Predigt über Röm 12,1+2 von Landesbischof Dr. U. Fischer
Das Wort der Schrift, auf das wir heute am 1. Sonntag nach dem Epiphaniasfest hören, steht im 12. Kapitel des Römerbriefes in den Versen 1 und 2.
Paulus schreibt: „Ich ermahne euch, liebe Brüder, angesichts des Erbarmens Gottes, dass ihr euch selbst darbringt als ein lebendiges und heiliges Opfer, das Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernunftgemäßer Gottesdienst. Und passt euch nicht dieser Welt an, sondern ändert euch und erneuert euer Denken. Dann könnt ihr prüfen, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute, das, was Gott Freude macht, und das Vollkommene.“
Liebe Gemeinde,
nun kommt schon mal der Bischof nach Seelbach, und was bringt er mit: Ermahnungen und Aufforderungen. Nun wollen Sie feiern, dass vor 60 Jahren erstmals ein Pfarrer in dieser Gemeinde eingeführt wurde und dass seitdem die Gemeinde mit nur zwei Pfarrern eine erstaunliche Kontinuität bewahrt hat, und jetzt diese schrägen Töne, die so gar nicht hineinpassen in die Feierstimmung zu Beginn des neuen Jahres.
Noch haben Sie alle die wunderbare Jahreslosung im Ohr „Euer Herz erschrecke nicht!“, noch klingt die Weihnachtsbotschaft „Fürchtet euch nicht!“ bei Ihnen nach, und schon wieder kommt Ihnen die Kirche statt mit Trost mit steilen Mahnungen zu rechtem Tun.
Noch schauen Sie zu Beginn des neuen Jahres angesichts dunkler Wirtschaftsprognosen besorgt in die Zukunft, und statt eines ermutigenden Trostwortes wieder nur Appelle, Appelle, Appelle. Kann denn die Kirche nichts anderes tun, als immer nur ermahnen und fordern?
Erbarmen
Sie fragen zu Recht so, und doch haben Sie - wenn Sie so fragen - bei der Verlesung unseres Bibelwortes Entscheidendes überhört. Warum wohl haben wir vor der Predigt gesungen „Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude und Quelle der Gnade“? Dies haben wir getan, um auf ein Wort hinzuführen, das unterzugehen droht angesichts der übermächtig klingenden Mahnungen des Paulus. Dies Wort lautet: „Erbarmen“. Dieses scheinbar nur beiläufig erwähnte Wort ist der Dreh- und Angelpunkt, um den sich alles heute Morgen dreht: Unser Feiern in dieser Gemeinde, unser nachweihnachtliches Gestimmtsein, unser Singen von Jesus, in dem sich Gottes Erbarmen an Weihnachten erwiesen hat, unser Trost durch die Worte der Jahreslosung, unser Blick ins neue Jahr. „Erbarmen“ oder auch „Barmherzigkeit“ – das ist der zunächst überhörte und doch zentrale Begriff in dem kurzen Text aus dem Römerbrief. Hören wir noch einmal auf diese Worte: „Ich ermahne euch, liebe Brüder, angesichts des Erbarmens Gottes, dass ihr euch selbst darbringt als ein lebendiges und heiliges Opfer, das Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernunftgemäßer Gottesdienst. Und passt euch nicht dieser Welt an, sondern ändert euch und erneuert euer Denken. Dann könnt ihr prüfen, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute, das, was Gott Freude macht, und das Vollkommene.“
"Wir verdanken uns Gottes Erbarmen und darum fordert Gott von uns nicht mehr, als dass wir auf sein Erbarmen antworten mit unserem Tun."
Alles Ermahnen des Paulus, alle christliche Ermahnung beginnt mit der Erinnerung an das Erbarmen Gottes, das er dieser Welt erwiesen hat, indem er Jesus Christus in diese Welt schickte. Alles christliche Ermahnen beginnt mit der Erinnerung an das Erbarmen Gottes, das wir in unserem eigenen Leben erfahren haben. Als getaufte Menschen sind wir nicht nur mit Wasser getauft. Wir sind eingetaucht in das Erbarmen Gottes. Gott hat sich unser barmherzig angenommen in der Taufe. Das ist die Grundlage unseres Lebens. Das ist die Basis all unseres Tuns, an jedem Tag des Lebens. Deshalb kann christliche Ermahnung in Wahrheit nur die Sprache des Erbarmens, der Barmherzigkeit sprechen. Wir verdanken uns Gottes Erbarmen und darum fordert Gott von uns nicht mehr, als dass wir auf sein Erbarmen antworten mit unserem Tun. Unser Tun ist die Wirkung des Erbarmens, der Barmherzigkeit Gottes, die er uns erweist.
