Gottes gesalzene Liebe

Gottesdienst in Owingen am 7. Februar 2010

Predigt zu Hebr 4,12+13 von Landesbischof Dr. U. Fischer

 

Liebe Gemeinde,
Worte können verletzen, können bloßstellen, können gar töten.
Worte können Wunder wirken, können gut tun, können heilen.
Worte können zur gefährlichen Waffe werden oder auch zur heilsamen Wohltat.
Was Worte bewirken können, das erfahren wir täglich im Umgang miteinander - in den vielen Worten, mit denen Menschen über die Medien miteinander oder direkt mit uns kommunizieren.

Was Worte bewirken können, erleben wir in der Politik, in der oft schon Worte Verhängnisvolles auslösen und Hoffnungen freisetzen, ehe irgendeine konkrete Tat oder Maßnahme ergriffen ist. Worte sind eben nicht nur Schall und Rauch, wie der Volksmund sagt. Nein, sie können Zerstörerisches und Tödliches anrichten, können Aufbauendes und Heilsames bewirken.

Nicht nur die Seele streicheln

Welche Worte erwarten Sie, liebe Gemeinde, wenn Sie sonntags einen Gottesdienst besuchen. Tröstliche und ermutigende, stärkende und entlastende Worte? Worte, aus denen etwas zu spüren ist von der Liebe Gottes? Worte, die etwas ahnen lassen von der Gnade Gottes, durch die Neuanfänge möglich werden? Erwarten Sie Worte, die möglichst nicht zuspitzen oder polarisieren? Erwarten Sie Worte, die möglichst nicht wehtun? Worte, mit denen Sie nicht zu klaren Urteilen genötigt werden? Erwarten Sie Worte, die nicht zu eindeutig sind, die große Spielräume des Handelns und Urteilens ermöglichen? Erwarten Sie gefällige Worte, die einfach nur gut tun? Ganz gewiss erwarten Sie von einer Predigt im Gottesdienst solche Worte – auch ich bestreite nicht, dass ich mich wohler fühle, wenn in einer Predigt mit solchen Worten zu mir gesprochen wird. Aber nicht jedes sanfte Wort ist schon hilfreich. Und immer nur die Seele streicheln - kann das wirklich heilen und ermutigen? Ist das Wort Gottes, das wir in Gottesdiensten zu hören hoffen, wirklich immer ein wohltuendes, unsere Seele streichelndes Wort?

Hören wir auf den kurzen und markanten Predigttext zum heutigen Sonntag aus dem 4. Kapitel des Hebräerbriefes. Dort lesen wir:
„Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert. Es dringt zwischen Seele und Geist, Mark und Bein hindurch und ist ein Richter über Erwägungen und Gedanken des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.“

Achtung Verletzungsgefahr!

„Achtung, Verletzungsgefahr!“, so möchte ich rufen. Gottes Wort ist ein scharfes Wort. Nicht wie jene Worte, mit denen sich bisweilen Menschen töten. Nein, scharf wie ein Schwert, genauer: scharf wie ein chirurgisches Messer, das Mark und Bein voneinander zu trennen in der Lage ist, das weh tut, das bis ins Innerste einschneidet. Gottes Wort ist ein Wort, das - nicht in der Öffentlichkeit, aber vor Gottes Augen - alles offen legt in meinem Leben. Es ist ein mich vor Gott bloßstellendes Wort, das meine Verblendung auflöst und meine Schwächen offenbart. Vor diesem Wort kann ich nichts verbergen. Es trifft mich im Tiefsten. Geht mir durch Mark und Bein. Es richtet mich und befreit mich dadurch zugleich von der Richterrolle, die ich mir gern anmaße. Es lenkt meinen Blick weg von mir, hin auf den Einen, vor dem allein ich Rechenschaft schuldig bin. Mit dieser Schärfe begegnet mir Gottes Wort. Nicht gerade wohltuend!

