, dem Text aus der Apostelgeschichte jede Bedeutung für uns heute abzusprechen und sich auf diese Weise seiner Provokation zu entziehen. Manche möchten auch diese Provokation dadurch beseitigen, dass sie die Aussagen des Lukas abschwächen, etwa so: „Wer weiß eigentlich, ob Lukas uns da wirklich die Wahrheit über die erste Gemeinde sagt oder ob er nur den Traum von einer Idealgemeinde träumt? Hat es denn wirklich jemals eine christliche Gemeinde gegeben, die so vollkommen gelebt hat? Wird nicht schon wenige Kapitel später in der Apostelgeschichte berichtet, dass die Sache mit dem Teilen des Besitzes nicht so sonderlich gut geklappt hat, dass es zu Betrügereien kam und dass deshalb schon bald Personen mit der gerechten Verteilung der Güter beauftragt werden mussten? Ja, und wenn die Wirklichkeit damals in der ersten Gemeinde gar nicht so ideal war, weshalb sollen wir uns dann darüber aufregen, dass wir heute nicht so leben, wie Lukas das Leben der Urgemeinde beschreibt?“
Grundlagen
So hätte man den Anspruch der biblischen Botschaft für den heutigen Sonntag erledigt, indem man den Worten des Lukas entweder jede Bedeutung für unsere Kirche heute abspricht oder sie als Träumerei des Lukas abtut. Ich frage dagegen nun: „Könnte es nicht sein, dass Lukas hier ganz Grundlegendes über das Wesen christlicher Gemeinde sagen will, das über 2000 Jahre hinweg auch für unsere Kirche heute Gültigkeit hat? Etwas, was uns eine Provokation sein soll, also ein Aufruf, die Wirklichkeit unseres Kircheseins zu messen an einem Ideal christlicher Gemeinde?“
Dass Lukas wirklich Grundlegendes sagen will, wird daran deutlich, dass er diesen Abschnitt über das Leben der ersten Gemeinde unmittelbar an die uns bekannte Pfingstgeschichte anschließt. Pfingsten ist die Geburtsstunde der Kirche. Durch das Geschenk des Heiligen Geistes bildet sich eine christliche Gemeinde, und christliche Gemeinde in der Kraft des Heiligen Geistes lebt eben so, wie Lukas es beschreibt: beständig in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet. Das heißt: Was Lukas hier als ideale Gemeinde beschreibt, ist nicht das Werk von Menschen, sondern ist Frucht des Heiligen Geistes.
"Im Leben einer solchen Kirche gibt es keinen Bereich, in den die Kraft des Heiligen Geistes nicht hineinwirken soll. Deshalb gibt es keine Trennung zwischen Gottesdienst und Alltag, von Glauben und Leben, von Geistlichem und Weltlichem, von Abendmahl und sozialem Tun."
Wie aber kann und soll Kirche in der Kraft des Heiligen Geistes ihr Leben gestalten? Die entscheidende Antwort, die Lukas gibt, lautet: Kirche in der Kraft des Heiligen Geistes ist eine Gemeinschaft, die die Gesamtheit des Lebens umfasst. Im Leben einer solchen Kirche gibt es keinen Bereich, in den die Kraft des Heiligen Geistes nicht hineinwirken soll. Deshalb gibt es keine Trennung zwischen Gottesdienst und Alltag, von Glauben und Leben, von Geistlichem und Weltlichem, von Abendmahl und sozialem Tun. Das Provozierende an unserem Bibelwort ist gerade, wie all diese Trennungen überwunden werden, wie das Teilen der materiellen Güter untrennbar verbunden ist mit dem Teilen des Brotes im Abendmahl, in der Eucharistie. Kirche in der Kraft des Heiligen Geistes ist Abendmahlsgemeinde, ist eucharistische Gemeinde, die alles miteinander teilt, das Brot am Tisch des Herrn ebenso wie Freude und Leid, wie Trauer und Glück, wie Not und Überfluss, wie Güter und Besitz. Dieses Modell einer eucharistischen Gemeinde wurde mit dem Stichwort „Liebeskommunismus“ beschrieben, und tatsächlich ist dieses Stichwort zutreffend. Im Wort Kommunismus steckt das lateinische Wort communis, „gemeinsam“. Liebeskommunismus ist also eine Form der Lebensgestaltung, in der alles allen gemeinsam ist und alles in Liebe miteinander geteilt wird, damit alle volle Genüge haben.
