Das Band der Taufe - Grundlage unserer kirchlichen Einheit

Gottesdienst in der Marienkirche Berlin am 11.07.2010; Predigt zu Röm 6,3-8 von Landesbischof Dr. U. Fischer

Liebe Gemeinde an St. Marien,
was verbindet an diesem sonnigen 11. Juli 2010 die Menschen im Osten und Westen unseres Landes? Was verbindet uns in Ost und West?

Was verbindet uns?

Hätte ich diese Frage vor etwas mehr als 20 Jahren gestellt, dann wären mir fast nur Dinge eingefallen, die uns voneinander trennen: Unterschiedliche Gesellschaftssysteme standen sich gegenüber - getrennt durch Sperrmauern und Stacheldraht. Zwei Währungen trennten unser Land ebenso wie die Zugehörigkeit zu verschiedenen Verteidigungssystemen. Bei Olympischen Spielen traten zwei Mannschaften mit unterschiedlichen Hymnen gegeneinander an, ebenso wie bei Fußballweltmeisterschaften - wer erinnert sich nicht noch an den legendären Sieg der DDR-Mannschaft bei der Weltmeisterschaft 1974 in der Bundesrepublik Deutschland? Nein, vor etwas mehr als 20 Jahren hätte ich auf die Frage „Was verbindet uns?“ nur stammelnde Antworten gefunden. Vielleicht hätte ich auf unsere gemeinsame Geschichte verwiesen, aber dies dann auch gleich mit dem Hinweis, dass es eine gemeinsame Geschichte eines deutschen Staates wohl kaum mehr geben werde. Und natürlich hätte ich unsere gemeinsame Sprache erwähnt - wohl wissend, dass wir uns dennoch oft nicht recht verstanden.

"Über alle Trennung von Staaten und Gesellschaftssystemen hinweg verbindet uns in der Kirche derselbe Glaube, der in der Taufe auf den dreieinigen Gott seinen Ursprung und seine Quelle hat."

Erst nach 1989 wurde mir bewusst, dass es über all die Jahre der Trennung von Ost und West eine Klammer gab, die nie infrage gestellt wurde: die Verbundenheit in der gemeinsamen Kirche Jesu Christi. Wie viele Partnerschaften von Gemeinden und Kirchenkreisen, von Landeskirchen und Kirchenbünden hat es gegeben! Und sie wurden mit Leben gefüllt. Manche Gemeindepartnerschaften haben bis heute Bestand. Freundschaften sind in dieser Partnerschaftsarbeit entstanden, die bis heute tragen. Unzählige Besuchsreisen wurden durchgeführt, Gastbesuche bei Synodaltagungen. Kirchengemeinschaft wurde gelebt, etwa im Bereich der Evangelischen Kirche der Union, der Rechtsnachfolgerin der altpreußischen Union. Unsere Evangelische Landeskirche in Baden pflegte die Partnerschaft zur Berlin-brandenburgischen Kirche. Da unsere Gemeinde in Heidelberg-Kirchheim, in der ich meine erste Pfarrstelle hatte, leider keine Partnergemeinde in Brandenburg hatte, bekam ich erst im Jahr 1989 als Landesjugendpfarrer Zugang zu dieser wichtigen Partnerschaftsarbeit. Genau erinnere ich mich an eine Begegnung mit brandenburgischen Mitarbeitern der Jugendarbeit im September des Jahres 1989 in Eisenhüttenstadt, an einen bewegenden Besuch von Bischof Forck in unserer Kirchenleitung im Frühjahr 1990 und an viele gesamtdeutsche Landesjugendpfarrerkonferenzen. Bei all diesen Begegnungen wurde mir klar: Über alle Trennung von Staaten und Gesellschaftssystemen hinweg verbindet uns in der Kirche derselbe Glaube, der in der Taufe auf den dreieinigen Gott seinen Ursprung und seine Quelle hat. Über alle Grenzen verbindet die Gemeinschaft der Christenheit das blaue Band der Taufe. Kein Band der Sympathie allein. Ein Band, das darin seine Festigkeit erweist, dass wir seit unserer Taufe in einer einzigartigen Weise verbunden sind mit unserem Herrn Jesus Christus und damit zugleich als Schwestern und Brüder.

