Österliche Himmelfahrt

Gottesdienst zum Ökumenischen Kirchentag, St. Matthäus / München an Himmelfahrt, 13.05.2010

Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer

 

Liebe Kirchentagsgemeinde,
Ökumenischer Kirchentag in den Wochen zwischen Ostern und Pfingsten. Da öffnet sich für wenige Tage der Himmel über so mancher kirchlicher Wirklichkeit, die wir in diesen Monaten eher als bedrückend irdisch erleben. Da tanken und atmen wir auf - nach all den betrüblichen Schlagzeilen, für die Verantwortliche der Kirche in den letzten Monaten gesorgt haben. Nicht immer nur irdisch fixiert sein auf das, was auf Erden vor Augen ist. Endlich mal wieder den Blick frei bekommen für Gottes große Verheißungen. Endlich ein Stück Himmel hier auf Erden, „damit ihr Hoffnung habt!“ Dies ermöglicht uns während dieses Ökumenischen Kirchentages der Predigttext zum Himmelfahrtsfest aus dem 1. Kapitel der Apostelgeschichte.

Hören wir: Jesus zeigte sich seinen Aposteln nach seinem Leiden durch viele Beweise als der Lebendige und ließ sich sehen unter ihnen vierzig Tage lang und redete mit ihnen vom Reich Gottes. Und als er mit ihnen zusammen war, befahl er ihnen, Jerusalem nicht zu verlassen, sondern zu warten auf die Verheißungen des Vaters, die ihr, so sprach er, von mir gehört habt: „Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ Und als er das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg. Und als sie ihm nachsahen, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern. Die sagten: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg zum Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.“

"Was an Ostern wirklich geschah, wird nun den Jüngern offenbart. Himmelfahrt ist darum nichts anderes als eine Verlängerung des Osterge­schehens..."

Wie häufig und gründlich wurde diese Himmelfahrtserzählung missverstanden als Bericht von einem unverständlichen Mirakel, über das wir entweder ungläubig den Kopf schütteln müssen oder das wir nur gläubig als Wunder bestaunen können. Dem mirakel­haften Missverständnis der Himmelfahrt entgehen wir, wenn wir einen Blick auf den Gesamtzu­sammenhang werfen, in dem Lukas zunächst zum Abschluss seines Evangeliums und dann noch einmal zu Beginn seiner Apostelgeschichte die Geschichte von der Himmelfahrt erzählt. Dann wird schnell klar, dass diese Geschichte im Grunde eine Ostergeschichte ist. Mit ihr soll die Osterbotschaft noch einmal neu und anschaulich verkündigt werden: 40 Tage nach Ostern, also nach einer von Gott bestimmten Zeitspanne - so lautet die Botschaft der Erzählung -, wird unübersehbar deutlich, dass Jesus Christus als der Auferstandene und Lebendige an Ostern eine himmlische, eine göttliche Dimension aufgeschlossen hat. Was an Ostern wirklich geschah, wird nun den Jüngern offenbart. Himmelfahrt ist darum nichts anderes als eine Verlängerung des Osterge­schehens, die Himmelfahrtserzählung nichts anderes als eine Umsetzung der Osterbotschaft in eine andere symbolische Sprache.

Nicht von dieser Welt

Mit ihrer symbolischen Sprache knüpft die Himmelfahrtserzählung an jene alte Erzählung vom himmlischen Regenbogen aus dem 1. Buch Mose: So wie Christi Gegenwart seit seiner Himmelfahrt nicht mehr irdisch begrenzt ist, so erinnert der Regenbogen in der Noahgeschichte an Gottes Bundestreue, die er unbegrenzt aller Welt zusagt. Durch himmlische Zeichen bekommen Gottes Verheißungen, bekommt Gottes österliches Wirken eine kosmische Dimension. Wenn biblische Texte in solchen Zusammenhängen vom Himmel reden, dann meinen sie nicht einfach den Himmelsraum über unserer Erde. Wir kennen dies aus unserem eigenen Sprachgebrauch: Wenn wir ein besonderes Glücksgefühl beschreiben wollen, dann reden wir davon, dass wir „auf Wolken schweben“. Wenn wir verliebt sind, fühlen wir uns im „siebten Himmel“ oder singen „Der Himmel hängt voller Geigen“. Wenn wir Schuberts 9. Symphonie hören, dann schwelgen wir von den „himmlischen Längen“ dieser Musik. Und wenn Anne Sophie Mutter geigt oder Herbert Grönemeyer singt, dann meinen manche, himmlische Klänge zu hören.

Mit dem Hinweis auf den Himmel drücken wir etwas aus, was unsere begrenzten Möglichkeiten übersteigt. Etwas, was unsere menschlichen Hori­zonte überschreitet. Etwas, was uns eine andere Wirklichkeit öffnet. Etwas, was nicht von dieser Welt ist. Und niemals meinen wir dann den Himmel, der sich über unsere Erde wölbt und aus dem hoffentlich während dieses Kirchentags die Sonne scheint. Von Himmlischem reden wir, wenn wir Ausnahmezu­stände beschreiben, die uns über uns selbst hinausführen, die uns hinführen in neue, bisher nicht gekannte Dimensionen. So ist der Himmel eine Metapher für eine unfassbare Wirklich­keit, für die Wirklichkeit Gottes, für eine Wirklichkeit, die all unsere Vorstellungen von Raum und Zeit sprengt. Für eine Wirklichkeit, die ganz neue Hoffnungskräfte in uns freisetzt. Ganz besonders deutlich wird dies, wenn wir vom Himmel sprechen, um den Heilszustand des Menschen nach Tod und Auferstehung zu beschreiben.

