"Es sind noch Sachen hinten dran."

Predigt zum 250. Geburtstag von Johann Peter Hebel am 9. Mai 2010 in Hausen

Predigt zu 1 Tim 2,1-4 von Landesbischof Dr. U. Fischer

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Als Wort der Heiligen Schrift ist uns für diesen Gedenkgottesdienst ein Wort aus dem 1. Timotheusbrief gegeben:

„So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit. Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“

Gott, segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde, diese Worte aus dem 1. Timotheusbrief verlocken, darüber nachzudenken, wie eigentlich das Verhältnis unseres Geburtstagsjubilars zur Obrigkeit gewesen ist, auch wenn es in Baden einen König nie gegeben hat, für den zu beten hier aufgefordert wird. Johann Peter Hebel und die Obrigkeit - das wäre schon ein Thema für sich, aber gewiss keines für eine Predigt. Eher lohnt es sich, mit Hilfe Hebelscher Geschichten einen anderen Gedanken unseres Predigttextes auszulegen:

„Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“

Eigentlich war das ganze Wirken und Streben Johann Peter Hebels darauf gerichtet, Menschen an die Erkenntnis der Wahrheit heranzuführen. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde Hebel nicht müde, die ganze Fülle menschlichen Lebens immer wieder erzählend auszubreiten und auf die in ihr enthaltene Wahrheit hin zu befragen. Wie kam es dazu, dass der am 10. Mai 1760 in Basel Geborene, hier in Hausen Aufgewachsene, schon als Kind Verwaiste, wohl nur mittelmäßig theologisch Begabte, zu einem der bedeutendsten Erzähler von Wahrheitsgeschichten wurde? Eigentlich wollte er Pfarrer werden, aber eine Anstellung blieb ihm verwehrt. So wurde er zunächst Hauslehrer in Hertingen, dann Lehrer am Pädagogium in Lörrach; später war er Lehrer in Karlsruhe, von 1808-1814 Direktor am Karlsruher Gymnasium, dem heutigen Bismarck-Gymnasium, ein Lehrer mit launigem Humor und großen pädagogischen Fähigkeiten. Von 1819 bis zu seinem Tod im Jahr 1826 bekleidete er das Amt des Leitenden Geistlichen, des Prälaten der Evangelischen Kirche in Baden, deren Union im Jahr 1821 er mit gestaltete. „Ich bin von Stufe zu Stufe gestiegen, aber nie zu einem Pfarramt“, stellt er später mit etwas traurigem Unterton fest.

Ein Wahrheitssuchender

Auf allen Stufen seines Wirkens ist Johann Peter Hebel ein Wahrheitssuchender gewesen. Auf die Frage, wie wir zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, antwortet er: Nicht indem wir ein in sich geschlossenes dogmatisches System zur Deutung der Welt entwickeln, sondern indem wir vom Leben in seiner Buntheit erzählen. Daher seine Leidenschaft des Schreibens. Er sucht die Wahrheit, indem er Geschichten des Lebens erzählt, aus deren Lektüre sich Wahrheit tastend erschließen lässt. Über 200 Geschichten für den „Rheinländischen Hausfreund“ verfasst er, kurze und pointierte Geschichten. Über die Konzeption des Kalenders sagt er: Der Kalender muss „etwas von respektablen Waldbränden, Mordtaten, Hinrichtungen, Naturerscheinungen etc. wenigstens als Lockspeise aus den Zeitungen, und schöne Handlungen, zweckmäßige kleine Erzählungen, neue Entdeckungen, Anekdoten etc aus andern Zeitschriften vor sein Publikum bringen.“ Der Redakteur des Kalenders muss „ ein Mann von Geist und Laune, zugleich ein vertrauter Kenner und Freund des Volkes“ sein - also Johann Peter Hebel selbst.

