Gottes große Versöhnungstat

Gottesdienst am Karfreitag (2. April 2010) in der Stadtkirche Karlsruhe

Predigt zu 2 Kor 5,18-20 von Landesbischof Dr. U. Fischer

 

Liebe Gemeinde, „wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen.“ Mit diesem Bekenntnis des römischen Hauptmanns unter dem Kreuz von Golgatha endete der Passionsbericht des Evangelisten Markus. Hat der heidnische Hauptmann wirklich gewusst, was er da sagte angesichts des blutigen Sterbens Jesu auf dem Kreuzeshügel? Oder waren seine Worte mehr Ausdruck einer Ahnung, dass hier Ungeheures geschieht, etwas, das auch 2000 Jahre später nichts an Bedeutung verloren hat? „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen.“

Was dieses mehr ahnende als wissende Bekenntnis des römischen Hauptmanns wirklich bedeutet, das hat 20 Jahre nach der Kreuzigung Jesu der Apostel Paulus in seinem 2. Brief an die Gemeinde von Korinth mit folgenden Worten ausgedrückt:

„Gott hat uns mit sich selber versöhnt durch Christus und hat uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“

Die Versöhnungstat Gottes

Ja, liebe Gemeinde, genau darum geht es am Hügel von Golgatha. Genau darum geht es an Karfreitag. Gott versöhnt die Welt mit sich selber. Gott versöhnt sich mit uns Menschen. Er überwindet den garstigen Graben, der zwischen den sündigen Menschen und dem heiligen Gott besteht. In Jesus Christus, seinem Sohn, macht er sich selbst zum Sünder. Geht den Weg der Sünde. Stirbt den Tod des Sünders. Gott bringt die negative Beziehung in Ordnung, die zwischen ihm und den Menschen bestand. Die Bibel beschreibt, wie der Mensch von Anfang an ohne Gott leben wollte. Wie er sein eigener Herr sein wollte. Wie er ein Leben führen wollte, ohne auf Gott zu hören. Seit Adams Zeiten war der Mensch einer, der sein Leben immer allein gestalten wollte - ohne Gott. Es wäre hoffnungslos für die Menschen, hoffnungslos für die Welt gewesen, wenn Gott den Menschen einfach hätte gewähren lassen. Wenn er gesagt hätte: „Lebt doch euer Leben ohne mich!“ Wenn Gott so gedacht hätte, dann wäre die Welt verflucht gewesen. Verflucht gottlos. Die von Gott sich selbst überlassene Welt wäre die ihrer eigenen Hilflosigkeit ausgelieferte Welt.
Aber Gott hat die Welt nicht sich selbst überlassen. Er hat gehandelt. Indem er am Kreuz von Golgatha, den sündigen Menschen mit Christus, seinem Sohn, identifizierte, schlug Gott die Brücke zum Menschen. Versöhnte er die Welt mit sich selber. Deshalb feiern wir Karfreitag die große Versöhnungstat Gottes. Gott hat mit den Menschen abgerechnet - auf eine höchst seltsame Weise. Er hat alle Sünde der Menschen zusammengerechnet, aber er hat sie nicht auf unser Konto geschrieben. Er rechnete die erdrückende Summe aller Sünden nicht uns zu, sondern dem Einen, der ganz und gar ohne Sünde war: Jesus Christus, seinem Sohn. So hat Gott nicht mit den Menschen abgerechnet, sondern im Grund mit sich selber. Am Kreuz von Golgatha hat er sein Verhältnis zur Welt und zu uns Menschen in Ordnung gebracht. Die Welt nach Karfreitag ist die von Gott mit Gott versöhnte Welt. Nun steht nichts mehr zwischen Gott und uns. Gott hat sich mit uns versöhnt, mit jedem und jeder von uns. Niemand ist ausgenommen.

Gottes großes Versöhnungsangebot an die Unversöhnten

Dieses Versöhnungshandeln Gottes muss immer wieder Menschen gesagt werden. Darum tritt zum Versöhnungshandeln Gottes das Wort von der Versöhnung hinzu und damit das Amt, das die Versöhnung predigt: „Gott hat uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Wie viele Menschen fragen sich: Habe ich das eigentlich nötig, mich mit Gott versöhnen zu lassen? Ich habe doch nichts gegen ihn. Bin doch ein guter Mensch. Lasse mir nichts zuschulden kommen. Und ein Verbrecher bin ich schon gar nicht.
Während sie so reden, merken sie gar nicht, wie unversöhnt sie leben Unversöhnt mit sich selbst gönnen sie sich keinen ehrlichen Blick auf ihre eigene Lebensgeschichte. Reden sich alles schön. Verdrängen Bedrohliches und lassen Unangenehmes nicht zu. Unversöhnt mit anderen Menschen können sie einfach nicht über ihren Schatten springen. Pflegen immer ihre alten Vorurteile. Wagen nicht den ersten Schritt auf andere zu. Unversöhnt mit Gott missachten sie Gott. Verlieren ihn aus dem Blick. Führen ein Leben, ohne eine letzte Verantwortung vor ihm. Sind sich selbst genug.
Solch ein Unversöhntsein bleibt oft lange unerkannt. Aber unter der Oberfläche des Lebens zehrt es, kann nahezu auffressen. Tut weh. Unversöhnte Menschen fügen sich selbst Schweres zu. Ein mit sich selbst unversöhnter Mensch ist mit sich selber nicht gut. Der Blick auf das Kreuz von Golgatha kann den Blick für die eigene Versöhnungsbedürftigkeit schärfen und kann dankbar machen für Gottes großes Versöhnungsangebot. Im Blick auf das Kreuz erkenne ich, dass Gott selbst in Jesus Christus ertragen hat, was eigentlich mir hätte zufallen müssen. Und dies macht mich dankbar. Ich darf leben als einer, mit dem sich Gott versöhnt hat. Versöhnt mit anderen. Versöhnt mit mir selbst.

