Sprachschule des Glaubens

Gottesdienst zum Jubiläum der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen am 12. Juni 2010 in Berlin; Predigt zu 1. Petr 3,15 von Landesbisc

Liebe Festgemeinde,
Die Trinitatiszeit wird gern als festlose Zeit im Kirchenjahr bezeichnet. Die Zeit der großen Christusfeste ist vergangen. Jetzt beginnt viele Sonntage lang ein Weg der Verinnerlichung des Christusgeschehens und der Heilsereignisse, die zwischen Advent und Pfingsten gefeiert wurden. Die Trinitatiszeit ist ein Weg nach Pfingsten, also ein Weg der Kirche, der geisterfüllt in den Evangeliumslesungen dieser Zeit bekannte Geschichten und Texte des Weges Jesu erinnert. Die Sonntage der Trinitatiszeit haben keine eigenen Namen. Sie werden nach Trinitatis gezählt. Trinitatis gehört zu einer anderen Gattung der Feste als Weihnachten, Karfreitag, Ostern usw. Es steht keine Geschichte im Mittelpunkt, sondern die Trinität. Trinitatis enthält die ganze christliche Lehre, hochkonzentriert und abstrakt. Man kann Trinitatis als „Ideenfest“, besser noch als „Denkfest“ bezeichnen.

Insofern passt die Trinitatiszeit hervorragend zur Jubilarin dieses Tages, die seit 50 Jahren eine kirchliche Denk-Arbeit der besonderen Art vollbringt. Die „Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ (EZW) - seit 1995 in Berlin - will „im religiösen Pluralismus orientieren“ und leistet laut Ordnung (1996) einen Beitrag zur „Darstellung des christlichen Gottes- und Weltverständnisses im Gegenüber zu anderen Gottes- und Weltverständnissen (evangelische Apologetik.)“. Der Begriff „Darstellung des Christlichen im Gegenüber“ drückt den Öffentlichkeitswillen von Apologetik aus. Apologetik als Bemühung, die christliche Wahrheit im Gegenüber zu anderen Religionen oder Weltdeutungen herauszuarbeiten oder zu verteidigen, entspringt einer Differenzerfahrung und reflektiert diese systematisch. Apologetik ist Denkarbeit.

Apologetik zwischen Tradition der Kirche und Einladung Christi

In der Neuzeit, in der es eine einheitliche christliche Kultur nicht mehr gibt, finden sich Christentum und Theologie in Spannung oder Konkurrenz mit anderen Wirklichkeitsverständnissen vor. In einer solchen Situation kommt der Apologetik eine besondere Bedeutung zu, sei es um öffentlich Rechenschaft zu geben über die „guten und kräftigen Gründe“ für das christliche Wirklichkeitsverständnis (Eilert Herms) oder im Sinne einer bestimmten „Form der Selbstaufklärung der christlichen Kirche im Blick auf ihren konkreten kulturellen und im besonderen weltanschaulichen Kontext und ihre Wechselwirkung mit ihm“ (Walter Sparn).

"Apologetik soll die Form der „Werbung“ haben. Sie wirbt wie der einladende Christus. Apologetik ist also keine Sekten-, Ketzer- oder Heidenschelte, sondern Einladung, sich die Güte Gottes gefallen zu lassen und an der christlichen Hoffnung teilzuhaben."

Evangelische Apologetik geschieht dabei in einer Spannung zwischen der Erinnerung an die bindende Tradition der Kirche als dem Thema des 1. Sonntags nach Trinitatis und der Einladung Christi als dem Thema des 2. Sonntags nach Trinitatis. Der Wochenspruch des 1. Sonntags nach Trinitatis gibt der Apologetik gleichsam ihre Vollmacht und Würde: „Christus spricht: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.“ Diese Würde und Vollmacht hat Apologetik aber nur, insofern sie die Stimme Christi zur Kenntnis bringt, der im Wochenspruch des 2. Sonntags nach Trinitatis einladend sagt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ Apologetik soll die Form der „Werbung“ haben. Sie wirbt wie der einladende Christus. Apologetik ist also keine Sekten-, Ketzer- oder Heidenschelte, sondern Einladung, sich die Güte Gottes gefallen zu lassen und an der christlichen Hoffnung teilzuhaben.