Taufe - bindende Kraft über Grenzen hinweg

Nicht hoch genug kann geschätzt werden, was das Band der Taufe an bindender Kraft über alle Grenzen hinweg hat. Natürlich mögen manche verständnislos den Kopf geschüttelt haben, als in der Schriftlesung aus dem 6. Kapitel des Römerbriefes dargelegt wurde, was die Taufe bedeutet. Wenn Paulus da schreibt,
dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, in seinen Tod getauft sind, dass wir durch die Taufe gar begraben sind, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten, auch wir in einem neuen Leben wandeln; wenn er die Taufe als ein Verbundensein und Gleichwerden mit Christus beschreibt, das uns in intensivster Weise hinein nimmt in Christi Tod und seine Auferstehung,
dann klingt dies zunächst recht unverständlich. Aber es erinnert daran, dass Taufe eben mehr ist als ein Segenshandeln an einem kleinen Kind. Mehr ist als ein Aufnahmeritus in die christliche Kirche. Die Taufe auf den Namen des dreieinigen Gottes stellt eine Lebensbeziehung zu dem Gott her, der in Jesus Christus den Weg der Menschen durch Leid und Tod gegangen ist. Die Taufe stellt eine Lebensbeziehung her zu dem Gott, der in der Auferstehung Jesu den Weg in ein neues Leben gewiesen und Hoffnung auf neues Leben geschenkt hat. Getauft werden, das heißt: Untrennbar verbunden werden mit dem Gott in Jesus Christus. Hinein genommen werden in die Wirklichkeit seines Todes und seines Lebens aus der Auferstehung. Für Getaufte muss nicht das Regelwerk dieser Welt mit all ihren Egoismen und Auflehnungen gegen Gott das letzte Wort haben, sondern in der Verbindung mit Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, eröffnet sich die Möglichkeit eines neuen Verhaltens, das nicht von der Sünde bestimmt ist. In der Taufe wird der Grund gelegt für ein Leben in Freiheit von der Sünde und in der Hoffnung auf das ewige Leben bei Gott. Im Geschehen der Taufe wird Christi Tod unser Tod, wird sein Leben unser Leben. Das Untertauchen im Wasser der Taufe ist Sinnbild dieses Sterbens und Auferstehens.

"Taufe verkündet und wirkt eine radikale Erneuerung des Menschen."

So ist die Taufe kein harmloses Geschehen. Nein, Taufe verkündet und wirkt eine radikale Erneuerung des Menschen. In der Taufe werden wir den Mächten der Welt entrissen. In der Taufe geschieht ein Herrschaftswechsel der besonderen Art: Herr unseres Lebens sind nicht mehr die Mächte der Welt. Herr unseres Lebens ist der Gekreuzigte und Auferstandene, der seine Herrschaft nicht mit Gewalt in dieser Welt durchsetzt, sondern in der Kraft der am Kreuz durchbohrten Hände. Indem wir uns diesem gekreuzigten und auferstandenen Herrn ganz anvertrauen, geschieht eine radikale Wende unseres Lebens. Unzerstörbar ist von nun an die neue Lebensgemeinschaft mit Gott. Durch die Taufe werden wir von den rettenden Kräften Gottes erfüllt, die aus Tod und Chaos heraus neues Leben schaffen. Um es mit den Worten der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 zu sagen: Mit der Taufe erfahren wir „eine frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen“.

Kraft und Mut

Wer diesen in der Taufe vollzogenen Herrschaftswechsel für sein Leben gelten lässt, verliert auch die Angst vor jeder weltlichen Herrschaft, die sich menschlicher Gewissen bemächtigen will. Der Mut der Christenmenschen, die wesentlich zur Wende des Jahres 1989 beigetragen haben, war eben mehr als nur Zivilcourage. Es war der Mut von Menschen, die den in der Taufe begründeten Herrschaftswechsel für ihr eigenes Leben wirklich haben gelten lassen und die daraus die Kraft bezogen, sich für einen Herrschaftswechsel in der DDR einzusetzen. In diesem aus der Taufe gespeisten Mut waren sie übrigens verbunden mit Christenmenschen in anderen Ländern des Ostblocks. Sie waren verbunden mit all jenen, die 1977 in der Tschechoslowakei die Charta 77 verfassten, und mit jenen, die im Jahr 1980 in Polen die Gewerkschaft Solidarnosc gründeten.
Aus ihrer Taufe heraus schöpften sie die Kraft, vom Jahr 1980 an in der DDR die Arbeit der jährlichen Friedensdekaden zu etablieren und vom Jahr 1982 an wöchentlich in der Nicolaikirche zu Leipzig Friedensgebete abzuhalten.
Aus ihrer Taufe heraus schöpften sie im Jahr 1982 den Mut zum Wort der Synode von Halle zum Dienst ohne Waffen als dem „deutlicheren Zeichen“ des Friedens und im Jahr 1988 zur ersten Ökumenischen Versammlung der Kirchen zum Thema „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ in Dresden.
Aus ihrer Taufe heraus setzten sie in den Jahren 1985 mit der Eröffnung der Friedensbibliothek in der Ost-Berliner Bartholomäus-Kirche und im Jahr 1986 mit der Gründung der „Umweltbibliothek“ in der Ost-Berliner Zionskirchgemeinde Zeichen der Hoffnung.

