Die Kirche braucht Begeisterte - Abschiedspredigt in Niklashausen(17.01.2014)
Predigt des Landesbischofs über 4 Mose 11,11ff
Liebe Gemeinde!
Wir hören ein Wort aus dem 4. Buch Mose. Da wird berichtet vom Auszug des Volkes Israel aus der ägyptischen Gefangenschaft vor weit mehr als 3000 Jahren. Das Volk musste zwar während seiner Wüstenwanderung keinen Hunger leiden, aber allmählich war es des ewigen Mannaessens überdrüssig. Es gelüstete dem Volk nach abwechslungsreicher Speise, vor allem nach Fleisch. Das Volk murrt. All seine Unzufriedenheit entlädt sich gegen Mose, seinen Anführer. Und Mose - er fühlt sich allein verantwortlich für das Wohl und Wehe seines Volkes. Er reibt sich auf für sein Volk. Er will es allen recht machen. Er fühlt sich überlastet mit den Wünschen seines Volkes. Er versinkt in tiefster Erschöpfung. Klagend wendet er sich an Gott: „Warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, dass du mir die Last mit diesem ganzen Volk auferlegst? Wurde ich etwa schwanger mit diesem ganzen Volk oder habe etwa ich es geboren, dass du zu mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vorfahren zugeschworen hast? Woher soll ich für dieses ganze Volk Fleisch nehmen? Ich kann dieses ganze Volk nicht alleine tragen, es ist mir zu schwer.“
„Ich kann die Last nicht alleine tragen, es ist mir zu schwer.“ Wer hätte nicht schon einmal so geseufzt! Welche Mutter hätte nicht schon so geklagt angesichts der Anforderungen, die ihre Kinder an sie stellen? Ewige Nörgelei und Unzufriedenheit. Selten ein Wort des Dankes. Die Unmöglichkeit, allen Wünschen der Kinder nachzukommen. Wer möchte da nicht klagen, klagen wie Mose. Ja, wie eine überforderte Mutter klagt Mose. Aber wenn wir genauer hinhören, dann weist sich Mose eigentlich eine andere Rolle zu. Nicht er ist als Mutter für sein Volk verantwortlich, sondern Gott. Mose sieht sich eher als Amme, die für die Mutter das Kind aufzieht. Mose spricht Gott an als die Mutter seines Volkes: Gott müsse endlich ihrer Mutterrolle nachkommen. Gott habe für das Volk zu sorgen, nicht Mose, die Amme. Wie der weitere Verlauf der Geschichte zeigt, hat Moses Appell an Gottes Mütterlichkeit Wirkung: Das Volk empfängt Fleisch zu essen. Sogar so viel, dass ihm davon schlecht wird. Wo für Menschen eine Last zu schwer wird, wo sie sich überfordert fühlen - etwa durch die Wünsche, die ihre Kinder an sie richten, durch Anforderungen, die eine Gemeinde unentwegt erhebt, oder durch Erwartungen, die im Beruf täglich neu gestellt werden - wo für Menschen eine Last zu schwer wird, wo sie sich überfordert fühlen, da sollen sie klagen. Da dürfen sie wissen, dass sie mit ihrer Klage zu Gott kommen dürfen. Sie dürfen Gott klagend erinnern an seine Vater- und Mutterrolle. Und sie dürfen darauf vertrauen, dass Gott in seiner väterlich-mütterlichen Liebe ihre Last mitträgt und Erschöpfung überwinden hilft.
Wie Gott dies tut, zeigt der Fortgang der Geschichte. Mose meinte nämlich, allein zuständig zu sein für sein Volk. Dann aber erhält er von Gott die Antwort: „Versammle siebzig Männer unter den Ältesten Israels vor mir und bringe sie vor das Begegnungszelt. Dort sollen sie sich mit dir zusammen aufstellen. Dann will ich herabsteigen und dort mit dir reden. Ich will von dem Geist, der auf dir ruht, etwas nehmen und auf sie legen. So können sie zusammen mit dir die Last des Volkes tragen, und du musst sie nicht mehr allein tragen.“ Und Mose versammelte siebzig Männer aus den Ältesten des Volkes und stellte sie rings um das Zelt. Da stieg Gott herab in einer Wolke, redete mit Mose und nahm etwas von dem Geist, der auf ihm ruhte, und legte es auf die siebzig Ältesten.
