Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
vom Unterwegs ins Ungewisse und haben wir in den Gebeten zu Beginn des Gottesdienstes gesprochen, vom Aufbruch ins gelobte Land haben wir in der Schriftlesung zum heutigen Sonntag gehört. Damit wurde keineswegs auf meinen bevorstehenden Eintritt in den Ruhestand angespielt. Dieser ist weder eine Reise ins Ungewisse noch der erste Schritt ins gelobte Land. Nein, diese Akzentsetzung in der Eingangsliturgie des heutigen Gottesdienstes sollte Sie alle vielmehr einstimmen auf den Predigttext, der uns für diesen 2. Sonntag in der Fasten- und Passionszeit gegeben ist. Im 11. Kapitel des Hebräerbriefes schreibt nämlich der Autor in seiner langen Abhandlung über die „Wolke der Zeugen“, die uns auf unseren Lebens- und Glaubenswegen vorangegangen sind und bis heute begleiten, über Abraham Folgendes: „Aufgrund seines Glaubens wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus, ohne zu wissen, wohin er käme. Aufgrund seines Glaubens lebte er als Fremdling in dem verheißenen Land wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die auf feste Grundmauern gebaut ist, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.“
Diese kurze Ausführung über den großen Glauben, über das grenzenlose Gottvertrauen Abrahams bezieht sich auf jene alte Geschichte aus dem 1. Mosebuch, die wir vorhin als Schriftlesung gehört haben. Wir konnten wieder einmal staunen, wie kurz und knapp hier vom Gottvertrauen Abrahams berichtet wird. Auf Gottes Anweisung hin „geh aus deiner Heimat fort in ein Land, das ich dir zeigen will“ heißt es ganz lapidar: „Und Abraham zog aus.“ Und wir haben uns gewiss wieder einmal gefragt: War es damals wirklich so einfach für Abraham, wie diese wenigen Worte es darstellen? Oder musste Abraham nicht einen langwierigen Klärungsprozess durchgemacht haben, ehe er losziehen konnte? Gottes Willen für das eigene Leben erkennen, das geht nicht ab ohne lange Auseinandersetzungen mit Gott und ohne durchwachte Nächte.
Die uns vor Augen geführte Entschlossenheit Abrahams, diese Entschlossenheit des Glaubens, die fällt Menschen nicht so einfach zu. Die will erstritten, manchmal unter Tränen errungen sein, gerade so wie Jesus im Garten Getsemani in langem Gebetskampf Gottes Willen für sein Leben erkannte, ehe er den Weg ins Leiden antrat. Oder denken Sie, liebe Schwestern und Brüder, bei diesem Loblied auf den unerschütterlichen Glauben Abrahams nicht daran, dass und wie Ihr Glaube Versuchungen und Anfechtungen ausgesetzt ist - jeden Tag neu? Ist es nicht so, dass hinter vielen Wegbiegungen Ihres Lebens Zweifel Sie beschleichen, die Ihnen nahelegen, es wäre doch besser, vom eingeschlagenen Weg abzuweichen? Wie gern lassen wir uns auf den Wegen unseres Lebens Hintertüren offen. Legen uns lieber nicht fest. Weichen endgültigen Entscheidungen aus. Ja, den Hang zur Absicherung, den kennen wir sehr wohl. Er macht es uns schwer, bedingungslos Gott zu vertrauen. Wir bewundern Abraham als Zeugen eines großen Gottesglaubens und sogleich erkennen wir, wie sich in unserem Leben in das Gottvertrauen immer wieder Zweifel und Anfechtungen mischen. Sie machen es uns schwer aufzubrechen, wenn wir nicht wissen, wohin wir kommen werden, oder wenn wir Angst haben vor dem Entwurzeltwerden aus dem Vertrauten und vor dem Fremdsein in einer unübersichtlichen Welt.
Ich will unseren Blick noch einmal wenige Verse über den uns gegebenen Textabschnitt hinauslenken. Zur Einleitung seiner Ausführungen über die große Wolke der Glaubenszeugen gibt der Verfasser des Hebräerbriefes eine Definition des Glaubens, die ich für die wichtigste und schönste der Bibel halte: Der Glaube wird hier beschrieben als „eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ Damit wird Grundlegendes über den Glauben ausgesagt: Der Glaube gibt sich nicht zufrieden mit dem Vordergründigen, was vor Augen ist. Er weiß um das Geheimnis des Lebens, das in einer Welt des Sehens übersehen wird. Er weiß um das Heilige, das sich gerade nicht dem Blick der Augen erschließt, sondern nur dem Blick des Herzens. Wir alle kennen dies etwa beim Betreten einer gotischen Kirche; da spüren wir hinter den dicken Buntglasfenstern eine andere Welt, einen heiligen Raum. Naturerlebnisse, besondere Zeiten wie der Heilige Abend, gemeinsame Feiern, Kulturelles und alte Kirchen - das alles hat etwas Besonderes und Erhabenes, etwas, was nicht vor Augen ist und das doch ganz unzweifelhaft da ist. „Das ist mir heilig“, sagen wir und zweifeln nicht an dem, was wir nicht sehen. Heilige Orte, Zeiten, Augenblicke, Gegenstände sagen uns, dass etwas zu unserem Leben gehört, das mehr ist als der Augenblick. So entdeckt der Glaube das Heilige, den Heiligen an vielen Orten des Lebens, an denen mit den Augen selbst nichts zu sehen ist. Der Glaube blickt weiter und blickt tiefer. Er richtet seinen Blick auf die ewige Gemeinschaft mit dem Heiligen. So weiß der Glaube um ein letztes Ziel des Lebens, und die Glaubenden sprechen die Zielorientierung ihres Lebens mit den Worten des Hebräerbriefes so aus: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“
Solch ein zuversichtlicher, zielorientierter Glaube hat Abraham ausgezeichnet. Solch ein tiefer und weiter Blick des Herzens, der sich nicht mit Vordergründigem zufrieden gibt. In solchem Glauben wurde er berufen, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte. In solchem Glauben zog er aus, ohne zu wissen wohin. In solchem Glauben wartete er auf das Ziel seines Lebens, „auf die Stadt, die auf feste Grundmauern gebaut ist, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist“, wie es der Verfasser des Hebräerbriefes ausdrückt. Als Abraham loszog, da machte er sich vordergründig auf, Kanaan und das irdische Jerusalem zu erreichen; in Wahrheit aber richtete sich sein Glaube auf das letzte Ziel aus, auf das wir alle zugehen: die ewige Stadt, das himmlische Jerusalem. Das ist das eigentliche, das letzte Ziel Abrahams, das ist das eigentliche, das letzte Ziel, das sich hinter allen vordergründigen Zielsetzungen des Lebens dem Glauben erschließt.