Dies zeigt schon die neutestamentliche Schriftstelle, von der die theologische Disziplin der Apologetik ihren Namen erhalten hat: Im 3. Kapitel des 1. Petrusbriefes heißt es:
„Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.“
Das hier verwendete Wort „apologia“ soll Reaktionsverhalten von Christenmenschen kennzeichnen, die angegriffen, geschmäht und kritisch befragt werden. In solchen Situationen scheint in der Tat apologia, also Antwort, „Verteidigung“ oder „Rechtfertigung“ nahe liegend. Umso überraschender ist es, dass im Petrusbrief gerade nicht zur „Rechtfertigung“ oder „Selbstrechtfertigung“ angesichts der Angriffe ermuntert wird, sondern zur „Rechenschaft über die Hoffnung“. Der Inhalt der Apologie ist also weder eine Selbstverteidigung noch primär die Widerlegung entgegen gesetzter Argumente, sondern die positive, situationsbezogene öffentliche Kundgabe von Inhalten christlichen Glaubens. Apologetik ist einladende, missionarische Denkarbeit oder wie es der jetzige Leiter der Zentralstelle sagt „eine Kunst des Antwortens“ (Hempelmann).

Die Kunst des Antwortens

Diese Kunst des Antwortens hat alttestamentliche Wurzeln. Sie gehört zu den Grundregeln der Weitergabe des Glaubens von Generation zu Generation. Wie diese Kunst des Antwortens eingeübt wird, ist im 5. Buch Mose grundlegend beschrieben. Dort heißt es: „Wenn dich dein Kind nach Gottes Geboten fragt, dann erzähle ihm die Geschichte, wie wir aus Ägypten geführt wurden.“ Diesen Grundzug der antwortenden und damit zugleich einladenden Glaubensweitergabe hat der Protestantismus aufgenommen in seinen Katechismen. Sowohl in Luthers Kleinem Katechismus wie auch im Heidelberger Katechismus ist es immer eine Frage, von der ausgegangen wird und auf die hin Glaubensaussagen antwortend formuliert werden. Religiöse Bildung beginnt damit, dass eine „Kunst des Antwortens“ entwickelt wird. Nachdem dieses antwortende Weitergeben des Glaubens aus dem Familienleben weithin ausgewandert ist und das Fragen zunehmend weniger neugierig als vielmehr kritisch geschieht, muss die Kunst des Antwortens heute in Bildungseinrichtungen verschiedenster Art kultiviert werden.

Worauf kommt es an, wenn wir - denkend, der Tradition verpflichtet und die Einladung Christi umsetzend - auf Fragen unserer Zeit antworten? Ganz besonders auf Fragen jener, die dem christlichen Glauben kritisch oder gar ablehnend gegenüber stehen? Fragende wollen zum einen sachkundige Auskunft erhalten über Grundzüge unseres Glaubens. Auskünfte, die auch kritischem Nach-Denken standhalten. Sie wollen zwar wissen, welche Meinungen zu ihrer Frage in der wissenschaftlichen Diskussion im Schwange sind; sie wollen aber nicht belehrt werden mit von Bildung strotzendem Bücherwissen. Nein: Sie warten auf Menschen, die bereit sind, „sich in die Karten“ ihres Glaubens schauen zu lassen. Die ihren eigenen Glauben, ihre Lebenshoffnung, ihre Zweifel und ihre Fragen nicht verstecken hinter wortreichen, klugen Belehrungen. Die Einblicke geben in die Welt ihrer Gefühle und Gedanken, ihrer Zweifel und Hoffnungen. Fragende erwarten von jenen, die ihnen Auskunft geben über den christlichen Glauben, dass diese dabei überzeugend Rechenschaft ablegen „über die Hoffnung, die in ihnen ist.“ Die als überzeugende Apologeten christlichen Glaubens auftreten. Und genau dies will und dies tut die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen mit ihren höchst kundigen, von hohem Sachverstand zeugenden und das eigene Glaubenszeugnis nicht verschweigenden Veröffentlichungen und Beiträgen nun schon seit fünf Jahrzehnten.

