Lieber Christian Link, lieber Festgemeinde,
in den Tagen seit Du hier in Baden-Baden wohnst und den Kirchenbezirk per Rad und per Gespräche mit den ganz unterschiedlichen Menschen erkundest, haben gewiss schon etliche an die echte und die virtuelle Tür angeklopft. Mit Erwartungen und Wünschen, mit guten Ratschlägen und einem sensiblen Blick dafür, dass der Neuanfang gelingt im Dekanat.
Anpacken, losgehen mit dazu beitragen, dass das Evangelium strahlt im Kirchenbezirk Baden-Baden und Rastatt – und dass die Kirchen sich füllen mit Menschen und Mut, mit Gesang und Gelassenheit, mit Hoffnung und Heiterkeit.
Viele Erwartungen an den neuen Dekan! Umso wichtiger die Ausrichtung, die uns mit dem Wochenspruch für die kommende Woche in den Mund und ins Herz gelegt worden ist:
Christus spricht: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ (Mt 11,28)
Vielleicht ist die Einleitung zum Wochenspruch das Entscheidende: Christus spricht! Er lädt die Mühseligen und Beladenen ein. Kommt her zu mir – alle!
Das steht vermutlich auch über Deiner Bürotür – jedenfalls in Gedanken. Jedenfalls werden es sich viele genau so wünschen.
Als Dekan wirst Du viel mit Strukturfragen zu tun haben, damit, wie Abläufe runder laufen, wie Kirche sich frisch und attraktiv zeigt, wie Gemeinden gut im Blick sind und sich gesehen wissen.
Und dazwischen immer wieder der ein oder andere frustrierte Brief, manche vielleicht auch wütend – und immer voller Erwartungen. Richte es, lieber Dekan!
Die Mühseligen und Beladenen, die Verärgerten und die Frustrierten, die Verzweifelten und die, die ernsthaft besorgt über den Zustand der Kirche und der Welt sind – sie alle werden vor Deiner Tür stehen oder sich jedenfalls in Deinem Mailpostfach bemerkbar machen.
Erquicke uns! Hilf uns! Die großen Erwartungen und die unzähligen Aufgaben können auch und gerade Menschen in Leitungsämtern auslaugen – ob sie nun hauptamtlich oder ehrenamtlich unterwegs sind. Und es ist eine Verführung für uns alle, die wir Leitungsverantwortung haben, dass wir die Einleitung des Wochenspruchs übersehen. Dass wir uns die Worte Jesu so zu eigen machen, dass die Last auf unsere Schultern rutscht: uns um die Mühseligen zu bemühen und die Beladenen zu entlasten.
Dabei gilt die Einladung des Wochenspruchs auch Dir als Dekan.
Die Einladung Jesu: Komm her zu mir, wenn es Dir mühsam wird und Du unter der Last des Amtes stöhnst. Auch als Dekan brauchst Du das: dass Gott Dich erquickt und Du Kraft aus Deinen Quellen schöpfen kannst.
Ein Dekan hat es gut in so einem vielfältigen Bezirk wie Baden-Baden und Rastatt mit seinen Gemeinden und Einrichtungen, mit seiner Diakonie, Kirchenmusik und Jugendarbeit, mit seinen vielfältigen und vielseitigen Frömmigkeitsstilen.
Du wirst das kirchliche Leben stärken, achtsam umgehen mit Traditionen und Erwartungen ernst nehmen. Du wirst ein offenes Ohr haben für unterschiedliche Interessen und spüren, was hinter Anfragen steckt. Du wirst manches, was auseinanderstrebt, zusammenhalten. Du wirst neue Initiativen unterstütze, Kooperationen stärken und den Blick weiten. Du wirst Prozesse strukturieren und in Konflikten den verschiedenen Seiten deutlich machen, dass die Anderen und Anderes auch ein Recht haben. Du wirst manches entscheiden.
All das tust Du als einer, der wie alle anderen vom Ruf Jesu lebt: Kommt her zu mir, Ihr Mühseligen und Beladenen.
Wenn Du selbst einmal Hilfe brauchst oder unsicher bist, werden andere da sein: Synodale, Pfarrerinnen und Pfarrer, Diakoninnen und Diakone, Menschen in Verwaltung und Sekretariat, Ehrenamtliche, Gemeindeglieder – und auch Kolleginnen und Kollegen im Dekansamt. Sie werden Dich erinnern an das, was trägt und an den, der dich trägt und der sagt: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid – ich will Euch erquicken.
Wir leben in einer Zeit der Umbrüche. Schon immer. Anders ist Kirche gar nicht zu denken. Und doch wird Dir gerade im Dekansamt viel Sorge begegnen, wie es weitergehen wird.
Du, lieber Christian Link, wirst gefragt werden, wohin Du willst, im Großen und im Kleinen. Du wirst nicht nur in unserer Kirche gefragt werden, sondern auch von Kommunen und Vereinen, von Schulen und Betrieben. Was trägt uns? Woran sollen wir uns orientieren? Wohin sollen wir gehen?
Auch als Dekan lebst Du aus der Kraft des Gebetes. Ich glaube, wir brauchen eine Haltung in unserer Kirche, die auf Empfang gestellt ist. Offene Hände, Ohren und Herzen für das, was Gott an Erquicklichem an uns tut.
Wir freuen uns auf Dich, lieber Christian Link: Auf Deine Klarheit und Ihre Klugheit, auf Deine Besonnenheit, Dein Schmunzeln und auf Deine geistliche Kraft!
Nicht du musst das Leid der Mühseligen und Beladenen beenden, aber den Ruf und die Einladung weitersagen, das schon. Die Türen für den Geist Christi offenhalten, damit sie durchgehen können.
Dann heilen Wunden, dann verflüssigen sich Enttäuschungen, dann erfahren Menschen, was es heißt: ich will euch erquicken. Auch als Dekan musst Du die Kirche nicht retten. Niemand von uns muss das. Die Rettung der Kirche ist nicht unsere Sache.
Ich wünsche Dir, dass Du Dir immer mal Zeit nehmen kannst für einen Moment des Gebets, vielleicht in einer der Kirchen hier im Bezirk. Dir getrost und gelassen Zeit nehmen für Freundschaften, für Pausen und fürs Radfahren. Das ist wichtig, nicht nur für die leibliche und seelische Gesundheit, auch für das geistliche Leben. Es nicht unsere Kraft, auf die wir bauen.
Auch Dir als Dekan gilt die Einladung Jesu: Kommt her alle, die ihr mühselig und beladen seid – ich will euch erquicken.
So sei es. So ist es. Auch in Deiner Zeit als Dekan.
Amen.
