Gottesdienst zur Verabschiedung im Kirchenbezirk Adelsheim-Boxberg am 25.05.2014 (Ex 32,7-14)
Zorn und Vernichtung müssen nicht das letzte Wort sein, denn der Kraft des Gebetes, der Fürbitte kann viel zugetraut werden
Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
in diesen Tagen des Abschiednehmens stelle ich mir oft die Frage: Was hat uns verbunden über all die Jahre - Sie die Menschen hier im Bauland und mich den Landesbischof in Karlsruhe? Und was wird uns verbinden über den Tag des Abschieds hinaus? Natürlich wird uns bei der Beantwortung dieser Frage sofort einfallen, dass wir im gemeinsamen Dienst in der einen Landeskirche miteinander verbunden sind - in einer Dienstgemeinschaft, die auch eine Gemeinschaft des Glaubens ist.
Das, was mich über all die Jahre aber am stärksten mit den Menschen in unserer Kirche verbunden hat, war das Gebet, genauer die Fürbitte füreinander. Die Fürbitte ist wie ein Band, das über alle Entfernungen miteinander verbindet. Wie sehr haben mich die Fürbitten gestärkt, mit denen mich Gemeindeglieder in meinem Dienst begleitet haben! Und wie oft haben wir in den Dienstagmorgenandachten im Evangelischen Oberkirchenrat für Mitarbeitende in unseren Gemeinden und Bezirken gebetet! Die Fürbitte vor allem war es und ist es, die uns über große Entfernungen miteinander verbindet. Und nun nehme ich Abschied von Ihnen am Sonntag Rogate. „Betet“ heißt dieser Sonntag und er erinnert uns daran, dass wir im Gebet, in der Fürbitte miteinander verbunden sind und verbunden bleiben.
Von einer ganz eigenartigen Fürbitte weiß das Bibelwort aus dem 2. Mosebuch zu berichten, das uns heute als Grundlage für die Predigt gegeben ist: ein beeindruckendes Beispiel einer Fürbitte. Bevor ich dieses Bibelwort lese, rufe ich uns den Zusammenhang der Erzählung in Erinnerung, in den es eingebettet ist: Das Volk Israel war nach seiner Befreiung aus Ägypten auf dem Weg ins gelobte Land. In der langen Zeit der Wüstenwanderung erfuhr das Volk den Beistand Gottes, litt aber auch immer wieder daran, dass ihnen Gott fern war. Eines Tages entfernte sich auch noch Mose, der Anführer des Volkes, und stieg auf den Berg Sinai. 40 Tage blieb er auf dem Berg - fernab vom Volk, verschwunden in einer Wolke. Das Volk zweifelte in dieser Zeit an Gott. Es sehnte sich nach einem sichtbaren Zeichen seiner Gegenwart. Während Mose oben auf dem Berg war, erfüllte die Menschen unten im Tal eine Sehnsucht nach Eindeutigem. Die Erfahrung der Gottesferne verleitete sie dazu, sich ein starkes, sichtbares Gottesbild zu schaffen. Und das bereitete ihnen Aaron, der Bruder des Mose, indem er in der Wüste ein goldenes Kalb, genauer: ein Stierbild aus Gold errichtete. In der Wüste des Verlassenseins sollte dieses Gottesbild sichtbaren Halt vermitteln.
Wir alle kennen diese Erzählung vom goldenen Kalb seit unserer Kindheit, wir wissen aber wohl nicht, dass die Bibel in ganz verschiedene Versionen über den Fortgang dieser Geschichte berichtet. Da wird zum einen erzählt von der unbändigen Wut des Mose, als er vom Berg Sinai herabkommend das goldene Kalb und das tanzende Volk sieht. Er zerschmettert die Tafeln mit den 10 Geboten und lässt anschließend in einem blutigen Strafgericht 3000 Volksgenossen abschlachten.
Nach einer anderen Fassung sendet Gott als Strafe für die Anbetung des goldenen Kalbes eine Plage über das Volk.