Unser Leben wie das Leben der Kirche Jesu Christi ist eine einzige Wanderung durch die Zeiten. Eine Wanderung, bei der wir immer wieder neu aufbrechen von einer Stätte zur anderen. Zum Ziel kommt diese Wanderung des Gottesvolkes, diese Wanderung unseres Lebens erst in der zukünftigen Stadt der ewigen Ruhe. Bei dieser ganzen Wanderung sind wir nie allein, sondern immer begleitet von Gott. Zu solch einem Glauben, zum Nichtzweifeln an diesem letzten Ziel des Lebens und der Welt will der Verfasser des Hebräerbriefes ermutigen. Und Abraham dient ihm als ermutigendes Beispiel jener Sehnsucht nach dem Heiligen, jener Sehnsucht nach einem Vaterland, auf das wir gemeinsam mit Abraham zugehen.
Aber nicht nur gemeinsam mit ihm. Abraham ist nur ein Beispiel in einer großen Schar derer, die auszogen, den Glauben zu lernen. Diese Schar zieht als wanderndes Gottesvolk seit Jahrtausenden durch die Zeit. Hin zu seinem Ziel, dem himmlischen Jerusalem, der Stadt Gottes. Eine bunte Schar bildet dieser Zug, der sich durch die Zeiten bewegt: Da sind glückliche und traurige Menschen, Weinende und Lachende, Gesunde und Kranke, Kleine und Große, Erfolgreiche und Gescheiterte, Starke und Schwache, Arme und Reiche, Schuldig gewordene und von ihrer Schuld Freigesprochene, in Freiheit Lebende wie Gefangene, Bedrängte und Verfolgte. Eine große Schar, eine „Wolke von Zeugen“ - sie steht für unseren Glauben. Wir kennen ihre Geschichte, die Geschichte Noahs, Abrahams und Sarahs, Isaaks und Jakobs oder die Geschichte Josefs und seiner Brüder. Wir sehen Mose und David vor uns und die Propheten, aber auch die Hure Rahab, welche in Jericho die Boten der Israeliten freundlich aufnahm und sie rettete, indem sie sie versteckte und an einem Seil an der Stadtmauer herab ließ. Wir erkennen das Gesicht von Martin Luther und Philipp Melanchthon, von Dietrich Bonhoeffer, Oscar Romero und Papst Franziskus. Und wir sehen in diesem Zug durch die Zeiten vor uns viele Menschen hier in Wiesloch und in der evangelischen Kirche in Baden, Menschen in der gesamten Evangelischen Kirche in Deutschland und Christen in der weltweiten Ökumene. Und wir sehen auf all die vielen Christen, die in aller Welt verfolgt werden und die ihre Heimat unfreiwillig verlassen müssen. Wie viele etwa müssen heute fliehen vor den Bürgerkriegen in Syrien und im Irak! Wo einst Abraham wohnte, im heutigen Irak, wird es schon in naher Zukunft keine Christen mehr geben, weil sie vertrieben wurden durch Hass und Verfolgung. Auch dies dürfen wir nicht vergessen. Auch sie sind unterwegs. Auch sie sind auf der Suche nach dem Ziel des Lebens, auf der Suche, nach dem, was verlässlich ist und unzweifelhaft. Alle stellen sie die Frage nach dem Wohin und nicht alle können diese Wege voller Glaubenszuversicht gehen.
Das Bild von der „Wolke der Glaubenszeugen“, die mit uns unterwegs sind auf den Wanderungen des Lebens - dies Bild macht Mut. Dieses Bild der vielen, die ausziehen, den Glauben zu lernen, sagt: Diese Welt hat ein Ziel. Sie wird zu einem guten Ende kommen. Ich bin nicht allein, sondern mit unzählig vielen Menschen vor mir, mit mir und nach mir auf demselben Weg. Gott selbst geleitet mich auf meiner Wanderung durch die Zeit. Das gibt mir die Offenheit, Gott immer wieder um Klarheit für den nächsten Schritt auf meinem Lebensweg zu bitten. Das gibt mir den Mut, mit Gott immer wieder um den rechten Weg zu seinem Ziel zu ringen. Das gibt mir die Kraft, mich von falschen Absicherungen frei zu machen. Das lässt mich zuversichtlich ausziehen, den Glauben zu lernen. Das lässt mich im Vertrauen auf Gott singen: „Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl. Das macht die Seele still und friedevoll; drum wart ich still, dein Wort ist ohne Trug, du weißt den Weg für mich - das ist genug.“ Amen.
