Mit gutem Grund

Gottesdienst zum 150jährigen Jubiläum der Michaeliskirche Blankenloch am 28.02.2010

Predigt zu Röm 5,1-5 von Landesbischof Dr. U. Fischer

 

Liebe Gemeinde,
zu Ihnen nach Blankenloch bin ich heute Morgen gekommen, um mit Ihnen das 150jährige Jubiläum Ihrer Michaeliskirche zu feiern. (...) So erzählt Ihre Michaeliskirche von einer sehr langen Geschichte christlichen Glaubens an diesem Ort. Und sie verleitet dazu, in dieser Stunde des Jubiläums die Gedanken zurück schweifen zu lassen in die Vergangenheit.

Kirche ist ein Lebensraum

Es kommen Ihnen Menschen in den Sinn, die diesen Kirchenraum mit ihren Gebeten und Gesängen, mit ihren Tränen und ihrem Dank gefüllt haben. Und Sie fragen sich:
Wie viele Generationen von Menschen haben in dieser Kirche schon einen Ort der Stille gefunden?
Wie viele Menschen haben in dieser Kirche schon geklagt angesichts einer Not, die sie betroffen hat?
Wie oft wurde Gottes Wort tröstend Menschen zugesprochen, die an diesem Ort ihrer Verstorbenen gedachten - oder Mut machend und wegweisend jungen Eltern, die ihre Kinder zur Taufe brachten?
Wie oft baten Ehepaare hier um Gottes Segen für ihren gemeinsamen Lebensweg?
Wie oft wurden Menschen hier an ihre Taufe erinnert?
Wie oft haben Menschen in diesem Kirchenraum Gott danken können nach Bewahrung in schwerer Not, zurückschauen dürfen auf lange Wegstrecken des Lebens?
Ja, diese Kirche ist als ein Lebensraum der vielen Generationen vor Ihnen, ein durchbeteter und durch das Gebet geheiligter Raum. Der Kirchenraum erzählt von den vielen Generationen der Gläubigen vor Ihnen, erzählt von der Geschichte Gottes mit ihnen.
In diesem Raum, der uns hinein nimmt in eine lange Geschichte christlichen Glaubens an diesem Ort, hören wir – wie unzählige Generationen vor uns – nun auf Worte der Heiligen Schrift, die uns Orientierung für unser persönliches Leben und für die Zukunft dieser Gemeinde geben sollen.
Im 5. Kapitel des Briefes des Apostels Paulus an die Gemeinde von Rom lesen wir: „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist.“

Begründetes Rühmen

Liebe Gemeinde, was strahlen diese Worte des Apostels aus an Zuversicht, an Gelassenheit, an Gewissheit. So redet einer, der zuvor in seinem Brief an die Gemeinde von Rom in langen Ausführungen die Rechtfertigung allein aus dem Glauben dargelegt hat: Wir haben Frieden mit Gott! Wir haben Zugang zur Gnade Gottes! Wir haben eine herrliche Zukunft vor uns, das hat uns Gott durch Jesus Christus verbürgt! Wir haben allen Grund zur Hoffnung! Das ist die Basis allen Christseins. Frieden mit Gott. Im Gottesfrieden ruhen und stehen. Das ist das Merkmal eines Christenlebens. Solch ein Friede entspringt nicht irgendeiner Gemütslage, sondern entspringt aus der Beziehung zu Gott, die er selbst durch Jesus Christus auf eine neue Grundlage gestellt hat: Wir haben Zugang zu ihm und zu seiner Gnade.

"Rühmen ist die Antwort des Menschen auf das Geschenk des Friedens. Im Rühmen spricht der Mensch aus, wem er gehört."

Bevor wir als Christenmenschen überhaupt nachdenken, wie wir unser Leben in Verantwortung vor Gott gestalten sollen, ist uns dies vorgegeben: Gott hat Frieden mit uns geschlossen. Er hat ja gesagt zu uns, wie wir sind. Wir müssen uns nicht jeden Tag neu erfinden. Wir müssen nicht jeden Tag neu definieren, wer wir sind. Wir sind von Gott Geliebte, mit Gott Versöhnte, im Frieden mit Gott Lebende. Das gilt uns allen, denen in der Taufe die Gnade Gottes zugesagt wurde. Und weil dieses Geschenk des Friedens mit Gott so großartig ist, deshalb können wir nicht schweigen. Als Antwort auf den Frieden Gottes können und sollen wir das tun, was Paulus uns hier in seinem Römerbrief vormacht: Wir dürfen und sollen Gott rühmen. Rühmen ist die Antwort des Menschen auf das Geschenk des Friedens. Im Rühmen spricht der Mensch aus, wem er gehört. Ein Mensch, der Gott rühmt, weiß, was er Gott zu verdanken hat. Freilich sollen Sie sich nicht Ihrer Leistungen rühmen, mögen Sie auch als Gemeinde heute gut dastehen und eine beachtliche Lebendigkeit an den Tag legen. Mit Ihrem Rühmen dürfen und sollen Sie andere neugierig machen auf den Gott, der Frieden geschlossen hat mit uns Menschen. Durch das Rühmen Gottes zeigt eine Gemeinde, dass sie weiß: Sie verdankt sich nicht der Tüchtigkeit ihres Pfarrers – so groß sie auch sei – sie verdankt sich des Friedens mit Gott.