In einer dritten Variante schließlich - viele hunderte Jahre später verfasst - wird in einer ganz anderen, versöhnlichen Weise der Fortgang jener alten Geschichte erzählt. Und diese Version zeigt uns, dass Zorn und Vernichtung nicht das letzte Wort sein müssen, sondern dass auch der Kraft des Gebetes, der Fürbitte viel zugetraut werden kann. Diese dritte Version jener Erzählung vom goldenen Kalb beginnt mit einem Zwiegespräch, das Mose hoch oben auf dem Berg mit Gott führt. In diesem Gespräch deutet Gott den Bau des goldenen Stierbildes als Abfall vom Glauben an ihn und als Anbetung fremder Götter. Und Gott kündigt dem Mose an, dass er dieses halsstarrige Volk vernichten, ihn, Mose, aber zu einem großen Volk machen wolle. Verlockend muss dieses Angebot für Mose gewesen sein. Eine großartige Zukunft tut sich vor ihm auf. Aber Mose widersteht dem verlockenden Angebot und solidarisiert sich mit seinem abtrünnigen Volk. Fürbittend für sein Volk tritt er vor Gott.
Wie anders ist hier die Tonlage: keine brutale Bestrafung des Volkes, keine Gewaltausübung, nein: leise Töne. Zunächst stellt Mose an Gott zwei Fragen: „Warum ist dein Zorn entbrannt über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, um sie im Gebirge umzubringen und sie vom Erdboden zu vertilgen?“ Mit diesen Fragen führt Mose Gott vor Augen, was ein Strafgericht über das Volk in den Augen der Feinde bedeuten würde: Willst Du, Gott, wirklich dein eignes Befreiungshandeln zunichtemachen? Willst Du dich wirklich vor alle Welt blamieren? So fragt Mose.
Und dann richtet Mose an Gott zwei Bitten: „Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und lass dich das Böse reuen, das du deinem Volk antun willst. Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig.“ Mose fordert Gott zur Reue, zur Umkehr auf. Hier steht im hebräischen Text genau jenes Wort, das sonst von der Buße der Menschen gebraucht wird. Gott soll Buße tun. Er soll bereuen. Und dann legt Mose nochmals nach: Gott soll doch nicht vergessen, was er den Urvätern versprochen hat. Gottes Verheißungen sollen sich doch nicht als Lüge entlarven.
Was geschieht hier? Mose stellt im Gebet Fragen an Gott. Durch solche Fragen, mit denen er Gott ganz nahe kommt, wird in Gott Neues erweckt. Wird sein Zorn überwunden. In das Fragen des Mose mischt sich inständiges Bitten. Mose ruft Gottes Willen an mit Fragen und Bitten. Und Gott lässt mit sich reden. Er lässt sich ins Gespräch verwickeln. Hier wird nicht mit Gott gefeilscht, auch setzt Mose nicht etwa einfach seinen Willen durch. Im Fragen und Bitten kommen sich Gott und Mensch näher.
Manche mögen denken: Dürfen wir so mit Gott sprechen? Dürfen wir Gott so befragen? Ihn so bitten? Ja, denn beides - die Fragen wie die Bitten des Mose - beides zeigt Wirkung: „Da gereute es Gott, dass er seinem Volk Böses zugedacht hatte.“ Mit dieser lakonischen Feststellung endet der Bericht von der Fürbitte Moses. Die Fürbitte des Mose führt zur Reue Gottes. Zu seiner Umkehr. Zu seiner Buße. Zu seiner Verwandlung. Das intensive Fragen und Bitten hat Wirkung bei Gott. So wird im Zwiegespräch zwischen Mose und Gott ein beeindruckendes Bild von Gott gemalt: nicht das Bild eines unwandelbaren, ewig gleichen Gottes, nein: das Bild eines Gottes, der gerade darin seine Größe zeigt, dass er sich wandeln kann. Der Gott, der sein Volk Israel befreit hat und der sein Volk begleitet durch die Zeiten, der seinem Volk seine Gebote als Hilfen zum Leben geschenkt hat, der Gott, der zu seinen Verheißungen an die Väter steht, dieser Gott ist ein wandelbarer Gott. Er lässt sich umstimmen. Er empfindet Reue. Gottes Reue ist kein Zeichen seiner Schwäche, wie wir oft Reue missverstehen. Gottes Reue ist Zeichen seiner Stärke, seiner Souveränität.
