Sind wir bei Trost? Kirche als Trostgemeinschaft

Gottesdienst in der Stadtkirche Karlsruhe am Sonntag Lätare, 14.03.2010

Predigt zu 2 Kor 1,3-7 und Kantate BWV 56 „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“ von Landesbischof Dr. U. Fischer

 

Liebe Gemeinde,
wie einen gesungenen Kommentar zum Predigttext aus dem 2. Korintherbrief klingt die Kreuzstab-Kantate von Johann Sebastian Bach: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.“ So jubelt der Apostel.
„Mein Wandel auf der Welt ist einer Schifffahrt gleich: Betrübnis, Kreuz und Not sind Wellen, welche mich bedecken und auf den Tod mich täglich schrecken; mein Anker aber, der mich hält, ist die Barmherzigkeit.“ So erklingt es in Bachs Kantate.

„Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: Wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.“ Mit diesen Worten tröstet Paulus die Gemeinde von Korinth.
Ganz ähnlich die Trostworte der Kantate: „Ich will den Kreuzstab gerne tragen, er kommt von Gottes lieber Hand, der führet mich nach meinen Plagen zu Gott, in das gelobte Land.“

Der Kreuzstab - Joch und Wanderstab

Hier wie dort das Beieinander von gegenwärtiger Erfahrung der Trübsal und Hoffnung auf Trost. Hier wie da der Blick auf Trübsal mancherlei Art und die Gewissheit endgültigen Trostes. Trübsal und Trost - untrennbar werden sie miteinander verklammert, in der Kantate im Bild der Lebensschifffahrt, die durch wüste Wellen der Bedrängnis einmündet in den sicheren Hafen, in den Port ewiger Ruhe: „Wie wohl wird mir geschehn, wenn ich den Port der Ruhe werde sehn. Da leg ich den Kummer auf einmal ins Grab, da wischt mir die Tränen mein Heiland selbst ab.“ Darum: „Komm, o Tod, du Schlafes Bruder, führe mich hinein zu dem schönsten Jesulein!“ Auf diesen letzten Trost in der ewigen Gemeinschaft mit Jesus ist die Lebensreise ausgerichtet. Aber auch während dieser Reise schon werden tröstliche Erfahrungen gemacht, denn der Kreuzstab gibt Halt. Der Kreuzstab, dieses Symbol für den gekreuzigten Christus, er ist beides zugleich: Zeichen für das Hineingenommensein in das Leiden Christi, wie auch Gehhilfe auf dem Lebensweg. Der Kreuzstab, er ist beides zugleich: Joch und Wanderstab.

"Gegen die Trübsal auf unseren Lebensschifflein helfen keine sicheren Planken, sondern das Verbündetsein mit Jesus."

Während der Dichter der Kantate seinen Blick ganz auf den ewigen Trost jenseits des Todes richtet, schaut Paulus mitten hinein ins pralle Leben mit all seiner Trübsals- und Trosterfahrung. Eindringlich spricht er von seiner eigenen Trübsal, die er erlitten hat: Schläge und Haft, Verleumdung und Krankheit, Verfolgung und Todesnot, all dies hat er hinter sich. Und mit all diesem weiß er sich hinein genommen in das Leiden Christi, in seine Anfeindungen und Anfechtungen, in seine Glaubenszweifel und sein Sterben. Und wir, die wir in der Nachfolge Christi und auf der Spur des Apostels Paulus leben wollen, wir werden ebenfalls täglich hinein genommen in Trübsale mancher Art, mögen diese nun aus persönlichen Lebensschicksalen resultieren oder gesellschaftliche Ursachen haben. Gegen die Trübsal auf unseren Lebensschifflein helfen keine sicheren Planken, sondern das Verbündetsein mit Jesus. Von ihm getröstet zu sein nimmt nicht weg, was Angst machen könnte, aber es bietet die Gewissheit: Es gibt in unserem Leben nicht bloß die stürmische See, die Wellen und das schwankende Schiff, es gibt auch einen Trost Jesu, der trägt in aller Trübsal.

Keine Ver-tröstung

Das, liebe Gemeinde, macht Kirche aus: Sie ist im Grunde nichts anderes als ein großer Trostraum, in dem wir unser Lebensschiff getrost und zielgerichtet steuern. In diesem Trostraum der Kirche ist es nun aber nicht – wie in der Kantate von Johannes Sebastian Bach – damit getan, nur auf den letzten Trost im Sterben zu setzen. Im Trostraum der Kirche geht es nicht um eine Vertröstung, die alles einfach hinnimmt, was Trübsal erzeugt.