Das Brot teilen
Und dieser Liebeskommunismus hat sein Zentrum im Abendmahl, in der Eucharistie. In der Eucharistie lebt christliche Kirche vom Teilen Gottes mit uns, und in der Eucharistie lernt sie das Teilen. Das Brot des Abendmahls ist beides zugleich: Einerseits ist es Zeichen für Christus selbst, für Gottes Vergebung und Liebe, für Gottes Teilen mit uns, deshalb empfangen wir im Brot der Eucharistie Kraft von Gott. Andererseits ist das Brot die Frucht menschlicher Arbeit, Zeichen für wirtschaftliches Tun, für Mühe und Schweiß, für menschliche Anstrengung und Intelligenz, und deshalb verweist uns das Brot der Eucharistie an die Menschen neben uns. Die Gemeinschaft mit Gott und die Gemeinschaft mit den Menschen werden im Brot der Eucharistie greifbar. Deshalb kann es kein rechtes Abendmahl geben ohne die Hinwendung zum Menschen. Deshalb geben wir uns beim Abendmahl auch den Friedensgruß. Eucharistie und Liebeskommunismus, also Abendmahl und soziales Tun gehören untrennbar zusammen, ja sie sind in ihrem Miteinander Kennzeichen christlicher Kirche in der Kraft des Heiligen Geistes. Abendmahl ohne soziales Tun wäre Irrglaube und Götzendienst, wäre - wie Paulus einmal sagt - ein Essen und Trinken zum Gericht. Umgekehrt wäre soziales Tun ohne Abendmahl ein geistloses Tun, bei dem wir alle uns verausgaben würden. Quelle aller Kraft zum Teilen des Lebens miteinander ist für eine christliche Kirche das Abendmahl, die Eucharistie, in der Gott mit uns teilt und wir miteinander das Teilen üben. Aus der Vergebung Gottes heraus, aus der Gemeinschaft mit unseren Schwestern und Brüdern und aus der Freude der Eucharistie erhalten wir die Kraft, alles miteinander zu teilen.
"Und dieses Grundlegende ist für uns provozierend im wahrsten Sinne des Wortes. Es ruft uns heraus aus Gewohnheiten, die dem Modell einer eucharistischen Kirche nicht entsprechen. Dieses Modell zeigt uns, dass das Abendmahl wirklich ins Zentrum des Gemeindelebens und des Lebens aller Christenmenschen gehört."
Das ist das Grundlegende, was Lukas über das Wesen christlicher Kirche sagt. Und dieses Grundlegende ist für uns provozierend im wahrsten Sinne des Wortes. Es ruft uns heraus aus Gewohnheiten, die dem Modell einer eucharistischen Kirche nicht entsprechen. Dieses Modell zeigt uns, dass das Abendmahl wirklich ins Zentrum des Gemeindelebens und des Lebens aller Christenmenschen gehört. Dieses Modell erinnert uns daran, dass das Abendmahl als Feier der Kirche geschieht in der Freude des Geistes. Darum gehören das fröhliche Singen der Gospels, die helle Kleidung, das Lachen der Kinder, die Freude aneinander, auch die Zärtlichkeit zur Feier des Abendmahls. Schließlich öffnet uns das Modell der eucharistischen Kirche den Blick über die Grenzen unserer Kirche hinaus: Anders als die Urgemeinde von Jerusalem feiern wir das Abendmahl in weltweiter Gemeinschaft mit Christenmenschen aus aller Welt. Bei jeder Feier des Abendmahls stehen meine Schwestern und Brüder aus Brasilien, Polen, Korea oder Südafrika neben mir am Tisch des Herrn, sie empfangen mit mir zusammen das Brot als Zeichen der Vergebung Gottes. Zugleich fragen sie mich, was ich dafür tue, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Sie fragen mich, wo ich bereit bin, mit ihnen zu teilen. So lernt eucharistische Kirche, das Teilen ökumenisch zu buchstabieren.
Als eucharistische Kirche leben
Liebe Gemeinde, leider feiern wir heute im Rahmen dieses Gottesdienstes kein Abendmahl. Aber nicht nur jede Abendmahlsfeier, auch jede Abendmahlsunterweisung wie die heutige Predigt erinnert an das Modell einer eucharistischen Kirche. Dieses Modell ist kein Traum des Lukas, es ist auch nichts, was nur vor 2000 Jahren Gültigkeit hatte. Es ist eine Provokation des Heiligen Geistes, die bei uns erlebt und erfahren werden kann. Gott schenkt uns seinen Geist, damit wir als eucharistische Kirche leben im Feiern des Abendmahls und im Teilen miteinander. Als eucharistische Kirche entwickeln wir missionarische Kraft, denn als eucharistische Kirche ist uns das verheißen, was jene erste Gemeinde erleben durfte, dass Gott ihr immer mehr Menschen hinzufügen wird, die gerettet werden. Amen.
