"So ist's ja besser zu zweien als allein; denn sie haben guten Lohn für ihre Mühe. Fällt einer von ihnen, so hilft ihm sein Gesell auf. Weh dem, der allein ist, wenn er fällt! Dann ist kein anderer da, der ihm aufhilft. Auch, wenn zwei beieinander liegen, wärmen sie sich; wie kann ein Einzelner warm werden? Einer mag überwältigt werden, aber zwei können widerstehen, und eine dreifache Schnur reißt nicht leicht entzwei." - Koh 4, 9-12
Liebe Kirchentagsgemeinde,
ehrlich gestanden, dieses Bibelwort aus Kohelet, dem Buch des Predigers, habe ich bisher nur bei Trauungen verwendet. Und dann habe ich es bezogen auf die gegenseitige Hilfestellung, die Mann und Frau einander in der Ehe leisten können. Oder auch auf Möglichkeiten des gegenseitigen Wärmens beim Kuscheln unter der Bettdecke. Wenn mir dieses Bibelwort als Grundlage meiner Predigt vorgegeben wurde, dann muss ich zunächst einige Missverständnisse ausschließen:
In diesem Gottesdienst wollen wir unter dem Thema „Gemeinsam unter einem Dach“ nach gemeinsamen ökumenischen Gottesdienstformen suchen. Wir wollen nicht darüber nachdenken, ob wir als evangelische und katholische Kirche ehelich miteinander verbunden sind, wobei sich dann ja auch noch die Frage stellen würde, ob diese ökumenische Ehe dann ein Sakrament wäre.
Wir wollen auch nicht darüber spekulieren, ob unter einem Dach nicht häufig auch ökumenisch gekuschelt wird. Schon gar nicht will ich irgendwelche Assoziationen bedienen, die sich bei den Worten „Wenn zwei zusammen schlafen“ einstellen.
Schließlich will ich auch nicht auf die Frage eingehen, was wir in der jetzigen ökumenischen Situation angesichts all des Bedrängenden der letzten Monate tun können, um einander beizustehen. Nur soviel sei gesagt: Wir können nicht in Hochzeiten des Lebens die ökumenische Verbundenheit bejubeln, aber in Zeiten der Bedrängnis uns voneinander distanzieren. Wie in einer Ehe - und hier stimmt der Vergleich - gilt es zueinander zu stehen, in guten wie in schlechten Zeiten.
Nach diesen wichtigen Vorbemerkungen konzentriere ich mich auf drei Gedanken, die unser Bibelwort für unser ökumenisches Miteinander im gottesdienstlichen Feiern austrägt:
Zwei sind besser als einer allein...
„Zwei sind besser als einer allein, falls sie nur reichen Ertrag aus ihrem Besitz ziehen“. Ja, die Kirchen haben sich in ihrer langen Geschichte einen großen Besitz erworben, einen großen Reichtum an Ritualen und Bräuchen, an gottesdienstlichen Gesängen und Gebeten, an Ausprägungen der Liturgie und der Sakramentsgestaltung. In diesen Tagen erst machen wir beim Ökumenischen Kirchentag neue Erfahrungen mit dem uns bisher zumeist wohl nicht bekannten orthodoxen Ritual des Brotbrechens, der Artoklasia. Das finde ich immer wieder faszinierend am ökumenischen Miteinander: Wir werden selbst bereichert, wenn wir am Reichtum der anderen Konfession mitfeiernd Anteil haben. In solchem Mitfeiern kann wirkliche geistliche Bereicherung geschehen:
wenn katholische Schwestern und Brüder unsere evangelischen Gottesdienste am Bußtag besuchen;
wenn evangelische Posaunenchöre unsere katholischen Schwestern und Brüder bei ihren Fronleichnamsprozessionen begleiten,
wenn wir in der Gestaltung von Tagzeitengebeten unsere gemeinsame benediktinische Tradition pflegen und uns bereichern lassen mit Gesängen aus Taizé oder aus der orthodoxen Liturgie,
wenn in Chören und Kantoreien längst nicht mehr nur spezifisch konfessionelle Chorwerke aufgeführt werden und wenn sie wesentlich bei der liturgischen Gestaltung von Gottesdiensten mitwirken.
