Abschluss der Bezirksvisitation in Pforzheim zum Thema Weltfrieden (23.02.2014)
Liebe Gemeinde!
Vor einigen Jahren haben wir uns auf dem Weg gemacht zum Reformationsjubiläum des Jahres 2017. Für jedes Jahr auf diesem Weg haben wir Themen gewählt, für das Jahr 2014 das Thema „Reformation und Politik.“ Als wir uns für dieses Themenjahr entschieden, hatten wir noch nicht im Blick, dass uns das Jahr 2014 wichtige politische Gedenktage bereithalten würde. Vor 100 Jahren begann der Erste, vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Vor 600 Jahren wurde in Konstanz das Konzil eröffnet, in deren Verlauf der Reformator Jan Hus hingerichtet wurde, und vor 100 Jahren wurde am selben Ort der christliche Versöhnungsbund gegründet, der zum Ziel hatte, die Freundschaftsarbeit unter den Kirchen zu fördern. Vor 25 Jahren fiel in Berlin die Mauer. Und heute gedenkt Pforzheim in ganz besonderer Weise seiner Zerstörung durch englische Fliegerbomben am 23. Februar des Jahres 1945. All diese Ereignisse sind politische Ereignisse von herausragender Bedeutung. Und angesichts all dieser Ereignisse stellt sich die Frage nach dem politischen Auftrag der Kirche. Oder genauer fragen wir: Welche Kraft kann christlicher Glaube im Raum des politischen Lebens entfalten?
Beim Nachdenken über diese Frage sollen uns Worte aus dem 2. Kapitel des Epheserbriefes leiten. Dort lesen wir: „Christus ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile (Juden und Heiden) und riss durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder. Er stiftete Frieden und versöhnte die beiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib. Er hat in seiner Person die Feindschaft getötet. Er ist gekommen und hat Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. Durch ihn haben wir beide in dem einem Geist Zugang zum Vater.“
Welch eine Kraft hat das Kreuz Christi! Da werden Zwei miteinander versöhnt! Ohne Zwang. Freiwillig. Ganz umsonst. Da werden Gesetze außer Kraft gesetzt, die seit Menschengedenken galten. Gesetze der Abgrenzung. Gesetze der Ordnung und der Sicherheit. Weil Gott sich mit beiden versöhnt, mit Fernen und Nahen, mit Heiden und Juden, wird das Trennende überwunden. Fällt die Mauer der Feindschaft. Entsteht aus früher Verfeindeten die eine weltweite Kirche Jesu Christi. In keinem Wort der Bibel ist wohl die Mauer sprengende, versöhnende Kraft des Kreuzes eindrucksvoller beschrieben als in diesen Worten aus dem Epheserbrief. In diesen Worten von Christus, dem Friedensstifter, der mit seinem versöhnenden Handeln die Grundlage aller Grenzen überwindenden kirchlichen Gemeinschaft geschaffen hat.