"Zum Trösten gehört deshalb der Blick für das Veränderbare ebenso wie eine Anerkenntnis des Hinzunehmenden."

Bei mancher Trübsal müssen wir auch deren Ursachen benennen und dann auch bekämpfen. Wenn wir vom Trostraum der Kirche reden, dann kann es also nicht um bloßes Hinnehmen jeder Trübsal gehen. Dann ist auch kein falsches Märtyrerheldentum gemeint. Was wirkliches Trösten meint, das können wir von Paulus selbst lernen. In unserem kurzen Briefabschnitt verwendet er 10mal ein Wort, das mit „Trost“ bzw. „trösten“ eigentlich unzureichend übersetzt ist. Dieses Wort hat vielmehr eine große Bedeutungsbreite und kann soviel heißen wie „Hilfe herbeirufen, ermahnen oder auffordern, bitten oder ersuchen, ermuntern oder freundlich zusprechen.“ Diese Mehrdeutigkeit des Wortes zeigt an, dass es sich beim Trösten um ein höchst aktives Geschehen handelt. Zum Trösten gehört deshalb der Blick für das Veränderbare ebenso wie eine Anerkenntnis des Hinzunehmenden. Manche Trübsal kann aktiv bearbeitet, manche muss erduldet werden. Trost hebt nicht jede Erfahrung der Trübsal auf, konfrontiert aber diese Erfahrung mit der verändernden Kraft, die von Gott selbst kommt. Gott gibt inmitten aller Trübsal Boden unter die Füße und öffnet die Augen für Veränderungsmöglichkeiten. Die Frucht des Trostes Gottes kann bestehen im Kampf gegen manche Trübsal, sie kann aber auch konkret werden im geduldigen Ertragen des Leidens.

Das ist das Wunderbare am Trösten: es kann ungeheure Kräfte zur Veränderung freisetzen, aber auch zu geduldigem Ertragen ermuntern. Und dieses so vielfältige Wort des Trostes müssen wir uns nicht selber sagen. Gott selber tröstet uns, indem er uns seine Nähe spüren lässt. Er lässt uns seine Nähe spüren, indem er nicht stumm bleibt. Er bleibt nicht stumm, indem er sich zu erkennen gibt als unser Gott, der selber Trübsal erlitt, indem sein Sohn litt. Im Leiden seines Sohnes nimmt Gott selbst die Trübsal des Lebens bis zum Äußersten auf sich. Gott, der „Vater unseres Herrn Jesus Christus“, ist der Gott im Schmerz und als solcher kann er uns zum wirklichen Tröster werden. „Gelobt sei Gott, der Gott im Schmerz des Karfreitags!“ Er wird zum Gott allen Trostes, indem er seinen Sohn nicht im Tod lässt, sondern ihn aus dem Grab holt. Gottes Trost ist das Ende eines Grabes. Das Grab hat keinen Inhalt mehr.

Getröstete Trösterinnen und Tröster

Weil wir uns das Wort von einem solchen Gott des Trostes nicht selber sagen können, deshalb brauchen wir in der Kirche Menschen, die uns diesen Trost zusprechen. Als selbst Getröstete können wir auch andere trösten. So ist eine Kirche dann bei Trost, wenn sie eine Trostgemeinschaft bildet. Als von Gott Getröstete sind wir immer wieder Tröstende, wie wir selbst auch wieder von anderen getröstet werden. Aber auch das gilt: Kein Trösten wird wirklich gelingen, wenn wir uns nicht auch immer wieder trösten lassen vom „Gott allen Trostes“. Kein Trösten wird wirklich gelingen, wenn wir bei unserem Trösten nur von uns selbst reden und nicht auch von dem Trost, den wir selbst empfangen haben.

Gott tröstet uns auf unserem Lebensweg, indem er uns seinen Kreuzstab als Gehhilfe gibt. Und er braucht uns als Werkzeuge seines Trostes. Er braucht uns als getröstete Trösterinnen und Tröster. Indem wir einander trösten und uns gemeinsam als von Gott Getröstete wissen, entsteht eine Gemeinschaft des Tröstens. So sind wir immer zugleich Empfangende des tröstenden Wortes Gottes wie auch Botschafter des Trostwortes Gottes - bis wir einst getröstet durch ihn eingehen in seinen ewigen Trost. Amen.