Liebe Gemeinde!
Wann haben Sie zum letzten Mal einen Liebesbrief erhalten? Für manche ist es vielleicht schon lange her, bei manchen liegt der Liebesbrief noch sozusagen unter dem Kopfkissen. Sie alle erinnern sich noch, wie es Ihnen ging. Nicht wahr, das tat gut, als Sie schwarz auf weiß lesen konnten, wie sehr Ihnen jemand zugetan ist? Das stärkte das Selbstbewusstsein, als Sie lesen konnten, wie sehr Sie angebetet und geliebt werden. Das brachte neuen Schwung in eine eingefahrene Beziehung. Das gab neuen Auftrieb. Wie gut tut ein Liebesbrief gerade in Zeiten des Verlassenseins. Wenn wir die Erfahrung machen müssen, dass unser Bemühen um einen anderen Menschen unfruchtbar ist. Wenn das Gefühl der Vergeblichkeit uns in Verzweiflung stürzt. Würden die Zeiten des Nicht-Beachtet-Seins ewig dauern, dann könnten wir dies nicht aushalten. Aber dann erhalten wir einen Liebesbrief. Plötzlich können wir erleben, dass uns jemand beachtet, uns liebt, uns für wert hält. Dann sehen wir das Leben mit neuen Augen: Tröstlich erfahren wir, dass wir angenommen sind - und das gibt unserem Leben wieder Ausrichtung und Sinn. Wie leicht wird es uns um`s Herz! Wir spüren: Hier gibt es eine Beziehung oder eine Liebe, die trägt - eine Beziehung, die auch Zorn und Wut, Unstimmigkeiten und sogar Untreue aushalten kann.
Genauso erging es dem Volk Israel vor mehr als 2500 Jahren. Nach der Eroberung und Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier, nach der Vertreibung aus der Heimat, nach dem Verlust des Landes und des Tempels fühlte sich dieses Volk verlassen von Gott. Gott war ihnen fragwürdig geworden: Kein liebender Gott mehr, sondern ein zorniger Gott. Kein freundlich zugewandter Gott, sondern ein abwesender Gott. Bis dann ein Liebesbrief Gottes ins Haus flatterte, verfasst durch einen Propheten. Im Namen Gottes schrieb er einen Liebesbrief für sein Volk, aus dem wir vorhin einen Abschnitt gelesen haben. In diesem Liebesbrief wendet sich Gott zunächst wie ein liebender Ehemann an sein Volk und redet es als seine Frau an, als traurige Unfruchtbare, als kinderlose Einsame, als verlassene Witwe. Gott erinnert an die Jugendliebe, die ihn und das Volk aufs engste miteinander verbunden hat, und dann diese Worte, die wir vorhin gehört und über die wir in kleinen Gruppen nachgedacht haben: „Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen; aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen; aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen… Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen; aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen.“
Die Worte dieses Liebesbriefes Gottes kommen mir vor wie ein Fenster, durch das wir ins Herz Gottes sehen können. Wir sehen Gott hier als einen leidenschaftlichen Liebhaber, als einen Gott voller Gefühle und Emotionen. Es ist, als hätte im Herzen Gottes ein Kampf stattgefunden, bei dem die Liebe mit dem Zorn gerungen und ihn überwunden hätte. Eine Wende vom Zorn zur Liebe. Dem Zorn wird nur ein Augenblick zugestanden, der Liebe aber eine Ewigkeit. Nach einer kurzen Phase des Zorns siegt die ewige Gnade Gottes.
„Ewige Gnade“ - damit geht Gottes Beziehung zu uns weit über unsere menschlichen Beziehungen hinaus. „Ewige Gnade“ - kein Mensch kann das einem anderen versprechen und das ist auch gut so: Wir würden einander „gnaden-los“ überfordern! „Ewige Gnade“ dürfen wir nur von Gott erwarten. Aber von ihm dürfen wir es auch! Ihm dürfen wir glauben, dass er unsere Welt nicht mehr untergehen lassen will, wie er es zu Zeiten Noahs geschworen hat: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht!“ Und auch uns selbst müssen wir nicht verloren geben! Zu Gott dürfen wir kommen mit unserem Verlassensein und unserer Traurigkeit, mit unserer Schuld und Gottlosigkeit. All das, was uns quält, vergeht nicht, wenn wir es unterdrücken. Es vergeht auch nicht, wenn wir uns selber rechtfertigen. Wenn wir aber vor Gott unsere Schuld bekennen, dann erfahren wir Erleichterung. Dann können wir uns darauf verlassen, dass Gottes Gnade und Treue zu uns stärker ist als unsere Fehler. Diese Erleichterung hilft uns, zu leben und uns zu ändern.
Auch wenn wir meinen, dem Zorn Gottes ausgesetzt und von Gott verlassen zu sein, Gottes liebendes Herz sucht uns Menschen, wendet sich uns zu und wirbt um uns:
Klein nur ist unsere gegenwärtig erfahrene Not - aber groß das bevorstehende Heil Gottes,
unserer momentanen Resignation wird eine ewige Hoffnung entgegengesetzt,
unserem stummen Leiden Gottes Leidenschaft für das Leben.
