Predigt zu Petr 2,21-25 von Landesbischof Dr. U. Fischer
Liebe Gemeinde,
aus dem fernen badischen Land bin ich heute hierher nach Sachsen-Anhalt gekommen, aus der ehemaligen Kurpfalz in das ehemals kursächsische Gebiet, aus Bretten, wo Philipp Melanchthon im Jahr 1497 geboren wurden, nach Wittenberg, dem Ort seines Wirkens und seines Todes.
Heute Morgen wollen wir in diesem Gottesdienst dieses großen Glaubenszeugen gedenken. Für mich schließt sich damit gewissermaßen ein Kreis, denn am 31.10.2009 haben wir mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Stiftskirche zu Bretten das Melanchthongedenkjahr eröffnet, heute findet am Vorabend seines 450. Todestages dieses Gedenken seinen Höhepunkt.
In den Fußstapfen des Herrn
Dass der Todestag Philipp Melanchthons in diesem Jahr fast genau auf den Sonntag Misericordias Domini, auf den Sonntag vom Guten Hirten fällt, dass hätte Melanchthon gefallen. Denn nichts hat sein Leben, sein Denken, sein Wirken so geprägt wie die Beziehung zu Jesus Christus, seinem guten Hirten. Und so hätte dem Meister Philipp auch der Predigttext zu diesem Sonntag aus dem 1. Petrusbrief gefallen.
„Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der nicht wider schmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“
Zuerst und vor allem hätte Philipp Melanchthon an diesem Abschnitt aus dem 1. Petrusbrief gefallen, wie hier alles konzentriert ist auf Jesus Christus. Auf ihn richtet sich der Blick, auf sein sündloses Leben, auf sein geduldiges Leiden und Sterben, das ganz im Stile des alten Liedes vom gerechten Gottesknecht geschildert wird. Auf Jesus Christus ist alles konzentriert und auf das, was er für uns getan hat. „Das heißt Christus zu erkennen: seine Wohltaten zu erkennen“. So lautet einer der ganz großen Sätze Melanchthons. Es könnte ein Kommentar zu dem Wort aus dem 1. Petrusbrief sein. Denn nichts anderes wird hier meditiert als die Wohltaten dessen, der als guter Hirte sein Leben lässt für seine Schafe. Nichts anderes wird hier meditiert als der wohltuende Weg Christi, der uns in Beziehung setzt zu ihm. In der Betrachtung dieses Weges entdecken wir die Fußstapfen unseres Herrn. Können ihm nachfolgen. Können wie er der Gerechtigkeit leben.
In der Betrachtung seines Weges entdecken wir, wie wir ihn brauchen, um unser Leben bestehen zu können. Wir brauchen Jesus Christus, der für uns eintritt. Wir brauchen ihn, der für uns gelitten hat. Wir brauchen ihn, der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Wir brauchen ihn, durch dessen Wunden wir heil geworden sind. Ja, wir brauchen einen, der nicht aufhört, für uns und für unsere Welt vor Gott ein gutes Wort einzulegen. Uns, die wir so gern unseres eigenen Glückes Schmied sind, uns wird gesagt: Was uns Boden unter die Füße gibt, damit wir den Weg der Gerechtigkeit gehen können, das sind zuerst und zuletzt die Wohltaten Christi.
Glaube braucht Vorbilder
Als Zweites hätte Philipp Melanchthon an diesem Abschnitt aus dem 1. Petrusbrief gefallen, wie hier vom Vorbild Christi gesprochen wird. Schon die Tatsache, dass an dieser Stelle das mit „Vorbild“ Übersetzte im Griechischen eher eine schriftliche „Vorlage“ meint, die man studieren soll, hätte das Herz des Humanisten vor Freude hüpfen lassen. Wie gern hat er aus schriftlichen Quellen, aus antiken Vorlagen sein Wissen geschöpft! Aber wichtiger wäre ihm doch der Gedanke gewesen, dass unser Glaube eben Vorbilder braucht, um lebendig gestaltet werden zu können. Unser Leben als Christenmensch kann nur gelingen, wenn wir uns in unserem Gehen ausrichten an Jesus Christus als unserem Vorbild. Und unser Leben kann nur gelingen, wenn wir uns in unserem Gehen ausrichten an Glaubenszeuginnen und -zeugen, die in den Fußstapfen Christi gehend zu Vorbildern für uns geworden sind. Und wir erleben im Augenblick gerade große Erschütterungen in der Kirche, weil vermeintliche Vorbilder des Glaubens das Wandeln in den Fußstapfen Christi mit dem Ausleben eigener Gewaltphantasien verwechselt haben.
Der Pädagoge Melanchthon wusste, dass Menschen für die Gestaltung ihres Lebens lebendige Beispiele und konkrete Vorbilder brauchen und nicht abstrakte Lerninhalte. In seiner Bestattungsrede für Martin Luther sagt er: „Wir gedenken doch oft und vielfach der anderen glaubensvollen verantwortlichen Männer der Kirche, deren Leben und Wirken wir kennen… so lasst uns ebenfalls Lehre und Leben dieses Mannes oft betrachten… Lasst uns erkennen, dass er ein heilsames Werkzeug Gottes gewesen ist und seine Lehre voller Eifer lernen. Seine Tugenden sind uns ebenfalls not. Lasst sie uns nachahmen, so gut wir können.“ Was Melanchthon in dieser Rede in Bezug auf Martin Luthers sagte, können wir auch auf ihn beziehen: Philipp Melanchthon selbst war ein Vorbild, an dem zu orientieren uns auch heute noch sehr hilfreich sein kann:
Er war nicht nur ein mit ungeheuren Geistesgaben ausgestattetes Wunderkind und ein Vorbild an Bildung und Wissen, so dass er den Ehrentitel praeceptor germaniae, „Lehrer Deutschlands“ erhielt, er war durch seine unermüdlichen Gründungen von Schulen und Universitäten ein Wegbereiter der humanistischen Bildungstradition, die sich über Jahrhunderte in Mitteleuropa als tragend erwiesen hat.
