Predigt zu Hebr 4,14-16 von Landesbischof Dr. U. Fischer
Liebe Gemeinde,
der heutige Sonntag Invokavit ist ein besonderer Sonntag. Hinter uns liegt die Faschingszeit mit ihren Fröhlichkeiten und Narrheiten. Mit dem heutigen Sonntag beginnt nach langer kirchlicher Tradition die Passions- und Fastenzeit, die dann nach etwa 40 Tagen in der Osternacht ihr Ende findet. Von heute an werden wir - wie Sie vorhin schon bemerkt haben - in unseren Gottesdiensten „Sieben Wochen ohne“ feiern, ohne das große Gloria nach der Gnadenzusage Gottes und ohne das Halleluja nach der Schriftlesung. Fasten- und Passionszeit, das heißt, dass für sieben Wochen auch die Liturgie unserer Gottesdienste etwas schmuckloser sein wird - abgespeckt sozusagen. Wir merken es: Jetzt wird es ernst! Wir begeben uns mit Jesus auf den Weg nach Golgatha. Auf diesem Weg hören wir auf Worte aus dem 4. Kapitel des Hebräerbriefes:
„Weil wir einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten am Bekenntnis. Denn wir haben einen Hohenpriester, der mit leidet mit unserer Schwachheit. Er wurde versucht in allem wie wir, doch blieb er ohne Sünde. Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“
Herr, segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde, in eine eigenartige, fremde Vorstellungswelt führt uns dieses Bibelwort hinein. Von einem Hohenpriester ist da die Rede. Der Hohepriester war seit alters her der Oberste Priester der Gemeinde von Jerusalem. Er brachte für das Volk Opfer vor Gott, um damit Gott und die Menschen zu versöhnen. Er betrat im Tempel das Allerheiligste und stellte so für die Menschen den Zugang zu Gott her. Der Hebräerbrief spricht von einem besonderen, einem großen Hohenpriester und meint damit Jesus Christus. Er ist der Hohepriester, der durch sein Leiden und Sterben die Verbindung zwischen Gott und den Menschen hergestellt hat. Er ist es, den wir brauchen, um versöhnt zu sein mit Gott.
Einer, der weiß, was das ist, Mensch zu sein
Wie das? Wir brauchen einen, der uns versteht. Der weiß, was das ist, Mensch zu sein. Ein Gottesssohn, der nur zum Schein Mensch geworden wäre, der nicht versuchbar wäre wie wir Menschen, er nützte uns gar nicht. Aber so einer war Jesus Christus nicht. „Er ist versucht in allem wie wir.“ Das gehört für mich zum Wichtigsten, was überhaupt über Jesus Christus gesagt werden kann. Das macht ihn mir so nahe: In allem ist er uns gleich geworden. In jeder Hinsicht versucht wie wir. Seine Versuchungen waren keine Scheingefechte. Es stand nicht von vornherein fest, ob er sie bestehen würde. Im Evangelium zum heutigen Sonntag haben wir von Versuchungen gehört, denen Jesus am Anfang seines Weges ausgesetzt war. „Schaffe dir Brot aus Steinen! Sei dein eigener Herr! Beweise deine Vollmacht und stürze dich herab vom Tempel! Sprenge die Grenzen, die dir als Mensch gesetzt sind!“ Diese Versuchungen blieben nicht die letzten im Leben Jesu. Immer wieder hörte er die versucherische Stimme: „Du brauchst diesen Weg nicht zu Ende zu gehen.“ Immer wieder war Jesus versucht, dem Leiden auszuweichen, sein Leben zu erhalten. Und jedes Mal stand auf dem Spiel, ob er wohl seinem Auftrag treu bleiben würde, das Verlorene zu retten und ihm einen Zugang zu Gott zu verschaffen. Im Garten Getsemani war die Versuchung besonders groß. Er fragte sich, ob es nicht doch einen anderen Weg für ihn geben, ob ihm nicht dieses unsagbar bittere Ende erspart bleiben könne: „Abba, lieber Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir, aber nicht, was ich will, sondern was du willst.“ So betete er in seiner Verzweiflung. Und noch am Kreuz riefen die Versucher: „Steig doch herab und hilf dir selbst.“ Aber Jesus ist nicht herabgestiegen vom Kreuz. Er hat sich nicht selbst geholfen. So ist er für uns zum Helfer, zum Heil geworden. Sein Kreuz – draußen vor den Toren der Macht, es wurde zum Thron der Gnade, wie der Hebräerbrief es ausdrückt. Es wurde zum Thron der Gnade, weil er sich immer wieder für Gott entschied und dadurch „ohne Sünde“ blieb. Jesu Sündlosigkeit bestand in seinem immer wieder neuen gehorsamen Ja zu Gottes schwerem Weg. Nirgends finde ich Jesus Christus so nah wie in seinen Anfechtungen. Und zugleich merke ich, wie anders er in seinen Versuchungen ist als ich, in seiner bedingungslosen, gehorsamen Einwilligung in den Willen Gottes.