Aber dann eben auch das Andere: Gottes Wort ist lebendig und kräftig. Es stärkt meine Lebenskräfte, wenn ich am Ende bin. Es gibt mir neuen Lebensmut, wenn ich verzagt bin. Es gibt mir in meinem Leben Orientierung, wenn ich keinen Ausweg weiß. Es stärkt meinen Glauben, wenn meine Zweifel überhand nehmen. Es schenkt mir die Kraft zum Lieben, wenn Menschen es mir schwer machen. Es schenkt mir eine Hoffnung, die hinausreicht über all meine kleinen und großen Verzweiflungen. So Leben stärkend und heilsam begegnet mir das Wort Gottes. Wie tut das gut!

"Gottes Wort ist nie nur das sanfte, liebe Wort. Immer höre ich es als weh tuendes Gesetz und als wohltuendes Evangelium."

So zwiespältig höre ich Gottes Wort: schmerzlich, sezierend scharf und richtend über meine Gedanken und Erwägungen, aber auch lebendig und wirksam zum Heil. So zwiespältig höre ich Gottes Wort: Als Gesetz spricht es ein aufdeckendes, letztinstanzliches Urteil über mein Leben. Als Evangelium verhilft es mir zum Leben. Im Wort Gottes höre ich einerseits Gottes kräftigen Anspruch auf mein ganzes Leben und zugleich seinen Zuspruch der Vergebung aller meiner Sünden. Gottes Wort ist nie nur das sanfte, liebe Wort. Immer höre ich es als weh tuendes Gesetz und als wohltuendes Evangelium.
Diese doppelte Beschreibung des Wortes Gottes, die grundlegend ist für alle gute Theologie, diese doppelte Beschreibung des Wortes Gottes bildet im 3. und 4. Kapitel des Hebräerbriefs den Abschluss einer ausführlichen Auslegung eines Psalmworts. In dieser Auslegung gibt der Verfasser des Hebräerbriefes einerseits ein heilsames und wohltuendes Versprechen Gottes weiter:
„Es ist für Euch eine Ruhe vorhanden. Euer Leben geht zu auf mein Heil, das ich meinem Volk verheißen habe.“
Zugleich gibt der Verfasser des Hebräerbriefes in scharfer Weise Gottes Warnung weiter:
„Wenn Ihr nicht auf mein Wort hört, dann werdet Ihr zurückbleiben, dann werdet Ihr mein Heil nicht sehen. Dann werdet Ihr nicht eingehen zu meiner Ruhe.“
Die wohltuende Verheißung Gottes wird in der Auslegung des Psalmwortes untrennbar verbunden mit der weh tuenden Mahnung. Wir sehen: Die Lebendigkeit und Heilkraft des Wortes Gottes gibt es nicht anders als in der Form der Aufdeckung und der zweischneidigen Schärfe des klärenden Wortes. Gottes Gnade ist keine billige Gnade. Sein Wort ist ein wehtuendes und ein wohltuendes Wort. Als dieses scharfe und zugleich heilsame Wort höre ich es, und als dieses scharfe und zugleich heilsame Wort erfordert es meine Antwort.