An all dem, was ich hier in Erinnerung rufe, haben wir in vielen Gemeinden und Kirchen des Westens Deutschlands Anteil genommen - mit Fürbitten in unseren Gottesdiensten ebenso wie mit Partnerschaftsbesuchen. Wir wurden ermutigt, uns selbst zu engagieren im konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Und wir haben auch das Leiden vieler Schwestern und Brüder unter Benachteiligungen in der DDR wahrgenommen. Ich persönlich habe die Situation der Christenmenschen in der DDR mit all ihren Anfechtungen immer auch als eine Situation des Mitleidens mit dem Gekreuzigten begriffen. Und ist es dann verkehrt, die Erfahrung der friedlichen Revolution auch als eine in der Taufe begründete Auferstehungserfahrung zu deuten, die Hoffnung nährt für die Auferstehung, auf die wir in Gottes ewigem Reich zugehen? Und war nicht der in der Taufe vollzogene Herrschaftswechsel auch Quelle des Mutes, der die Ereignisse des Jahres 1989 in eine friedliche Revolution münden ließ?

Zwischen "schon" und "noch nicht"

Heute – 20 Jahre nach Vollzug der deutschen Einheit blicken wir deutlich ernüchtert zurück. Gewiss: das Band der Taufe hat uns zusammengehalten in Jahren der Trennung. Es war auch die Grundlage dafür, dass wir in der Evangelischen Kirche in Deutschland nun als eine Gemeinschaft von Gliedkirchen in Ost und West miteinander verbunden sind. Grund gelegt dazu wurde bereits am 17. Januar 1990 in Loccum, wo die Kirchenleitungen des Bundes der Evangelischen Kirche und der EKD den kirchlichen Willen zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten und zur Neuvereinigung der sei 1969 getrennten Kirchen in West und Ost bekundeten. Ausdruck auch des kirchlichen Willens nach Einheit war es dann, dass der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland schließlich am 3. Oktober 1990 mit einem zentralen ökumenischen Gottesdienst in dieser Kirche begangen wurde, in der wir heute morgen Gottesdienst feiern.

Das Band der Taufe hat uns zusammengehalten. Es ist Grundlage unserer kirchlichen Einheit, an der wir uns freuen und für die wir von Herzen dankbar sind. Und dennoch: Auch 20 Jahre nach der Herstellung der deutschen Einheit ist diese doch noch lange nicht vollendet. Zuviel Unabgegoltenes gilt es zu bedenken. Was hat nicht alles Kränkungen verursacht im Miteinander von Ost und West, und längst nicht alle Kränkungen sind bearbeitet oder gar behoben. Vieles ist noch nicht an ein gutes Ende gekommen. Manche Landschaften blühen, andere aber sind geradezu entvölkert, weil junge Menschen keine Perspektiven sehen. Und wo ist der Mut hingegangen, der Mut aus der Taufe, der so ganz wesentlich die Ereignisse der Jahre 1989 und 1990 geprägt haben? Und sind wir nicht doch sehr enttäuscht, dass das Friedenszeugnis von Christenmenschen nach der friedlichen Revolution so wenig missionarische Kraft im atheistischen Umfeld der ehemaligen DDR entfalten konnte? Und was ist aus den großen Hoffnung geworden? Mit dem Geschenk der Freiheit konnten viele nicht umgehen. Neue Unübersichtlichkeiten des Lebens förderten das Anwachsen von Fremdenhass und Rechtsradikalismus; und mit der Freiheit von politischer Bevormundung kam eben auch die Freiheit des Marktes mit der Fratze gieriger Selbstbereicherung, unverantwortlicher Finanztransaktionen und unglaublichen Einbrüchen auf dem Arbeitsmarkt.

"Schon und noch nicht - uns Christenmenschen ist diese Spannung bekannt und bewusst, denn sie ist Grund gelegt in unserer Taufe."

Ja, vollzogen wurde die Einheit Deutschlands, ihre Vollendung steht noch aus. Schon und noch nicht - uns Christenmenschen ist diese Spannung bekannt und bewusst, denn sie ist Grund gelegt in unserer Taufe. „Wir sind mit Christus begraben durch die Taufe in den Tod, damit wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.“ Damit ist nicht nur unsere christliche Hoffnung auf ein neues Leben beschrieben, sondern auch unser Auftrag, schon heute durch neuen Lebenswandel mit dazu beizutragen, dass ein Zusammenleben in Gerechtigkeit und Frieden in unserem vereinten Land gelinge. Amen.