Zunächst ist dieses Wort zu durchdenken für unser Miteinander der Kirchen. Allzu lange haben wir im Miteinander bzw. Gegeneinander der Kirchen und Konfessionen für unsere eigene theologische Position, für unser Sosein einfach Gott in Anspruch genommen und das Andere als das Widergöttliche qualifiziert. Lange Zeit war und an vielen Orten ist dies noch ein Denkmuster zwischen Katholiken und Protestanten, Orthodoxen und Charismatikern, zwischen Lutheranern und Reformierten, zwischen Kirchen der Ersten und Kirchen der Dritten Welt. In Deutschland sind im 19. Jahrhundert Reformierte und Lutheraner den Weg der Versöhnung gegangen, so auch in Baden. Als unierte Kirche leben - das ist Leben in versöhnter Verschiedenheit unter dem Schatten jenes Kreuzes, an dem Jesus Christus aus zweien einen neuen Menschen geschaffen hat. Gott sei Dank haben sich Kirchen an vielen Orten der Welt inzwischen neu auf den Gott besonnen, der in Jesus Christus Feinde miteinander versöhnt hat. Nicht mehr auf das Fremde starren, sondern in der anderen Konfession das Verwandte entdecken - unter diesem ökumenischen Blickwinkel konnten sich viele als Schwesterkirchen erkennen. Unter diesem ökumenischen Blickwinkel konnten wir uns mit der katholischen Kirche über die Rechtfertigungslehre verständigen. Unter diesem ökumenischen Blickwinkel arbeiten wir heute an vielen Orten vertrauensvoll in Arbeitsgemeinschaften Christlicher Kirchen zusammen. Unter diesem ökumenischen Blickwinkel können wir auch zugehen auf das Reformationsjubiläum des Jahres 2017. Wir müssen uns immer wieder klarmachen, was Grund der weltweiten Kirche Jesu Christi ist. Es gäbe uns nicht. Es gäbe keine Christenmenschen in Europa und Amerika, wenn das Kreuz Christi nicht diese versöhnende Kraft entwickelt hätte. Am Kreuz von Golgatha wurde Gottes Versöhnungswille für alle Welt offenbar. Am Kreuz von Golgatha wurde der Grund gelegt zu einem Frieden in versöhnter Verschiedenheit. Zu einem Frieden, der seinen Grund hat in Gottes Versöhnungswillen. Am Kreuz von Golgatha wurde der Grund gelegt zu einem entgrenzenden Frieden; denn früher verfeindete Menschen haben nun gleichermaßen Zugang zu Gott.
Von diesem am Kreuz von Golgatha begründeten Frieden lebt die Kirche Jesu Christi seit ihren Anfängen. Das ist der Grund der Kirche. Und zugleich gründet darin ihr Auftrag. Die versöhnende Kraft des Kreuzes setzt Maßstäbe für das Versöhnungs- und Friedenshandeln der Kirche. Wir können die Worte aus dem Epheserbrief nicht bedenken, ohne immer auch gleich mit zu bedenken, was aus diesen Worten für das Friedenshandeln der Kirche in der Welt folgt. Was am Kreuz von Golgatha begann, hat nicht nur Bedeutung für das friedliche Miteinander der Konfessionen und Weltkirchen, sondern auch für das politische Eintreten der Kirche für eine von Gerechtigkeit getragene Weltfriedensordnung. Beides gehört untrennbar zusammen:
Wie kann eine Kirche überzeugend für den Frieden in der Welt eintreten, wenn sie sich nicht zugleich und zuvor anstecken lässt vom Frieden, den Christus durch sein versöhnendes Handeln zwischen Gott und den Menschen geschlossen hat?
Wie können Kirchen überzeugend friedensstiftend in diese Welt hinein wirken, wenn sie nicht in ihrem ökumenischen Miteinander selbst ernst machen mit der Botschaft von dem Christus, der als Friedensstifter in seiner Kirche Verfeindete versöhnt und damit Frieden gemacht hat?
Wie wollen wir als Kirchen für eine Weltfriedensordnung eintreten, wenn wir nicht zuvor und zuerst Ernst machen damit, dass Christus selbst die Einheit der Kirche begründet hat und nicht wir Menschen sie erst durch unsere klugen Verhandlungen herstellen müssen?
Einheit der Kirche und Friede der Welt - das hängt engstens miteinander zusammen, das haben die Gründungsväter des christlichen Versöhnungsbundes vor 100 Jahren in Konstanz zum Ausdruck gebracht. Einheit der Kirche und Friede der Welt - für diesen Zusammenhang legt die Nagelkreuzgemeinschaft Zeugnis ab. Durch das Versöhnungshandeln Christi werden zu aller erst trennende Wände zwischen den Kirchen, Zäune und Mauern niedergerissen. Aber der durch Christus erworbene Friede macht nicht Halt an den Kirchenmauern. Er will die ganze Welt erfassen. Der Versöhnungsdienst Christi setzt sich fort, indem - angesteckt durch den Geist Christi - Versöhnung zwischen Völkern, Ethnien und Nationen gelingt. „Christus ist unser Friede“ - in diesen Worten steckt nicht nur eine Glaubensgewissheit aller Christenmenschen. In diesen Worten steckt eine Verheißung für die ganze Welt.