Der vollen Wahrheit Raum geben

Liebe Gemeinde, das hat Konsequenzen. Wer am Sonntag in der Predigt immer nur Tröstliches, immer nur Ermutigendes, immer nur Wohltuendes hören will, wird nicht das ganze Wort Gottes hören können. Nein, Gott warnt: „Nicht jeder, nicht jede findet zur Ruhe. Es gibt auch ein ‚Zu spät’. Es gibt auch ein ‚Nicht mehr’.“ Ich kann nicht nur auf Gottes sanften, heilsamen Zuspruch für mich warten, ohne zugleich auch seinen kräftigen Anspruch auf mein Leben zu hören. Zuspruch und Anspruch, Evangelium und Gesetz, kräftig und scharf, heilsam und aufdeckend, so ist Gottes Wort. Und nur wenn ich bereit bin, beides zu hören, werde ich zur Ruhe finden, zum Heil Gottes. Es gibt vor Gott keine Ruhe, wenn ich nicht bereit bin, mich vor Gott ohne jede Beschönigung zu zeigen, wie ich wirklich bin. Ohne die vielen Selbstrechtfertigungen, die ich im Laufe meines Lebens gelernt habe. Wirkliche Ruhe, heilsame Ruhe finde ich nur, wenn ich all die vielen Versteckspielchen aufgebe. Wenn ich bereit bin, mich von Gottes Wort entblößen zu lassen. Ich darf Gott zutrauen, dass er mich kennt - bis in Mark und Seele. Er kennt meine geheimsten Regungen und Empfindungen, meine Entscheidungen des Gewissens und meine oft schmuddeligen Gedanken. Wenn ich all dies durch Gottes Wort aufdecken lasse, wenn ich bereit werde, es von Gott anschauen zu lassen, dann werde ich all das Heilsame und Lebendige erst wirklich hören können, das aus seinem Wort zu mir spricht. Die Klarheit und Kraft des Wortes Gottes erfahre ich an mir erst, wenn ich mich ihm wirklich aussetze - mühsam und schmerzhaft - und mich vom Wort Gottes entlarven lasse. Um in Gottes Ruhe zu gelangen, muss ich mir den Schmerz seines scharfen Wortes gefallen lassen. Denn es gibt keine Ruhe für mich, ohne dass Gott alles in meinem Leben aufgedeckt hat. Sowie es auch keine volle Freiheit gibt, wo nicht der vollen Wahrheit Raum gegeben wird (V. Havel).

"Wenn ich von Gott rede, dann darf ich nicht meine Gutmütigkeit verwechseln mit Gottes Erbarmen, nicht meinen Hang zur Nachgiebigkeit mit Gottes Versöhnung."

Liebe Gemeinde, an einem hoch aktuellen Beispiel will ich das Gesagte konkret machen. Vor einigen Wochen hat die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Detuschland Bischöfin Margot Käßmann mit scharfen Worten zur Kriegssituation in Afghanistan Stellung bezogen. Ihre Worte haben viele verletzt, vor allem etliche unserer Soldatinnen und Soldaten, die in Afghanistan ihren Dienst tun, um diesem Land ein Leben in Freiheit und unter Wahrung der Menschenrechte zu ermöglichen. Manches Wort unserer Ratsvorsitzenden mag zu scharf gewesen sein, aber erst die Schärfe dieser Worte hat eine Diskussion ausgelöst, die erstmals Perspektiven einer friedensfördernden Afghanistanpolitik in den Blick bringt. Was beim ersten Hören nur wehtat, das entfaltet jetzt friedensstiftende Wirkungen.
Dieses Beispiel lehrt: Nicht immer ist es nur das „das liebe Wort“, das zur Ruhe und zum Heil führt. Auch in der Klärung zwischenmenschlicher Beziehungen kommt es bisweilen darauf an, Klartext zu reden, weil anders Frieden und Verständigung nicht zu erreichen sind. Und für mich, der ich mich bemühe, sonntags Gottes Wort zu verkündigen, heißt dies: Wenn ich von Gott rede, dann darf ich nicht meine Gutmütigkeit verwechseln mit Gottes Erbarmen, nicht meinen Hang zur Nachgiebigkeit mit Gottes Versöhnung.

Gottes gesalzene Liebe statt fader Freundlichkeit

Dann darf ich nicht meine fade Freundlichkeit gleichsetzen mit Gottes gesalzener Liebe, meine warmen Umschläge, die ich gern anlege, mit Gottes operativen Eingriffen in mein Leben.
Dann darf ich nicht mein Unterhaltungsinteresse an die Stelle von Gottes Sperrigkeit setzen, nicht meine gefälligen Worte mit Gottes Gefallen an mir.
Welche Worte erwarten Sie, liebe Gemeinde, wenn Sie sonntags einen Gottesdienst besuchen? So habe ich eingangs gefragt. So frage ich abschließend wieder. Vielleicht erwarten Sie doch Worte, die lebendig und kräftig sind, aber eben auch schärfer als jedes zweischneidige Schwert, die zwischen Seele und Geist, Mark und Bein hindurch dringen und die über Ihre Erwägungen und Gedanken des Herzens richten; vor denen Sie nicht verborgen sind und denen Sie Rechenschaft geben müssen… auf dass Sie Ruhe finden. Amen.