Bei genauerem Hinsehen ist dieses Rühmen ein doppeltes: Zum einen ist es – wie schon ausgeführt - ein begründetes Rühmen. Begründet im Friedensschluss Gottes mit uns Menschen. Begründet darin, dass Gott den Zugang zu seiner Gnade selbst frei gemacht hat durch Jesus Christus. Begründet darin, dass Gott seine Liebe ausgegossen hat in unsere Herzen. Dieses Rühmen weist also zurück auf das, was mit dem Kommen Jesu Christi erfolgt ist und was mit seinem Leiden, Sterben und Auferstehen verbürgt ist: Gott hat am Kreuz von Golgatha mit uns Frieden geschlossen, und dieser Friedensschluss verbürgt uns eine lebendige Hoffnung. Keine Hoffnung auf etwas, was uns möglicherweise vielleicht einmal zufallen wird. Nein: Das Herrliche ist bereits geschehen – am Kreuz von Golgatha und am Ostermorgen. Und darum ist uns die Herrlichkeit eines neuen Lebens bei Gott verbürgt. Deshalb können Sie voller Hoffnung auf die künftige Herrlichkeit jetzt schon Gott begründet rühmen.

Hoffnungsvolles Rühmen

Zum anderen aber beinhaltet das Rühmen, das das Leben einer Gemeinde prägt, auch ein Rühmen, das immer neu erst mühsam erlernt werden muss in persönlicher Lebenserfahrung: „Wir rühmen uns der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden.“ So kann nur einer schreiben, der - wie Paulus - in seinem Leben viel erlebt hat und dessen Glaube sich in bitteren Lebenserfahrungen bewährt hat. „Hoffnung kommt aus der Bewährung, Bewährung kommt aus der Geduld, Geduld aber kommt aus der Bedrängnis.“ Das klingt so logisch, aber die Logik des Lebens ist oft eine andere. Diese Argumentationskette kann zerbrechen. Menschen können zerbrechen an innerer oder äußerer Bedrängnis.

Das haben wir in dieser Woche alle sehr schmerzlich erlebt, als die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischöfin Margot Käßmann, wegen einer Alkoholfahrt am Steuer ihres PKWs in ungeheure Bedrängnis geriet. Von Stunde zu Stunde wurde die Bedrängnis größer: Der Druck der Öffentlichkeit auf die Bischöfin und der Druck, den sie selbst empfand, weil in ihrem Tun eine Glaubwürdigkeitslücke entstanden war, die sie nicht mehr meinte schließen zu können. In dieser Situation höchster Bedrängnis reichte Geduld nicht mehr aus. Aussitzen war nicht mehr möglich. Bewähren konnte sich die Geduld nicht mehr. Hoffnung, aus dieser schlimmen Situation noch als höchste Amtsträgerin unserer Evangelischen Kirche herauskommen zu können, konnte Margot Käßmann nicht mehr gewinnen. „Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden.“ Diese Argumentationskette des Paulus zerbrach in dieser Woche an der grausamen Realität des Lebens. Und dennoch hat sich Margot Käßmann dann durch die Art ihres Rücktritts nochmals als Verantwortungsträgerin für unsere Kirche bewährt. Sie ist als Zeugin des Glaubens nicht zuschanden geworden. Und Hoffnung für ihr Leben gibt es wieder – freilich anders, als zunächst wohl noch von ihr und von vielen Menschen in unserem Lande erhofft.

"Ob wir als Christenmenschen wirklich überzeugend und glaubwürdig Gott rühmen können, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob wir als Gemeinde leben, in der Geduld des Glaubens gelernt und Hoffnung vermittelt wird."

Wir sehen: Manche Standfestigkeit reicht nicht aus, um erlittene Prüfungen zu bestehen. Was theologisch so richtig zu sein scheint, streitet doch so oft mit der Realität des Lebens. In der Welt ist es eben oft anders: Da kann Menschen das Rühmen vergehen, weil sie Hoffnung verloren haben. Weil sie Standfestigkeit, Geduld eingebüßt haben. Weil Bedrängnisse zu übermächtig wurden. Umso wichtiger ist es für Sie, ist es für uns alle, liebe Gemeinde, dass wir immer wieder bei Paulus in die Schule gehen, der das hoffnungsvolle Rühmen der Bedrängnisse in bitteren Lebenserfahrungen erworben hat. In der Schule der Bedrängnisse hoffnungsvolles Rühmen lernen, das gelingt aber nur,
wenn wir uns in einer Gemeinde gegenseitig beistehen in den vielfältigen Bedrängnissen,
wenn wir uns anstiften zur Geduld,
wenn wir uns ermutigen, unseren Glauben zu bewähren,
wenn wir uns gegenseitig Hoffnung vermitteln.
Ja, wir können in einer Gemeinde in die Schule gehen bei lebenserfahrenen Christenmenschen, die uns etwas zu erzählen haben von Bewahrung in der Bedrängnis, von gewachsener Geduld in schweren Zeiten, von Hoffnung, die nicht zuschanden werden ließ. Und wir können in die Schule gehen bei all jenen, die lange vor uns diese Kirche mit ihren geduldigen Bitten und ihren hoffnungsvollen Gebeten gefüllt haben. Ob wir als Christenmenschen wirklich überzeugend und glaubwürdig Gott rühmen können, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob wir als Gemeinde leben, in der Geduld des Glaubens gelernt und Hoffnung vermittelt wird. Genau dazu ist Ihre Michaeliskirche erbaut worden als ein Raum, in dem Menschen bedrängende Lebenserfahrungen miteinander teilen und sich zur Geduld anstecken, zu einer Geduld, die sich im Alltag des Lebens bewährt und die Kraft gibt zu begründeter Hoffnung.

Die Kirche ist eine GmbH, eine „Gemeinschaft mit begründeter Hoffnung“. Und dies deshalb, weil Gott in Jesus Christus den Grund selbst gelegt und uns in der Taufe zur Hoffnung auf seine künftige Herrlichkeit berufen hat.
Wenn das kein Grund ist, Gott zu rühmen! Amen.