Versuchungen widerstehen
Jesus Christus hat am eigenen Leib und in der eigenen Seele erfahren, wie das ist, angefochten und versucht zu werden. Er wusste, wie schwer es ist, der Versuchung zu widerstehen und nicht zu Fall zu kommen. Deshalb steht er auch unseren Versuchungen, die wir nicht bestehen, nicht fassungslos gegenüber. Nein, „er leidet mit unserer Schwachheit“. Er hat nicht nur Mitleid, wenn wir den Versuchungen unseres Lebens nicht gewachsen sind, wenn wir den Kampf nicht mehr aufnehmen, wenn wir aufgeben wollen; sondern er ist da, wirklich bei uns. Er weiß, wie schwer Versuchungen zu bestehen sind, und er weiß auch, wie uns das weh tut, wenn wir es wieder einmal nicht geschafft haben. Er trägt das mit und leidet mit uns. Er wirft uns unser Versagen nicht vor, aber er findet sich auch nicht einfach damit ab. Er, der Gottesssohn, leidet mit uns mit - nicht hilflos, sondern ganz aktiv. Er weiß, wie wenig wir den Versuchungen entgegenzusetzen haben. Er leidet an der Schwachheit unseres Glaubens. Und er sagt uns: „Ich habe das auch durchgemacht, diese Versuchung, den leichteren Weg zu gehen, Konflikten auszuweichen, sich das Kreuz zu ersparen. Aber glaubt mir: Es lohnt sich, was ihr euch dagegen eintauscht.“
Nicht wahr? Wie oft wird uns eingeredet: „Lass doch das mit dem fernen Gott! Sag doch Gott ab! Verlass dich lieber auf dich selber! Freie Bahn den Tüchtigen! Jeder ist seines Glückes Schmied!“ Das sind doch die Leitsprüche, nach denen immer wieder gehandelt wird – in unserer Gesellschaft, manchmal leider auch in unserer Kirche. Wie oft passen wir uns den gerade opportunen politischen Meinungen an. Wie oft wird uns die Welt mit ihren Wirrnissen zur Versuchung:
Wenn wieder einmal einseitig auf militärische Macht gesetzt wird, wenn die Natur rücksichtslos ausgeplündert wird, wenn Ehrfurcht vor dem ungeborenen Leben schwindet und auch geborenes Leben mit Füßen getreten wird.
Kein Kniefall vor dem Teufel
Manchmal fragen wir uns, ob nicht doch der Teufel das letzte Wort hat in unserer Welt. Und dann ist die Versuchung da: „Reg dich nicht mehr auf. Du änderst nichts. Es hat alles keinen Zweck.“ Oft merken wir nicht, wie wir uns mit diesen Einflüsterungen immer mehr von Gott entfernen. Wie wir immer mehr von ihm abfallen. Wie wir unser Bekenntnis aufgeben. Und wieder ist Jesus Christus da - versucht wie wir: Nur ein diskreter Kniefall vor dem Teufel wird von ihm erwartet - und damit die stille Anerkennung, dass nicht Gott, sondern er, der Teufel, der eigentliche Herr der Welt ist. Aber Jesus hat diesen Kniefall nicht getan. Und seitdem leidet er an unserer Anfälligkeit für zahllose Kniefälle. Leidet er an unserer Anfälligkeit für die Resignation. Seitdem geht ihm unsere Anfälligkeit zu Herzen. Und er überlässt uns nicht der teuflischen Resignation. Er ist da für uns.
Vor einem solchen Herrn brauchen wir uns nicht zu verstecken. Er hat dasselbe durchgemacht, was uns zu schaffen macht. Er hat es nicht einfach mühelos geschafft, sondern er hat gekämpft und geweint, hat Blut geschwitzt, zu Gott geschrieen und war betrübt bis in den Tod. Solch einem Herrn können wir unter die Augen treten. Dem brauchen wir nichts vorzumachen. Vor ihm können wir die sein, die wir wirklich sind: schwach im Glauben, hinfällig und immer wieder hingefallen. Endlich einer, vor dem wir kein Theater spielen, vor dem wir nicht stark sein müssen, sondern schwach sein dürfen. Wir werden aufgefordert, zu ihm zu kommen: „Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.
Hilfe für die Stunden der Versuchung
Das ist uns gesagt, liebe Gemeinde. Unser Hinzutreten zum Thron der Gnade, der auf dem Hügel von Golgatha errichtet wurde, unser Hinzutreten zu ihm geschieht in jedem Gottesdienst. Mit Zuversicht dürfen wir zu ihm hintreten. Wir haben das Recht, ihm alles zu sagen, und zwar so, wie es wirklich ist, wie es wirklich um uns steht, womit wir nicht fertig werden, woran wir immer wieder zu Fall kommen. Wir dürfen ihm unsere Angst sagen und unsere Bitterkeit, unsere Resignation und unsere hoffnungslosen Gedanken, die Sorge um unsere Kinder und unsere Einsamkeit. Vor ihm brauchen wir uns nicht zu schämen - mit unseren leeren Händen und unserem ausgebrannten Herzen. Wir haben nichts zu bringen, aber alles zu empfangen: Barmherzigkeit und Gnade, die Ausrüstung für unseren weiteren Weg, die Hilfe für die Stunden der Versuchung, in der uns Gott aus dem Blick geraten will. Weil wir ihn so sehr brauchen, darum „ lasst uns festhalten am Bekenntnis“, am Gottesdienst, in dem wir ihm begegnen, der uns in unseren Versuchungen und in der letzten Anfechtung nie mehr verlässt. Es gibt keinen wie ihn, diesen Gottessohn, diesen Hohenpriester, Jesus Christus. Amen.