"Wer nach oben schaut zum Himmel, der hat noch nicht begriffen, dass es bei der Himmelfahrt Christi nicht darauf ankommt, wo Christus nun ist, sondern allein darauf, dass er als der Auferstandene göttliche Möglichkeiten des Lebens hat, die unserem menschlichen Leben neue Möglichkeiten erschließen."

Genauso ist auch der Himmel, in den Christus entrückt wurde, mehr als der gewölbte Him­melsraum über uns. Es ist der Ort und die Zeit Gottes. Gerade nicht das „oben“, sondern das „überall“. Der Himmel steht für die Offenheit und für die Zukunft Gottes, und deshalb befreit er zur Hoffnung und zum Blick nach vorn. Genau darum werden die Apostel in unserem Pre­digttext von den zwei Männern in weißen Gewändern zurechtgewiesen mit den Worten: „Was steht ihr da und seht zum Himmel?“ Wer nach oben schaut zum Himmel, der hat noch nicht begriffen, dass es bei der Himmelfahrt Christi nicht darauf ankommt, wo Christus nun ist, sondern allein darauf, dass er als der Auferstandene göttliche Möglichkeiten des Lebens hat, die unserem menschlichen Leben neue Möglichkeiten erschließen. Wenn wir dies be­greifen, dann wandelt sich der starre Blick hinauf in den Himmel in den Blick auf die Zukunft Christi. Wandelt sich in die Erwartung des Kommens Christi am Ende der Zeiten.

Nicht wo, sondern wer

Nicht wo Christus heute ist, will also diese Himmelfahrtserzählung des Lukas beantworten, sondern wer er für uns seit Ostern ist. „Als Christus zum Himmel fuhr, wurde er König über die ganze Erde.“ So hat Dietrich Bonhoeffer den Sinn der Himmelfahrt Christi zusammenge­fasst. Ja, für uns ist er mit seinem Sieg über den Tod der Herr dieser Welt, der als der Erhöhte die Welt regiert und doch nicht unerreichbar geworden ist. Für uns ist er allgegenwärtig als Herr über alle Mächte, als universaler Herrscher über Himmel und Erde. So ist er für uns der, auf dessen Zukunft wir hoffen. Für uns ist er der Auferstandene, der nicht einfach verschwunden ist und uns allein zurücklässt, sondern der uns unter seine Verheißungen stellt und uns einen Auftrag für diese Welt gibt: „Ihr wer­det die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein bis an das Ende der Erde.“

"Als seine Zeuginnen und Zeugen sind wir in ökumenischer Geschwisterschaft aufgerufen, nicht starr in den Himmel zu schauen, sondern unsere Blickrichtung zu ändern."

So erinnert uns diese österliche Himmelfahrtsgeschichte daran, dass seit Ostern die Gegen­wart nicht einfach leer ist. Und diese Erinnerung ist für uns besonders wichtig in einer Zeit, in der wir uns in unserem kirchlichen Engagement oft so leer fühlen. Die österliche Himmelfahrtsgeschichte erinnert uns daran, dass an Ostern Jesus Christus nicht einfach von uns gegangen ist. Sie erinnert uns an Ostern und richtet uns zugleich auf die Zukunft hin aus. Auf die letzte Zukunft Christi am Ende der Zeiten und auf die Zukunft, die wir bis dahin gestalten sollen. Als seine Zeuginnen und Zeugen sind wir in ökumenischer Geschwisterschaft aufgerufen, nicht starr in den Himmel zu schauen, sondern unsere Blickrichtung zu ändern. Als seine Zeuginnen und Zeugen sollen wir hin­schauen auf jene, denen in unseren Gemeinden und in unserer Gesellschaft der Blick auf den Himmel versperrt ist, weil sie Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Kirche plagen. Als seine Zeuginnen und Zeugen sollen wir hinschauen auf jene, denen der Himmel verschlossen ist durch Leid und Unglück, mag dies nun eine tiefe Verletzung oder Krankheit sein oder das Leiden an unmenschlichen Zuständen in dieser Welt. Als Christi Zeuginnen und Zeugen sollen wir hinschauen auf jene, die darauf warten, dass ihnen jemand ein Stückchen Himmel zeigt - und sei es nur für einige Augenblicke. Sollen wir hinschauen auf jene, die sich abgewandt haben vom Glauben, weil ihnen das Leben zur Hölle geworden ist. Und indem wir diese Menschen in den Blick be­kommen, können und sollen wir ihnen Zeugnis ablegen von dem Himmel, den Christus uns erschlossen hat. Können und sollen wir österliche Himmelszeuginnen und -zeugen werden für diese Welt.

Ostern - Himmelfahrt -Pfingsten

Und so wandelt sich am Ende diese Geschichte in eine Pfingstgeschichte. Denn mit der Ver­änderung der Blickrichtung vom Starren auf den Himmel über uns hin zur Zukunft Christi kommt unser Zeugendienst in den Blick. Und damit die Verheißung, unter der dieser Zeu­gendienst steht: „Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein bis an das Ende der Erde.“ Wie gut ist es, mit dieser Himmelfahrtserzählung also nicht nur an Ostern erinnert zu werden. Wie gut, dass uns dies beides heute, 40 Tage nach Ostern und 10 Tage vor Pfingsten, in Erinnerung gerufen wird: Der Auferstandene herrscht als König und uns, seine Zeuginnen und Zeugen lässt er nicht allein. In der Kraft seines heiligen Geistes können wir eintreten für ihn in dieser Welt und warten auf seine Zukunft, damit diese Welt Hoffnung hat. Amen.