In unseren Gebeten schicken wir keine Ergebenheitsadressen an einen allmächtigen Herrn. Nein: Im Gebet treten wir in Beziehung zu Gott wie zu einer liebenden Mutter, wie zu einem liebenden Vater. Im Gebet nähern wir uns Gott. Trauen wir ihm etwas zu. Erinnern wir ihn. Reden ihn an. Im Gebet gewinnen wir zu Gott eine freie Beziehung. Voller Vertrauen sprechen wir „Dein Wille geschehe“ und dann dürfen wir darauf vertrauen, dass dieser Wille sich ändern kann. Mit unserem Gebet treten wir in eine Interaktion mit Gott. Und wir beeinflussen ihn - wie Mose. Wir ringen mit ihm - wie einst Jakob am Jabbok. Wir trotzen ihm etwas ab - wie jene syrophönizische Frau, die sich nicht abspeisen lässt von Jesus. Wir liegen ihm in den Ohren - wie jene unverschämt bittende Witwe, die Gott mit ihren ständigen Bitten erweicht. Und dabei wissen wir: Gott erfüllt nicht alle unsere Bitten, aber er erfüllt alle seine Verheißungen (Dietrich Bonhoeffer).
So kommt im Gebet die Zukunft in den Blick; nicht die Zukunft, für die wir den Fahrplan festlegen, sondern die Zukunft Gottes. Und in der Fürbitte füreinander wird die Zukunft noch in einer besonderen Weise in den Blick genommen, nämlich nicht unsere, nicht meine Zukunft, sondern die Zukunft anderer Menschen, die Zukunft der Kirche, die Zukunft der Welt. Wenn wir für andere Menschen beten, dann legen wir Gott diese Menschen ans Herz. Und wenn wir jemanden auffordern, für andere zu beten, dann legen wir ihm diese anderen Menschen ans Herz. Kirche Jesu Christi ist eine Gemeinschaft derer, die anderen etwas ans Herz legen und denen etwas ans Herz gelegt wird. Von diesem gegenseitigen Ans-Herz-Legen lebt Kirche als Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern. Was uns ans Herz gelegt ist, betrifft uns im Innersten. Was uns auf dem Herzen liegt, bringen wir vor Gott. In der Fürbitte bitten wir Gott für alle, die uns ans Herz gelegt sind. Genau das ist Fürbitte: Zu Gott fragend und bittend zu sagen ‚Diese Menschen leg ich dir ans Herz.’ Und dann hoffen wir und glauben, wir, dass sich Gott unsere Fürbitte zu Herzen nimmt. Dass er Zorn in Gnade wandeln und für die Zukunft von Menschen neue Perspektiven eröffnen kann. In der Fürbitte legen wir unserem Gott Menschen ans Herz, machen ihre Not zu unserer Not, machen unsere Not zu Gottes Not und helfen so mit, Zukunftsperspektiven für diese Menschen zu gewinnen.
In der Fürbitte lernen wir wegzuschauen von uns selbst. In der Fürbitte werden wir geöffnet für die Menschen, für die wir beten. Unser Haus, unser Lebenshaus, unser Schneckenhaus, in das wir uns gern zurückziehen, bekommt in der Fürbitte offene Fenster und Türen, das können wir von Mose lernen. Und in der Fürbitte öffnet sich ein Fenster, öffnet sich eine Tür zum Herzen Gottes. Durch diese offenen Türen des Gebetes, durch diese offenen Fenster der Fürbitte bleiben wir miteinander verbunden. Darum: Rogate - Betet. Amen.
