Die Sintflut geht uns alle an - Abschiedspredigt am Bodensee (Salem)(02.02.2014)

Predigt über Gen 8,6-12 in Salem

Liebe Gemeinde,
als Predigttext für diesen Gottesdienst zum 4. Sonntag nach Epiphanias ist uns heute Morgen ein Abschnitt aus der Sintflutgeschichte gegeben. Das passt gut zu einem Gottesdienst am Bodensee, denn die Gewalt großer Fluten erleben Sie hier bei stürmischem Wetter immer wieder. Nicht immer sind dies Sintfluten, aber die Übermacht der Naturgewalt über unsere menschlichen Kräfte, die erfahren Menschen am Bodensee mehr und häufiger als in anderen Regionen unseres Landes. Und so hat auch die Schriftlesung von der Stillung des Sturmes, die wir vorhin gehört haben, einen ganz direkten Bezug zu Lebenserfahrungen der Menschen hier am See.

Die Sintflutgeschichte gehört ganz gewiss zu den bekanntesten Geschichten der Bibel. Unzählig oft ist sie nacherzählt und dargestellt worden - nicht nur in Kinderbibeln. Die Gestalt Noahs ist zum Symbol des aus der Not geretteten Gerechten geworden und sogar in die Welt der Sprichwörter hat es diese Geschichte geschafft: „Nach uns die Sintflut“, das verstehen alle, nicht nur jene, die bibelkundig sind. Nun umfasst die Sintflutgeschichte insgesamt vier Kapitel des ersten Mosebuches und es läge nahe, heute Morgen die gesamte Geschichte in den Blick zu nehmen.
Also zu fragen, ob die Sintflut als eine Strafmaßnahme Gottes für die Menschen nicht ein Fehlschlag war?
Darüber nachzudenken, was die Erzählung von der Sintflut für uns bedeutet angesichts drohender ökologischer Katastrophen. Dann schlösse sich die Frage an: Was hält eigentlich unsere Erde noch aus? Liegt nicht vor uns die Sintflut, die Zerstörung dieses Planeten?
Ich könnte auch das wunderbare Bild vom Regenbogen und die Worte Gottes thematisieren, mit denen er mit dieser Welt einen ewigen Bund schloss.
Oder ich könnte mich auf Feinheiten dieser Geschichte kaprizieren wie kürzlich bei Günter Jauch. In seiner Sendung „Wer wird Millionär?“ schied ein Kandidat aus, weil er nicht wusste, wie viele Menschen in der Arche gewesen sein sollen. Die richtige Antwort lautete acht, denn in der Arche hielten sich - neben den vielen Tieren - Noah und seine Frau, seine drei Söhne Sem, Ham und Japheth mit ihren Frauen auf.

Mit all diesen Fragen will ich mich in meiner Predigt nicht befassen, sondern ich will mich ganz konzentrieren auf jenen Abschnitt aus dem 8. Kapitel des 1. Mosebuches, der uns heute als Predigttext gegeben ist. Und da lesen wir: „Nach 40 Tagen wurde dem Regen vom Himmel her Einhalt geboten. Da verliefen sich die Wasser von der Erde und nahmen ab. Nach sieben Tagen tat Noah an der Arche das Fenster auf, das er gemacht hatte, und ließ einen Raben ausfliegen; der flog immer hin und her, bis die Wasser vertrockneten auf Erden. Danach ließ er eine Taube ausfliegen, um zu erfahren, ob die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden. Da aber die Taube nichts fand, wo ihr Fuß ruhen  konnte, kam sie wieder zu ihm in die Arche; denn noch war Wasser auf dem ganzen Erdboden. Da tat Noah die Hand heraus und nahm die Taube zu sich in die Arche. Da harrte er noch weitere sieben Tage und ließ abermals eine Taube fliegen aus der Arche. Die kam zu ihm um die Abendzeit, und siehe, ein Ölblatt hatte sie abgebrochen und trug’s in ihrem Schnabel. Da merkte Noah, dass die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden. Aber er harrte noch weitere sieben Tage und ließ eine Taube ausfliegen; die kam nicht wieder zu ihm.“