Wie Frieden entstehen kann, daran erinnert der Epheserbrief mit eindrucksvollen Bildern. Frieden beginnt, wo überwunden wird, was uns von anderen trennt. Im Aussöhnungsprozess mit unseren Feinden des 2. Weltkrieges haben wir diese Lektion gelernt, aber in anderer Beziehung noch lange nicht. Oft ist das, was uns von anderen trennt, nur das, was uns fremd vorkommt. Das gegenseitige Anderssein baut geistige Mauern auf. Das Miteinander scheint uns dann nur so möglich zu sein, dass wir das Fremde bekämpfen. Besonders schmerzlich erleben wir dies in den letzten Jahren an den schlimmen Verwerfungen zwischen der westlichen und der arabischen Welt. In unserem Land richtet sich die Unfrieden stiftende Angst vor dem Anderssein häufig auf ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger, die so ganz anders leben und glauben als wir. Ganz besonders erfüllt viele Menschen diese Angst im Blick auf jene, deren islamischer Glaube uns weithin fremd ist, und auf die politische Instrumentalisierung islamischen Glaubens in der Gestalt des Islamismus.
Es ist wenig friedensfördernd, sich diese Mauern der Angst nicht einzugestehen, diese Mauern stiften Unfrieden. Sie prägen unser Leben. Sie erzeugen Feindschaft. Solche Mauern schmerzen, machen traurig, isolieren. Unsere Wirklichkeit - eine vermauerte Wirklichkeit. Der Epheserbrief weist uns Auswege aus einer Lebenshaltung, die sich auf solche Mauern der Angst gründet. In diese unsere vermauerte Lebenswirklichkeit hinein spricht er seine befreiende Botschaft: „Christus ist unser Friede. Er hat die Mauern der Feindschaft niedergerissen.“ Er hat sich jenen zugewandt, die hinter Mauern der Ablehnung leben mussten, den Ausgegrenzten und Geringgeschätzten. Zu ihnen ist er gegangen. Ihnen nahm er den Schmerz der Isolation. Sie befreite er zur Freude. Er sprengte die Mauern, die sie von anderen trennte. Für sein Mauer sprengendes Tun ging er den Weg ans Kreuz. Sein Kreuz ist Folge seiner Zäune niederreißenden Worte. Sein Kreuz wird zur Brücke zwischen Menschen, die zuvor durch Wände getrennt waren. Sein Kreuz ermöglicht Frieden durch Mauerüberwindung. Gegen die Lebenshaltung des Misstrauens errichtet das Kreuz eine Mauer sprengende Friedenswirklichkeit. Weil wir um diese Kraft des Kreuzes Christi wissen, deshalb brauchen wir Christenmenschen uns nicht abzufinden mit den Mauern, die uns immer wieder Angst machen. Deshalb dürfen wir die Mauern der Welt nicht tatenlos hinnehmen. Weil wir wissen von der Mauer überwindenden Kraft Christi, müssen und können wir die Menschen auf der anderen Seite der Mauern kennen- und verstehen lernen, können und müssen wir auf den Spuren unseres Herrn selber zu Menschen werden, die Mauern überwinden.
Das ist unser Auftrag für unser Leben. Und das ist zugleich die Verheißung, unter der es steht.
„Christus ist unser Friede.“ Von dieser Zusage leben wir.
„Christus ist unser Friede.“ Unter dieser Verheißung für alle Welt leben wir.
Darum können wir voller Hoffnung und Vertrauen singen von der Versöhnung, die Christus durch seinen Tod am Kreuz gestiftet hat: „Wie ein Fest nach langer Trauer, so ist Versöhnung, so muss der wahre Friede sein, so ist Versöhnung, so ist Vergeben und Verzeihn.“ Amen.
