Liebe Familie Nüchtern, liebe Angehörige und Freunde des Verstorbenen, liebe Schwestern und Brüder,
das ist ein trauriger Tag - für Sie, liebe Angehörige, für die Dienstgemeinschaft im Evangelischen Oberkirchenrat und für unsere Kirche. Nach Monaten schweren Leidens ist das Leben von Michael Nüchtern am vergangenen Mittwoch zu Ende gegangen. Viel zu früh. Und wir müssen Abschied nehmen von ihm, mit dem Sie, liebe Frau Nüchtern 37 Jahre lang ehelich verbunden waren, der Ihnen, liebe Familie Nüchtern ein liebevoller und gütiger Ehemann und Vater war. Den in den 16 Jahren seiner Tätigkeit an der Evangelischen Akademie und in den fast 12 Jahren seines Dienstes als Oberkirchenrat überaus viele Mitarbeitende des Evangelischen Oberkirchenrats schätzen gelernt haben. Der mit seiner Berufung zum Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der EKD im Jahr 1995, mit seiner Berufung in die Kandidatur für das Bischofsamt unserer Landeskirche im Jahr 1997 und mit seiner Berufung zum außerplanmäßigen Professor an der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg im Jahr 2009 eine seinen vielfältigen Fähigkeiten entsprechende Auszeichnung erfahren hat.
Wir nehmen Abschied mit diesem Gottesdienst, für den Michael Nüchtern noch wenige Tage vor seinem Tod wichtige Anregungen gegeben hat, die unser Trauern leiten. Eingestimmt durch Töne des von Michael Nüchtern so sehr geschätzten Johann Sebastian Bach führen uns die Lieder dieses Gottesdienstes von der österlichen Botschaft, die mit dem Choral „Christ ist erstanden“ erklang, über die tröstlichen Worte des 121. Psalms in der Vertonung von Antonin Dvorak hin zur Wahrnehmung all der Mühsal, die mit einem langen Leidensweg verbunden ist und die wir mit Worten von Jochen Klepper besungen haben. Erst wenn wir - gestärkt durch die Osterbotschaft und ermutigt durch die Worte des Trostpsalms - die Wirklichkeit des Leidens und Sterbens angeschaut haben, wird unser Mund zum Lob bereit. Dieses Lob stimmen wir nach dieser Predigt mit dem Lied an, das Worte des 103. Psalms aufnimmt „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Ja, dankbar war Michael Nüchtern bis zuletzt für all das Gute, das er in seinem Leben erfahren hat, auch wenn er tieftraurig war angesichts seines allzu frühen Sterbens. Aber alles Loben und alle Traurigkeit dieser Welt sind doch nur vorläufig. Dies wissend leitet Michael Nüchtern mit dem Schlusslied „Gloria sei dir gesungen“ unseren Blick hin auf die vom Engelsgesang erfüllte Ewigkeit Gottes, auf die zuzugehen für Michael Nüchtern eine feste Glaubensgewissheit war. Wie anders kann dann der Gottesdienst enden als mit Mendelssohns Orgelmusik, die Sie, liebe Frau Nüchtern so gern gespielt haben, die himmlische Klänge ebenso vorwegnimmt wie sie die tiefe Glaubenszuversicht nochmals ausspricht, die unseren Verstorbenen bis in sein Sterben hinein getragen hat „Vater unser im Himmelreich.“ In der Komposition dieses Trauergottesdienst spüren wir nochmals Michael Nüchterns Handschrift, seinen Sinn für kräftigende, stärkende, erfüllte Gottesdienste und sein liturgisches Gespür, das er auch in der Arbeit etlicher liturgischen Kommissionen auf landeskirchlicher und EKD-Ebene immer wieder bewiesen hat. Indem wir heute so Gottesdienst feiern, wie er es gewünscht hat, vollendet sich ein wichtiger Teil seines Wirkens in unserer Kirche.
Und dann dieses Wort der Heiligen Schrift!
„Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: ‚Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht.’“
Einem jungen Menschen dieses Wort zur Konfirmation zuzusprechen, ist schon ganz ungewöhnlich. Der dies tat, hatte wohl prophetische Gaben. Denn dieser ungewöhnliche Konfirmationsspruch fand im Leben und in der Theologie Michael Nüchterns eine reiche Entfaltung. Vergegenwärtigen wir uns kurz die Szene: Da hat Jakob seinen Bruder Esau mit einem herrlichen Linsengericht um den Erstgeburtssegen betrogen. Vor dem Zorn seines Bruders muss er fliehen. An einem einsamen Ort legt er sich erschöpft nieder. Nachts sieht er im Traum eine Leiter, die hinaufführt zum Himmel und auf der Engel auf- und niedersteigen. Als er vom Schlaf erwacht, erkennt er, dass dieser Ort kein gewöhnlicher Ort ist, sondern ein Ort der Gottesgegenwart. Sich dieses vergegenwärtigend baut er einen Altar und nennt diesen Ort Bethel (Haus Gottes).
