Ansprache zu Mk 14,66-72 (1. Teil des Gottesdienstes) von Landesbischof Dr. U. Fischer
An einem Kohlenfeuer begann sie, im Hof des hohepriesterlichen Palastes von Jerusalem: Die Geschichte vom Ende einer feurigen Liebe. Die Geschichte einer heißen Verehrung und einer brennenden Enttäuschung. „Niemals werde ich dich verraten.“ So hatte Petrus gesprochen. Er hatte seinem Herrn treu folgen wollen bis in den Tod. Und dann am Kohlenfeuer dieser Verrat „Ich kenne den Menschen nicht!“ Am Kohlenfeuer erlosch das Feuer der Liebe zu seinem Herrn - erstickt durch den Willen zur Rettung der eigenen Haut. Aber dann krähte ihm der Hahn das schlechte Gewissen ins Ohr und ins Herz: „Ich habe mein Liebesversprechen nicht gehalten.“ Petrus weinte bitterlich. Bitterlich wie so viele, die entdecken müssen, dass sie ein Versprechen gebrochen haben, das doch lebenslang gelten sollte. Wie heftig quält das Gewissen! Wie bitter ist das Erkennen des eigenen Versagens!
Erlöschendes Feuer
Aber Petrus erhielt an einem anderen Kohlenfeuer eine zweite Chance. Nach Ostern am See Genezareth ein Kohlenfeuer. Fisch darauf und Brot. Und der Auferstandene aß mit ihnen - am österlichen Kohlenfeuer. Da wurde es Petrus warm ums Herz. Das Feuer der Liebe begann in seinem Herzen neu zu brennen. Was einst am Tag vor Jesu Tod am Kohlenfeuer erstarb, das erwachte am österlichen Kohlenfeuer zu neuem Leben: neue Liebe, ein Neuanfang nach Tagen bitterer Tränen und schlimmer Selbstvorwürfe. Ja, solche Wege durchs Feuer geht Gott mit uns Menschen. Da brennt das Feuer der Liebe zu Beginn einer Liebesbeziehung. In mancher Liebesbeziehung spielen Menschen dann selbst mit dem Feuer. Und manchmal, leider viel zu oft, erlischt das Feuer der Liebe. Nicht einmal eine Glut bleibt zurück, so kalt wird es in der Beziehung zu dem Menschen, den ich einst geliebt habe. Die Geschichte vom lodernden und erlöschenden Feuer, das ist die Geschichte einer Liebe, die erstirbt.
"Ich wandere in einem finsteren Tal, fürchte mich und mich plagt mein Gewissen. Lange kann es dauern - länger als jene wenigen Tage in der Petruserzählung -, bis ich entdecke, dass Gott durch das Dunkel hindurch bricht."
Keine Petrusgeschichte allein. Immer wieder erleben Menschen, dass ihre Liebe erlischt. Dass sie ein Versprechen, das sie einst gaben, brechen. Diese Erfahrung durchzieht die Menschheitsgeschichte, und doch ist sie kein Normalfall des Lebens, eher ein Ausnahmezustand, eine Grenzerfahrung. Nicht immer als Katastrophe erlebt, manchmal auch als Befreiung, doch nie ohne Schuld. Ja, diese Petruserfahrung gehört zu den ganz elementaren Erfahrungen, die Menschen aller Zeiten gemacht haben und machen: Mein Tun ist nicht zu allen Zeiten gleichermaßen erfolgreich. Es gibt Grenzen, die meinem Lebenswillen gezogen sind. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als diese Grenzen anzuerkennen. Aber nachdenken über diese Grenzen kann und soll ich, um zu lernen, neu mit solcher Grenzerfahrung umzugehen. Bei diesem Nachdenken - vor Gott - entdecke ich, dass es ein Aufkündigen eines gemachten Versprechens nie geben darf ohne das Bekenntnis zur eigenen Schuld. Ich bin nie ausschließlich das Opfer meiner Lebensgeschichte. Am Anfang meines Nachdenkens steht das Eingeständnis, dass mit dem Scheitern meiner Ehe ein Lebensgebäude zusammenfällt. Worauf ich baute, hat keinen Bestand und keine Zukunft mehr. Die Trennung von einem Menschen, den ich einmal geliebt hab, begreife ich als ein Sterben und ein Stück Tod - wie damals Petrus. Gott ist mir verborgen, er ist weit weg. Ich wandere in einem finsteren Tal, fürchte mich und mich plagt mein Gewissen. Lange kann es dauern - länger als jene wenigen Tage in der Petruserzählung -, bis ich entdecke, dass Gott durch das Dunkel hindurch bricht. Und mich wärmt.
"Lass dir an meiner Gnade genügen"
Wie kann so etwas geschehen? Eine Frau, die vor den Trümmern ihrer Ehe steht, schreibt: „Es ist wahrscheinlich eine ähnliche Erfahrung wie beim Tod eines sehr geliebten Menschen, nur dass in der Geschichte einer Ehe und ihrer Trennung das Moment der Schuld notwendig eine größere Rolle spielt, und das Bewusstsein, etwas vergessen, versäumt und unwiderruflich falsch gemacht zu haben, nicht durch irgendeine Form von Schicksalsglauben beschwichtigt werden kann. Ich habe über drei Jahre gebraucht, …die mich ständig begleitenden Wunschphantasien des Selbstmords zu überwinden. Sterben wollen war die einzige Hoffnung … In dieser Situation ging ich einmal auf einer Reise … in eine dieser spätgotischen Kirchen. Der Ausdruck „beten“ kommt mir jetzt falsch vor; ich war ein einziger Schrei… In dieser Kirche fiel mir, in mein Schreien versunken, ein Wort aus der Bibel ein: „Lass dir an meiner Gnade genügen“. Ich hasste dieses Wort schon lange... Paulus hatte sich die Gesundheit gewünscht, die er für sein Leben und seine Arbeit brauchte, und Gott… hatte für Paulus nichts übrig als einen Spruch, der die unerträgliche Realität nicht änderte, sondern festschrieb.“ Die Frau versucht nun zu beschreiben, wie sich für sie durch die Begegnung mit diesem Bibelwort in ihr etwas veränderte. „Ich muss damals in der Mitte des Tunnels angekommen gewesen sein. Ich wusste wirklich nicht, was das theologische Wort Gnade bedeuten könnte... Aber Gott hatte mir gerade diesen Satz gesagt. Ich kam aus der Kirche und betete von nun an nicht mehr darum, dass mein Mann zu mir zurück käme... Ich fing, in der Größe eines Stecknadelkopfes an zu akzeptieren.“ Die Frau konnte sich von ihrer Vergangenheit lösen, eine neue Etappe ihres Lebens fing an. Sie verließ die Kirche verwandelt. Langsam kehrten Lebenskräfte zurück und es wurde ihr wärmer ums Herz. Ihr Weg im neuen Leben wird weitere Etappen haben. Die Todessehnsucht wird nicht ein für allemal verschwunden sein. Die Wunde heilt vielleicht nicht, aber sie vernarbt. Mühsam lernt sie das Vertrauen auf den Segen des Gottes, der „seine Barmherzigkeit nicht abwendet“. Denn Kohlenfeuer gibt es immer wieder - nicht nur für Petrus und nicht nur für diese Frau. Amen.
