Liebe Festgemeinde,
muss das schön gewesen sein - damals in jenem Haus in Jerusalem vor etwa 1975 Jahren! Ein Ruck ging durch die Gemeinde. Ein mächtiger Wind, ein Begeisterungssturm erfasste die Gläubigen. Mit einem Schlag wurden Grenzen zwischen Menschen verschiedener Nationen niedergerissen. Menschen verschiedener Sprachen verstanden plötzlich einander. Entsetzen und Verwunderung breiteten sich aus, weil die vom Geist Erfüllten wie verklärt wirkten, wie erfasst von einer göttlichen Kraft; allerdings hielten manche sie auch für betrunken, wie Lukas zu berichten weiß. Stark, überwältigend stark muss dieses Erleben am ersten Pfingsttag der Urgemeinde gewesen sein; so überwältigend, dass viele den Heiligen Geist meinten wie Feuer sehen zu können, das sich in der Form von Zungen auf die Häupter der Begeisterten setzte. Wie schön muss das gewesen sein und wie begeisternd! Ein Pfingstfest, bei dem Gottes Geist mit allen Sinnen erfahren wurde: Er wurde gehört. Er wurde gesehen. Er wurde gefühlt. Er wurde deshalb auch geglaubt.
Gar nicht abstrakt
Immer wieder höre ich die Klage, man könne mit dem Pfingstfest und mit dem Heiligen Geist nichts anfangen. Das sei alles so abstrakt, so theoretisch. Unser Predigttext sagt das Gegenteil: Es gibt nichts Konkreteres, es gibt nichts Anschaulicheres, es gibt nichts Sinnlicheres als den Heiligen Geist. Wenn wir erst einmal begriffen haben, dass der Heilige Geist eine Kraft Gottes ist, die Gott nicht für sich behält, sondern die er austeilt in dieser Welt, dann kann der Heilige Geist gar nichts Abstraktes sein. Dann geht er ein in das Leben und Wirken von Menschen. Dann gewinnt er Gestalt in Ereignissen der Geschichte. Dann wird er wie 1989 zum „wind of change“, der Menschen mit Mut zur Veränderung erfüllen und politische Systeme hinwegfegen kann. Dann wird er greifbar, anschaulich, sichtbar - auch in Leistungen des menschlichen Geistes. Nichts ist konkreter in unserem christlichen Glauben als der Heilige Geist. Genau darum bekennen wir im Glaubensbekenntnis miteinander, dass dieser Heilige Geist Gestalt gewinnt in der einen christlichen Kirche, dass er angeeignet wird in der Taufe, konkretisiert wird in der Vergebung der Sünden und dass er zum künftigen Leben in der Auferstehung der Toten führt. Was könnte denn noch konkreter, noch besser fasslich sein als dieser Heilige Geist?
"Der Heilige Geist ist aber kein vernünftiger Geist, er hat etwas Chaotisches an sich, etwas Beunruhigendes, das wir in unserer wohl organisierten Kirche zu sehr dämpfen."
Und so kann es doch gar nicht wundern, dass die derzeit weltweit am stärksten wachsenden Kirchen die Pfingstkirchen sind. Ja, in diesen Kirchen gibt es etwas zu sehen, zu fühlen, zu erleben. Da rechnen Menschen mit dem konkreten Wirken des Heiligen Geistes. Da vertrauen sie darauf, dass dieser Geist Menschen verändern, heilen kann. Ich denke, das ist die große Not unserer Kirche, dass wir das Wirken des Heiligen Geistes gebändigt haben durch kirchliche Konventionen, durch eine enge bürgerliche Frömmigkeit, aber auch durch einen falschen Vernunftbegriff, der nur das für wirklich hält, was sich unserem Verstand erschließt. Der Heilige Geist ist aber kein vernünftiger Geist, er hat etwas Chaotisches an sich, etwas Beunruhigendes, das wir in unserer wohl organisierten Kirche zu sehr dämpfen. Soll das Hören auf die Pfingstgeschichte des Lukas mehr sein als eine nostalgische Erinnerung an frühere begeisterte Zeiten der Urkirche, dann muss dieses Hören uns frei machen von jeder falschen Bändigung des Heiligen Geistes und all unsere Sinne öffnen, um neu wahrzunehmen, wie und wo Gottes Geist wirkt. Was könnte uns bei diesem Versuch, unsere Sinne zu öffnen, hilfreicher sein als das Jubiläum einer wunderbaren Kirche.