"Schweigen und Sprachlosigkeit sind inzwischen gewohnte Verhaltensmuster. Es ist mit Händen zu greifen, dass es uns als „Kirche des Wortes“ weithin buchstäblich die Sprache verschlagen hat."

Wie bitter notwendig ist eine solchermaßen antwortende, apologetische Arbeit, wie sie hier geleistet wird! Denn wir haben das Reden von Gott in der Welt kaum eingeübt. Schweigen und Sprachlosigkeit sind inzwischen gewohnte Verhaltensmuster. Es ist mit Händen zu greifen, dass es uns als „Kirche des Wortes“ weithin buchstäblich die Sprache verschlagen hat. Angesichts der weit verbreiteten Sprachlosigkeit in unserer Kirche ist es wichtig, dass wir wieder lernen, zentrale Inhalte unseres Glaubens elementar zur Sprache zu bringen. Seien wir doch ehrlich: Wir sind es nicht gewohnt, Rechenschaft abzulegen über unseren Glauben. Über alles können wir in unserer Gesellschaft reden. Selbst das Intimste kann in Talkshows freimütig bekannt werden. Aber über unseren Glauben schweigen wir lieber. Wir haben uns eine Haltung angewöhnt, der gemäß Glauben als Privatsache behandelt wird, die niemanden etwas angeht. „Seid allezeit bereit zur Rechenschaft“, mahnt dagegen der 1. Petrusbrief. Er erinnert daran, dass es eine grundlegende Pflicht aller Christenmenschen ist, die eigene Glaubenshoffnung öffentlich zu bekunden. Wir sind als Christenmenschen verpflichtet, anderen mitzuteilen, was uns Kraft gibt, Gutes zu tun, was uns trägt im Leiden, was uns Hoffnung schenkt im Leben. Wir sind verpflichtet, ehrlich zu antworten, wenn wir befragt werden:

Was gibt euch die Kraft, nicht zu resignieren angesichts all der Probleme, die sich in unserer Welt stellen?
Was gibt euch die Hoffnung, dass es Sinn hat, sich für diese Welt zu engagieren angesichts all der Zerstörungskräfte und Ungerechtigkeiten?
Was lässt euch hoffen für Gottes Schöpfung angesichts all der Gewalt, die Menschen angetan wird?
Und wir? Wenn wir durch Jesus Christus gelernt haben, über die engen Horizonte unserer eigenen Interessen hinauszuschauen,
wenn Jesus Christus uns die Kraft gegeben hat, Schritte für die Bewahrung der Schöpfung Gottes zu gehen,
wenn wir durch Jesus Christus, den Auferstandenen, hinter der Wirklichkeit des Todes Perspektiven einer neuen Welt entdeckt haben, dann dürfen wir diesen Glauben, diese Hoffnung nicht für uns behalten. Wer Erfahrungen des Glaubens gemacht hat, kann nicht stumm bleiben.

So feiern wir heute mit diesem Jubiläum im Grunde eine Sprachschule des Glaubens, in der mit hohem denkerischen Anspruch und mit großer Kunst des Antwortens eine Sprache des Glaubens entwickelt wird. Eine Sprache des Glaubens, mit der hoffnungsvolle Christenmenschen fragenden Mitmenschen zu Begleiterinnen und Begleitern auf dem Weg des Glaubens werden. Dass die Jubilarin diesen Dienst noch lange und überzeugend für unsere Kirche wahrnehmen kann, das ist mein Wunsch für sie an diesem Tag. Amen.