Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer
Liebe Gemeinde, liebe Ordinierte,
an diesem vierten Sonntag der Passionszeit, dem Sonntag Laetare, an diesem Fest Ihrer Ordination hören wir auf Worte, mit denen der Apostel Paulus seinen 2. Brief an die Gemeinde von Korinth beginnt: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis, damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Haben wir aber Bedrängnis, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost. Dieser erweist sich wirksam, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: Wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.“
„Gelobt sei Gott!“ Das sind die ersten Worte der Heiligen Schrift, die Sie unmittelbar nach Ihrer Ordination heute hören. „Gelobt sei Gott!“ Diese Worte werden Ihnen zu Beginn Ihres Pfarrdienstes zugesprochen. Keine Klagen oder Bitten stehen am Anfang Ihres Dienstes, sondern Worte des Gotteslobs. Sie können sich von diesen Worten des Paulus umarmt fühlen. Sie können frei aufatmen. Ihnen eröffnet sich bei diesen Worten ein weiter Raum, in den Sie mit dem heutigen Tag eintreten. Kein Raum der Illusion oder des Schönredens, sondern ein Raum angefüllt mit den rauen Realitäten des Lebens. Der weite Raum, der sich vor Ihnen auftut, das ist die Welt mit all ihren alltäglichen Bedrängnissen verschiedenster Art, das ist auch die Kirche mit den Bedrängnissen, die Ihr Amt mit sich bringen wird. Der weite Raum, der sich Ihnen auftut - das ist aber vor allem ein Raum, der umgeben ist von Gottes Barmherzigkeit und von seinem Trost. Atmen und loben – trotz aller Bedrängnisse des Lebens, damit beginnt Ihr Dienst in unserer Kirche. „Gelobt sei Gott!“
Räume der Bedrängnis weit machen
Mit Ihrer Ordination übernehmen Sie einen wichtigen Dienst in der Kirche als einem Bedrängnis- und Trostraum. Eindringlich spricht Paulus – noch ganz unter dem Eindruck eben gerade überwundener Nöte – von seinen eigenen Bedrängnissen. Was hat er schon alles hinter sich! Schläge und Haft, Verleumdung und Krankheit, Verfolgung und Todesnot. Und mit all diesen Bedrängnissen weiß er sich hinein genommen in den Raum der Bedrängnis, den Jesus Christus durchleben musste. Er weiß sich in der Nachfolge Christi hinein genommen in dessen Leiden, in seine Anfeindungen und Anfechtungen, seine Einsamkeit und Verlassenheit, in seine Glaubenszweifel und sein Sterben. Und wenn Sie, liebe Ordinierte, nun in der Nachfolge Christi und auf der Spur des Apostels Paulus einen Dienst in der Kirche übernehmen, dann werden auch Sie hinein genommen in den Bedrängnisraum der Kirche, wenngleich die Bedrängnisse heute ganz anderer Art sind. Sie können darin bestehen, dass Sie in Ihrem Beruf auf Desinteresse stoßen. Dass Sie an Ihrem Amt leiden, weil Sie sich ständigem Optimierungsdruck ausgesetzt fühlen. Dass Ihnen in Ihrem Dienst die notwendige Gemeinschaft vorenthalten wird und Sie bisweilen gar Anfeindungen in der Gemeinde ausgesetzt sind. Sage niemand, dass der Pfarrberuf heute ein Beruf sei, der Sie allen Bedrängnissen des Lebens enthebt. Nein: Im Gegenteil: Er ist ein Beruf, in dem Sie - wie in keinem anderen Beruf - täglich mit Bedrängnissen konfrontiert sind, die Menschen in ihrem Leben erleiden; mögen dies nun Bedrängnisse sein, die aus persönlichen Lebensschicksalen resultieren oder die gesellschaftliche Ursachen haben. Als Pfarrerinnen und Pfarrer sind Sie täglich gefordert, teilzuhaben an den vielfältigen Bedrängnissen des Lebens, damit Sie auch teilhaben können am Trost der Ihnen anvertrauten Menschen. Sie werden berufen als solche, die die Räume der Bedrängnis weit machen sollen, indem Sie Trost zusprechen.
"Wenn wir vom Trostamt der Kirche reden, dann kann es also nicht um bloßes Hinnehmen jeder Bedrängnis gehen."
Ja, das ist Ihr Amt vor allem, ein Trostamt im Bedrängnis- und Trostraum der Kirche. Gerade erst im vergangenen Jahr, als die Wirtschaftskrise sich besonders zuspitzte, waren wir als Kirche immer wieder gefordert, dieses Trostamt wahrzunehmen - an jenen, die um ihren Arbeitsplatz fürchteten, ebenso wie an jenen, die sich als Unternehmer große Sorgen um den Erhalt ihrer Firma und der Arbeitsplätze machten. Gerade das zurückliegende Jahr hat uns gezeigt, dass wir unseren Auftrag als Kirche verfehlen, wenn wir nicht bei Trost sind. Nun ist es aber gar nicht so einfach zu beschreiben, wie das Trostamt der Kirche in rechter Weise wahrgenommen werden kann. Denn um billigen Trost kann es ja wohl nicht gehen. Was Trost ist, kann ich auch nicht einfach lernen. Es gibt keinen vorgefertigten Trost, auf dessen Wirkung ich mich verlassen könnte, ehe ich die Fragen der Bedrängten kenne. Wer trösten will, darf auch nicht einfach unkritisch mit Bedrängnissen umgehen, muss vielmehr auch deren Ursachen benennen und dann auch bekämpfen. Wenn wir vom Trostamt der Kirche reden, dann kann es also nicht um bloßes Hinnehmen jeder Bedrängnis gehen. Dann ist auch kein falsches Märtyrerheldentum gemeint.