Haben Sie beim Lesen gemerkt, wie wunderbar hier erzählt wird? Nach alter Seefahrerpraxis schickt Noah zunächst einen Raben und dann dreimal eine Taube hinaus, um zu erkunden, ob trockenes Land in Sicht ist. Dreimal wird derselbe Vorgang geschildert. Jedesmal ist das Verhalten der Taube ein anderes. Einmal kehrt sie unverrichteter Dinge zurück. Einmal bringt sie einen Ölzweig in ihrem Schnabel, Zeichen dafür, dass sie auf Land getroffen ist. Schließlich kehrt sie nicht mehr zurück, da sie einen Lebensraum für sich gefunden hat. Dreimal löst die Taube Verschiedenes bei Noah aus: Zunächst zwingt sie ihn zur Geduld. Dann stiftet sie in ihm erste zarte Hoffnung. Schließlich ermöglicht sie ihm, tätig zu werden und die bergende Arche zu verlassen. Wunderbar ist hier erzählt, wie zwischen Noah und der Taube bei diesen drei Versuchen ein Vertrauensverhältnis entsteht und wächst. Fast zärtlich nimmt Noah die Taube nach der Rückkehr von ihrer Erkundungsreise auf seine Hand. Er, der selbst in der dunklen Arche nichts sehen kann, vertraut dem Blick der Taube. Er vertraut sich ihr an und ihrer Fähigkeit, das rettende Land zu sehen. Dreimal muss Noah die Taube hinaussenden, muss sich ganz auf das verlassen,was sie ihm kündet.

Ja, ist das nicht so auch im wirklichen Leben? Aus großen Bedrängnissen kommen wir oft nicht allein heraus. Da sehen wir gar nichts. Schwarz ist es vor unseren Augen. Da brauchen wir jemanden, der für uns den Durchblick hat. Und solchen rettenden Durchblick gewinnen wir auch nicht auf einmal. Nein, im tastenden Versuchen, in langen Suchprozessen entdecken wir nach großen Sintfluten des Lebens endlich wieder „Land in Sicht!“ Was wären wir ohne die sehenden Tauben, die für uns erkunden, ob Leben wieder möglich ist! Was wären wir ohne jene, die uns das Sehen lehren, wenn wir selbst blind sind. Hoffnungsstiftende Sehhilfen - das können Menschen sein, aber auch kreatürliche Boten Gottes, oder auch Zeichen, die wir gedeutet bekommen.

Lange können solche Suchprozesse dauern. In unserer Erzählung dauert die Sintflut 40 Tage, und wir wissen, dass dies in der Bibel eine Zahl mit hoher Symbolbedeutung ist: 40 Jahre dauerte der Weg des Volkes Israel durch die Wüste ins Gelobte Land. 40 Tage wanderte Elia durch die Wüste zum Berg Horeb, ehe er wieder zu sich fand. 40 Tage lagen zwischen der Auferstehung Jesu und seiner Himmelfahrt. Immer geht es um eine von Gott festgesetzt Zeit. Die Zeiten der Dunkelheit, die Zeiten des Zweifels und der Furcht, die setzen wir nicht selbst fest. Und Hoffnung wächst eben bisweilen nur langsam. Prozesse des Wartens erfordern Geduld. Dreimal sieben Tage wartet Noah, auch dies eine Zeitangabe, die Grundsätzliches sagen will, denn die 7 ist in der Bibel immer die von Gott gewährte heilige Zeit, so wie die Erschaffung der Erde als ein Akt in sieben Tagen dargestellt ist. Die Dauer der Suchprozesse unseres Lebens legen nicht wir fest. Gott bestimmt diese Zeit, auch wenn uns dies nicht gefällt.