Liebe Gemeinde,
in diesen Tagen des Abschiednehmens stelle ich mir oft die Frage: Was hat uns verbunden über all die Jahre - Sie die Menschen hier im Bauland und mich den Landesbischof in Karlsruhe? Und was wird uns verbinden über den Tag des Abschieds hinaus? Natürlich wird uns bei der Beantwortung dieser Frage sofort einfallen, dass wir im gemeinsamen Dienst in der einen Landeskirche miteinander verbunden sind - in einer Dienstgemeinschaft, die auch eine Gemeinschaft des Glaubens ist.
Das, was mich über all die Jahre aber am stärksten mit den Menschen in unserer Kirche verbunden hat, war das Gebet, genauer die Fürbitte füreinander. Die Fürbitte ist wie ein Band, das über alle Entfernungen miteinander verbindet. Wie sehr haben mich die Fürbitten gestärkt, mit denen mich Gemeindeglieder in meinem Dienst begleitet haben! Und wie oft haben wir in den Dienstagmorgenandachten im Evangelischen Oberkirchenrat für Mitarbeitende in unseren Gemeinden und Bezirken gebetet! Die Fürbitte vor allem war es und ist es, die uns über große Entfernungen miteinander verbindet. Und nun nehme ich Abschied von Ihnen am Sonntag Rogate. „Betet“ heißt dieser Sonntag und er erinnert uns daran, dass wir im Gebet, in der Fürbitte miteinander verbunden sind und verbunden bleiben.
Von einer ganz eigenartigen Fürbitte weiß das Bibelwort aus dem 2. Mosebuch zu berichten, das uns heute als Grundlage für die Predigt gegeben ist: ein beeindruckendes Beispiel einer Fürbitte. Bevor ich dieses Bibelwort lese, rufe ich uns den Zusammenhang der Erzählung in Erinnerung, in den es eingebettet ist: Das Volk Israel war nach seiner Befreiung aus Ägypten auf dem Weg ins gelobte Land. In der langen Zeit der Wüstenwanderung erfuhr das Volk den Beistand Gottes, litt aber auch immer wieder daran, dass ihnen Gott fern war. Eines Tages entfernte sich auch noch Mose, der Anführer des Volkes, und stieg auf den Berg Sinai. 40 Tage blieb er auf dem Berg - fernab vom Volk, verschwunden in einer Wolke. Das Volk zweifelte in dieser Zeit an Gott. Es sehnte sich nach einem sichtbaren Zeichen seiner Gegenwart. Während Mose oben auf dem Berg war, erfüllte die Menschen unten im Tal eine Sehnsucht nach Eindeutigem. Die Erfahrung der Gottesferne verleitete sie dazu, sich ein starkes, sichtbares Gottesbild zu schaffen. Und das bereitete ihnen Aaron, der Bruder des Mose, indem er in der Wüste ein goldenes Kalb, genauer: ein Stierbild aus Gold errichtete. In der Wüste des Verlassenseins sollte dieses Gottesbild sichtbaren Halt vermitteln.
Wir alle kennen diese Erzählung vom goldenen Kalb seit unserer Kindheit, wir wissen aber wohl nicht, dass die Bibel in ganz verschiedene Versionen über den Fortgang dieser Geschichte berichtet. Da wird zum einen erzählt von der unbändigen Wut des Mose, als er vom Berg Sinai herabkommend das goldene Kalb und das tanzende Volk sieht. Er zerschmettert die Tafeln mit den 10 Geboten und lässt anschließend in einem blutigen Strafgericht 3000 Volksgenossen abschlachten.
Nach einer anderen Fassung sendet Gott als Strafe für die Anbetung des goldenen Kalbes eine Plage über das Volk.