Wenn Paulus nun ermahnt „Bringt euch selbst dar als ein lebendiges und heiliges Opfer, das Gott wohlgefällig ist“, dann können wir dies ja nur befolgen, weil wir uns alle dem Wohlgefallen Gottes verdanken. Gottes Wohlgefallen macht unser Leben Gott wohlgefällig. So ist unser ganzes Leben nichts anderes als ein Dank, ein Dankopfer für das barmherzige Erbarmen Gottes. Und dies gilt dann nicht nur für den Sonntag, sondern für jeden Tag der Woche. Wer meint, wir könnten sonntags Gott dienen, damit wir uns von Montag bis Samstag gänzlich ungestört den eigenen Interessen widmen, verwechselt Gott mit jenen Götzen, denen sonntags Weihrauch in die Augen gestreut wird, damit sie eine Woche blind sind für die profitablen Geschäfte seiner Frommen.
Nicht an das Schema der Welt anpassen
Liebe Schwestern und Brüder, ich bin also heute nicht zu Euch gekommen, um Euch mit jenem Wort aus dem Römerbrief mit Mahnungen für Euer Leben zu belasten. Ich bin gekommen, um Euch zu ermutigen, auf Gottes große Gabe seines Erbarmens zu antworten. Durch Gottes Erbarmen seid Ihr ermutigt zu einem Leben in dankbarem Antworten. Zu einem Leben, das etwas durchscheinen lässt von der Barmherzigkeit Gottes. Zu einem Leben, dass sich nicht anpasst an die Welt. Zu einem Leben, das sich jeden Tag neu des Erbarmens Gottes vergewissert. Zu einem solchen Leben will ich Euch ermutigen und mit Worten des Apostels Paulus einladen.
Wichtigstes Kennzeichen eines solchen Lebens in dankbarem Antworten auf das Erbarmen Gottes, wichtigstes Kennzeichen ist die Nichtanpassung an die Welt. In Eurem vernunftgemäßen Gottesdienst, den Ihr führt im Alltag Eures Lebens, im Alltag der Welt, sollt Ihr Euch unterscheiden von der Welt. Wörtlich heißt es in unserem Bibelwort: „Passt euch nicht dem Schema dieser Welt an.“ Ihr kennt ja das Allerwelts-Schema mit seinen Grundsätzen nur zu gut.
Da gilt zunächst der Grundsatz der Gegenseitigkeit „Ich gebe dir, damit du mir gibst.“ Nach diesem Gesetz wird für jede Gabe eine Gegengabe erwartet, für jede Leistung eine Gegenleistung.
Ein zweiter Grundsatz unseres Weltschemas lautet: „Nur was sich rechnet, lohnt sich.“ Nach diesem Grundsatz wird alles Leben auf seinen ökonomischen Wert hin betrachtet, werden Sonntage dem Kommerz geopfert, wird der Leistungsdruck am Arbeitsplatz oft unerträglich gesteigert.
Ein dritter Grundsatz unseres Weltschemas lautet: „Traue niemandem, denn du könntest betrogen werden.“ Nach diesem Grundsatz geht Mitmenschlichkeit verloren, deren Basis das gewagte Vertrauen zueinander ist. Wird Sicherheit zur zentralen Grundhaltung des Lebens.
Und schließlich lautet ein vierter Grundsatz unseres Weltschemas: „Nur die Schöne und der Starke“ sind ansehnlich und angesehen. An diesem Grundsatz zerbrechen immer mehr junge Mädchen, die an ihrer Magersucht zugrunde gehen. An diesem Grundsatz ist auch ein Robert Enke zerbrochen, als er sich nicht mehr stark genug für das Fußballgeschäft fühlte.
"Gott selbst hat in seinem Erbarmen an Weihnachten das Schema der Welt durchbrochen. Seitdem hat dieses Weltschema mit seinen Gesetzen ausgespielt, sind wir von dem Schema dieser Welt befreit."