Er hat nicht nur in vorbildlicher Weise die reformatorische Lehre auf den Punkt gebracht und griffig formuliert, so etwa bleibend in dem Bekenntnis, das er im Jahr 1530 für den Reichstag zu Augsburg verfasste und das bis heute Grundlage der meisten evangelischen Kirchen ist, er war auch ein Vorbild an Humanität, der sich auch für die Juden intensiv einsetzte; hierin bewahrte er das humanistische Erbe seines aus Pforzheim stammenden Großonkels Johannes Reuchlin aus Pforzheim.
Er war nicht nur der vorbildliche und treue Mitarbeiter Martin Luthers, er war auch der akademische Lehrer, der für seine Studenten liebevoll sorgte.
Zuletzt und vor allem aber war er ein Vorbild im Glauben an Jesus Christus, dessen Wohltaten zu betrachten und zu erkennen sein Lebenswerk war.
Vorläufer der modernen Ökumene
Schließlich hätte Philipp Melanchthon an unserem Abschnitt aus dem 1. Petrusbrief gefallen, dass dies ein so wunderbar ökumenischer Text ist. „Ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eure Seelen.“ Der Glaube braucht die Gemeinschaft der Glaubenden. Wenn wir im Psalm 23 bekennen, „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“, dann tun wir dies in der Gemeinschaft jener, die sich als Gemeinschaft der Glaubenden zu Jesus Christus als ihrem Hirten und Bischof bekennt. Ja, Christus ist der Hirte und derjenige, der „acht gibt“ auf unsere Seelen. Nichts anderes meint das Wort „Bischof“, das Luther hier in seiner Übersetzung verwendet: Christus ist der, der uns beaufsichtigt - nicht im Sinne der Horrorvorstellung des alles kontrollierenden big brother. Christus ist der, der über uns „sein Angesicht erhebt“ und der „sein Angesicht über uns leuchten“ lässt. Der uns zum frischen Wasser führt und unsere Seele erquickt - als guter Hirte und als Bischof unserer Seelen.
Bei Melanchthon kommt das Bild von Christus als Hirten immer wieder im Zusammenhang mit dem Bild von der Kirche als der Herde vor. Und wenn wir heute seiner gedenken, dann können wir es nicht anders, als indem wir an unsere Zusammengehörigkeit als Kirche Jesu Christi über die Jahrhunderte hinweg erinnern. Die Herde Christi gibt es nicht in einer Konfessionskirche. Sie ist größer. Weil er das wusste, waren Melanchthon die Religionsgespräche wichtig. Hat er sich um die Einheit der Kirche gemüht. „Auf dass sie alle eins seien“, diese Worte aus dem hohenpriesterlichen Gebet Jesu, die wir vorhin als Schriftlesung gehört haben, können wie die Maxime all seines theologischen und kirchenpolitischen Wirkens verstanden werden. Mit großer Geduld führte er unermüdlich Friedensverhandlungen mit dem Papst, war Chefdiplomat der Protestanten. War ein Vorbild im Ausgleichen und Versöhnen. In seiner ökumenischen Orientierung kann er geradezu als ein Vorläufer der modernen Ökumene angesehen werden. Als er erklärte, dass er den päpstlichen Primat über die Bischöfe nach menschlichem Recht anzuerkennen bereit wäre, wenn dies der Einheit der Kirche dienen würde, brachte ihm dies bei den Evangelischen viel Ärger ein. Die Anerkennung eines Ehrenprimats des Papstes ist übrigens bis heute ein höchst anstößiger, aber für die weitere ökumenische Debatte fruchtbarer Gedanke, den Papst Johannes Pauls II. vor etwa 15 Jahren erneut in die ökumenische Debatte eingebracht und der zu Unrecht auf evangelischer Seite kaum positive Reaktionen ausgelöst hat.
So hätte Philipp Melanchthon seine Freude an dem heutigen Predigttext aus dem 1. Petrusbrief gehabt. Dieser Text konzentriert sich ganz auf Christus und auf seine Wohltaten, ruft uns die Bedeutung des Vorbilds für unser Glaubensleben in Erinnerung und wehrt jeder konfessionellen Selbstgenügsamkeit. Morgen vor 450 Jahren ist Philipp Melanchthon gestorben - dankbar für die Wohltaten Christi, am Ende eines langen Lebensweges in den Fußstapfen Christi und in Erwartung einer Gemeinschaft mit Gott, die nicht Halt macht an den Grenzen konfessioneller Kirchentümer. Der sterbende Melanchthon schrieb - wie wir einleitend in diesem Gottesdienst hörten - sich und anderen auf einen Zettel, warum es nicht nötig sei, den Tod zu fürchten. Unter anderem schrieb er: „Du kommst zum Licht, du wirst Gott und seinen Sohn schauen, du wirst die wunderbaren Geheimnisse erkennen, die du in diesem Leben nicht begreifen konntest.“ In dieser Hoffnung, die uns mit Philipp Melanchthon verbindet, erinnern wir uns seiner als eines großen Glaubenszeugen. Kirche ist eine Erinnerungsgemeinschaft. Auch der Gottesdienst dient der Erinnerung, der Erinnerung an das Werk Christi, an seine Wohltaten und an Menschen, die ihm gefolgt sind. Unser Leben braucht das Gedenken und das Gedächtnis, damit wir Abstand von der Gegenwart gewinnen und Zukunft gestalten können in der Verantwortung vor dem „Hirten und Bischof unserer Seelen“. Amen.