Hebels Geschichten kommen so leicht daher, sind aber niemals seicht oder harmlos. Johann Peter Hebel erzählt Geschichten voller Tief- und Hintersinn. Alle Geschichten dienen zur Erkenntnis der Wahrheit in dieser Welt und im menschlichen Leben mit seinen Brüchen. Dabei ist der „edle Ganove“ oft der stille Held. Zundelfrieder und Zundelheiner sind Gestalten, die einer puren Bürgerlichkeit widersprechen. Sie sind eher wie Jakob, der betrogene Betrüger, der von Gott dennoch erwählt ist. Hebel spricht gern den Slang der Gauner und Diebe. Und die von ihm geforderte Moral erschließt sich nicht sogleich. Ein Beispiel aus seinen ‚Denkwürdigkeiten aus dem Morgenlande’: „Ein Morgenländer namens Lockmann wurde gefragt, wo er seine feinen und wohlgefälligen Sitten gelernt habe? Er antwortete: ‚Bei lauter unhöflichen und groben Menschen. Ich habe immer das Gegenteil von demjenigen getan, was mir an ihnen nicht gefallen hat.’“ Auch so können Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

„Es sind noch Sachen hinten dran.“

Hebels Vorliebe für die „schrägen Typen“ zeigt, wie wach er das Leben wahrnimmt in seiner bunten Vielfalt. Aber sein liebevoller Blick auf die „edlen Ganoven“ steht dann doch quer zu unserem Wort aus dem 1. Timotheusbrief, dem gemäß alles darauf ankommt, „dass wir ein stilles Leben führen in aller Gottesfurcht und Ehrbarkeit“. Bei Hebel gibt es auch das andere. Er sieht das volle bunte Leben in all seiner Widersprüchlichkeit und deutet es auf der Suche nach der Wahrheit. Ihm geht es um verstehendes Deuten und deutendes Verstehen des Lebens auf dem Hintergrund biblischer Überlieferung. Oft schreibt er mehr andeutend als aussprechend, so etwa in der Geschichte von der reich gewordenen Franziska, in der ihr Bruder am Ende feststellt, „dass sie mit dem Gewande der Armut nicht die Demut ausgezogen und nur ihren Stand verändert hatte, nicht ihr Herz.“ Eine feine Weise, wie hier der Blick der Augen geweitet und vertieft wird durch einen Blick des Herzens. Die Wahrheit liegt nicht vor Augen, sondern erschließt sich erst dem Blick des Herzens. Das ist Theologie als Anregung zum Nach- und Weiterdenken.

Nicht der erste Blick auf die Wirklichkeit leitet schon zur Erkenntnis der Wahrheit. Und schon gar nicht jener Blick, der durch unsere vorgefassten Meinungen bestimmt ist. Vielmehr verstellen unsere Vorurteile wirkliches Verstehen. Dies zeigt Hebel in einzigartiger Weise in der berühmten Geschichte vom Herrn Kannitverstan, die viele von uns wohl in der Schule bereits gelesen haben. Zugleich zeigt diese wunderbare Geschichte, wie Hebel in seinen Geschichten die große Welt in der kleinen einfängt. Er erzählt wie ein Freund, der aus der großen Welt zurück in die Heimat kommt, am Tisch Platz nimmt und zu erzählen beginnt - natürlich und zwanglos. Wesentliches sagt er in anschaulichen, eindrücklichen Bildern und Vergleichen, die der Erfahrungswelt der Hörer entnommen sind. Alle können es verstehen, und trotzdem sind die Zuhörenden eingeladen, weiterzudenken. Es wird eben nicht alles gesagt. Die Geschichten laden dazu ein, über sie nachzudenken und erst nach einer Zeit weiterer Besinnung ihrer Wahrheit zuzustimmen. Im Blick auf seine Geschichten möchte ich mit einem Zitat aus Hebels berühmtem Gedicht „Der Wegweiser“ sagen: „Es sind noch Sachen hinten dran.“ Dieses Gedicht, das einfühlsam das tastende Suchen auf den Wegen unseres Lebens beschreibt, schließt mit den Worten: „Der Platz hat eine g’heime Tür, und ‘s sin no Sachen ehne dra (hinten dran)“. Hinter der letzten Tür unseres Lebens, hinter der letzten Tür dieser Welt ist nicht das Nichts. Da gibt es noch etwas Geheimnisvolles, eine letzte Wahrheit. Dann wird die Rätselhaftigkeit unseres Menschseins aufgelöst. Am Ende gehen wir alle zu auf ein Erkennen Gottes. Noch leben wir mit dunklen Abgründen unseres Lebens. Noch dämmert uns erst, was sein könnte. Dann erst, in der Zukunft Gottes, werden wir sein, wozu wir bestimmt sind. Wird die Vorläufigkeit unserer Existenz beendet. Wird es vollkommene Wahrheit geben.