Vielleicht merken wir es ja, dass wir nicht selten unser eigenes Ich diesem Weltschema mit seinen vier gnadenlosen Grundsätzen opfern. Das Schema der Welt verlangt hartnäckig Opfer unseres Ich. Weltliche Lebensbeziehungen haben die Tendenz, uns ganz zu beanspruchen. Wir merken, dass wir dabei uns selbst verlieren, uns der Welt anpassen. Stattdessen ist mit Paulus daran zu erinnern: Gott selbst hat in seinem Erbarmen an Weihnachten das Schema der Welt durchbrochen. Seitdem hat dieses Weltschema mit seinen Gesetzen ausgespielt, sind wir von dem Schema dieser Welt befreit. Seitdem können wir in dieser Welt so leben, dass wir ohne Anpassung an sie diese Welt mitgestalten. Die Welt wird zum Ort, an dem wir Gott dankbar antworten auf sein Erbarmen. Die Welt wird zum Ort unseres Gottesdienstes. Im Alltag der Welt feiern wir vernunftgemäßen Gottesdienst. Einen Gottesdienst, der dieser Welt bezeugt, dass ihr Schema von Gottes Erbarmen durchbrochen ist.
Christenleben ist Gottesdienst
Luther hat einmal gesagt, die Magd im Kuhstall oder in der Küche tue im selben Sinn Gottesdienst wie der Pfarrer in der Kirche. Ja, das Christenleben als ganzes ist Gottesdienst. Ist dankbares Antworten auf das Erbarmen Gottes. Unser Gottesdienst geschieht darin, dass wir uns mit unserer ganzen Existenz einsetzen für diese Welt, ohne uns an sie anzupassen. Nicht etwa wahllose Beteiligung an politischen Aktivitäten ist von uns erwartet. Vielmehr gilt: Wer politisch gleichgeschaltet kritiklos nachbetet, was das Schema der Welt vorgibt, lässt die Welt in ihrem Alltag ohne Gottesdienst. Genauso bleiben jene, die nach allen Seiten hin abgesichert reden, der Welt den Gottesdienst schuldig.
Was all dies konkret heißt, können wir heute hier selbst erfahren:
Da werden nachher zwei Personen mit dem goldenen Logo-Kreuz unserer Landeskirche geehrt, die für sich entschieden haben: Für meine Gemeinde bringe ich gern ein Opfer. Diese beiden stehen stellvertretend für die vielen Christenmenschen, die den weltlichen Grundsatz der Gegenseitigkeit für sich nicht gelten lassen.
Da haben Sie in Ihrer Gemeinde ein besonderes ökologisches Profil entwickelt, das Sie von vielen Gemeinden sichtbar unterscheidet und welches den zweiten Grundsatz des Weltschemas „Nur was sich rechnet, lohnt sich“ durchbricht.
Da versuchen Sie, gegen das weltliche Schema des Misstrauens Ihre Gemeinde als eine Oase des Vertrauens zu gestalten, wo Menschen sich geborgen wissen im Erbarmen Gottes. Dies haben die evangelischen Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg hier so erfahren, wie später dann in den 80er und 90er Jahren viele Spätaussiedler, denen Seelbach eine neue Heimat wurde.
Und schließlich pflegen Sie enge Beziehungen zu Ihrer Kommune, doch dabei vergessen Sie nicht, dass Sie als Anwälte der Barmherzigkeit Gottes in das Gespräch mit der Kommune im Widerspruch zur weltlichen Vergötzung der Schönen und Starken immer wieder Gottes Option für die Schwachen einzubringen haben.
Ja, Sie versuchen hier vor Ort, sich dem weltlichen Schema mit seinen vier Grundsätzen nicht anzupassen. Sie versuchen, einen von der Barmherzigkeit Gottes her sich verstehenden Lebensstil zu entwickeln. Sie versuchen dankbar zu antworten auf das Erbarmen Gottes - mit einem Gottesdienst im Alltag der Welt. Ein vernunftgemäßer Gottesdienst ist dies. Gestaltet durch eine Vernunft, die nicht auf das Denken verzichten. Die aber weiß, dass Anfang allen Denkens für uns Christenmenschen die Erinnerung an das Erbarmen Gottes ist.
Wegen dieser Erinnerung bin ich gern zu Beginn des neuen Jahres zu Ihnen nach Seelbach gekommen. Amen.
