Ansprache über Jes 52,7 bei der Verabschiedung/Entpflichtung von Dekanin Christiane Vogel (26.03.2023)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.
 
Liebe Frau Vogel,
 
ganz haben Sie die 40 Jahre Wüstenwanderung nicht geschafft – jedenfalls nicht im ordinierten Amt. Aber immerhin 38 Jahre ist Ihre Ordination schon her. Helmut Barié, zu jener Zeit Seminardirektor am Predigerseminar Petersstift, hat sie ordiniert (und es ist besonders schön, dass er Sie auch heute beim Schritt in den Ruhestand begleitet.).
 
Bei ihrer Ordination wurden Ihnen Worte des Propheten Jesaja mit auf den Weg gegeben – sie sollen Sie und uns auch heute begleiten (Jes 52,7): „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König!“
 
Freudenbotin sein, Gutes predigen und Heil verkündigen – das war Ihre Leidenschaft über all die Jahre Ihres Lebens als Pfarrerin und als Dekanin. Auch für diesen Gottesdienst haben Sie mit der Ihnen eigenen Klarheit und Entschiedenheit gesagt: „Es soll nicht Christiane Vogel im Mittelpunkt stehen – es ist ein Gottesdienst. Um das Lob Gottes geht es, nicht um das der Menschen.“ Das Gute ausrichten an alles Volk – darum ging es Ihnen. Dafür haben Sie sich in aller Deutlichkeit eingesetzt, haben sich geradezu mütterlich um die Kolleginnen und Kollegen in Ihrem Bezirk gekümmert, haben mit Menschen- und Engelszungen geredet und wenn es nötig erschien auch nicht mit scharfen Worten gespart. Die Vielfalt am Leib Christi und der gegenseitige Respekt war ihnen wichtig – und dabei waren Sie neben der Leidenschaft fürs Predigen auch davon angetrieben, Menschen miteinander, mit der biblischen Botschaft und so mit Gott in Verbindung zu bringen. Dafür haben Sie sich am liebsten auf den Weg gemacht. Auf die weiten Wege hier in Ihrem Kirchenbezirk Hochrhein – in den 18 Jahren als Dekanin. Und noch viel weiter bei zahllosen Reisen nach Israel und Irland, ins Burgund und auf Bonhoeffers Spuren, alle zwei Jahre auf große Gemeindefreizeiten nach Borkum und mit Seniorinnen und Senioren zum Singen mit Trude Klein nach Südtirol. Vögel fliegen eben gern. Und die Dekanin Vogel hat mit dem ihr eigenen Blick die Gemeinschaft des Leibes Christi gepflegt. Sie haben einen klaren Blick dafür, dass Einsamkeit eines der großen gesellschaftlichen Themen unsere Tage ist.
 
In all dem haben sie sich für die klare Orientierung eingesetzt. Dafür, dass alles Verkündigen und Predigen, alles Reden und Handeln und die Wege der Freudenbotenfüße darauf ausgerichtet sind das eine zu sagen: Dein Gott ist König.
 
Im leitenden Amt ist das eine Dauerspannung. Dass Menschen Erwartungen an die Leitungspersonen richten – ob im Pfarramt oder im Dekanat – und von dort Führung erwarten, mutige Gestaltung der Strukturen, die zukunftsfähig sind und dass das eigene Ringen darum, wie viel Veränderung tragbar und erträglich ist und wie viel Aufbruch machbar und befreiend auch das Leitungshandeln prägt. Nicht nur mit Blick auf das Wort Gottes müssen Leitungsverantwortliche auch spüren, wann sie anderen und anderem Raum lassen müssen. Wann Entschiedenheit und wann Lieblichkeit angesagt ist.
 
Wann Fürsorge und wann Selbstverantwortung. Sie, liebe Frau Vogel, haben das Dekaninnenamt als eine ausgefüllt, die Freudenbotin sein wollten – aber nicht auf Kosten faulen Friedens. Die Frieden verkündigt hat – aber nicht auf Kosten der geistlichen Inhalte.
 
Jetzt gehen ihre Füße und alles, was daran hängt weiter. Erstmal – so haben Sie es mir verraten – für 4 Wochen in den Schaukelstuhl und danach langsam schaukeln. Auch im Ruhestand mögen Sie geleitet und getragen sein von der Ausrichtung daran, dass unser Gott, der König ist. Er ist es – wir sind es nicht. Nicht Königinnen, noch nicht mal Prinzessinnen. Aber Freudenbotinnen. Frei von allen Dienstpflichten – mit der Herausforderung, den Bürostühl gegen den Schaukelstuhl auszutauschen und andere machen zu lassen. Und dem Impuls nicht zu folgen, den ein kurz vor dem Ruhestand stehender Kollege jüngst augenzwinkernd so beschrieb: wir gründen einen Verein – sein Gründungsdokument trägt den Titel „Mit uns wäre das nicht passiert“.
 
Von solchen Vereinsgründungen möge Sie Ihr Ordinationsspruch bewahren – heute und alle Tage. Denn es stimmt ja: „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König!“ Gott ist König – ihn loben wir – und er trage Sie in derZeit, die vor Ihnen liegt.
 
Amen.