Aktives Geschehen
In unserem kurzen Briefabschnitt verwendet der Apostel Paulus 10mal ein Wort, das mit „Trost“ bzw. „trösten“ eigentlich unzureichend übersetzt ist. Dieses Wort hat vielmehr eine große Bedeutungsbreite und kann soviel heißen wie „Hilfe herrufen oder herbeirufen, ermahnen oder auffordern, bitten oder ersuchen, ermuntern oder freundlich zusprechen.“ Diese Mehrdeutigkeit des Wortes zeigt an, dass es sich beim Trösten um ein höchst aktives Geschehen handelt. Zum Trösten gehört deshalb der Blick für das Veränderbare ebenso wie eine Anerkenntnis des Hinzunehmenden. Manche Bedrängnis kann aktiv bearbeitet, manche muss erduldet werden. So kann Trost nicht jede Klage zum Ersticken bringen, aber er kann Menschen in ihrer Bedrängnis verändern und erquicken. Trost hebt nicht jede Erfahrung der Bedrängnis auf, konfrontiert aber diese Erfahrung mit der verändernden Kraft, die von Gott selbst kommt. Gott gibt inmitten aller Bedrängnis Boden unter die Füße und öffnet die Augen für Veränderungsmöglichkeiten. Die Frucht des Trostes Gottes kann bestehen im Kampf gegen Bedrängendes, sie kann aber auch konkret werden im geduldigen Ertragen des Leidens. Jener Kampf und diese Geduld wiederum hat tröstende Kraft für andere, so wie ich es erst jüngst bei einer guten Freundin erlebt habe, deren langjähriger Kampf gegen ihre Krebserkrankung vielen Menschen Hoffnung geschenkt hat, so wie schließlich ihre Ergebung in das Unabänderliche unglaubliche tröstende Kräfte für andere freigesetzt hat.
Trostamt der Kirche
Tröstende Kräfte, die empfangen wir nicht, indem wir uns das Wort des Trostes selber sagen. Das Wunderbare am Trostamt der Kirche ist es, dass wir uns das Wort des Trostes auch gar nicht selber sagen müssen. Gott selber tröstet uns, indem er uns seine Nähe spüren lässt. Er lässt uns seine Nähe spüren, indem er nicht stumm bleibt. Er bleibt nicht stumm, indem er sich zu erkennen gibt als unser Gott, der selber Bedrängendes erlitt, indem sein Sohn litt. Im Leiden seines Sohnes nimmt Gott selbst die Bedrängnis des Lebens bis zum Äußersten auf sich. Gott, der „Vater unseres Herrn Jesus Christus“, ist der Gott im Schmerz und als solcher kann er uns zum wirklichen Tröster werden. „Gelobt sei Gott, der Gott im Schmerz des Karfreitags!“ Er wird zum Gott allen Trostes, indem er seinen Sohn nicht im Tod lässt, sondern ihn aus dem Grab holt. Gottes Trost ist das Ende eines Grabes. Das Grab hat keinen Inhalt mehr.
Weil wir uns das Wort von einem solchen Gott des Trostes nicht selber sagen können, deshalb brauchen wir in der Kirche das Trostamt. Dieses funktioniert nun allerdings nicht so, dass Pfarrerinnen oder Pfarrer sich von Gott trösten lassen und dann automatisch selbst Tröstende werden. Auch sie selbst sind immer wieder des Trostes bedürftig. Das Trostamt in der Kirche kann nur gelingen in einer Trostgemeinschaft, in der die Rollen zwischen den „Ihr“ und den „Wir“ immer wieder wechseln: Als von Gott Getröstete sind wir immer wieder Tröstende, wie wir selbst auch wieder von anderen getröstet werden. Aber auch das andere gilt: Kein Trösten wird wirklich gelingen, wenn wir uns nicht auch im Pfarrdienst immer wieder trösten lassen vom „Gott allen Trostes“. Kein Trösten wird wirklich gelingen, wenn wir bei unserem Dienst des Tröstens nur von uns selbst reden und nicht auch von dem Trost, den wir selbst empfangen haben. Kein Trösten wird wirklich gelingen, wenn wir nicht in unserem Trösten das bezeugen, was der Heidelberger Katechismus so unübertroffen ausdrückt: Auf die Frage „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ antwortet er: „Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin.“
Gott braucht als Werkzeuge des Trostes nicht nur Menschen im Pfarrdienst, er braucht auch Menschen in der Gemeinde, die sich von dieser tröstlichen Gewissheit getragen wissen. Indem wir einander trösten und uns gemeinsam als von Gott Getröstete wissen, entsteht ein Trostraum, entsteht eine Gemeinschaft des Tröstens. Im pfarramtlichen Dienst sind wir immer zugleich Empfangende des tröstenden Wortes Gottes wie auch Botschafter des Trostwortes Gottes. So ist der weite Raum, in den Sie, liebe Ordinierte, hinein gestellt und berufen werden, kein Raum der Einsamkeit, sondern der Gemeinschaft. In diesem weiten Raum wird Bedrängnis wechselseitig wahrgenommen und wird Trost zugesprochen. „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes“, der euch zu seinem Dienst berufen hat. Amen.