In einer dritten Variante schließlich - viele hunderte Jahre später verfasst - wird in einer ganz anderen, versöhnlichen Weise der Fortgang jener alten Geschichte erzählt. Und diese Version zeigt uns, dass Zorn und Vernichtung nicht das letzte Wort sein müssen, sondern dass auch der Kraft des Gebetes, der Fürbitte viel zugetraut werden kann. Diese dritte Version jener Erzählung vom goldenen Kalb beginnt mit einem Zwiegespräch, das Mose hoch oben auf dem Berg mit Gott führt. In diesem Gespräch deutet Gott den Bau des goldenen Stierbildes als Abfall vom Glauben an ihn und als Anbetung fremder Götter. Und Gott kündigt dem Mose an, dass er dieses halsstarrige Volk vernichten, ihn, Mose, aber zu einem großen Volk machen wolle. Verlockend muss dieses Angebot für Mose gewesen sein. Eine großartige Zukunft tut sich vor ihm auf. Aber Mose widersteht dem verlockenden Angebot und solidarisiert sich mit seinem abtrünnigen Volk. Fürbittend für sein Volk tritt er vor Gott.
Wie anders ist hier die Tonlage: keine brutale Bestrafung des Volkes, keine Gewaltausübung, nein: leise Töne. Zunächst stellt Mose an Gott zwei Fragen: „Warum ist dein Zorn entbrannt über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, um sie im Gebirge umzubringen und sie vom Erdboden zu vertilgen?“ Mit diesen Fragen führt Mose Gott vor Augen, was ein Strafgericht über das Volk in den Augen der Feinde bedeuten würde: Willst Du, Gott, wirklich dein eignes Befreiungshandeln zunichtemachen? Willst Du dich wirklich vor alle Welt blamieren? So fragt Mose.
Und dann richtet Mose an Gott zwei Bitten: „Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und lass dich das Böse reuen, das du deinem Volk antun willst. Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig.“ Mose fordert Gott zur Reue, zur Umkehr auf. Hier steht im hebräischen Text genau jenes Wort, das sonst von der Buße der Menschen gebraucht wird. Gott soll Buße tun. Er soll bereuen. Und dann legt Mose nochmals nach: Gott soll doch nicht vergessen, was er den Urvätern versprochen hat. Gottes Verheißungen sollen sich doch nicht als Lüge entlarven.
Was geschieht hier? Mose stellt im Gebet Fragen an Gott. Durch solche Fragen, mit denen er Gott ganz nahe kommt, wird in Gott Neues erweckt. Wird sein Zorn überwunden. In das Fragen des Mose mischt sich inständiges Bitten. Mose ruft Gottes Willen an mit Fragen und Bitten. Und Gott lässt mit sich reden. Er lässt sich ins Gespräch verwickeln. Hier wird nicht mit Gott gefeilscht, auch setzt Mose nicht etwa einfach seinen Willen durch. Im Fragen und Bitten kommen sich Gott und Mensch näher.
Manche mögen denken: Dürfen wir so mit Gott sprechen? Dürfen wir Gott so befragen? Ihn so bitten? Ja, denn beides - die Fragen wie die Bitten des Mose - beides zeigt Wirkung: „Da gereute es Gott, dass er seinem Volk Böses zugedacht hatte.“ Mit dieser lakonischen Feststellung endet der Bericht von der Fürbitte Moses. Die Fürbitte des Mose führt zur Reue Gottes. Zu seiner Umkehr. Zu seiner Buße. Zu seiner Verwandlung. Das intensive Fragen und Bitten hat Wirkung bei Gott. So wird im Zwiegespräch zwischen Mose und Gott ein beeindruckendes Bild von Gott gemalt: nicht das Bild eines unwandelbaren, ewig gleichen Gottes, nein: das Bild eines Gottes, der gerade darin seine Größe zeigt, dass er sich wandeln kann. Der Gott, der sein Volk Israel befreit hat und der sein Volk begleitet durch die Zeiten, der seinem Volk seine Gebote als Hilfen zum Leben geschenkt hat, der Gott, der zu seinen Verheißungen an die Väter steht, dieser Gott ist ein wandelbarer Gott. Er lässt sich umstimmen. Er empfindet Reue. Gottes Reue ist kein Zeichen seiner Schwäche, wie wir oft Reue missverstehen. Gottes Reue ist Zeichen seiner Stärke, seiner Souveränität.