Wie haben wir in der Weiterentwicklung unserer evangelischen Abendmahlsliturgie profitiert von dem reichen Schatz der katholischen Eucharistiefrömmigkeit. Und umgekehrt: Welche Wertschätzung findet inzwischen auch der Wortgottesdienst in der katholischen Kirche, nicht zuletzt weil katholische Lehre im Dialog mit den protestantischen Kirchen den Wert der Verkündigung des Evangeliums durch das Wort schätzen gelernt hat. Ja, mit unseren konfessionellen Möglichkeiten können wir uns im ökumenischen Gottesdienstfeiern gegenseitig bereichern.
Erwärmend
„Einer allein - wie soll er warm werden?“ Wir kennen das, wie ungemütlich kalt es sein kann, wenn wir allein im Bett liegen. Was so alltäglich, besser: allnächtlich, gilt, das gilt auch für das Miteinander im Gottesdienst. Ein Gottesdienst mit einer sehr kleinen Gottesdienstgemeinde wärmt nur schwer das Herz. Er kann Trost spenden und Orientierung geben - gewiss. Aber richtig warm ums Herz wird es uns im Gottesdienst nur, wenn dieser von einer großen Gemeinde lebendig mitgefeiert wird. Dabei erwärmt nichts das Herz so sehr wie schöne Gemeindegesänge und nachvollziehbare Rituale.
"Nichts verbindet uns zwischen den Kirchen so sehr wie das Band der Taufe - das blaue Band der Ökumene."
Ein Ritual, dessen Potential wir im ökumenischen Miteinander längst noch nicht ausschöpfen, ist die Tauferinnerung. Nichts verbindet uns zwischen den Kirchen so sehr wie das Band der Taufe - das blaue Band der Ökumene. Unauslöschlich in Erinnerung bleiben mir die Tauferinnerungsfeiern während des 1. Ökumenischen Kirchentages 2003 in Berlin. Mögen wir am Tisch des Herrn auch noch getrennt sein, in der Taufe sind wir längst vereint. Indem wir uns in ökumenischen Gottesdiensten unserer Taufe gemeinsam erinnern, vergewissern wir uns unserer Wurzeln. Knüpfen wir das Band der Ökumene so fest, dass die noch bestehenden Differenzen ihren Schmerz ein wenig verlieren. Ökumenisches Gottesdienstfeiern mit Tauferinnerung erwärmt die Herzen, denn es schließt uns zusammen im Strom des Glaubenslebens, dessen Quelle die Taufe auf den dreieinigen Gott ist.
Zusammen sind wir stärker
„Wenn jemand einen einzelnen auch überwältigt, zwei sind ihm gewachsen, und eine dreifache Schnur reißt nicht so schnell.“ Ja, zusammen sind wir stärker als allein. Das gilt nicht nur in unseren Gemeinden, das gilt auch von den Kirchen. Und noch stärker sind wir, wenn wir uns im ökumenischen Miteinander nicht begrenzen auf zwei Konfessionen, sondern wenn wir die Fülle der Ökumene im gottesdienstlichen Feiern erleben. Die Miteinbeziehung der Orthodoxie ist die eigentliche Neuentdeckung dieses 2. Ökumenischen Kirchentags.
"Ökumenische Gottesdienste, die das Gottesvolk in seiner Fülle im Blick haben - das sind starke Gottesdienste. Sie geben der Welt ein Zeugnis von der Stärke unseres gemeinsamen Glaubens."
Auch in unseren Gemeinden sollten wir unser gottesdienstliches Feiern nicht begrenzen auf die beiden großen Konfessionen. Gottesdienste im Rahmen der ACK, aber auch Gottesdienste mit Gemeinden anderer Herkunft und Sprache können uns bereichern und erwärmen. Ökumenische Gottesdienste, die das Gottesvolk in seiner Fülle im Blick haben - das sind starke Gottesdienste. Sie geben der Welt ein Zeugnis von der Stärke unseres gemeinsamen Glaubens. Und sie können uns wiederum stärken im gemeinsamen Zeugnis gegenüber der Welt. „Einsam bist du klein, aber gemeinsam werden wir Anwalt des Lebendigen sein“ - so haben wir schon vor vielen Jahren auf Kirchentagen gesungen. Für mich ist dies Lied auch eine Aufforderung zum gemeinsamen ökumenischen Zeugnis.
Das sind drei der großen Chancen ökumenischer Gottesdienste: Sie bereichern uns, sie wärmen uns, sie stärken uns im gemeinsamen Zeugnis. Wenn das Kohelet, der Prediger gewusst hätte…. Amen.
