Was wir unseren Kindern schulden

Gottesdienst am 2. Mai 2010 mit Taufe in der Stadtkirche Karlsruhe

Singpredigt von Landesbischof Dr. U. Fischer zu Liedern: EG 655 "Wenn einer sagt", EG 209 "Ich möcht’, dass einer mit mir geht", EG 65 "Von guten Mächten"

"Wenn einer sagt "Ich mag dich, du, ich find dich ehrlich gut", dann krieg ich eine Gänsehaut und auch ein bißchen Mut." (EG 655)

Liebe Gemeinde, liebe Tauffamilien,
so fängt es an: Da sagt einer zum neu geborenen Kind: „Ich mag dich, du. Ich hab dich lieb.“ Da nimmt die Mutter das Kind in den Arm, hält es an ihre Brust. Es hört die vertraute Stimme und spürt die Wärme des Körpers. Das tut dem Kind gut. Da streichelt der Vater zärtlich sein Kind - mit einer Hingabe, die ihm sonst eher fremd ist. Und mit jedem Lächeln, das er seinem Kind schenkt, wächst dessen Freude zum Leben.

Grundvertrauen

Mit diesen ersten Bezeugungen elterlicher Liebe beginnt der Lebensweg eines Menschen - meistens. Wehe, wenn diese Erfahrungen erster Liebe einem Kind vorenthalten werden! Vieles, was im Leben später gelingt oder schief läuft, hat hier seine Wurzeln. Mit jedem weiteren „Ich mag dich, du“ wächst in dem Kind das Vertrauen ins Leben. Das Vertrauen zu sich selbst. Das Vertrauen zu Gott. Und um Stärkung dieses Grundvertrauens geht es auf dem Lebensweg, wenn wir Kinder zu selbstbewussten, eigenständigen und zugleich vertrauenden Menschen erziehen wollen. Wo solches Vertrauen nicht wächst, hat es auch der Glaube schwer.

"Wie soll der Glaube an Gottes Begleitung und Schutz wachsen, wenn es keine Eltern, keine Paten, keine Verwandten, keine Freunde gibt, die zum Kind sagen „Komm, geh mit mir, zusammen sind wir was“?"

Wie soll ein Mensch Gott vertrauen, wenn er nicht diese Urerfahrung gemacht hat, dass da einer sagt „Ich mag dich, du.“ Oder auch „Ich brauch dich, du.“ Wie soll der Glaube an Gottes Begleitung und Schutz wachsen, wenn es keine Eltern, keine Paten, keine Verwandten, keine Freunde gibt, die zum Kind sagen „Komm, geh mit mir, zusammen sind wir was“? (EG 655) Wie soll ein Mensch fähig werden, später auch einmal den eigenen Kindern von Gott zu erzählen, wenn ihm nie gesagt wurde: „Gott hat dich lieb und wär so gern dein Freund. Und das, was du allein nicht schaffst, schaffst du mit ihm vereint“? Ja, so fängt es an mit dem Leben. So fängt es an mit dem Glauben. Jedes „Ich mag dich. Ich brauch dich. Ich geh mit dir“ ist ein Schritt zum Glauben an den Gott, der mit uns durchs Leben gehen will. Und die Taufe ist das sichtbare und spürbare Zeichen eines solchen „Ich mag dich, ich brauch dich, ich geh mit dir.“ Die Taufe ist das sichtbare und spürbare Zeichen der Liebe Gottes, die am Anfang eines jeden Glaubenweges steht.

Teenies

Mit dem „Ich mag dich, du“ fängt es an im Leben. Dann geht es weiter. Die Kinder wachsen heran. Aus Kindern werden Teenies. Sie kommen in die Pubertät - nicht ganz einfach. Sie werden bisweilen bockig und sind manchmal so ganz anders, als wir sie uns gedacht haben. Sie hören laute Musik, die wir nicht mögen. Sie schwärmen von Stars und Sternchen, die wir eher schräg finden. Sie vergnügen sich mit anderen Jugendlichen an Orten, die wir Erwachsene niemals aufsuchen würden. Sie tragen Kleidung, die „in“ ist und die so gar nicht unserem Geschmack entspricht. Und sie sind uns so meilenweit überlegen, wenn es um Computer und Internet geht. Sie chatten und kommunizieren über Schüler VZ mit „Freunden“ in aller Welt. Und manchmal leben sie in ihrer ganz eigenen Welt, zu der wir Erwachsenen keinen Zugang finden. So sind sie - die Jugendlichen: oft uns Erwachsenen ein Rätsel, so wie wir früher unseren Eltern kaum zugänglich waren. So sind sie, unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden, unsere Heranwachsenden. Oft erscheinen sie uns als schwierig und unverständlich.