In unseren Gebeten schicken wir keine Ergebenheitsadressen an einen allmächtigen Herrn. Nein: Im Gebet treten wir in Beziehung zu Gott wie zu einer liebenden Mutter, wie zu einem liebenden Vater. Im Gebet nähern wir uns Gott. Trauen wir ihm etwas zu. Erinnern wir ihn. Reden ihn an. Im Gebet gewinnen wir zu Gott eine freie Beziehung. Voller Vertrauen sprechen wir „Dein Wille geschehe“ und dann dürfen wir darauf vertrauen, dass dieser Wille sich ändern kann. Mit unserem Gebet treten wir in eine Interaktion mit Gott. Und wir beeinflussen ihn - wie Mose. Wir ringen mit ihm - wie einst Jakob am Jabbok. Wir trotzen ihm etwas ab - wie jene syrophönizische Frau, die sich nicht abspeisen lässt von Jesus. Wir liegen ihm in den Ohren - wie jene unverschämt bittende Witwe, die Gott mit ihren ständigen Bitten erweicht. Und dabei wissen wir: Gott erfüllt nicht alle unsere Bitten, aber er erfüllt alle seine Verheißungen (Dietrich Bonhoeffer).
So kommt im Gebet die Zukunft in den Blick; nicht die Zukunft, für die wir den Fahrplan festlegen, sondern die Zukunft Gottes. Und in der Fürbitte füreinander wird die Zukunft noch in einer besonderen Weise in den Blick genommen, nämlich nicht unsere, nicht meine Zukunft, sondern die Zukunft anderer Menschen, die Zukunft der Kirche, die Zukunft der Welt. Wenn wir für andere Menschen beten, dann legen wir Gott diese Menschen ans Herz. Und wenn wir jemanden auffordern, für andere zu beten, dann legen wir ihm diese anderen Menschen ans Herz. Kirche Jesu Christi ist eine Gemeinschaft derer, die anderen etwas ans Herz legen und denen etwas ans Herz gelegt wird. Von diesem gegenseitigen Ans-Herz-Legen lebt Kirche als Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern. Was uns ans Herz gelegt ist, betrifft uns im Innersten. Was uns auf dem Herzen liegt, bringen wir vor Gott. In der Fürbitte bitten wir Gott für alle, die uns ans Herz gelegt sind. Genau das ist Fürbitte: Zu Gott fragend und bittend zu sagen ‚Diese Menschen leg ich dir ans Herz.’ Und dann hoffen wir und glauben, wir, dass sich Gott unsere Fürbitte zu Herzen nimmt. Dass er Zorn in Gnade wandeln und für die Zukunft von Menschen neue Perspektiven eröffnen kann. In der Fürbitte legen wir unserem Gott Menschen ans Herz, machen ihre Not zu unserer Not, machen unsere Not zu Gottes Not und helfen so mit, Zukunftsperspektiven für diese Menschen zu gewinnen.
In der Fürbitte lernen wir wegzuschauen von uns selbst. In der Fürbitte werden wir geöffnet für die Menschen, für die wir beten. Unser Haus, unser Lebenshaus, unser Schneckenhaus, in das wir uns gern zurückziehen, bekommt in der Fürbitte offene Fenster und Türen, das können wir von Mose lernen. Und in der Fürbitte öffnet sich ein Fenster, öffnet sich eine Tür zum Herzen Gottes. Durch diese offenen Türen des Gebetes, durch diese offenen Fenster der Fürbitte bleiben wir miteinander verbunden. Darum: Rogate - Betet. Amen.