Diese Jakobsgeschichte wurde in wesentlichen Teilen Michael Nüchterns Geschichte. Wenn ich dies sage, dann denke ich nicht so sehr an seine köstlichen Linsengerichte, mit denen er die Dienstgemeinschaft des Referates 3 in jedem Jahr anlässlich seines Geburtstages beglückte. Nein, ich denke mehr daran, dass Jakob nach seinem Linsengericht Gott an einem Ort erkannte, wo niemand ihn vermutete. Diese Jakobserkenntnis ist der Schlüssel zum Verständnis dessen, wie Michael Nüchtern Theologie getrieben hat. Dort, wo niemand Gott vermutet, da entdeckt Jakob Gottes Gegenwart. Dort, abseits der großen Zentren der Welt baut er Gott einen Altar, um an Gottes Gegenwart an diesem Ort zu erinnern.
Genau so hat Michael Nüchtern sich als Theologe verstanden. So hat er uns im Kollegium, so hat er vielen Menschen in unserer Kirche die Augen geöffnet für Gottes Gegenwart an scheinbar säkularen Orten. Michael Nüchtern hat immer die Welt in den Blick genommen, die Welt der Kultur ebenso wie die des Sports, die des Reisens ebenso wie die der Wissenschaft. Er hat sich in seinem theologischen Denken wie in seinen Lebensvollzügen ganz und gar eingelassen auf die Welt. Und er konnte diese Welt auch genießen. Das werden Sie, liebe Familie Nüchtern, noch besser wissen als wir. Aber er hat sich niemals mit der Vordergründigkeit der Welt abgefunden. So wie Jakob erst noch einmal im Traum genau hinschauen musste, um Gottes Gegenwart zu entdecken, so war Michael Nüchtern ein „Meister des zweiten Blicks“. Wie oft hat er uns im Kollegium damit überrascht, dass er vordergründig Plausibles mit einem zweiten Blick nochmals in Frage stellte. Wie er hinter so vielen scheinbar säkularen Phänomen unserer Zeit die heimlichen religiösen Sehnsüchte von Menschen aufspürte. Wie er Gott da entdeckte, wo man es nicht vermutet. Mit seiner Fähigkeit zum zweiten Blick wurde er uns und wurde er vielen zu einem geistlichen Pfadfinder, zu einem, der neue Pfade hin zum Erkennen der Gegenwart Gottes in dieser Welt fand. Diese Fähigkeit zum zweiten Blick machte seine Art der Theologie so menschennah und undogmatisch. Manche haben diese Form einer höchst subtilen, Gottes Verborgenheit aufspürenden Theologie ungerechtfertigter Weise gering geschätzt, wenn ich etwa an die unmäßige Kritik am EKD-Reformpapier „Kirche der Freiheit“ denke, dessen Mitautor er war. Aber vergessen wir nicht, wie hilfreich unser „Meister des zweiten Blicks“ war, wenn es galt, die Kirche in der Balance von Mut und Demut zu leiten und ihre Zukunft zu bedenken, oder wenn er seine These von der „Kirche bei Gelegenheit“ entwickelte, die nun im EKD-Reformprozess und auch in unserer Landeskirche vielfältige Frucht trägt.
Und wenn Michael Nüchtern mit seinem zweiten Blick Orte der Gottesgegenwart identifiziert hatte, dann war es ihm auch wichtig, solche Orte zu pflegen, so wie Jakob am Ort der Gottesgegenwart in Bethel einen Altar zur Ehre Gottes baute. Orte der Gottesgegenwart, Häuser Gottes, bedürfen einer besonderen Achtsamkeit, einer ästhetisch ansprechenden Anmutung. Im Wissen darum war Michael Nüchtern die Sorge um eine gepflegte Sprache, um ästhetische Inszenierungen von Gottesdiensten und künstlerisch gehaltvolle Gestaltung von Räumen ein so wichtiges Anliegen, in dem er sich mit Ihnen, liebe Frau Nüchtern, innig verbunden wusste.
In der Stunde unseres Abschiednehmens kann uns Michael Nüchterns Fähigkeit, einen zweiten Blick auf die Wirklichkeit zu werfen, Hilfe sein, unsere Trauer und unser Erschrecken zu überwinden. Wo Sie, liebe Familie Nüchtern, am Ende nur noch einen Sterbenden mit abnehmenden Kräften sahen, da dürfen Sie mit dem zweiten Blick den sehen, den Gott im Sterben von einer Hand in die andere genommen hat und der nun geborgen ist bei jenen guten Mächten, von denen Ihr Mann und Vater sich zeitlebens wunderbar geborgen wusste.
Wo wir in diesem Gottesdienst nur einen Sarg mit einem Leichnam sehen, da dürfen wir mit einem zweiten Blick einen Menschen sehen, dessen irdischen Leib Gott in der Auferstehung der Toten in einen geistlichen Leib verwandeln wird.
Wo wir in diesem Trauergottesdienst nur eine Stätte des Abschiednehmens sehen, dürfen wir ausrufen:
„Der Herr ist an dieser Stätte und er wird uns tröstend begleiten auf dem Weg unserer Trauer.“Wo wir im Augenblick nur die Lücke sehen, die Michael Nüchtern in Ihrer Familie und in der Dienstgemeinschaft des Oberkirchenrats hinterlässt, da dürfen wir mit dem zweiten Blick all das erkennen, was er mit seinem hintersinnigen Humor, mit der Weite seines Denkens und seinem menschlichen Zugewandtsein uns an Bereicherndem hinterlässt.
