Der Morgenstern - Christus - Hoffnung in allen Zeiten (09.02.2014)
Predigt über 2 Petr 1,16-19
Liebe Gemeinde, wenn ich früh am Morgen bei uns Zuhause ins freie Feld gehe, dann erlebe ich in der helleren Zeit des Jahres immer wieder ein wunderbares, beeindruckendes Schauspiel am Himmel. In der Dämmerung des anbrechenden Tages, wenn schon alle Sterne verloschen sind, dann leuchtet einsam, hell und klar am Himmel die Venus. Wir nennen sie den Morgenstern, weil sie am frühen Morgen den anbrechenden Tag ankündigt. Der Morgenstern, dieser wunderbare Stern am Himmel, ist ein erinnernder und ein ankündigender Bote. Mit seinem Glanz erinnert er noch einmal an die vergehende Nacht und kündigt zugleich das Heraufziehen des neuen Tages an. Dieses astronomische Wissen vom Morgenstern schenkt mir immer neu Verlässlichkeit und Gewissheit im Wandel der Zeiten.
Heute haben wir in diesem Gottesdienst zum letzten Sonntag nach Epiphanias mit einem Lied vom Morgenstern begonnen. Und nach meiner Predigt werden wir ein weiteres Lied vom Morgenstern singen. Mit unseren Liedern vom Morgenstern erinnern wir uns noch einmal an die Weihnacht, deren Licht nun allmählich im Alltag unseres Lebens verlöscht. Zugleich verkündet uns der Morgenstern den Tag des Herrn, den neuen Ostertag, auf den wir in den kommenden Wochen zugehen. Dieses Weihnachtswissen schenkt uns Verlässlichkeit und Gewissheit auf dem Weg durch das Kirchenjahr.
Der Morgenstern ist für Menschen nicht nur seit alters her ein erinnernder und ein ankündigender Bote am Himmel der Gestirne, nein: seit den Anfängen der Kirche auch am Himmel christlichen Glaubenslebens. Hören wir, wie der Predigttext aus dem 2. Petrusbrief vom Morgenstern spricht: „Denn wir sind nicht klugen Fabeln gefolgt, als wir euch die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus kundgetan haben; sondern wir sind und haben seine Herrlichkeit selber gesehen. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: ‚Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.‘ Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge. Umso zuverlässiger haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, darauf zu achten als auf ein Licht, das an finsterem Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.“
„Ihr tut gut daran, auf das prophetische Wort zu achten als auf ein Licht, das an finsterem Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.“ Mit diesen letzten Worten unseres Predigttextes versetzt uns der Verfasser des 2. Petrusbriefes heute Morgen in eine richtige Morgenstern-Situation. In eine Situation zwischen Nacht und Tag. Wie die ersten Leserinnen und Leser dieses Briefes in der Mitte des 2. Jahrhunderts so leben auch wir Christenleute des 21. Jahrhunderts „zwischen den Zeiten“. Wir leben in Zeiten, die einerseits zurückblicken auf das Licht, das in Jesus Christus in diese Welt gekommen ist. In Zeiten, in denen das Licht der Weihnacht wieder dem Dunkel gewichen ist. Und zugleich in Zeiten, in denen die Dunkelheit der Welt zum Vergehen bestimmt ist und ein neuer Tag anbricht: der Tag des Herrn, der sich im Aufgehen des Morgensterns ankündigt. Wir leben in der Erinnerung an das Licht, das Jesus Christus in diese Welt gebracht hat, und in Erwartung des künftigen Tages, an dem alle Dunkelheit ein Ende finden wird.
Um diese Morgenstern-Situation, diese Situation „zwischen den Zeiten“ darzustellen, greift der Verfasser des 2. Petrusbriefes zu Mitteln, die zu seiner Zeit gang und gäbe waren, die uns heute aber recht fragwürdig anmuten: Er schlüpft in die Rolle des Apostels Petrus. Er gestaltet seinen Brief wie ein Testament des auf sein Lebensende zugehenden Jüngers Jesu. Er stellt sich als „eingeweihten Zeugen“ der Majestät Christi vor. Er weist sich aus als Augen- und Ohrenzeuge eines Ereignisses aus dem Leben Jesu, von dem wir vorhin in der Schriftlesung am Altar gehört haben. Er nimmt Bezug auf die Verklärung Jesu vor seinen Jüngern und erinnert damit an eine Sternstunde im Leben Jesu und im Leben der Apostel. Er erinnert an einen Moment im Leben Jesu, in dem seine Kraft und seine Herrlichkeit für einen Augenblick vor seinen Jüngern aufblitzte. Ein reales Geschehen im Leben Jesu und im Leben der Apostel wird in Erinnerung gerufen, keine erdachte, kluge Fabel. Nein: Was der Verfasser des 2. Petrusbriefes aus dem Abstand von mehr als 100 Jahren in Erinnerung bringt, das ist nichts Erdachtes oder Erfundenes. Es ist ein Geschehen im Leben der Apostel, das für einen Augenblick Klarheit und Helligkeit in ihr Leben brachte: Auf dem Berg der Verklärung gab es eine „Sternstunde der Apostel“. Sie erkannten für einen Augenblick, was ihnen dann bis Ostern verborgen bleiben sollte, nämlich die Macht und Herrlichkeit Jesu Christi als des Sohnes Gottes.