Ja, manche Erschöpfung resultiert aus der falschen Wahrnehmung, alleine zuständig zu sein. Mose meinte allein zuständig zu sein für sein Volk. Mancher Pfarrer und manche Pfarrerin meinen, alleine zuständig zu sein für ihre Gemeinde. Und sicher meint auch mancher Bischof alleine zuständig zu sein für seine Landeskirche. Und dann wird geklagt wegen Überlastung. Irgendwie meinen alle, die so klagen, Gott habe ihnen eine Erst- und Letztverantwortung übertragen. Dabei übersehen sie, dass Gott es ist, der väterlich-mütterlich für seine Gemeinde, für ihre Kirche sorgt. Wo bleibt die Relativierung der eigenen Verantwortlichkeit? Wo bleibt die Zuständigkeit der anderen Mitarbeitenden? Wo bleibt die Erkenntnis, dass jedes Amt in der Kirche auf Teilhabe angelegt ist?
Mose werden 70 Mitarbeiter zur Seite gestellt. So wird das Ein-Mann-System des Mose aufgehoben. Ja, Gott verlangt von niemandem, dass er oder sie die gesamte Verantwortung trägt und von ihr erdrückt wird. Mose muss erkennen, dass er nicht unersetzlich ist. All dies geschieht durch Gottes Geist. Die hierarchische Struktur mit Mose an der Spitze löst sich auf. An 70 Männer wird etwas von Moses Geist verteilt. Gerade so wie das Licht einer Kerze auf viele andere Kerzen verteilt werden kann, ohne dass die Kerze dunkler wird, so wird Gottes Geist auf viele verteilt, ohne dass Mose ärmer wird. Mose behält nicht etwa nur eine Siebzigstel der Geistbegabung, die er hatte, sondern es bekommen weitere 70 Anteil an dem Geist, den Gott ihm zuteilwerden ließ. Gottes Geist macht also 70 Männer zu Begeisterten. So begann schon in frühen Zeiten die Demokratisierung des Geistes. Und diese hat sich dann in der Geschichte des Gottesvolkes fortgesetzt. Von Gottes Geist waren später die Propheten des Alten Testaments erfüllt. Und durch den Propheten Joel lässt Gott verkündigen: „Ich will meinen Geist ausgießen über alles Fleisch.“ Am ersten Pfingstfest der Christenheit in Jerusalem sehen wir diese Verheißung erfüllt, als 3000 den Heiligen Geist empfingen und sich in der Kraft dieses Geistes taufen ließen. Ja, wir alle, die wir getauft sind, haben Gottes Geist empfangen. Wir sind Begeistete, Begeisterte, auch wenn man uns dies nicht immer ansieht. Aber so ist es: Gottes Geist begründet keine geistliche Elite, sondern er begründet das Begeistetsein aller Getauften.
Unsere Mosegeschichte hat noch einen besonderen Schluss. Am Ende heißt es: „Sobald der Geist auf den 70 ruhte, gerieten sie in Ekstase, die nicht aufhörte.“ Ja, Gottes Geist kann ganz außergewöhnliche Wirkungen hervorrufen. Er kann Menschen „ver-rücken“, und in der Tat brauchen wir in der Kirche nicht nur all jene, die kirchliches Leben in Ordnung halten. Wir brauchen auch die von Gottes Geist „ver-rückten“ Menschen. Solche, die aus dem Häuschen sind. Solche, die ganz offenkundig ihr Häuschen der Hoffnungslosigkeit und Erschöpfung verlassen haben und begeistert wirken: Wir brauchen jene, die Gottesdienste lebendig mitgestalten mit ihrem Lobpreis. Wir brauchen jene, denen die Gabe eines aufhorchen machenden Redens gegeben ist. Wir brauchen jene, die beim Beten Grenzen ihres bisherigen Sprachvermögens überschreiten. Wir brauchen jene, die ihren Zivildienst als Friedensdienst im Ausland an Brennpunkten des Elends absolvieren. Wir brauchen jene, die sich geduldig um Kranke bemühen. Wir brauchen jene, die sich in Wärmestuben oder Vesperkirchen hingeben im Dienst an die Ärmsten unserer Gesellschaften. Wir brauchen jene, denen die Gabe einer alle Grenzen sprengenden, überschwänglichen Freude an Gott geschenkt ist. Auch von solchen besonders Begeisterten, von solchen Ekstatikern des Geistes lebt die Kirche.
Am Anfang unserer Geschichte stand Moses aus Überforderung resultierende Klage, am Ende das Begeistetsein der Siebzig. Ja, so kann Gottes Geist wirken: Er befreit uns von der Fixierung auf uns selbst und öffnet uns den Blickt für das, was er in seiner Kirche in vielfältigster Weise wirkt. Er befreit uns aus der Abhängigkeit von den Wünschen anderer, lehrt uns Verantwortung teilen und erfüllt uns mit der Gewissheit, von Gottes Geist erfüllt zu sein. Deshalb können wir begeistert singen: Geist des Glaubens, Geist der Stärke. Amen.