Und zugleich sind diese jungen Menschen Fragende. Sie spotten gewiss über vieles, was die Erwachsenen machen. Aber sie suchen auch nach Orientierungspunkten im Leben der Erwachsenen. Sie suchen nach Menschen, die ihnen auf ihrem Lebensweg Hilfestellung geben. Lassen wir uns nicht täuschen. Hinter der Fassade von Coolness versteckt sich bei jungen Menschen eine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Orientierung, nach Begleitung auf dem Lebensweg. Sage doch niemand, dass es heute einfach wäre, für junge Menschen die richtige Spur für den eigenen Lebensweg zu finden. Wie kompliziert und unübersichtlich ist das Leben! Wie schwierig ist es, sich für die richtige Berufsausbildung zu entscheiden! Und dann erst die Partnerwahl: Wie will ich leben? Wie bekomme ich Beruf und Partnerschaft unter einen Hut? Soll ich überhaupt heiraten? All diese Fragen bedrängen junge Menschen auf ihrem Lebensweg. Und oft sind es finstere Täler, die junge Menschen auf dem Weg zum Erwachsenwerden durchschreiten müssen. Dann brauchen sie Menschen, die ihnen erzählen von dem Gott, der als ein guter Hirte bei ihnen ist: „Und ob ich schon wanderte durchs finstere Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich.“

"Wir haben in unserer Gesellschaft dafür Sorge zu tragen, dass junge Menschen unter Lebensbedingungen aufwachsen können, die es ihnen nicht noch schwerer machen."

Wie wichtig ist es, dass sich junge Menschen bei der Beantwortung ihrer Fragen orientieren können - an Eltern und Paten, an Pädagogen in der Schule und an Mitarbeiterinnen in der Jugendarbeit. Oder an Erwachsenen, die sie als „interessante Zeitgenossen“ erleben. Und wie schlimm, wenn sie in ihren Orientierungsversuchen von Erwachsenen enttäuscht oder missbraucht werden. „Ich möcht’, dass einer mit mir geht, der’s Leben kennt, der mich versteht.“( EG 209) Das ist der Sehnsuchtsruf junger Menschen, und in der Taufe verpflichten sich Eltern und Paten, auf diesen Sehnsuchtsruf zu hören. Und sie verpflichten sich, Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen, gerade auch in schweren Zeiten: „Ich möcht’, dass einer mit mir geht, der auch im Schweren zu mir steht.“ Dieser Wunsch junger Menschen darf kein frommer Wunsch bleiben, sondern muss beantwortet werden, indem Eltern und Paten, Großeltern und Freunde Verantwortung für junge Menschen übernehmen. Aber auch wir alle: Wir haben in unserer Gesellschaft dafür Sorge zu tragen, dass junge Menschen unter Lebensbedingungen aufwachsen können, die es ihnen nicht noch schwerer machen. Wir dürfen den Heranwachsenden keine untragbaren Lasten aufladen, um selbst bequemer leben zu können - das gilt für die ökologischen Lasten, die wir hinterlassen, ebenso wie für die ökonomischen Lasten einer unverantwortlichen Verschuldung unseres Staates.

Wir sind selbst Begleitete

Wenn wir so den Lebensweg unserer Jugendlichen mitgehen, dann muss uns dies nicht überfordern. Denn wir wissen: Wir selbst sind in allem Schweren, das wir durchleben müssen, nicht allein. Wir sind selbst Begleitete. Wir können davon erzählen, dass ein anderer unseren Lebensweg geteilt hat - auch in dunklen Stunden: Jesus Christus. Von ihm können wir erzählen, den wir den Herren Christ nennen, „der durch den Tod gegangen ist. Er will durch Leid und Freuden uns geleiten“ - die Jungen wie die Alten.

"Können wir erzählen vom Glück in unserem Leben, das wir nicht uns selbst verdanken, sondern dem Gott, der uns das Leben geschenkt hat?"

Wovon können wir unseren Kindern und Enkeln, den jungen Menschen in unserer Verwandtschaft und in unseren Freundeskreisen, den Schülerinnen und Schülern in der Schule erzählen? Welche Lebenserfahrungen sind es, die wir ihnen weitergeben können - nicht belehrend, sondern hilfreich? Können wir erzählen vom Glück in unserem Leben, das wir nicht uns selbst verdanken, sondern dem Gott, der uns das Leben geschenkt hat? Können wir erzählen von Dingen, die uns das Lachen lehrten, die uns immer wieder ein Lächeln auf die Lippen zaubern? Können wir erzählen von Wundern des Lebens, von Wegbegleitung und Orientierung, die wir gefunden haben in unserem Glauben an Jesus Christus? Können wir - mit den Worten des großen Glaubenszeugen Dietrich Bonhoeffer - unseren Kindern erzählen von guten Mächten, die uns treu und still umgeben wunderbar getröstet leben lassen?

Zeugnis der Glaubensgewissheit

Ich glaube, das ist das Wichtigste, was wir Kindern auf ihren Lebensweg mitgeben können. Das ist das, was sie am dringendsten zur Gestaltung eines Lebens voller Zuversicht brauchen - diese unverbrüchliche Gewissheit:
Wie bedrückend auch Lasten böser Tage ihre Herzen quälen,
wie bitter auch immer der Kelch sein mag, den sie einmal trinken müssen,
sie dürfen darauf vertrauen: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag, Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ (EG 65)
In dieser Glaubensgewissheit lassen wir uns immer wieder stärken, wenn wir Gottesdienst feiern. Das Zeugnis dieser Glaubensgewissheit schulden wir unseren Kindern.