Vom Amt der Versöhnung und seinem Missbrauch

Mit dem Wissen um Gottes Geschenk der Versöhnung bin ich hinein genommen in das Versöhnungsamt, das Gott uns anvertraut hat. Uns, allen Getauften! Alle sind wir berufen, als Botschafter an Christi statt die Menschen einzuladen. „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Im Wort von der Versöhnung, das wir weitersagen, verkündigen wir Gottes Versöhnungshandeln an dieser Welt und führen es fort. Das ist unser Auftrag als Kirche.
Weil wir das Amt der Versöhnung haben, laden wir sonntags in unseren Gottesdiensten Menschen ein, ihre Schuld vor Gott zu bekennen, einen ehrlichen Blick auf ihre Lebensgeschichte zu werfen und sich von Gott Vergebung der Sünden zusprechen zu lassen.

Weil wir das Amt der Versöhnung haben, laden wir sonntags in unseren Gottesdiensten Menschen an den Tisch des Herrn, um hier – befreit von aller Schuld – als Versöhnte Gottes einen Neuanfang zu wagen. Hier sind sie eingeladen, alles abzuladen, was in ihrem Leben kaputt ist, und es dem Gott anzuvertrauen, der selbst den Weg durch Verletzungen und Leiden gegangen ist, bis alles kaputt war – damals am Kreuz von Golgatha.

Weil wir das Amt der Versöhnung haben, kann es uns nicht egal sein, wenn Menschen in unseren Gemeinden unversöhnt zusammenleben. Deshalb feiern wir immer wieder Feste der Versöhnung in unseren Gemeinden. Am Tisch des Herrn können und sollen aus Feinden Versöhnte werden.
Weil wir das Amt der Versöhnung haben, müssen wir als Kirche auch öffentlich für Versöhnung eintreten: Das hat die evangelische Kirche nach den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur getan, indem sie mit dem Stuttgarter Schuldbekenntnis vor aller Welt ihre Mitschuld bekannte. Durch dieses Schuldbekenntnis öffnete sich die Tür der Versöhnung hin zur Ökumene. Durch ihre Ostdenkschrift ebnete die evangelische Kirche in den 60erJahren den Weg zur Aussöhnung mit Polen. Und im Jahr 1989 ging von der Nikolaikirche in Leipzig mit dem Ruf „Keine Gewalt“ eine große versöhnende Kraft aus, die ganz wesentlich zum Erfolg der friedlichen Revolution beitrug.
Ja, der Kirche ist das Amt der Versöhnung übertragen, und sie nimmt es auch wahr – ganz alltäglich wie auch in außergewöhnlichen Situationen. Umso schlimmer, wenn sie es nicht auftragsgemäß wahrnimmt. Das sehe ich als den größten Schaden, der derzeit durch das immer neue Bekanntwerden von Missbrauchsfällen der Kirche zugefügt wird: Menschen, denen das Amt der Versöhnung in besonderer Weise übertragen wurde, haben dies Amt missbraucht, um Gewalt gegen ihnen Anvertraute auszuüben. Die immer neuen Enthüllungen über sexuellen Missbrauch in der Kirche künden nicht nur vom unendlichen Leid Misshandelter. Sie offenbaren auch, wie das der Kirche anvertraute Amt der Versöhnung durch Amtsträger selbst verhöhnt und beschädigt worden ist.

Wie sollen Menschen noch diesem Amt, das die Versöhnung predigt, glauben, wenn Amtsträger es missbrauchen, um Gewalt über andere auszuüben? Die Vertrauenskrise der Kirche, die wir derzeit erleben, ist auch eine Krise jenes Amtes der Versöhnung, das im Versöhnungshandeln Gottes gründet. Diese Krise ist deshalb auch eine heftige Anfrage, wie Menschen der Karfreitagsbotschaft Glauben schenken können. Aus dieser Krise wird es nur einen Ausweg geben, wenn Schuld bedingungslos bekannt und damit Angebote zur Versöhnung mit den Opfern gemacht werden. Zugleich aber dürfen wir darauf vertrauen, dass Gottes Versöhnungshandeln am Kreuz von Golgatha allen gilt, Opfern wie Tätern. Opfern so, dass sie in ihren bedrückenden Schmerzerfahrungen Jesus Christus an ihrer Seite wissen, der am Kreuz von Golgatha Schmerzen erlitt. Und Tätern so, dass sie aufrichtig ihre Schuld bekennen und dann auch für sich Gottes Vergebung in Anspruch nehmen können.

Karfreitag ist Weltversöhnungstag

Der Karfreitag ist ein Weltversöhnungstag. Aller Welt gilt die Versöhnung, die ihren Anfang nahm mit Gottes Versöhnungshandeln und die erstmals erahnt wurde von jenem Hauptmann, der unter dem Kreuz Jesu bekannte: „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen.“ Der Karfreitag ist ein Weltversöhnungstag mit der Einladung an alle, sich auf die von Gott gewirkte Versöhnung einzulassen: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Amen.