Kirchenjubiläum: 150 Jahre Zeugnis
Die Steine dieser Kirche, ihre Einrichtung und die Menschen, die an dieser Kirche gebaut haben, sie alle legen ein lebendiges Zeugnis ab vom konkreten und anschaulichen Wirken des Heiligen Geistes an diesem Ort. Wie schon in der Urgemeinde der Heilige Geist zu wirksamem Tun befähigt hat, so konnten Sie diese Wirksamkeit des Heiligen Geistes in den zurückliegenden Jahren auch in Ihrer Gemeinde hier in Bettingen erfahren. Im Jahr 2001 erst wurde diese Kirche nach einer umfassenden Renovierung wieder neu eingeweiht. Den Festgottesdienst vor 9 Jahren, den ich mit Ihnen gefeiert habe, habe ich noch genau in Erinnerung. Er war geprägt von einem großen Zwiespalt der Gefühle: Einerseits haben Sie sich gefreut an Ihrer wunderbar renovierten Kirche und waren zu Recht stolz auf das Werk dieser aufwändigen Renovierung. Sie hatten Grund zum Danken an diesem Tag. Leider aber mischte sich in dieses Danken doch auch eine große Wehmut, weil Pfarrer Kuderer, der diese Renovierung mit ungeheurem persönlichen Einsatz vorangebracht hat, Ihre Gemeinde wenige Wochen vor der Wiedereinweihung der Kirche verlassen hatte, um den Dienst in einer neuen Gemeinde zu übernehmen. Auch die unerfreulichen Vorgänge nach dem Gottesdienst werden manchen von Ihnen ebenso in Erinnerung sein wie mir. Umso wichtiger ist es, an diesem Tag des 150jährigen Kirchenjubiläums unseren Blick ganz auszurichten auf das, was in dieser Kirche Zeugnis vom Wirken des Heiligen Geistes an diesem Ort ablegt. Am 17. Mai des Jahres 1858 war der Grundstein für diese Kirche gelegt worden, nachdem die alte Kirche als zu eng und finster empfunden wurde und – wie der Chronist schreibt – von innen und außen des Anblicks eines würdigen Gotteshauses entbehrte. Die am 13. Mai 1860 eingeweihte Kirche, in der wir heute Gottesdienst feiern, war als Raum für 420 Personen angelegt - recht groß für eine Gemeinde, zu der zu jener Zeit 71 Familien mit insgesamt 338 Seelen gehörten. In den Grundstein dieser Kirche wurden neben einem Fläschchen Korn und zwei Flaschen Wein unter anderem auch eine Bibel, ein Exemplar des Augsburgischen Bekenntnisses von 1530, die Urkunde der badischen Union von 1821 und ein neuer Katechismus von 1856 eingelegt, „zum Zeugnis, wie Gottes Wort einträchtig mit der ganzen deutschen evangelischen Kirche verstanden und gelehrt wird, und dass die Gemeinde allhier soll allzeit stehen in Einigkeit des Glaubens und der Liebe in Christo Jesu unserm Herrn“ (Zitat aus der Urkunde im Grundstein).
In Einigkeit des Glaubens und der Liebe wurde das Werk der Renovierung Ihrer Kirche gewagt. Dabei wurde das seit der Renovierung im Jahr 1960 zugedeckte Deckengemälde über dem Altar mit der Darstellung der Himmelfahrt Christi wieder freigelegt, die Kirchenbänke wurden restauriert, ein neuer Wandanstrich erfolgte. Und schließlich verleihen die von John Clark geschaffenen Fenster dieser Kirche einen neuen Glanz. Diese Fenster mit der Darstellung der Taufe Christi, seiner Auferstehung und seines letzten Abendmahls haben dieser Kirche dann auch ihren neuen Namen gegeben: Christuskirche. Im Tauffenster ist Christus als Lamm Gottes dargestellt - im Jordan stehend. Von rechts erscheint die Hand Johannes des Täufers, aus der Wasser auf das Christuslamm fließt. Die Taube als Zeichen des Heiligen Geistes schwebt auf das Christuslamm herab und symbolisiert die Dreieinigkeit Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist.
"Wie in der Urgemeinde durch den Heiligen Geist Menschen zu einer Gemeinde zusammengeführt wurden, so ruft er in dieser Kirche seit 150 Jahren Menschen zusammen - zum Lobpreis Gottes, zum Singen und Beten, zum Predigen und Schweigen."
Alles in dieser Kirche weist hin auf diesen Christus, den Herrn der Kirche, dem in der Taufe der Heilige Geist geschenkt wurde, so wie später dann in der Urgemeinde von Jerusalem am Pfingstfest denen, die von Jesus Christus Zeugnis ablegten, der Geist Gottes zuteil wurde. Wie in der Urgemeinde durch den Heiligen Geist Menschen zum Zeugnis für den gekreuzigten und auferstandenen Christus ermutigt wurden, so hat Ihre Kirche in ihrer 150jährigen Geschichte immer wieder Zeugnis vom Herrn unserer Kirche abgelegt. Sie lädt ein zu Jesus Christus, um in seinem Namen Gottesdienst zu feiern. Wie in der Urgemeinde durch den Heiligen Geist Menschen zu einer Gemeinde zusammengeführt wurden, so ruft er in dieser Kirche seit 150 Jahren Menschen zusammen - zum Lobpreis Gottes, zum Singen und Beten, zum Predigen und Schweigen. Ja, wenn sich hier in dieser Kirche Gemeinde zum Gottesdienst versammelt, dann können Sie den Heiligen Geist spüren, hören, sehen - konkret und anschaulich wie einst die Urgemeinde von Jerusalem. Gottes Geist weht in den Mauern dieser Kirche. Er durchdringt diese Mauern. Er erfüllt die Menschen, die hier im Namen Jesu Christi Gottesdienst feiern. Dämpfet den Geist nicht, denn er kann begeistern, kann verändern, kann befreien, kann retten - uns, unsere Kirche, unsere Welt. Welch eine schönere, welch eine ermutigendere Zusage für Ihre Gemeinde könnte es denn geben an diesem Pfingstfest, an diesem Tag Ihres Kirchenjubiläums. Schenke Gott allen, die sich in dieser Kirche versammeln, seinen Heiligen Geist. Amen.