Das ist es, was mich an dieser Noah-Taube-Geschichte so beeindruckt. Mich fasziniert, wie hier ein Wachstumsprozess der Hoffnung erzählt wird. Wie hier erzählt wird, wie Hoffnung wachsen kann in den Katastrophen unseres Lebens, in den Katastrophen der Welt. Wie Gott uns Zeiten des Suchens und des Wartens zumutet, dass er uns aber auch Gehilfen der Hoffnung zur Seite stellt - wie jene Taube. Während ich dies so sage, kommen mir Menschen in den Sinn, deren schweres Sintflutschicksal ich in den vergangenen Jahren gesehen habe. Vor einigen Monaten die von fürchterlichen Fluten ihrer Wohnung beraubten Menschen auf den Philippinen. Im vergangenen Jahr die zahllosen deprimierten und hoffnungslosen Menschen in den Überschwemmungsgebieten Bayerns oder an der Elbe. Vor einigen Jahren die zahllosen Opfer des verheerenden Tsunami. Vor zwei Jahren bei meiner Reise nach Bangladesch die Menschen im Ganges-Delta, die schon mehrfach erleben mussten, dass ihre Dörfer durch unglaublich mächtige Wirbelstürme überschwemmt wurden, wobei viele Dorfbewohner den Tod fanden. Gibt es auch Hoffnung für sie? Gibt es für sie Tauben mit Ölzweigen im Schnabel, die ihnen künden von neuen Lebensmöglichkeiten?  All diese Menschen erinnern uns an unseren Auftrag, angesichts ökologischer Katastrophen nicht einfach nur Wartende zu sein, sondern auch aktiv etwas dafür zu tun, dass Sintfluten auf dieser Erde verhindert werden, soweit wir Menschen dies können. Insofern ist die Geschichte von Noah und der Taube nicht nur eine Ermutigungsgeschichte, die Kraft geben kann, in Bedrängnissen des Leben neue Hoffnung zu schöpfen. Sie ist auch eine Ermahnungsgeschichte, die uns auf unsere Verantwortung für eine von Sintfluten mancherlei Art bedrohte Schöpfung hinweist.

Doch nochmals zurück zur Taube. Ausgehend von der Noah-Geschichte hat sie eine wunderbare Karriere in der Geschichte hingelegt. Jahrtausende später bei der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer finden wir die Taube wieder, wie sie sich auf Jesus herabsenkt - als Zeichen des Geistes Gottes. Und seit die Taube damals am Jordan Jesus vom Himmel her mit dem Geist der Liebe und des Friedens erfüllte, seit jener Zeit hat sie viele Menschen in der Welt begeistert. Hat sie viele Menschen erfüllt mit neuer Hoffnung. Mit einer Hoffnung, die Mut gab, gegen Bedrohliches anzukämpfen: Gegen Krieg und Unrecht, gegen Diktaturen und gegen die Bedrohung der Schöpfung. Welch eine Kraft hat die von Gottes Geist getriebene Taube entwickelt etwa in der christlichen Friedensbewegung oder in der friedlichen Revolution, die zur Vereinigung Deutschlands führte. Welch eine Kraft hat die Taube entwickelt in zahllosen Gruppen, die gewaltfrei Widerstand leisten gegen Aufrüstung und Krieg.

Die Taube, die vor Urzeiten wegflog, um für Noah nach Rettung Ausschau zu halten, erlangte Berühmtheit weit über den jüdisch-christlichen Kulturkreis hinweg. Die Taube mit dem Ölzweig im Schnabel wurde zum Symbol des neuen Lebens, zum Zeichen einer bewahrten Schöpfung, zum Hoffnungszeichen für alle Welt. Keine Eröffnung der Olympischen Spiele ohne Friedenstauben, die in alle Welt hinausfliegen. Die Taube - weltweite Künderin des Friedens, wohl auch in den kommenden Wochen bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi! Und auch dort wird die Taube fliegen als Zeichen der Hoffnung für viele Menschen, die leiden unter einem immer totalitärer werdenden politischen System. So ist Noahs Taube zur Friedenstaube für alle Welt geworden - ein Symbol der Hoffnung in vielen Bedrängnissen, die endlos und unerträglich scheinen mögen. Also: Augen auf! Für jeden und jede von uns fliegt eine Taube, die uns Hoffnung schöpfen lässt. Amen.