Allen zur Erkenntnis der Wahrheit verhelfen

Liebe Gemeinde, lange habe ich nun darüber gesprochen, wie Hebels Kalendergeschichten helfen, dass Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, ohne diese jemals vollständig zu erreichen. Am Ende meiner Predigt wollen wir nun eine dieser Wahrheitsgeschichten Johann Peter Hebels hören. Diese Geschichte hat den Vorteil, dass sie uns zugleich ermuntert in der Fürbitte für unsere Obrigkeit.

Möge unsere Regierung, möge unsere Gerichtsbarkeit in ihren Urteilen von solcher Weisheit bestimmt sein, wie Hebel sie in seiner 1805 geschriebenen Geschichte vom klugen Richter beschreibt - wieder einmal eher andeutend und geheimnisvoll:

„Dass nicht alles so uneben sei, was im Morgenlande geschieht, das haben wir schon einmal gehört. Auch folgende Begebenheit soll sich daselbst zugetragen haben. Ein reicher Mann hatte eine beträchtliche Geldsumme, welche in ein Tuch eingenäht war, aus Unvorsichtigkeit verloren. Er machte daher seinen Verlust bekannt und bot, wie man zu tun pflegt, dem ehrlichen Finder eine Belohnung, und zwar von hundert Talern an. Da kam bald ein guter und ehrlicher Mann daher gegangen. „Dein Geld habe ich gefunden. Dies wird's wohl sein! So nimm dein Eigentum zurück!“ So sprach er mit dem heitern Blick eines ehrlichen Mannes und eines guten Gewissens, und das war schön. Der andere machte auch ein fröhliches Gesicht, aber nur, weil er sein verloren geschätztes Geld wieder hatte. Denn wie es um seine Ehrlichkeit aussah, das wird sich bald zeigen. Er zählte das Geld und dachte unterdessen geschwinde nach, wie er den treuen Finder um seine versprochene Belohnung bringen könnte. „Guter Freund“, sprach er hierauf, „es waren eigentlich 800 Tlr. in dem Tuch eingenähet. Ich finde aber nur noch 700 Tlr. Ihr werdet also wohl eine Naht aufgetrennt und Eure 100 Tlr. Belohnung schon herausgenommen haben. Da habt Ihr wohl daran getan. Ich danke Euch.“ Das war nicht schön. Aber wir sind auch noch nicht am Ende. Ehrlich währt am längsten, und Unrecht schlägt seinen eigenen Herrn. Der ehrliche Finder, dem es weniger um die 100 Tlr. als um seine unbescholtene Rechtschaffenheit zu tun war, versicherte, dass er das Päcklein so gefunden habe, wie er es bringe, und es so bringe, wie er's gefunden habe. Am Ende kamen sie vor den Richter. Beide bestanden auch hier noch auf ihrer Behauptung, der eine, dass 800 Tlr. seien eingenäht gewesen, der andere, dass er von dem Gefundenen nichts genommen und das Päcklein nicht versehrt habe. Da war guter Rat teuer. Aber der kluge Richter, der die Ehrlichkeit des einen und die schlechte Gesinnung des andern zum voraus zu kennen schien, griff die Sache so an: Er ließ sich von beiden über das, was sie aussagten, eine feste und feierliche Versicherung geben und tat hierauf folgenden Ausspruch: „Demnach, wenn der eine von euch 800 Tlr. verloren, der andere aber nur ein Päcklein mit 700 Tlrn. gefunden hat, so kann auch das Geld des letztern nicht das nämliche sein, auf welches der erstere ein Recht hat. Du, ehrlicher Freund, nimmst also das Geld, welches du gefunden hast, wieder zurück und behältst es in guter Verwahrung, bis der kommt, welcher nur 700 Tlr. verloren hat. Und dir da weiß ich keinen andern Rat, als du geduldest dich, bis derjenige sich meldet, der deine 800 Tlr. findet.“ So sprach der Richter, und dabei blieb es.


Gott, will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Amen.