Liebe Gemeinde, christlicher Glaube lebt davon, dass er solche „Sternstunden der Apostel“ immer wieder in Erinnerung ruft. Christlicher Glaube lebt davon, dass die Geschichte, welche die Apostel auf ihrem Weg mit Jesus erfahren haben, immer und immer wieder erzählt und in Erinnerung gebracht wird. Deshalb lesen wir Sonntag für Sonntag in unseren Gottesdiensten aus den Evangelien. Deshalb lesen viele von uns täglich einen Abschnitt aus der Bibel. Deshalb erzählen wir unseren Kindern biblische Geschichten. Deshalb erinnern wir an die biblischen Grundlagen unserer Kultur, ohne die man viele Kunstwerke überhaupt nicht verstehen kann. Indem wir an die Augen- und Ohrenzeugenschaft der Apostel als Begleiter Jesu erinnern, erinnern wir an die Sternstunden, die das Leben dieser ersten Glaubenszeugen hell gemacht haben. Erinnern wir daran, dass durch Jesus Christus und durch das Zeugnis von ihm vielen Menschen in einer langen Kirchengeschichte Licht an finsterem Ort aufgeleuchtet ist und heute noch aufleuchtet. Und immer müssen wir dabei betonen, was der Verfasser des 2. Petrusbriefes betont hat, dass wir mit solcher Erinnerung nicht etwa klugen Fabeln folgen. Vielmehr bringen wir Gottes Geschichte mit uns Menschen in Erinnerung. Wir erinnern daran, wie sich in Sternstunden des Glaubens Gottes Verheißungen für diese Welt, die alten prophetischen Verheißungen erfüllt haben. So wirken wir durch unser ständiges Erinnern für andere Menschen selbst wie Morgensterne: Wie erinnernde Boten in der Dämmerung des Lebens.
Aber eben nicht nur als erinnernde Boten wirken wir, sondern auch als ankündigende. Denn wir leben in einer Morgenstern-Situation, in einer Situation „zwischen den Zeiten“. Weil wir von Menschen wissen, die in Jesus Christus das Licht der Welt gesehen haben, deshalb setzen wir unsere Hoffnung auf dieses Licht. Weil wir uns erinnern an Menschen, die den Glanz seiner Herrlichkeit entdeckt haben, deshalb sind auch wir gewiss: Christus wird als Morgenstern einstmals wieder aufgehen über dieser Welt, um seinen großen Tag anzukünden. Und nicht nur das: Er wird schon jetzt und immer wieder als Morgenstern aufgehen in unseren Herzen, um unser Leben hell zu machen. So gewiss der Morgenstern nicht für immer am Himmel verschwindet, sondern auf seiner Bahn um die Sonne wiederkehrt, so gewiss wird der, der als Morgenstern das Leben vieler Menschen hell gemacht hat, wiederkommen, um unser Herz und alle Welt hell zu machen.
Und wenn wir uns manchmal zweifelnd fragen, ob denn die Erinnerung an „Sternstunden der Apostel“ helfen kann, unserem Glauben Festigkeit und Zuverlässigkeit zu schenken; wenn wir uns zweifelnd fragen, ob denn wirklich Christus als Morgenstern in unseren Herzen aufgehen kann, dann mag uns trösten, womit sich Jochen Klepper in finsterer Zeit getröstet hat, als er schrieb: „Ist es nicht so, dass unsere Sterne untergehen, wir aber wissen, dass der Morgenstern aufgeht über unseren Untergang hinweg; und untergehend noch, durch fremde und durch eigene Schuld können wir den Blick an gar nichts anderes mehr heften, als an jenen Morgenstern.“
Liebe Gemeinde, ich wünsche Ihnen gute Augen und einen aufmerksamen Blick für den Morgenstern, denn der Blick auf den Morgenstern kann helfen, Ihren Glauben zu stärken. Vielleicht sollten Sie regelmäßig morgens hinausgehen - vielleicht mit Ihrem Hund, wenn Sie einen haben. Aber auch ohne Hund können Sie immer wieder einen Blick hinauf zum Morgenstern werfen. Und dann denken Sie daran: So verlässlich der Morgenstern am Horizont auftaucht, um das Anbrechen eines neuen Tages zu verkündigen, so verlässlich und gewiss verkündet der Morgenstern, den wir heute Morgen letztmals im Weihnachtsfestkreis besingen, das Anbrechen seines großen Tages, an dem alles Dunkle überwunden wird. Darum: „Du Morgenstern, du Licht vom Licht, das durch die Finsternisse bricht, du gingst vor aller Zeiten Lauf in unerschaffner Klarheit auf. Bleib bei uns, Herr, verlass uns nicht, führ uns durch Finsternis zum Licht, bleib auch am Abend dieser Welt als Hilf und Hort uns zugesellt.“ Amen.