Damit wird nicht etwa unsere Erfahrung des Verlassenseins einfach überspielt. Nein! Aber dieser Erfahrung wird der Glaube an Gottes gnädige Zuwendung entgegengesetzt. Und damit wird - wie damals beim verzweifelten Volk Israel - unsere Erfahrung in ihre Grenzen gewiesen: Was wir an Vergeblichem erfahren, ist nur von kurzer Dauer angesichts des uns von Gott Verheißenen. Wo wir nur wackligen Boden unter den Füßen verspüren, da gibt es doch einen tragenden Grund. Wo wir uns von Gott und der Welt verlassen fühlen, da bleibt doch Gottes Hand für uns ausgestreckt - helfend und unterstützend. Wo wir uns dem Zorn Gottes ausgeliefert fühlen, da hat Gott schon längst seine Gnade dauerhaft und ewig zugesagt. Wo wir geplagt sind vom Gefühl des Verlassenseins, da hat Gott seinen Bund des Friedens schon erneuert. Wo wir uns verlassen fühlen, dürfen wir dennoch an Verlässliches glauben. Auch in Zeiten gefühlter Verlassenheit trägt uns die geglaubte Gnade Gottes.
Diese Botschaft verdeutlicht der Prophet in dem Liebesbrief Gottes mit einem besonders eindrucksvollen Bild: Selbst Berge können weichen, und Hügel können hinfallen. Welch eine Kraft geht von diesem Bild aus! Die durch ihre Gesetze verlässliche Natur mit ihren Bergen und Hügeln ist ein Kartenhaus im Vergleich zu Gottes ewigem Ja. Die Gebirge aus Granit sind wie Sand gegen das beständige Ja Gottes, aus dem wir Kraft schöpfen können. Das können wir uns eigentlich nicht vorstellen. Wer je in den Bergen gewandert ist, kennt dies: Die Berge flößen uns Ehrfurcht ein und manchmal auch Furcht. Sie lassen uns an Gottes Größe und Macht denken, der Himmel und Erde gemacht hat. „Ja“, sagt der Prophet im Namen Gottes: „Ihr könnt euch nicht vorstellen, dass so ein Berg von der Stelle weicht. Und doch ist es wahrscheinlicher, als dass Gottes Gnade von euch weicht!“ Was für eine starke Zusage!
Selbst das in unserem Leben Stabilste kann zerbrechen. All das, worauf wir unser Leben gründen, kann zusammenstürzen -
das Bild von uns selbst, auf das wir unser Leben bauen,
unsere Familie, die uns so viel Sicherheit zu bieten scheint,
unser Beruf, der uns immer wieder Sinnvolles tun und erfahren lässt,
unser politisches System, auf das wir so stolz sind,
unsere Marktwirtschaft, die wir für unbesiegbar halten.
Alles kann zusammenstürzen, aber hinter allem Zerbrechlichen gibt es doch etwas Tragendes, Unerschütterliches: die liebende und gnädige Zuwendung Gottes zu uns, seinen Bund des Frieden, der verlässlich ist wie ein ewiger Ehebund. Auch die Berge an Zweifel, die Hügel an Ichsucht oder Selbstvergessenheit geraten ins Wanken, wenn wir aus dem Ja Gottes Kraft schöpfen können. All die Berge, die Gottes Angesicht verstellen, sollen hinfallen und der Bund seines Friedens soll erstarken zu ewigem Heil.
Aber dürfen wir diesen Liebesbrief Gottes, der in eine ganz bestimmte Situation hinein geschrieben wurde, so einfach auf uns heute beziehen, so wie ich es jetzt getan habe? Wir dürfen! Schon beim Lesen des Textes haben wir gehört, dass der Prophet in diesem Brief erinnert an den Bund, den Gott einst mit Noah geschlossen hat. Indem der Prophet an den Noahbund erinnert, weitet er die Gnadenzusage Gottes gewaltig aus: Der hier liebend seine Gnade zusagt, sagt sie nicht nur dem Volk im Exil zu, sondern aller Welt. Der hier an den Bund seines Friedens erinnert, der wird später durch Jesus Christus sprechen: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Gottes Zusage gilt nicht nur für die nahe Zukunft, sondern für alle Zeit. Gottes Gnade - sie gilt aller Welt und aller Zeit. Und deshalb kann sie auch uns Hoffnung schenken in allem Verzagtsein, Stärkung, wo wir uns überfordert fühlen, glaubendes Vertrauen, wo unsere Erfahrungen uns anderes lehren wollen.
Wenn wir uns wieder einmal viel zu erzählen haben von Erfahrungen des Verlassenseins, von Zorn und Verweigerung von Liebe, dann ist es umso wichtiger, dass wir erinnert werden an die ewige gnädige Liebe Gottes. Dass wir daran erinnert werden, dass Gottes Gnade und Treue zu uns stärker ist als alles, was wir Menschen an Verbindendem zustande bringen. Heute, beim Abschied von Ihnen, beim Abschied von diesem Kirchenbezirk, dessen Zusammenwachsen ich mit begleitet und den ich oft und sehr gern besucht habe, heute verabschiede ich mich von Ihnen, indem ich an den Liebesbrief Gottes erinnere, der auch ein Brief für Sie alle ist. Es mögen wohl viele Erinnerungen aneinander weichen, vieles, was uns in den letzten Jahren miteinander verbunden hat, wird hinfallen, aber das sollen Sie wissen: Gottes Gnade wird nicht weichen, und der Bund seines Friedens wird nicht hinfallen. Amen.
